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Digitized by Google
52. 7
a272
Zulewipoeg,
ine: Efnifde Sagt,
F. Artatſwald,
verdeutſcht von
— — | .
€. Reinthal und Dr. Bertram,
Heraudgegeben bon
der gelehrten Eftnifchen Geſellſchaft
in Dorpa t.
—— RE —— —
&; ;
Dorpat, I86T.
Drud von Heinrich Laakmann.
4
Pe .
272 52. 7
Der Drud wird unter ber Bedingung geftattet, daß nad) Beendigung
deffeiben der Abgetheilten Cenſur in Dorpat bie vorſchriſtmäßige Anzahl Exem⸗
plare zugeftellt werbe.
Dorpat d. 1. Auguſt 181.
(Nr. 75). Für den Abgethellten Emfor : Lector Midwitz.
Borwort.
J. gelehrte Eſtniſche Geſellſchaft zu Dorpat, die es ſich
nach ihren Statuten zur Aufgabe gemacht hat, „die Kenntniß der
Vorzeit und Gegenwart des Eſtniſchen Volkes, ſeiner Sprache und
Literatur zu fördern”, mußte unter den Gegenſtänden, die ſich
ihrer Unterfuhung darboten, die Sagen und Lieder der Eſten
mit befonderem Intereſſe betrachten, da fie das einzige felbft-
erzeugte xedende Denkmal der Bergangenheit dieſes Volkes
bilden, deſſen Befreiung aus feiner früheren Leibeigenſchaft
nichts weniger als günftig zu fein feheint, diefen einft fo blühen,
den Zweig feiner geiſtigen Productivität, nachdem er Jahrhun⸗
derte hindurch mit feinen unbekannten Erzeugern und Pflegern in
tauchgefchwärzten Hütten ſich frifch erhalten und manchen neuen
Trieb entwidelt hatte, anzuerkennen und weiterzufördern. Wir
fönnen in dieſem Verfall der Volkspoeſie Feinen Zortichritt auf
der Bahn naturgemäßer Entwidelung erbliden, fondern müffen
ihn entfchieden als einen Rüdfchritt auf derfelben anfehen. Unter
den mannichfachen Urfachen, die, wie anderwärts gezeigt worden,
hier lähmend eingewirft haben, verdient befonders hervorgehoben
zu werden das eitrige Streben unferer Nationalen nach Deutfcher
Bildung, ein Streben, das fie gegen alles Nationälgefühl voll⸗
kommen abgeftumpft zu haben ſcheint. Der Efte hat wie der
Rabe in der bekannten Zabel fein eigenes glänzend ſchwarzes
Gefieder ausgerupft und ftolzirt mit fremden bunten Federn ein-
ber, ohne auch nur eine Ahnung zu haben von der läcdherlichen
Gimpelhaftigkeit, die er vor aller Welt zur Schau trägt, indem
er fein koſtbares Eigenthum in aberwigiger Verblendung für nichts
achtet und das Fremde, bloß weil es fremd ift, für allein fchön
und preiswürdig hält. Die abfurdeften Machwerfe verdentichter
Eften, in einer Sprache gefchrieben, die fih in den lächerlichften
BR
1V
naturwidrigen Verrenkungen der eigenen ſchoͤnen Formen gefällt,
überſchwemmen ſchon ſeit geraumer Zeit den Markt der Eſtniſchen
Literatur und werden von dem Volke begierig verſchlungen, wenn
fie nur die lockende Firma „aus dem Deutſchen überſetzt⸗ auf
dem Aushängefchilde führen. Unter diefen Umftänden wurde es
aber zugleich dringende Pflicht der gelehrten Eftnifchen Geſellſchaft,
die vorhandenen Weberbleibfel der nationalen Poeſie der Eften zu
jammeln und bevor das Völlchen felbft, von zwei mächtigen Polen
angezogen, völlig abforbirt worden vor dem gänzlichen Unter
gange zu, fihern, und mehreren Mitgliedern diefer Gefellfchaft,
die fih der Sache mit anexkennungswerthem Eifer hingaben, vers
danken wir bereits die Veröffentlichung einzelner Sagen, die man
auch in weiteren Kreifen fo ſchoͤn gefunden hat, daß einzelne
Kritifer, die dem Eſtniſchen Genius nicht fo viel Poeſie zutrauen,
die Acchtheit derfelben in Zweifel ziehen. Sie vergeflen dabei 3.
Grimm's treffendes Wort, das er in feiner Deutihen Mythos
logie ausfpriht: „Jede Kritik Lähmt und zerftört fi, die damit
anhebt, zu läugnen oder zu bezweifeln, was in einer unter dem
Bol Tebendig gebornen und fortgepflanzten Sage enthalten ift
und vor Augen liegt.“ | |
Die großartigfte Schöpfung in der Eſtniſchen Vollspoeſie
bildet aber die Sage vom Kalewipoeg, dem „Sohn des Kalew.“
Selbft der verfümmerten, fagenfeindlichen Gegenwart ſchwebt noch
Manches von den Thaten Ddiefes Nationalhelden im Gedachtniß.
Es exiſtiren im Munde des Volkes freilich nur zertruͤmmerte
Ruinen der ganzen Heldenſage, Ruinen, die die Herrlichkeit des
Ganzen mehr ahnen, als deutlich erfennen laſſen; die zerftreuten
lieder deuten aber jedenfalls auf eine hohe, majeftätifche Geftalt
bin. Nachdem der legte Laut der Sage in des Volles Munde
längft verflungen fein wird, werden noch Steine, Hügel, Flüſſe
und Seeen unferer heimiſchen Flur auf die tiefen Spuren hinweis
fen, die der Fräftige Gang. des Helden zurüdgelafien hat, und
Diejenigen anflagen, die eifrigft bemüht waren, fein Gedächtniß
v
mit allen Erinnerungen an die heidniſche Vorzeit ans dem Her⸗
zen jener Enkel zu verwifchen. . Jeder Zug des Helden in .den
vorhandenen Brucftüden trägt das unverlennbare Gepräge des
wumündigen, Tindifchen Zeitalterd feiner Dichter an fi, fo ſicht⸗
bar, daß wahrlid nur ein von Vorurtheilen verbiendetes Auge
bier die Züge einer fäljchenden Hand zu erbliden glaubt und an
„Macpberfonfchen Zug und Trug“ erinnert wird. Der Kalewide
it fein Held des Tlaffifchen Alterthums, aus dem unfere Dichter
ihre Ideale borgen. Unſere aus der Schule der Alten hervorge⸗
gangene Zeit wäre gar nicht im Stande, ein ſolch unbeholfenes,
antediluvianifches Ungeheuer zu zeichnen, wie die Volksſage den
Efinifyen Rationalhelden darftellt, deſſen Körperfraft jedes Maag
überfchreitet und die Wahrſcheinlichkeit weit überbietet, während
feine aeiftigen Faͤhigkeiten jo beſchränkt find, dag er z. B. Vögel‘
und fleine vierfüßige Thiere in den allereinfadhften Dingen, die
fid) von felbft verfichen, um Rath fragt und ihrem Rathe folgen
za müfjen glaubt. Seine die Gränzen des Möglichen überſchrei⸗
tenden Thaten finden wir hie und da nur noch in der Kalewala
der Finnen überboten. Während aber die Finnifhe Sage einen
völlig organifirten, von zahlreichen Geftalten belebten heidniſchen
Götterftant vor unferen Augen aufichließt, verftattet die Eftnifche
Kalewifage auch nicht einen Blick in die heidnifche Götterlehre
der alten Eften, da nur gelegentlid) ein paar anflingende Namen
eingeflochten find. Die in der Eftnifchen Poeſie überhaupt vor
herrſchende elegifhe Richtung ift auch in der Kalewidenfage vers
treten, und zwar in marlirteren Zügen, als die Träftige Riefenges
falt des Helden erwarten läßt, deflen ‚Charakter durch und Durch
ein tragifcher ift. Eine höhere Nothwendigkeit regiert alle Ereig⸗
niffe, die ſich auf ihn beziehen und mit feinen Handlungen im
Zufammenhange ftehen, und läßt endlich den auf ihm laftenden
Fluch an ihm in Erfüllung gehen, da die göttliche Gerechtigkeit
die blutige That des Helden an einem Unjchuldigen nur durch
des Thäters eigenes Blut fühnen kann. Der fonft überall uns
vi
befiegbare Held gebt im Kampfe mit den Mächten des Schick⸗
ſals unter. |
Bereits in. einer der erften Sitzungen der damals eben erft
in's Leben getretenen gelehrten Eſtniſchen Gefellfhaft im 3. 1838 -
war die Kalewifage zur Sprache. gefommen, und namentlich hatte
mein verewigter Freund Dr. Fählmann eine Reihe Fragmente
aus derfelben zum Beten gegeben, die fpäter in Dr. Kruſe's
„Urgefchichte übergegangen ift, ohne daß hier die Quelle genannt
wird, ans der der DBerfafter feine Mittheilungen gefchöpft hat.
Diefe Fragmente machten damals großes Aufiehen und man war
fehr gefpaunt, mehr davon zu hören. Die größte Begeifterung
aber für diefen Fund legte der Dr. Georg Schulg aus St. Pers
teröburg an den Zag, der über dieſen Gegenftand in einer [päs
teren Sitzung derfelben Geſellſchaft einen eben fo geifireichen als
warmen Bortrag hielt, in weldhem er der Kalewiſage noch
eine große Zukunft prognofticirte. „Denken Sie ſich,“ fagte er
unter andern, „denken Sie fih, wel erhebenden Einfluß auf
ein Bolt das erwachte Bewußtfein gefchichtliher Exiſtenz und
Größe haben muß! Ginge es ihm nicht wie jenem Bettler,
dem man, plößlich jagt: Du bift ein Königsfohn! Denn beweift
wohl irgend Etwas unwiderfprechlicher die geihichtliche Bedeutung
eines Volles, als der Beſitz einer_Epopde? Uns aber, als den
Beförderern der geiftigen Wiedergeburt diefes Volkes, und, den
Phileſthonen, gebührt es, dieſen Torfo, der verftümmelt und von
fpätern Zufäßen verunftaltet in den entlegenften Winkeln der
Provinz einer Anerkennung entgegenharrt, diefen in abgelegenen
Thälern und tiefen Wäldern verhallenden Gefang auf eine feiner
würdige Art in die Reihen der glänjenden Erzeugniſſe des
menſchlichen Geifted einzuführen. Dadurch Fönnte es vielleicht
gelingen, das Volk zum Bewußtfein zu bringen, ihm Selbfigefühl
einzuflößen. und indem man ihm die Erbſchaft einer großen Ver⸗
gangenheit übergiebt es von der erbärmlichen Tendenz zurüdzus
bringen, in ein copirtes Zwittergeſchlecht auszuarten.“ — Ich
vn
muß gefiehen, diefe Fühnen Hoffnungen des Redners nicht theilen
zu können. In meinen Augen hat das Eftenvolf feine Fähigkeit
mehr zur felbftändigen nationalen Productivität, fein Ohr mehr
für einfache, ungefünftelte Raturpoefie, nachdem es durch die ihm
aufgedrungenen Erzeugniffe der Schulmeifters und Küfterfchrifte
fellerei verſchroben und verdorben ift. Ueber den Inhalt der
Kalewifage fpricht Dr. Schulg weiter: „Sie fchließt ſich einerfeite
an die düſteren Götterfagen in den nordiſchen ungeheuerlichen
Sagas, amderjeit3 an die afintifhen Phantasmagorieen an. Gie
iſt über unſere europäifchen Begriffe hinaus koloſſal, ohne Dimen⸗
fion, phautaſtiſch, wie die Erzeugniſſe jener erſten Schöpfung ſelbſt.
Das Finnifhe Rordroß, von deffen einem Ohr, zum andern das
Eihhörnchen einen Monat lang fpringen mußte, das unterixdifche
Mammuth der Zungufen, dem die Gebirge wie Maulwurfshügel
- ihre Entſtehung verdanfen, das taufendgliedrige Ungeheuer der
Kalmüdenfage, deflen verblichene Gebeine den Himalaya bilden,
und Kalew's Sohn, der die Welt umpflügt, find Gefchwifterfinder
einer afiatiſch⸗phantaſtiſchen Gefühlsweife und Aeußerungen eines
vorgeichichtlihen, und unverftändlichen Kraftgefühls u. |. w. —
Sämmtliche Anwejende, die dieſen Vortrag gehört hatten, waren
für die Sache electrifirt worden, unter ihnen befonders Dr. Hueck
nud Dr. Faͤhlmann. Beide fhrieben mir damals begeifterte
Epifteln über den Vorſchlag des Dr. Schul, indem fie mich zus
glei aufforderten, die mir befannten Einzelheiten der Salewifage
niederzufchreiben und gleichzeitig durd) Freunde und Belannte in
ERland neue Beiträge fammeln zu lafien. Dr. Zählmann ſchloß
einen feiner Briefe mit der Erklärung, er habe ſich's „zur Le⸗
beusaufgabe gemacht, Die zerfirenten heile in ein Ganzes zu
vereinigen.“ Der Tod vexeitelte befanntlich die Ausführung feis
nes Vorhabens und manches intereffante Sagenbruchfläd, Das er nur
im treuen Gedächtniß bewahrte, ging mit ihm für immer verloren.
Rad Dr. Fählmann's Tode machte die gelehrte Eſtniſche
Geſellſchaft mir den Antrag, die Ausführung des Zählmannjchen
VIII
Projects zu übernehmen, da fie mit Grund vorausſetzte, daß ich
in den Plan, den ſich der Verewigte vorgezeichnet hatte, vollkom⸗
men eingeweiht fein müfle, und mir binlänglihe Keuntniß der
Sprache und Sitten des Volkes zutraute, um eine Arbeit zu Stande zu
bringen, Die mid) ftet3 lebhaft intereffirt hatte und zu deren Gunften ih -
Jahre lang ſchon als Schüler der Hochſchule auf meinen Ferienreiſen
und bei andern Gelegenheiten, die mich mit den Nationalen in nähere
Berührung brachten, unaufhörlich bemüht gewefen war, Materias
lien zu fammeln und zur gelegentlichen Benugung aufzufhichten
und zu ordnen. Ich durfte den ehrenvollen. Antrag nicht zurüd,
weifen, um der guten Sache willen ſchon, deren Förderung mir
gewiß nicht weniger am Herzen lag, als irgend einem andern
Mitgliede der gel. Eftnifchen Gefelihaft, dann aber auch, weil
ih mir bewußt war, manche unverdiente Auszeichnung von Seiten
der Geſellſchaft empfangen zu haben, für deren Zwede ic) Bisher
nicht fo viel geleiftet Hatte,. als man von mir zu erwarten bes
rechtigt war; ich erklärte Daher meine Bereitwilligfeit, mid den
Wünſchen der Gefellfchaft zu fügen, babe aber weder bei der
Zuſage, noch im DBerfolg der Arbeit felbft jemals das Gefühl
unterdrüden Tönnen, wie wenig meine Kräfte hinreichten, um die
fhwere Aufgabe auch nur den befcheidenften Anforderungen gemäß
zu löfen. Alles im Archiv der gelehrten Eſtniſchen Gefellfchaft
angefammelte den Gegenftand betreffende Material ward mir auf
meine Bitte nebft den bezüglihen Papieren aus Dr. Fählmann's
Rachlaß fofort zugeftellt und id) begann meine Arbeit, ohne den
Erfolg abzuwarten von der mittlerweile an das Publikum ergans
genen Aufforderung, durch geneigte Mittheilungen das Unterneh?
men fördern zu helfen. Diefe Aufforderung ift denn aud wirklich,
wie ich ſchon hätte vorausfehen können, nicht allein erfolglos ges
weſen, fondern hat auch noch in öffentlihen Blättern Aeußerun⸗
gen hervorgetodt, die das ganze Unternehmen und die dabei
Betheiligten von verfchiedenen Seiten in ein ungünftiges Licht zu
fiellen verfuchten ; aber dieſe Theilnahmlofigkeit und beziehungs«
IX
weife Ungunft des Publikums bat den Fortgang der Arbeit nicht
hindern Tönnen, da ich einerfeits fo reichen Stoff zur Benußung
befaß, als ich vorläufig nur wünſchen konnte, anderſeits zu tief
in die Sade eingedrungen war, um durch Tleine, wenn aud)
mitunter recht boshafte, fo doch in der That nicht zutreffende
Stidheleien mich weiter ftören zu laflen.
Alles, was mir feit meiner Jugend von der Ralewifage im
Gedähtniß zurüdgeblieben war und was ih in fpäteren uhren
von Kımdigeren gehört hatte, war ſchon vor dem Pact mit der
gel. Eftnifchen Geſellſchaft vollftändig zu Papier gebracht worden.
Nachher wurde diefe Sammlung durch manches wichtige Sagens
bruchſtück vermehrt von dem verewigten Paftor Kolbe in Werro,
der ans dem Bartholomäifchen SKirchfpiele, wo er geboren war,
Bieles mitzutheilen wußte, und von einem in Werro anfäffigen
Nationalen aus dem Laisſchen Kirchfpiele, der mir auch in ſprach⸗
fiher Hinfiht von großem Nutzen gewefen if. Raͤchſt Dielen
beiden Quellen boten die Pleskauſchen Eften das reichhaltigfte
Material zu meiner fehon vorhandenen Sammlung, namentlid an
Liedern. Die Pleskowiter hüteten fi aber, dieſe Lieder als
ſolche zu bezeichnen, die vom Kalewipoeg handeln, als ob es
ſtreng verpoͤnt geweſen waͤre, dergleichen zu beſitzen oder zu ver⸗
breiten. Auch der Herr Reviſor Roſenpflanzer machte dieſe Er⸗
fahrung an einem Pleskauſchen Eſten, der ihm Mittheilung von
Kalewiliedern nur unter der Bedingung verſprach, daß Niemand
von dieſer Mittheilung erführe, und namentlich der Ortsgeiſtliche
uud der Bezirksverwalter nicht. Ungeachtet ihm die Bedingung
zugefagt worden war, ließ fih der Pleskowiter doch nicht wieder
ſehen. Manchen interefianten Beitrag erbielt ih auch Tpäterhin
aus Lais, Torma und Tarwaſt. Die Tarwaſtſchen waren meiſt
kurze Bruchſtücke, die aber oft ſo genau zu Pleskauſchen Eſten⸗
liedern paßten, daß dieſe erſt durch jene ihre Ergänzung zu er-
halten ſchienen, als wenn ſie von ihnen abgebrochen geweſen und
durch irgend ein Ereigniß weitweg fortgeſchleudert worden wären.
x
Die Sichtung des aufgeipeicherten Materiald war feine
leichte Arbeit.” Es boten fi dabei manchmal Schwierigkeiten dar,
die erſt nach langem Befinnen und Erwägen einen Entſchluß reis
fen ließen. Diele Bruchſtücke z. B. wollten weder unter fi,
noch mit irgend einem Gliede des projectirten Ganzen zufammens
paſſen, da die bindenden Mittelglieder entweder ganz fehlten, oder,
durch Vermiſchung mit fremdartigen Stoffen verunftaltet, fo uns
fenntlich geworden waren, daß man fie im erften Augenblid für
nichts weniger als Brucdftüde der Kalewifage erkannte. Go
famen, namentlich in den Beiträgen aus dem Kellinfchen, Deutfche
Märchen und Teufelsgeſchichten, chriſtliche Legenden und anderes
nicht Hierhergehoͤrige oft genug vor, mit Merkmalen indeſſen ver⸗
miſcht, Die bei genauerer Prüfung fie unverkennbar für die Ka⸗
iewifage in Anfpruch nahmen. Thaten 3. B., die fonft überall
dem Kalewipoeg zugefchrieben werden, läßt man in einem Bruch⸗
ſtücke der bezeichneten Herkunft den Teufel verrichten. In einer
andern Mittheilung derfelben Kategorie wird der Kalewsfohn mit
feinem berühmten Roſſe identificirt, defien befannte Hufsfpuren
man für die Zußftapfen des Helden erklärt. Wittheilungen aus
der jüngften Zeit waren natürlich am meiften verunftaltet. Nächſt
‚Wierland und Jerwen haben die Kicchfpiele Lais, Bartholomäi,
Torma und Koddafer und der Pleskauer Eftenfreis die von den
Borfahren überfommenen Sagen am reinften bewahrt. Hier fans
den fich wenigftens feine fremdartigen Elemente mit hineingemifcht,
wenn es ſich auch traf, daß eine und diefelbe That des Helden
einmal fo, ein andermal anders erzählt wird, während eine andere
gar nicht an die vorhandenen Glieder anzureihen war. In dem
erfteren Kalle machte ich zuweilen Plab für beide Lesarten hinter
einander, im zweiten Kalle venoncirte id) ganz auf die Benutzung.
Bon den mir zugegangenen und zur Einflehtung in das Ganze
fi nur theilweife eignenden Liedern wählte ich, wenn mehrere
Lesarten dawaren, natürlih nur Die befferen aus und warf die
ſchwächeren über Bord.
xi
Auch bei den Ortsbeſtimmungen für die einzelnen Begeben⸗
heiten kam ich nicht ſelten in Verlegenheit, da ich einzelne Thaten
des Kalewiden, die im ganzen Volke bekannt ſind, bald an ver⸗
ſchiedene Localitäten angeknüpft, bald ohne ‚allen Anhaltspunkt
gelaffen gleichſam in der Luft ſchwebend antraf, bald ſogar mit
Orten in Verbindung geſetzt fand, deren Lage zu der Begeben⸗
heit ſelbſt nicht pafien wollte. Am haufigſten werden Orte mit
einander verwechfelt, die von dem Wohnorte des Erzählenden ent
fernt find, da dann oft fchon Der kurze Zwifchenraum von zwei
oder drei Kirchipielen hinreicht, um die wunderlichften Fehlgriffe
in dieſer Hinficht zu begehen. Erzählt der Wierländer oder ers
‚wenfer von Begebenheiten, die er in die Nähe von Dorpat oder
wohl gar hinter Dorpat verlegt, dann iſt's vollends aus mit ſei⸗
ner Geographie, und der Dorpater Efte ift fchon deshalb nicht
im Stande die nöthige Aufklärung zu geben, da er den Kalewi⸗
poeg faum dem Namen nad Fennt und von defjen Thaten 'gar
nichts weiß. Hier gab es für mich nur zwei Auswege, entweder
die erzählte Begebenheit ganz ohne fpecielle Iocale Unterlage zu
laſſen, oder aber fle mit einer Localität zu verfnüpfen,, deren
natürlihe Beichaffenheit mit derfelben in Webereinflimmung zu
bringen war. Erftere Maxime beobachtete ich bei den in Finland,
letztere bei den zwifchen Dorpat und Werro fpielenden Abenteuern
unferes Helden. So z. B., wo die BWierländifche Sage eines
Bächleins » hinter -Dorpat« erwähnt, das fie rafusvja (Blafens
baͤchlein) nennt und das feine Entftehung angeblich einer natürs
lihen Ausleerung des Kalewipoeg verdankt, übereinitimmend mit
der Pleskauſchen Sage, in welcher dieſes Bachlein pufira » jüfe
Cwahrfcheintich aus dem Kuſſiſchen myasaps gebildet) heißt, wäh.
zend in Dörptihen Landen Fein Flüßchen dieſes Namens anzus
treffen ift, erlaubte ich mir, dem Flüßchen, welches die Thalſchlucht
Tilli⸗ orn bei Warbus durchfließt, die ehrenvolle Abſtammung
von dem Eſtniſchen Nationalhelden zu vindiciren, da der Name
der Thalſchlucht an den Ausdruck tilli-oja erinnert, wie man in
xu
Eftland ſcherzweiſe die kleinen Ueberſchwemmungen nennt, mit
denen Knäblein das Bett oder den Fußboden zu beſchenken pfle⸗
gen, auch in der Nähe dieſer Schlucht ſich ein Durſtſee (janu⸗
järw) befindet nebft einigen alten Eftengräbern, was ſich alles uns
gezwungen in Die bezeichnete Babel der Kalewifage mit verwehen
lieg. Hoffentlich wird auch die ftrengfte Kritif, wenn fie nur
gerecht fein will, mir ein ſolches Verfahren bei der Ausführung
der mis übertragenen Arbeit nicht als eine abfichtliche Entſtellung
der Sage oder wohl gar als eine willfürlihe Fiction anrechnen!
Derfelden Marime folgend nahm id) das Factum der Gage,
daß der Kalewide eine Brücke über den „heiligen Fluß“ (püha⸗
jögi) gebaut haben ſoll, um mit ſeinem Heere auf das jenſeitige
Ufer zu gelangen, für den Woo⸗Fluß, der in früheren Zeiten
Wöhanda hieß, in Anſpruch, da unter dieſem heiligen Fluß
weder der Embach, noch die Aa gemeint fein ann, aus dem eins
fahen Grunde nicht, weil beide Zlüffe in der Sage überall unter
ihren eigenthümlichen Namen vorgeführt werden und der Woo⸗
Fluß wirklich den heidnifhen Eften heilig war und noch im
chriſtlichen Zeitalter, ja bis auf unfere Tage hinab, die Eften
diefem Fluſſe heimlih Opfer brachten. Beiläufig erwähne ich
bier einer diefen Brückenbau betreffenden Bariante, die ich nicht
babe benugen können, da fie mir nicht zeitig genug eingeliefert
worden war. Hiernach war der Sohn des Kalew jo eben im
Begriff, den Bau“einer fleinernen Brüde zu beginnen, wozu er
fhon einige Schooßvoll Feldfteine zufammengebradht hatte, als
ihm ein Üuger Vogel in's Ohr flüfterte: „puu on fergem, Tui
fimi® (Holz ift leichter, ald Stein). Schnell befann er fi, lieg
die Steine unbenugt liegen, ging auf der Stelle in den. nächften
Wald und brachte Balken zur Brüde herbei.
Unferes Helden berühmte Schwimmpartie über den Finnis
fhen Meerbufeu habe ich genau nad) den Umriffen der Sage ge-
zeichnet. Weder bei der ungenannten kleinen Infel, wo er aus,
ruhte und ein Liebesabenteuer beftand, noch bei dem Tode der
—
Zr
v
Injelmaid, deſſen Motive die Sage nicht weiter aufflärt, habe
ich irgend eine Gonjectur geltend gemacht ımd darum Die in
den Liedern gebrauchte Bezeichnung der Ertrunkenen als „fdfar«
(Schweſter) beibehalten, obzwar dadurch die Identität der betrefs
fenden PBerfon in Zweifel gezogen werden könnte, wenn man nicht
annehmen wollte, daß die Inſelmaid wirklich die unbekannte Schwer
fter des Helden gewefen fei und über ihr verwandtichaftliches Vers
haͤltniß zu ihm unterrichtet den Tod in den Wellen gefucht habe.
In den vorhandenen Sagen und Xiedern ift Diefes legtere Mos
ment in feiner Weife betont, und Dr. Loͤnnrot, den ih am ges
fälligen Aufſchluß aus der verwandten Finnifchen Sage befragte,
hat auf meinen Brief bis jegt nicht geantwortet; ich bin aber
fehr geneigt, gerade das Gtillihweigen der Sage über diefen
Gegenſtand ald eine zarte Schonung, der unwiffentlich Irrenden
und ald eine heilige Scheu vor der Entfchleierung der furchtbar⸗
ften aller Berirrungen anzufehen und in diefer Meinung noch ber
Kärkt worden durch Schiefner's „Kullerwo Epifode des Finniſchen
Epos Kalewala“, die mir vom Berf. freundlichft in einem Sons
derabdrud aus der St. Petersb. Zeitung 1852 mitgetheilt wurde.
Die Gründe, die mich beftimmten, den Namen Linda für
die Mutter unferes Helden in Anfpruch zu nehmen, waren für
mich zu gewichtig, als dag ich auf die abweichende Meinung der
oben erwähnten Kritifer hätte Rüdfiht nehmen können, die ſich
über diefen Gegenftand mit mehr Aufwand von Witz als Gelehr⸗
ſamkeit ausgeſprochen haben. Der Name, offenbar der Kalewi⸗
ſage angehörend, kommt allerdings ſelten vor; aber wo er er⸗
fhent, bleibt mir wenigftens fein Zweifel übrig, wen man dar⸗
unter zu verftehen habe.*) Ich muß es mir verfagen, bier eine
ausführliche Rechtfertigung meiner Auflcht zu verſuchen, da id
2) Schon im 3. 1821 fie mir ber Name Linda in einem Meinen
Boftstiede im Haggersfchen Kirchſpiel auf; damals uber freitidy hatte Ich nod)
keine Ahnung davon, daß berfelbe irgendwie mit der Kalewiſage in Verbindung
ſtehen könne. Erft 26 Jahre fpäter gelangte ein Sagenbrudyftüd zu meiner Kennt-
nig, twortn der bon der Wittwe geweinte „Dberefee bei Reval „Linda pifarate
xıv
für wohlmollende Freunde meines Unternehmens ſchon genug ges
fagt habe, die Wegner. aber zu überzeugen, vergeblihe Mühe
fein würde. : Dem Helden felbft laſſe ich die Bezeichnung Kalewi
poeg, Kalewi noorem poeg, Kalew's Sohn, Kalew's jüngfter
Sohn, wie fie die gangbarften Lieder haben, obzwar er in einer
Aufzeichnung von Dr. Zählmann Sohni, in einer andern von
Dr. ©. Schultz Soini genannt wird. : Beide letztere Namen find
aber im Volle unbefannt geblieben.
Ueber die Darftellungsform, die ich gewählt habe, ift in der
vorläufigen Ankündigung des verewigten Präftdenten der gelehrten
Eſtniſchen Gefellfhaft, Oberlehrer Santo, in dem hier unten in
Der Anmerkung citirten Heft der Verhandlungen bereits das Nöthige
gefagt worden und ich darf hier nur hinzufeßen, daß die Form des
genuinen Volksliedes fi mir ſchon deswegen als die geeignetfte
empfahl, weil erftli fo vieles für die Sage von mir Benußte
in diefer Form ſchon fertig dalag, und wir zweitens bis jept
noch feine genuine Eftnifche Profa befigen und, fo wib die Sachen
ſtehen, auch wohl in Zukunft nie befigen werden. Auf Santo’s
Rath habe ich die felbfteigenen Liederworte des Bolles mit einem
Sterndien zu Anfang und am Ende bezeichnet. Die vielen Res
järw‘ genannt wird. Unter den Mittheilungen,, bie aus dem Urchiv ber gelehrten
Eftnifdyen Geſellſchaft mir zugingen, fand id; nur ein einzigesmal unfere® Hel-
den Mutter mit dieſem Gigennamen bezeichnet, und zwar von Herm Dr. G.
Schul mit den Worten: „Kalew, der Niefentönig bed Nordens, und Linda
erzeugen 12 Söhne“ Drei Monate fpäter, als meine Arbeit in ihrer erften
Faſſung der gelehrten Eſtniſchen Geſellſchaft abgeliefert worden war, erhielt Id)
and dem Piedfaufchen das Lied, worin Salme und Linda ald Pflegeſchweſtern
neben einander auftreten. Diefer wichtige Yund mar bie nädyfte Veranlaf-
fung dazu, die ganze Sage fpäter umzuarbeiten. Durch freundfihe Mittheilun⸗
gen meined verehrten Freundes‘ und Kollegen, des Hm. Dr. Wold. Schul
In Dorpat, waren unterbeffen Beiträge aus dem Kobbaferfchen, fo wie durch Hru.
2agod dergleichen aus dem Tarwaſtſchen Kirchſpiele eingelaufen, melde bad
Wert fchr erweiterten. Aus den 12 Befängen der erften Bearbeitung wurden
nun 20 Gefänge, und die Vorgabe in 4 Befängen, von denen drei ausſchließlich
Dr. Fählmann's Eigenthum enthalten, mußte wegen zu beengten Raumes weg⸗
fallen. Vergl. den Yufjag von G. M. Santo im 1. Heft deb 3. Bande der
Verhandlungen ©. 79 u. folgg.
xV
miniicenzen aus Volksliedern, die außerdem noch vorfommen,
haben diefe Marke nicht erhalten, weil die Häufung derfelben für
den Leſer ftörend geweſen fein würde, da ich fie an vielen Stellen
auch dort eigentlich. hätte anbringen müſſen, wo die Verfification
mir gehört. Denn id; habe es mir ſtets angelegen fein laflen,
die in Profa dem erzählenden Eften wörtlich nachgefchriebenen
Sagenbruchſtücke nicht bloß in einzelnen Wörtern, fendern auch in
ganzen Redensarten möglichft treu wiederzugeben, fo daß ich mit
wohlbegründetem Rechte fagen kann: der Salewipoeg, mie er
in dieſer Bearbeitung erfcheint, ift durch und durch nad) Form
und Inhalt Mar, Knothen, Fleifh und Blut des Eftnifchen
Volks und nicht bloß „in fo fern ein Eftnifches Erzeugniß zu
nennen, weil der Herausgeber ein Efte ift. «
Den vielen Freunden und Beförderern des Werkes, die mir
durch Mittheilungen aller Art fo fleißig in die Hände arbeiteten,
indbefondere dem Herrn Dr. Wold. Schultz in Dorpat für feine
Beiträge aus dem Koddaferfehen Kirchſpiele, fage ich meinen
innigfien Dank. Denn id Tann nicht läugnen, daß mir das
Wühlen in den Echäßen unferes Volles wahrhaftes Vergnügen |
gewährt hat und dag die mofaifartige Zufammenftellung von vielen
zerftreuten und äußerlich wenig zufammenhängenden Bruchſtücken
der Kalewiſage zu einem größeren Bilde, in weldem der Lebens⸗
lauf und die Abenteuer des Efinifhen Nationalhelden in der
Sprade und dem Rhythmus des genuinen VBolfsliedes in nmrlirs
ten Zügen zur Anfchauung kommen und durch angemeffene Staf-
fage ausgefhmüdt und abgerundet werden follten, für mich eine
Arbeit war, bei der ich ſtets Erholung fand und zu der id) fo
gern flüchtete, wenn das Herz in ſchweren und trüben Zeiten
nad Troft und Beruhigung verlaugte. Seht, da die Arbeit fertig
vor mir liegt und ihr Anfang fo eben in die Welt treten foll,
erfläre ich, daß die Eoncurrenz zur Abfaffung eines Eftnifchen Nas
tionalepos, wie es Dr. ©. Schulg im Geifte fih abgebildet hatte,
für Sedermann offen bleibt. Mein Kalewipoeg wenigftens macht
VI
nicht den geringiten Anſpruch an fo hochtrabenden Titel und will
fein poetiſches Kunſtwerk fein, ſondern nur eine Sammlung von
wirklich im Munde des Volles lebenden Sagen, die ich verſucht
habe in einer gewiffen Ordnung an einander anzureiben.
Die Deutſche Ueberfeßung, die hier neben dem Eſtniſchen
Original erfcheint, gehört dem Heren Paftor Earl Reinthal an.
Bon der gelehrten Eftnifhen Geſellſchaft dazu aufgefordert, hat
er fich der Arbeit, deren Schwierigkeit jeder Sachkenner zu würs
digen wiffen wird, mit Luft und Liebe bingegeben und es ſich
eifrigft angelegen fein laffen, ein treue Konterfei des Originals
zu liefern. Seine Arbeit ift fozufagen unter meinen Augen ent
ftanden, da er mir die nach und nad fertig gewordenen Gefänge
einzeln in der Reinfchrift mittheifte und erft meine Billigung abs
wartete oder. meine Ausftellungen daran berüdfichtigte, che fie
dem Drud übergeben wurden, defien letzte Gorrectur ih aud
noch zum Weberfluß beforgte. Der Hautpgrundfaß, den er bei
der Ueberſetzung befolgt hat, nämlid den Inhalt des Originals
in deffen eigenthümlichem Versmaaß fo wiederzugeben, daß fein
Gedanke verloren ging, den der Genius der Deutfchen Sprache
wiedergeben konnte, ohne fih eine Zwangsjade anzulegen, bie
feine freie Bewegung hinderte*), hat allerdings den Umstand zur
Folge gehabt, dag eine fogenannte wörtliche Werereinftimmäng
zwiſchen Original und Ueberfegung nur felten ftattfindet; dafür
tieft fi) aber die Ueberſetzung felbft faft durchgängig als Original,
und wo Das nicht der Fall ift, da hat der Ueberfeger augenfcheins
lich darnach gerungen, den Gedanken des Tertes, es koſte was
ed wolle, zu retten.
Werro, im März 1857.
F. R. Arentzwalb.
— — — —
7) So hat ſich der Neberſetzer es auch einſtweilen verſagen müffen, bier
die der Eſtniſchen Poeſte eigenthümliche Alliteration wiederzugeben. Vielleicht
gelingt ed einem ſpäteren Ueberſetzer, dab Verſäumte nachzuholen.
Der Kalewsſohn.
B — Ru
Anruf.
a mir deine Harfe, Wannemuine!
Herrliche Mühr? beweget das Herz mir,
Und aus dem Schag der alten Zeiten
Treibt's mich mächtig ein Lied zu fingen.
Grauer Borwelt Stimmen, erwachet !
Regt euch, geheime Zauberfagen,
Die ihr von befleren Zeiten finget
Und von dem Reize fchönerer Tage !
Komme, du kundige Tochter des Sängers !
Eilig entfteige den Wogen des Endla ’);
Biel zu lang’ fchon im filbernen Spiegel
Haft du das feidene Haar dir geglättet.
Helfet mir malen, ihr grauen Schatten,
Malen die längft entfchwundenen Züge
Kräftiger Helden, mächtiger Zauberer
Und die Fahrten des Kalewsſohnes.
Schweift mit mir in den beiteren Süden,
Dann zurüd in den trüberen Norden, i
Wo in des Haidefrauts heimlichem Weben
Herrlihe Sagen dem Boden entiprießen.
Was ih auf heimifhen Fluren gefammelt,
Anfgepflügt aus dem Boden ter Fremde,
Was mir die Winde zugemehet,
Zuftig die Wellen an’d Ufer geſpület;
Was ich lange im Herzen getragen,
Heimlih im Bufen mir verborgen,
Ach ! und worauf ich jo mandyes Jahr fchon
Einfam gene im Belfenborfte :
Bill ich verkünden im fcehallenden Liede
Zaut vor den Ohren fremder Hörer,
Da meines Frühlings theure Gefpielen
Längſt fhon unter dem Rafen fchlummern,
Wo nicht des Sängers fröhliche Lieder,
Nicht feined Kummers Schmerzendlaute,
Noch feiner Sehnfuht heißes Flehen
Zu der Schlummernden Obr gelangen.
Einfam fing’ ich in Zreudentönen,
Einfam verhallen meine KHlagen®9, _
Einfam fchwelg’ ich in füßer Sehnſucht,
Bis ih dahinwell' auf dem Felde.
BT
10
Bum Verſtandniß
Reget euch, ihr alten Sagen,
Sagen von dem Salewiden,
Kalma’d Hügeln zu entfteigen,
Aus dem Nebel euch zu formen,
Aus dem Morgengran zu fchwellen,
Aus dem Haidelraut zu fprießen,
Aus dem Sumpfmoor aufzudampfen,
Wo die Schatten in der Stille
Zange Kummerjahre bergen
Und der Zeiten ſchwere Drangfal
Sn des Staubes Bufen deden,
Wo in Uffo’8 Schooß fie träumen ,
An Maria’d Bufen fchlummern !
Nicht der Mittangsfonne Strahlen,
Nicht des goldnen Kuckuks Rufen,
Noch der Böglein Neftgezmwitfcher
Dringet nedend durch den Raſen.
Aus der Höhe fcheint das Mondlicht,
Schau’n des Himmeld Sterne nieder ;
Doc beleuchten ihre Etrahlen
Nur die Hüter dieſer Geifter,
Nur die Schatten ihrer Gräber,
Die ald weite Todtenfittel,
Als ein Schmud der legten Ruhſtatt
Sanft umhüllen jene Todten,
Die ein ew’ger Schlaf umfangen.
Kommt der Sturm herangezogen,
Zreibt das Meer zu wilden Aufruhr:
D fo bring’ er Grüffe mit fich,
Zum Verſtändniß.
Kunde von dem Allertheuerften,
Das vergeffen fhläft im Grabe,
Defien Niemand fih erinnert
Und das faum am Abendhiminel
Aufbligt nach des Tages Schwüle
Und fih mit.den Dünften mifchend
Nur in Nebelbildern auffteigt.
Spüte Geifterflinge ziehen
Eid zurüd in diefes Düfter, -
Miſchen fi mit Regenwolfen
An dem Saum des Abendhimmels,
Wo fie in der nächt'gen Kühle
Epielend ihre Blüthen treiben,
Goldne Fäden träumend fpinnen.
Sieh dem Spiele zu, o Knabe,
Laufch? dem Weben, holde Sungfrau,
Laßt fein Wort verloren geben,
Jedes ift dem Sänger heilig !
Ah, fo wie die Dämmerftunde,
Bor dem Morgenroth gewebet,
Dir entführt den fügen Nachttraum :
Alfo bringt der frühen Lerche,
Bringt der Nachtigall Begrüßung
Und des goldnen Kuckuks Rufen
Mit fih fort die nächt'gen Bilder.
Schnell entfliehen unfre Tage,
Schnell wie Roffe unfre Stunden.
Eilig ſtreben fie dem Grabe,
Eilig zu der Ruhſtatt Kalma's
In dem graufgen Zodtenbette. _
Keine Heimath bat der Wandrer,
Kein Aſyl der Erdenpilger
Zu begrüßen, als das Grab nur!
* Dft erregt der Sturm die Harfe
Wie das Rauſchen in den Wipfeln,
Wenn die Windsbraut Maften brechend
Durch die Wälder heult und wüthet;
Dod am linden Sommerabend
70
100
Zum Verſtändniß.
Rührt ein fanfter Weſt die Saiten,
Wie er in den Birken lispelt,
Mit der Espe Blättern fpielet,
Daß fie wie des Diebes Krallen,
Wie des Mörders Glieder zittern.
Leif’ ertönen dann die Klänge
Wie im Zlugeder Bremfen Summen,
Wie der Fliegen leichtes Schwirren
Oder wie das Spiel der Müden,
Dem der Käfer brummend zufliegt. *
Nur die luſt'gen Schmetterlinge
Flattern durch die Luft geräuſchlos.
Alle Töne weiß der Kund’ge,
Weiß der Kenner ſich zu deuten,
Hört die Freuden, hört die Schmerzen,
Hört die Klagen des Bedrängten
Aus der Vorzeit Liedern tönen,
Die mit ihren fremden Weifen,
Shren Bildern ihn entzücken. —
Freud’ und Trauer, Zwillingsſchweſtern,
Gleich berechtigt feit der Schöpfung,
Wandern Hand in Hand durch's Leben,
Eilen gleihen Schritte fürder 5;
Eines Vaters Kinder Beide,
Lagen fie an Einem Bufen,
Schlummerten in Einer Wiege.
Wenn der Abendfonne Glühroth
Wolkenſchleier dicht umfäumen
Und an ihren PBurpurrändern
Goldne Seidenfranzen wallen :
Ahnſt du, Sohn, was in der Wollen
Tief verborgnem Schooß fich reget?
Feur'ge Blitze, Donnerkrachen,
Hagelſturm und Schlofſſenwetter,
Wirbelwinde, Schneegeſtoͤber,
Morgenfroſt im Blüthenmonat
Schlummerten im Schooß der Wollen,
Wo fle tüdifch ſich verborgen.
Yun Verſtaͤndniß. 7
Kennft du wohl den Thau der Augen,
Zropfen, die die Wimper netzen?
Ob die Wonne dich beraufchte,
Ob der Schmerz dich niederdrüdte:
Zhränen waren ſtets die Zeugen
Deiner Wonne, deines Schmerzes. 110
Geht das Herz dir auf vor Freude ;
Brich''s im Kummer dir zufammen :
Oeffnen fih der Thränen Quellen
Und benegen deine Wangen
Deines Herzens Sturm bezeichnend.
Greift der Sänger in die Saiten,
Lieder zu den Tönen fingend :
Bietet bald das Reich der Träume —
Bald die Wirklichkeit den Stoff ihm,
Leiht er hier ſein Ohr der Sage, 120
Knüpfet dort an's Selbfterlebte
Die Gedanken ſeiner Seele.
Rauſcht ſein Lied in goldnen Strömen
Wohllaut tönend, Wahrheit firablend, .
Wahrheit, die den Weifen feffelt :
Dann befränzt die Welt den Sänger,
Bil nur feine Lieder hören.
* Einftmald hört’ ich Mardus jammern,
Hört ihn fchluchzen in dem Walde ;
Hörte tief im Forſt ihn Hagen. 130
Was bewegt fein Herz zum Jammern,
Bas entlodt ihm bittre Thränen,
Zwingt ihm ab die Klagelaute,
Preßt ihm aus die ſchweren Seufzer ?
Er beweinet feiner Brüder
Blut'gen Tod nach bittern Leiden,
Nah dem thränenreichen Sammer
In dem ſchweren Sklavenjoche.
Mardus lieſt's im Wolkenſaume,
Sieht's am Himmel abgebildet. * 140
— — — —
Anm. Die mit Sternchen ein eſchlofſſenen Stellen find bier wie überall
im Buche feibfteigene Worte auß Eftnffchen ra —
Aum Rerftändniß.
Kummer birgt ſich gern im Zinftern,
Schmerz Tiebt tief fi zu veriteden, —
Und der Sänger ſucht mit Mühe
Licht, wo dunfle Schatten walten.
Doch die trüben Wolkengeifter,
Eingehüllt in Nebelfchleier,,
Nah’n in ungewiffen Schritten
* Und verkünden blut'ge Kämpfe,
Schwerterfpiel im Handgemenge,
150 Keulentanz im Mordgewühle
Und der gier’gen Flamme Wüthen
Sn den Wohnungen des Hungers,
In den peftverheerten Dörfern,
Singen nur in Zrauerliedern
Bon der Kummertage Seufjern,
Bon der Marterzeiten Thränen. *
Für des Vaterlandes Freiheit
Kämpfend mit den Unterdrüdern
Wurden ‘ganze Heldenftämme,
160. Die Bewohner ganzer Gauen
Hingemäht in grauer Vorzeit.
“ Welches Elend fie erlitten,
Welchen Qualen fie erlagen,
D das bleibt uns ewig heilig,
Bleibt und ewig unvergeßlich. *
Dben in Attvaters Wohnung
In Gefellfhaft weifer Götter
Sagen fräffige Männer einftmals,
170 Helden, die zu Gaſt gekommen,
Um den Zeuerherd gelagert
Und gedachten alter Zeiten.
Kalew's Sohn, der Starken Stärffter,
Weltberühmter Königsfprößling,
Saß in diefer Männer Mitte
Auf die Hand geftüßt die Wange
Und vernahm der Sänger Lieder
Und der Harfenfpieler Weifen,
Die von feinen Heldenthaten,
Zum Verſtaͤndniß.
Eeinen Abenteuern jangen,
. eine Wunderkämpfe priefen
Und die rief’ge Kraft des Leibes,
Die er bis zur leßten Etunde
Seines Lebens ſich bemahret —
Alles, wie fies einit vernommen
Aus den längſt verfiung’nen Sagen,
Ward mit goldnen Dichterworten
Dort beim Feuerſchein befungen.
*O ſchon werd ih Worte finden,
Werde goldne Fäden fpinnen,
Dazu Silberfiten dıeben
Und auf Kupferipuhlen winden,
Die fih zum Gewebe fügen,
Bo Geftalten fih bewegen,
Abenteuer fihhtbur werden,
Große Thaten fich verkörpern. *
Sieb’, im dunfeln Schooß des Waldes,
In dem Echatten dichter Büſche,
Unterm Schug von Thränenerlen
Meberragt ven Trauerbirken
Heben fieben Zodtenhügel,
Sieben moo8bededte Gräber
Sidy empor von wüſtem Anſehn,
Nicht von Enfeln unterhalten,
Nicht geſchmückt von Freundeshänden,
Nicht bewacht von treuer Sorgfalt,
Noch gepflegt von zarter Liebe.
* Eines birgt des Kummers Thränen,
Eines dedt der Knechtſchaft Feſſeln,
Eines die gefall’nen Krieger.
In dem vierten ſchlaͤft der Hunger,
In dem fünften die Entehrung,
In dem fehsten und im leßten
Ruh'n der Peſt und Seuchen Opfer. *
Bor dem Sammer feiner Vorzeit
Fand der Ehſte endlich Rettung
Unter Rußlands Adlerfittig. —
180
190
210
10
220
30
240
Zum Berftändnig.
Führt dich einft des Glüdes Zufall
Dder zarter Elfen Lodung
Oder Mardus' Hilferufen
Zu den ſieben Todtenhügeln,
Dieſen dichtbemoosten Gräbern:
»O fo pflanze, Sohn, zu Ehren
Deines Baters dort ein Bäumchen,
Deiner Mutter eine Blume,
Einen Rofenftrand der Schweiter,
Für den Bruder einen Kirſchbaum,
Einen Faulbaum für den Nachbar.
Leo? die Pflanzung an mit Eorgfalt,
Laß die Wurzeln Nahrung finden
In der angemeßnen Tiefe,
Dap die Pflänzchen fröhlich wachjen
Und mit ihrer Blürhenfülle
Eine Zierde fein der Gräber
Und ein Schmuck der Schlummerftätten,
Der fie frifch und neu erhalte
Als ein Denkmal theurer Zodten.*
Pen bedeckt der NRafenhügel,
Weſſen Rubftatt ift Das Grab dort?
Rafenhügel, Grabes Ruhſtatt,
Modergruft im Schooß der Erde
Birgt die theuren Zeugen alle
Unſrer laͤngſt entſchwundnen Vorzeit,
Unfres einſtgen Glückes Blüthen,
Unſre alten reichen Sagen,
Unſrer ſchönen Vorzeit Lieder.
In dem Mutterſchooß der Zeiten
Birgt die Decke des Vergeſſens,
Huͤllt der Mantel des Betruges
Und verſteckt der Wahn der Blindheit
Alles, was die Peſt gewürget,
Was die Graufamfeit gemordet,
Was das biut’ge Schwert erichlagen,
Hingeftredt aufs Bett des Todes,
Wo es in der Tiefe fhlummert.
Zum Verftändniß.
Einf in meinen jungen Zahren -
Als ich noch mit Knabenſinne
Munter unfrer Heerde nadlief,
Auf dem Anger Kurni fpielte,
Mid als kecken Schaufler zeigte —
Traf ſich's, daß ich fohlummermüde
An. dem Feuer einer Nachthut
Eingeſchlafen war im Buſche
Unmweit unferd SanisStädtchens.
Unter fügen Bonnefchauern
Sah ich lebende Seftalten
Sich im Zraumgefiht bewegen,
Das in wunderbaren Bildern
Bor des Schläfers Augen aufging.
Kräft'ge Krieger, edle Greife,
Heitre jugendliche Sänger,
Kunſtgeübte Harfenfpieler,
Schoͤne goldgelodte Jungfraun
Schwebten von den Todtenhügeln,
Um am mitternächt’gen Feſte
Einen Reigen aufzuführen.
Kaum berührten ihre Füße
Schüchtern leifen Tritts den Nufen,
AlS fie immer näher famen
Und mit Winfen und Gebertden
In mich drangen, mid) bejtürmten,
Daß ich in.den Schlaf fie fünge.
Schlummert denn, vergeßne Wefen,
Schlaft, verwitterte Geftulten !
Schlafet einen goldnen Echlummer,
Bis eudy einft in beffern Tagen
Eine fhön’re Morgenröthe
Auferwedt in Taara's Hallen !
*Sünglinge, mannhafte Sproffen,
Bierlands und Jerwens Erzeugte,
Harrien’s Tieblihe Schweitern,
Pernau's zierliche Mägdlein,
Strand» und Inſelbewohner,
U
11
12
310
gum Verſtaͤndniß.
Hoͤret, o hört meine Worte!
Aelterer Jahre Geſtalten,
Schatten verklungener Vorzeit,
Frühere glückliche Tage,
Längſt getrocknete Thränen,
Einſtige goldene Sagen,
Lieder verſchollener Sänger
Zauchen auf in meiner Seele
“ Und entflanmen meine Blide.*
Höret mich begeiftert fingen
Bon des Salewiden Eagen,
Bon des Alewiden Thaten,
Bon des Olewiden Werfen,
Bon des Sulewiden Schidjal :
*Wie mir’ bald die Eberefche,
Bald des Faulbaums Blüthendolden,
Bald der Stamm der Taaraeiche,
Wie mir’d manche Zauberformel,
Manches Wort aus grauer Vorzeit,
Sept der Leibgurt Wannemuinens,
Jutta's Haar jeßt zugeflüftert.*
Alles, was ich aufgelanmelt,
Oft der Wind mir zugetragen,
Spann id) aus in zurte Fäden
Und verwebte fie zum Bilde,
Das den Kalewiden darftellt.
Erſter Gefang.
Sr, du beredter Eänger,
Lenke des Geſanges Schifflein,
Deiner Lieder ſchlankes Fahrzeug,
Ken?’ es dorthin an das Ufer,
Wo die Adler goldne Worte,
Wo die Raben Silbermährchen,
Schwäne kupferne Gefänge
Alter Zeit verborgen haben,
Ausgeftreut in frühern Zagen. -
Zhuet fund, ihr Flugen Vögel,
Saget's laut, ihr Meereswogen,
Winde, theure, offenbaret’s :
Wo der Kalewiden Wiege,
Wo der Helden Yugendftätte,
Ihre Heimath ift zu finden ?
Singe, Sänger, ei fo finge !
Barum fingft du niht? Du fehweigeft !
Singen foll ih Trauervogel!
Kann ich's — mit gebrochnem Herzen ?
Meine Jugend ift gefchwunden,
Liegt umraufcht von Zrauerbirfen
Hingewelkt im Haidefraute !
Als ich mit der MWeidenflöte
Sauchzend noch durchftrich die Auen,
Meiner Lieder Silberfüden
Sich zu Goldgeweben fügten,
Wuß! ich fcherzhaft mir zu deuten
Die geheimen Wunderfräfte
In der Elemente WBalten.
Windesmutter regt die Flügel:
Und der Sturm bricht durch die Wälder,
Zwingt die Wogen aufzubraufen
Und das weite Meer zu peitfchen,
Zreibt mit Blig und Donnerfhhlägen
Bor fich her die fcheuen Wolten.*
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40
70
Erſter Geſang.
Sah ich von beblümten Hügeln
In der lieben Sonne Antlig,
Gleich ermahten in der Seele -
Mir die Bilder alter Zeiten.
“Nicht fo ſchweigſam, muntre Bächlein,
Kommt, erzählt mir, traute Hügel,
Wälder, müßt ja Vieles wiflen, _
Habt fo viel gefehn, ihr Haine !*
Glänzend bricht das Lied die Bahn fid,
Wie die Sonne dringt durch Wolfen,
Dringt durh Mark und Bein erwärmend,
Führt die Seele zur Begeif’rung.
In der Ferne fieht mein Geift fhon
Dort die Burg der Kalewiden,
"Rund umpflanzt mit mädt’gen Eichen,
Die ſich an die Mauer fhmiegen
Untermiſcht mit Baulbaumbüfchen.*
Ich vernehme fhon das Rauſchen
Don den breiten Meeredwogen,
Die fih an dem Felſen brechen,
Den fein Sturm nody je erfchüttert,
Kein Orkan zum Weichen bradte,
Keine Springfluth je zum Wanfen.
Laßt uns denn die Worte wenden
Auf den Pfad der alten Sage,
Auf der Eifenzeiten Fußfteg !
In dem Land der Kalewiden
Fand man fonft vom Götterftamme
Sproffen bier und da in Dörfern
Und in Einzeihöfen fprießen,
Die als Pflänzchen höh’rer Weſen,
Als die Nachzucht kräft'ger Helden
Aus dem Schooß von Landestoͤchtern
In die Welt getreten waren.
Weitberühmte Götterföhne,
Große Meiſter in den Künſten
Und Vollbringer großer Thaten
Ließen zu der Menſchen Töchtern
Erſter Belang.
Sich herab mit ihrer Kiebe,
Und der Leib der ſchlanken Mägdlein
Wölbte fih zum Mutterfchooße.
Solcher Goͤtterlieb' entiproß auch
Das Gefchlecht der Kalewiden,
Diefer riefgen Eifenmänner,
*H0h im Norden bob ein Hausftand
Sich empor aus Felfentrünmern
Dicht an Taara's Eichenhaine,
Halb verftedt im Waldesdunfel,
Halb begränzt von offner Fläche.
Hier entfprang ein Knabendreiblatt,
Kräft'ge Brut aus Götterfumen.
Einer wanderte nah Rußland,
Nach dem Nordland zog der andre,
Auf den Rüden eines Adlers
Schwang der dritte fid) der Brüder.
Der nad) Rußland ausgewandert,
Buchs heran zum tücht’gen Kaufmann
Und gefchidten Bortenweber ;
Der nad) Nordland war gezogen,
Ward ein Krieger, der die Streitart
Kräftiglich zu führen wußte.
Der ſich auf des Adlers Rüden
Zum Emporflug aufgefhwungen,
Führt' ein vielbewegtes Leben,
Drang nah Süden und nad Oſten
Bor auf feinem Adlerfluge,
Kreuzte die Gewäſſer Finlands
Und durchſtrich der Wiek und Wierlands
Unwirtbbare Meeresfluthen,
Bis fih fein Geſchick erfüllte
Und nad) Gottes weifer Fügung
Ihn fein Aar am Felfenftrande
Wierlands unfanft niederfegte.*
Kaum in unfer Land getragen
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110
140
Erfter Geſang.
Map er feines Reiches Gränzen
Corgfam aus in weitem Umfang
Und erbaute fih den Wohnfig,
Wo die Zügel der Regierung
Eid) in fräftger Hand vereinten.
- Mehr berichten unfre Auen,
Mehr auch unfre weiten Moore
Nichts in alten Liederfagen
Ueber Vater Kalew's Walten,
ALS den Anfang feiner Herrfchaft.
Wie er um die Braut geworben,
Um als Weib fie heimzuführen,
Davon fingt nur eine Sage:
Aus den Ehftendörfern Plesfau’s,
Und. wir geben, was wir hörten,
Mit den überfommnen Worten.
“In der Wiek lebt' eine Wittwe,
Jugendlich, doch ftil und einjam
Wie ein unbewohntes Stübchen,
Wie ein Hüttchen ohne Schirmdach.
Auf der Viehtrift ſchritt fie Sonntags
Und, wie es ſich fügte, fonft auch
Sorgſam felbft der Heerde folgend.
Und was fand fie einft am Wege,
Auf der Trift in Rinderfpuren, -
Auf den Schaukelplatz des Dorfes ?
Fand das Küchlein an dem Wege,
Fand das Birkhuhnei im Huftritt,
Bor dem Dorf die junge Strähe.
Und die Wittwe nahm das Küchlein
Und verbarg das Ei im Bufen,
Nahın fie, um die Wittwentrauer
Und den langen Echmerz zu fühnen,
Mit nah Haufe zum Erxziehen,
Und die junge Krähe warf fie
Auch nod mit in ihre Schürze.
Erſter Geſang
Alle Drei brach' fie nah Haufe,
Zrug fie in die nahe Kleete,
Die von Steinen aufgebaut war,
Und ergriff den Korb mit Wolle,
Machte drin zurecht ein Brutneft
Für das Ei und .für das Hühnchen
Und verfchloß fodann den Dede.
. Und nachdem fie diefen Brutforb
Auf des Kaſtens Rand gehoben,
Warf fie auch die junge Kraͤhe
An den Binfel hinterm SKaften.
Brütend ward das Hühndyen größer,
Bald erreicht? es fchon den Dedel
Eipend auf dem Ei des Birfhuhns.
Und es wuchs, ward immer größer,
Wuchs Bis in den dritten Monat,
Wuchs auch noch vom vierten Monat
Ein’ge Tage in die Höhe.
Muß doch in die Kleete gehen
Meine Pfleglinge zu ſchauen!
Ei, was fand fie unterm Dedel?
Statt des Huhns ein ſchönes Mägdlein,
Statt des Ei's ein zweites Mägdlein.
So war Salme aus dem Küchlein,
Linda aus dem Ei entftanden.
Was war aus der jungen Krähe
Hinterm Kaften denn geworden ?
Ah, ein armes Waiſenmädchen,
Cclavin für des Tages Mühen,
Bränder auf dem Herd zu fehüren,
Unterm Eimerjoch zu Feuchen !
Salme ward beftürmt von Freiern.
Fünf und fechs, die brachten Branntwein,
Sieben fandten Werbeboten,
Acht geheime Kundfchaftsboten.
Endlich famen hohe Freier :
Erft der Mond und dann die Sonne,
Endlih auch der Sternenknabe.
170
18
1%
210
Erfter Belang.
Mondesfreier, noch ein Züngling,
Schmädtig, zart, von bleicher Farbe,
Kam heran mit funfzig Roffen
Und mit fechzig Roffelenfern.
Salme wünfcht er fih zum Weibe,
Will die Sungfrau fich verloben.
Salme hörte fein Begehren
Nur von Kerne aus der Kleete,
Rief von dort ihm zu die Antwort :
„Wünſch' den Mond mir nicht zum Gatten,
Mag ihn nicht, den Nachtbeleuchter !
Er hat mir zu viel der Aemter,
Biel noch nebenher zu fchaffen.
Bald erfcheint er noch vor Tage,
Bald des Abends fpät am Himmel,
Bald erft wenn die Sonne aufgeht.
Bald ermüdet er ſchon Morgens,
Eh’ der Tag noch angebrochen,
Manchmal hält bei Zag’ er Wache,
Zauert am Himmel bis zum Mittag.“
Zraurig ging der Mond nad) Haufe,
Sah fo bleich herab beim Weggehn.
Drauf erfchien der Eonnenfreier
Als ein Jüngling feur’gen Blickes,
Kam heran mit funfzig Roffen
Und mit ſechzig Roffelenfern.
Salme wünſcht er fih zum Weibe,
Wil die Jungfrau fid) verloben.
Salme hört e8 und ermwidert :
„Wollt' den Mond ich nicht zum Gatten,
Mag noch wen’ger ich die Sonne !
Viel zu unbeftändig ift fie,
Immerfort verändert fie fich.
Menn fie manchmal heiß gefihienen,
Wechſelt plöglich fie das Wetter.
Mitten in der fchönften Heuzeit
Meberrafcht fie und mit Regen ;
Will man eben Hafer fäeı,
Erſter Geſang⸗ 19
Dann gerade bringt ſie Duͤrre,
Läßt die Haferſaat verfommen,
Dörrt die Gerſte in der Erde,
Beugt den Flachs im Halm darnieder,
Drückt die Erbſen in die Furchen,
Läßt das Haidekorn nicht wachſen,
Schoten nicht die Linſen bringen.
Wenn der Roggen weiß zur Ernte,
Glüht fie und verſagt den Nebel 20
Dder laßt den Regen ftrömen.*
Tief gefränft verſchwand die Sonne,
Glühte feurigroth im Abgehn
Und erzitterte vor Zornwuth. .
Endlih kam der dritte Freier,
Nahte fi) der Sternenfnabe,
Des PVolarfterns ältftes Söhnen,
Auch mit funfzig feur'gen Roffen
Und mit ſechzig Roffelenkern.
Salme wünfht aud er zum Weibe, 20
Bill die Jungfrau fi) vermählen,
Schnell rief Salme aus der Kleete,
Eprad aus ihrer Kleiderkammer:
„Führt das Roß des Sternenknaben
In den Stall zur beſten Raufe,
Wo der Milchtrank ſchon bereitet,
Wo die Waͤnde, ſchoͤn geglättet,
Nicht das Thier verletzen können.
Werft ihm reichlich dufl'ges Heu vor,
Bringt ihm von dem beſten Hafer, 230
Zräntt es mit dem reinſten Tranfe,
Miſchet reichlich Mehl darunter,
Quirlt e8 af zu weißem Schneefhaum.
Bettet es im feinften Linnen,
- Gebt ihm ein bequemes Lager
Und bededP3 mit feidner Dede.
Ruhen muß fein Kopf in Sammet
Und in Haferfpreu die Hufen.
Diefen Freier will ich nehmen,
3*
20
270
Erſter Gefand.
Meine Hand den Sterne reichen,
Wil ihm treue Gattin werden.
Sternenauge blinft fo heiter,
Steriienfinn ift fo beftändig !
Sterne thun der Saat fein Xeides
Und verderben feine Ernte.
„Sept den Sternenfreier gaftlich
An die reingewafchne Tafel,
Daß er an die Wand den Rüden,
- Auf die Bank die Füße ftüße,
Und bededt die breite Tufel
Mit noch nie gebrauchtem Tiſchtuch.
Tragt dann auf die beiten Fifche,
Stellt dem Gaft das Fleiſch recht nahe,
Bietet ihm die zartften Palten,
Auch recht oft von Hochzeitäfuchen
Und den beften Lindenhenig.
Bier im Kruge darf nicht fehlen,
Noch: der füße Meth in Becher.”
Und man Ind den Stern in's Zimmer,
Bat am Tiſch ihn Plag zu nehmen
Und es ſprach die Wittwe alfo :
„Sb, mein Sterndyen, trink, mein Sternchen,
Sei, mein Sternchen, heitern Sinnes!“
Heftig aufgeregt, daß rafſelnd
Schmuck und Waffen ſich berührten
Und die mächt'gen Sporen klirrten,
Sprach der Stern Ten Boden flampfend :
„Mütterchen, ich will nicht eflen,
Mag, o Mütterchen, nicht trinfen,
Kann nicht heitern Sinnes werden,
Wenn ihr nicht mein Liebchen herbringt,
Salme nicht bei mir erſcheinet.“
Salme höret fein Begehren,
Hört den Wunfc des Sternenfreierd
Und erwidert aus der Kleete,
Aus der Ferne alfo fprehend: —
„Zrauter mein, du füßer Knabe,
Erſter Befang. 21
Lieber Gaſt aus weiter Ferne,
Gabft du Zeit mir aufzuwachfen,
Zeit mir groß und fchön zu werden, — 300
Ei fo gieb der Salme Zeit auch
Sich zu kleiden, fih zu fchmüden !
„Eile, Linda, raſchen Laufes,
Fliege, Schwefterchen, zur Sammer,
Zu dem Koffer mit dem Brautfhmud !
Bringe mir die wollnen Röcke
Und die zarten Seidenhemdchen
Mit den goldgewirkten Nerneln,
Strümpfe mit den bunten Zwideln,
Linnentücher goldgeflittert, 310
Seidentücher buntgewürfelt !«
Nochmals bat aus ihrer Ede,
Aus der Kammer ihn die Wirthin:
„36, mein Sternchen, trink, mein Sternchen,
Sei, mein Sternchen, heitern Sinnes,
Frohe Zage ftehn bevor Dir!“
Sternenfreier hört’ die Worte
Und erwiderte befänftigt :-
„Kann nicht efien, Tann nicht trinken,
Kann nicht heitern Sinnes werden 329
Ob der künft'gen frohen Tage,
Bis mein Liebchen ich geſehen.“
Darauf bat die Wirthin wieder:
„Willſt, mein Sternchen, etwa ſchlafen,
Dich vielleicht zur Ruh' begeben?“
Ohne Jaudern ſprach der Freier,
Sprach der Stern die klugen Worte:
„Bill, o Muͤtterchen, nicht ſchlafen, =
Bill und kann der Ruh? nicht pflegen.
Sternenauge fchlummert nimmer, 3%
Schließet nie die müden Lider,
Senkt die Wimpern nie zum Schlafe.
Bringt mein Liebchen her in's Zimmer,
Laßt mir Salme hier erfcheinen,
Will mein liebes Hühnchen fehen !“
370
Grfter Geſang.
Darauf brachte man die Brant ihm,
Führte Salme in das Zimmer.
Und die Wittwe fannte fie nicht,
Kannte nicht das eigne Pflegkind,
Das in der verborg’nen Sammer
Einft der Hansgeift umgebildet,
Aufgefhmüct die Waldesnymphen.
Drum die Wittwe zweifelnd fragte:
„ft der Mond es, iſt's die Sonne,
Iſt es eine Nebeljungfrau ?
Ausgerüftet ward die Hodjzeit
Und man [ud der Gäfte viele
An dem Feſte theilzunehmen.
Denn die Eiche auf der Gränze
Und die Erle in dem Städtchen
Fanden fih mit ihren Wurzeln,
Mit den Gipfeln bier zufammen.
Und fie fehwenkten fih im Kreuztanz,
Taumelten im Wierſchen Wirbel,
Daß der Kiesſand Funfen ſprühte
Und der Aeſtrich ächzend dröhnte !
Sternentna$ und Jungfrau Salme
Hielten luſtig ihre Hochzeit!
Kam der Mond zum zweitenmale
Auf den lauten Hochzeitsjubel
An das Haus der Wiekſchen Wirthin,
Kam heran mit funfzig Roſſen
Und mit fechzig Roſſelenkern,
Wollte nun die Birkhuhnsjungfrau,
Linda, fih zur Braut gewinnen.
Und die Hochzeitsburſche priefen
Und auch Salme diefen Freier ;
Aber Linda mocht' den Mond nicht
Und ließ alfo aus der Baditub,
Bon dem Lager, wo fie ruhte,
Bon dem Flanme fl) vernehmen :
„Nicht den Mond will id) zum Gatten,
Nicht der Nächte König mag ih !
Erfter Geſang.
Sechs der Nemter muß er pflegen,
Außerdem noch fünf befondre
Und ein Dugend Nebenämter;
Manchmal ficht er früh am Himmel,
Manchmal wenn’s fhon Tag geworden.
Bald verfinft er in dem Nebel,
Hüllt fih in des Thaues Schleier,
Bald verbirgt er fih in Wolfen.
Einmal kommt er mit der Dämm’rung,
Einmal wenn fie fhon begonnen,
Sa er kommt auch manchmal garnicht,
Läßt das Reich ganz ohne Wächter.“
Traurig ging der Mond von dannen.
Kummer fprach aus feinen Zügen,
Ziefer Schmerz aus feinen Bliden.
Und fie fchwenkten fih im Kreuztanz,
Zaumelten im Wierſchen Wirbel,
Naften in dem Harrifhen Hopfer,
Das der Kiesfand Funken ſpruͤhte
Und der Aeftrich ächzend dröhnte.
Sternenfnab’ und Sungfrau Salme
Hielten Iuftig ihre Hochzeit!
Da kam auch der zweite Freier
Auf den lauten Hochzeitsjubel
Noch einmal fein Glück zu proben,
Kam die Sonne zu dem Feſte,
Kam mit funfzig muth’gen Roffen
Und mit fechzig Roſſelenkern,
Selbft zu Roß auf feurtgem Hengſte,
Wünſchte Linda zu gewinnen,
Birkhuhnsjungfrau fi zum Weibe;
Und die Hochzeitsburſche priefen
Und auch Salme diefen Freier;
Aber Linda dachte anders
Und ließ aus der Badftub? alfo
Bon dem Lager, wo fie rubte,
Bon dem Flaume fi) vernehmen :
„Mag die Sonne nicht zum Wanne,
410
24
40
Erfter @efang.
- Mag ihn nicht, den Herrn des Tages !
Biel des Böfen thut die Eonne:
Hemmt den lache in feinem Wachsthum,
Bringt der Haferfaat Berderben,
KXäßt die Gerfte nicht gedeihen,
Läßt das MWeizenfeld verdorren
Und das Noggenfeld verfümmern ;
Brennt den ganzen langen Sommer,
Heizt im Winter nicht die Stube.«
Schnaufend wand fih ab die Sonne,
Sprühte zornig Feuergluthen.
Und fie ſchwenkten fich im. Kreuztanz,
Zaumelten im Wierſchen Wirbel, -
Raften in dem Harrifchen Hopfer,
‚Wütheten im Wiekſchen Walzer,
Daß der Kiesfand Funken fprüfte
Und der Aeſtrich ächzend dröhnte.
Sternenfnab’ und Jungfrau Salme
Hielten Iuftig ihre Hochzeit !
Da erfchien der dritte Freier
Auf den lauten Hochzeitsjubel,
Wogt’ heran der Wafferfreier,
Kam mit funfzig glatten Roffen
Und mit fechzig Roſſelenkern
Hoch zu Roß auf einen Schimmel,
Wünfchte Linda zu gewinnen,
Birkhuhnsjungfrau fih zum Weibe.
Salme und die Hochzeitsburſche
Priefen laut den Wogenfönig;
Aber Linda war dem Waſſer
Nicht fo hold; drum aus der Badftub’
Bon dem weichen Lager ſprach' fie,
Bon dem Pfüble diefe Worte:
„Waſſerfreier mag nur gehen,
Will ihn nicht zu meinem Gatten !
Schrediih ift der Wogen Rauſchen,
Furchtbar ift des Meeres Tiefe,
Erſter Geſabu
Sparſam rieſelt nur die Quelle
Und der Strom ſchwelgt im Verſchwenden.“ 450
Waſſerfreier, nah dem Weinen,
Wälzte ſich betrübt nach Hauſe,
Rauſchte traurig durch die Pforte.
Und fie ſchwenkten ſich im Kreuztanz,
Taumelten im Wierſchen Wirbel,
Raften in dem Harriſchen Hopſer,
Wütheten im Wiekſchen Walzer,
Tobten in dem Jerwſchen Juchzer,
Daß der Hiesfand Funken fprühte
Und der Aeſtrich ächzend dröhnte! 400
Sternenknab' und Jungfrau Salme
Hielten luſtig ihre Hochzeit!
Kam heran der vierte Freier
Auf den lauten Hochzeitsjubel,
Kam der Wind herangewirbelt.
Mit fih führt er funfzig Roſſe,
Rofjelenter waren fechzig,
Und den Sturmhengft ritt er felber.
Wünſchte Linda zu gewinnen,
Birfhuhnstöchterhen zum Weibe. 470
Alle Hoczeitöburfche priefen
Und auch Salme diefen Freier ;
Aber Linda dachte anders,
Wollte nicht den Wind zum Manne,
Darum rief fie aus der Badftub?,
Rief ihm zu von ihrem Lager,
Sprad von ihrem meirhen Pfühle:
„Mag mich nicht dem Wind vermähfen,
Bil den Luffgen nicht zum Manne !
D wie kann des Windes Heulen, 480
Wie das Toben der Orkane
Zarten Frauen je gefallen !«
Zifhend zog der Wind von dannen,
Doch der Kummer nagt? nicht fange
An des wind’gen Freiers Herzen.
Und fie fhwentten fih im Kreuztanz,
26
4%
510
520
Erſter Geſang.
Taumelten im Wierſchen Wirbel,
Raſſten in dem Harriſchen Hopſer,
Wütheten im Wiekſchen Walzer,
Tobten in dem Jerwſchen Juchzer,
Drehten fich im Dörptſchen Dreitakt,
Daß der Kiesſand Funken ſprühte
Und der Aecſtrich ächzend droöͤhnte!
Sternenknab' und Jungfrau Salme
Hielten luſtig ihre Hochzeit!
Kam heran der fünfte Freier
Auf den lauten Hochzeitsjubel
An der Wiekſchen Wirthin Pforte,
Kam des Kunglakönigs Erbe,
Kam mit funfzig ſchmucken Roſſen
Und mit ſechzig Roſſelenkern,
Selber einen Goldhengſt reitend,
Wollte Linda ſich gewinnen,
Birkhuhnstöchterhen zum Weibe.
Ale Hochzeitögäfte ſtimmten,
Auch die Schweſter, für den Freier.
Linda felbft verſchmaͤht' auch diefen
Und erwidert' aus der Badſtub',
Bon dem Lager, mo fie ruhte,
Don dem weichen Pfühle alfo :
„Nein, ich nehme feinen König,
Mag des Kunglakönigs Sohn nicht:
Boͤſe Töchter hat der König, |
Die den Fremdling haflen würden.”
Kunglakönigs Sohn erbofte
Und ging flubend aus der Pforte.
Und fie ſchwenkten fih im Kreuztanz,
Zaumelten im Wierfhen Wirbel,
Naften in dem Harriſchen Hopfer,
MWütheten im Wiekſchen Walzer,
Tobten in dem Jerwſchen Juchzer,
Drehten fi im Doͤrptſchen Dreitakt,
Jeder zeigte, was er konnte,
Erfter Befang.
Daß der Kiesfand Funken fprühte
Und der Aeftrih ächzend Dröhnte !
Sternenfnab’ und Jungfrau Salme
Hielten luſtig ihre Hochzeit !
Da erfchien der ſechste Freier
Auf den lauten Hochzeitsjubel,
Kam der riefenfräfttge Kalew,
Auch mit funfzig tücht'gen Kleppern
Und mit fehzig Pferdefnechten,
Ritt heran auf feur’gem Hengfte
Und bewarb um Linda's Hand fi,
Wünfht das Birkhuhnskind zum Weide,
Alle Hochzeitsgäfte murrten,
Auch die Wittwe war dawider ;
Aber Linda fühlte anders !
Linda rief aus ihrer Badſtub',
Sprach herab von ihrem Lager,
Von dem weichen Pfühle alſo:
„Dieſer tft nach meinem Sinue,
Diefen nehm? ich gern zum Manne !«
Kalew ward nun eingeladen
An dem Tifche Plag zu nehmen,
An dem reingewafchnen Tiſche
Auf dem Sige an der Holzwand,
Die mit Linnen weiß behängt war;
Bor ihm ftand die Silberkanne
Und der blanfe goldne Becher
Angefüllt mit füßem Trante,
Dben Schaum und unten Honig,
Bier, fo roth wie Blut, dazwiſchen.
Brot zu nehmen, bat Die Wittwe,
Salme, feinen Mund zu negen:
„Gfiet, Kalew, trinfet, Kalew,
Raft’8 an unſerm Tifch euch ſchmecken,
Trinft aus unferm Hochzeitsguge,
Aus der bunten Branntweinsfanne !
Freut euch, Kalew, frent euch mit uns
An dem frohen Hochzeitöfefte !«
540
27
28
570
Erſter Geſang.
Kalew, innerlich erbebend,
Daß das Schwert in ſeiner Scheide
Und die Kette und die Sporen,
Ja das Gold im Beutel, klirrten,
Sprach doch mit Bedacht die Worte:
„Mütterchen, ich mag nicht eſſen,
Mag nicht trinken, junges Weibchen,
Mag nicht koſten eure Speiſen,
Euren Branntwein nicht verfuchen,
Kann nicht froh fein mit den Frohen;
Bringt mein Liebchen erft in's Zimmer,
Zafjet Linda hier erjcheinen,
Hier im frohen Hochzeitäfreife !«
Linda hört’ e8 und erwidert :
„Trauter mein, du holder Züngling,
Gabſt du Zeit mir groß zu werden,
Ließt geduldig mich zur Jungfrau, :
Mich, dein braunes Mädchen, aufblühn:
Sieb auch Zeit jegt, mich zu fchmüden !
Baterlofe ſchmückt fih langſam,
Mutterloje darf wicht eilen,
Brauchet Zeit, um fid) zu gürten,
Zeit, die Aermel aufzufraufen;
Keine Mutter hilft mich ſchmücken,
Stehet rathend mir zur Geite,
Kleinen Glückwunſch bringt ein Blutsfreund,
Keine Schwefter theilt die Sorgen.
Weiber feh’ ich aus dem Dorfe,
Alte Frauen mich bedienen.
Lau ift nur des Dorfes Glückwunſch,
Fremde Herzen find von Eifen.“
Kalew trank nicht einen Tropfen,
Gtärfte fi mit feinem Biffen,
Nahm nicht Theil am Hochzeitäjubel.
Linda's Stimme aus der Kleete
Ließ jebt bittend fi) vernehmen :
„Komm, o Krähe, arme Waife,
Unbemerftes Sclavenmädchen,
Erſter Gefang.
Aufgewachſen hinterm Kaſten, — 600
Flieg' in Teichtbefchwingten Schritten
Hin zu meinem Kleiderfaften !
Bring’ das nene Nebelhemd mir,
Um den fchlanfen Leib zu deden,
Hemdchen, weiß wie Birfenginde,
Weißer, ald der fchlunfe Leib noch;
Bringe den Befag von Perlen,
Um des Hemdchens Saum zu frängen;
Aud den buntgeblünten bringe,
Für den Saum des Unterrödchens ; 610
Und den abornblüthnen Gürtel,
Daß id meine Lenden gürte
Oberhalb der Schwanenhüften ;
Und das ausgenähte Mieder,
Um den Bufen zu verhüllen;
Und das fchuppenfarbne Tüchlein,
Daß ich's übern Saum des Mieders
Um den zarten Hals mir fchlinge 5
Und den Rod, den goldgewirkten,
Und den goldbetreßten Kopfſchmuck!“ 620
Aus der Kammer bat die Wirthin,
Bat die Pflegemutter freundlich:
„Eſſet, Kalew, trinket, Kalew,
Nehmet, Kalew, frohen Antheil
An dem heitern Hochzeitsfeſte;
Sternenknab' und Jungfrau Salme
Halten lange frohe Hochzeit!“
Kalew hört' es und erwidernd
Sprach der ſtarke Mann mit Nachdruck:
„Mag nicht eſſen, mag nicht trinken, 630
Kann nicht frohen Antheil nehmen.
An dem heitern Hochzeitsfefte.
Bringt mein Liebchen in das Zimmer,
Her zur Stelle bringt mir Linda
Zu den frohen Hochzeitsgäften !-
Darauf brachte man das Mädchen,
Birkhuhnsjungfrau in das Zimmer *
30
670
Erſter Belang.
Zu den frohen Hochzeitsgäften.
Doch die Wirthin Fannte fie nicht,
Nicht die eigne Pflegetochter,
Die im Stillen in der Kammer
Einft der Hausgeift umgewandelt,
Waldesnymphen aroß gezogen.
Denn fie fragte voll VBerwundrung :
„Iſt der Mond es, iſt's die Sonne,
Iſt's des Abendſternes Tochter %-
Linda hört es und erwidert:
„Richt der Mond ifl’8, nicht die Sonne,
Nicht des Abendfternes Tochter,
ESift das Kind, das du erzogen,
Das dem Birkhuhnsei entfprungen.“
Kalew nahm das Kind zum Weibe,
Macht's zu feines Haufes Hühnchen,
Trug es ftet3 auf feinen Händen,
Kofrte zärtlich mit dem Liebling.
Ausgerüftet ward die Hochzeit
Und man Iud der Gäfte viele
An dem Feſte theilzunehmen ;
Denn die Eiche auf der Feldmark
Und die Erle in dem Städtchen
Fanden fi mit ihren Wurzeln,
Mit den Gipfeln bier zufammen.
Gebt im Kreuztanz euch die Hand,
Wirbelt Wieriſch luſtig fort,
Rapt im Harrifchen Hopfer zu,
Zliegt im Wielihen Walzer bin,
Laßt den Jerwſchen Juchzer fort,
Tanzt den eignen Dorfestanz,
Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird,
Den die Heerde kaum durchwatet,
Und die Preißelbeeren kniehoch
Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen!
Kalew hielt mit Sungfrau Linda
Unter Jubeln feine Hochzeit !
Sternenfnab’, zum Abzug fertig,
Erſter Befang.
Muß mit Salme von dem Kelle,
Bon dem Brautgemach fih trennen,
Das von alten Stügen eiligft
Und von dürren Erbienftangen
Man zur Hochzeit hergerichtet. 680
Und fo trat er vor die Wirthin,
Dankte für das Felt und fngte:
„Lebet wohl nun, liebe Mutter !
Lebet wohl, ihr Hochzeitsgüfte !
Lebe wohl, mein Schwager Salem !
Lebe wohl, du junge Schwefter !
Eure Salme nehm’ ich mit mir,
Mit mir fort das junge Wieſel:
Nie wird ihre Pflegemutter,
Nimmer fie die Schwefter fehen. 690
Weinet, Wierlands junge Männer,
Weinet, Wierlands junge Mädchen,
Sulme muß nun von euc fheiden,
Wird fich hinter Wolfen, bergen,
Wird, zum Sterne umgewandelt,
An dem Abendhimmel ſchimmern.“
Salme rief mit naffen Augen
Aus dem Schlitten noch die Worte:
„Mutter, Mutter, liebe Mutter, .
Muß für immer von dir fheiden 2700
Wie das Gaͤnschen aus der Heerde,
Wie das Birkhuhn aus der Kelte,
Wie der Schwan von den Geſpielen.
Deine Ente folgt dem Strome,
Tort bringt deinen Schwan der Schlitten,
Fort ſchwimmt längs dem Fluß dein Herzblatt,
Fort dein Herzblatt lingd dem Moore;
Nur ein Windhaud kommt zurüd dir,
Um dir Hilfe zuzufächeln!“
Aus dem Hofe rief die Schwefter, 710
Mütterlein aus ihrer Kammer
Und die Hausmagd von der Ede:
81
32
740
750
Erſter Geſang.
„Wohin bringt man unſre Salme,
Trägt der Habicht unſer Hühnchen ?*
Nur der Windhauch brachte Grüffe,
Sreudenthränen nur der Regen,
Zrauerfunde ach ! der Thau nur.
Nimmer kam fonft andre Botfchaft. —
Kalew's Hochzeit nahm indeffen
Munter ihren weitern Fortgang.
Gebt im Kreuztanz euch die Hand,
Wirbelt Wieriſch luſtig fort,
Raſſt im Harriſchen Hopſer zu,
Fliegt im Wiekſchen Walzer hin,
Laßt den Jerwſchen Juchzer fort,
Tanzt den eignen Dorfestanz,
Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird,
Den die Heerde kaum durchwatet,
Und die Preißelbeeren kniehoch
Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen!
Kalew hielt mit Jungfrau Linda
Unter Jubeln ſeine Hochzeit!
Während, Mägdlein, du hier ſchwaͤrmeſt,
Suchten Freier dich zu Haufe,
Fünf und ſechs mit Branntweinsfrügen,
Gieben fandten Werbeboten,
Acht geheime Kundfchaftsboten.
„Ei was kümmern mich die Freier !
Meines Bruders Pfoften werden
An der Pforte und am Brunnen
Müde nicht, das Pferd des Freiers
An dem Kupferzaum zu halten.
Und wenn auch noch mehr als einer,
Wenn and) fünf und fechje fämen,
Sieben Werbeboten ſchickten,
Acht geheime Kundſchaftsboten, —
Laßt fie alle, alle gehen,
Darf id) länger bier nur weilen!“
Gebt im Kreuztanz euch die Hand, -
Wirbelt Wierifch luſtig fort, j
⸗
Erſter Geſang.
Raſ't im Harriſchen Hopſer zu,
Fliegt im Wiekſchen Walzer hin,
Laßt den Jerwſchen Juchzer fort,
Tanzt den eignen Dorfestanz,
Bis der Aeſtrich zum Moraſt wird,
Den die Heerde kaum durchwatet,
Und die Preißelbeeren knieyoch
Durch der Tänzer Zeh'n gewachſen!
Kalew hielt mit Jungfrau Linda
Unter Jubeln ſeine Hochzeit! 760
„Komm, o Krähe, Waiſenmädchen,
Sclavin für des Tages Mühen,
Nur zur Arbeit auferzogen, ne
. Bring’ das Eimerjody zur Stelle,
Häng’ daran die Waſſereimer
Und bring’ Waffer aus dem Meere,
Schoͤpf' auch Waſſer aus dem Kiuffe
Und auch aus der Quelle hurtig !
Während fih die Eimer füllten,
Blieb gedanfenvoll ich fiben, 770
Schaute zu dem Spiel der Zifche,
Sah die Quappen flink fih wenden,
Für die Brut die Hechte forgen
Und die Bleierweibchen tändeln,
Und verweilte wohl ein Stündchen
Selbſtvergeſſen bei dem Spiele.
Endlich trieben mich die Töne
Aus dem Hochzeitsſaal zur Rückkehr,
Und die Wirthin, mir begegnend,
Sragte, wo die lange Nacht ich, 780
Wo den halben Tag vermeilet ?
„Ach du liebe, theure Mutter,
Kennft du denn der Jugend Art nicht,
Richt die Luft der Waifenfinder ?
Fünfmal fäumt man ohne Urſach,
Sechsmal fühlt man ſich gefeſſelt,
Siebenmal gehemmt die Schritte!
Sieh, ſo blieb ich träumend fißen,
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810
Erfter @efang.
Sah gedanfenlos in's Wafler,
Scaute zu dem Spiel der Fifche,
Sah die Quappen flink fi wenden,
Für die Brut die Hechte forgen
Und die Bleierweibchen tändeln,
Und verweilte wohl ein Stündehen
Selbſtvergeſſen bei dem Spiele.”
Gebt im Streuztung euch die Hand,
Tanzt den eignen Dorfestanz,
Bis der Aeftrih zum Moraft wird,
Den die Heerde faum durchwatet,
Und die Preißelbeeren kniehoch
Durch der Tänzer Zehn gewachfen !
Kalew ſchickt fih an zur Rückkehr,
Mahnet Linda aufzubredyen,
Birkhuhnstöchterchen an's Scheiden,
Seinen Schwan, die Luſt zu enden.
Linda rief auch von der Schwelle:
„Laufburſch, tränfe rafch Die Roſſe,
Hausknecht, lege das Gefchirr auf,
‚ Herold, wende du den Schlitten z
Mit den Fiemern unter’d Fenfter,
Mit den Seiten an die Schwelle,
Mit dem Rüden gegen Often!«
Darauf trat fie bin zur Wittwe,
Ahr den Abfchiedsgruß zu fagen:
„Lebe wohl, du theure Mutter,
Muß auf immer dich verluffen,
Muß ein Echwan von den Gefyielen,
Aus dem Horft ein Adler fcheiden.
Ah mir wird fo fehwer die Trennung
Don den Menfchen, die ich liebe,
Bon den trauten Plägchen allen,
Bon den liebgewordnen Höfen!
Muß mid von dem frohen Streije,
Bon dem Hochzeitöfeite trennen,
Darf nicht mehr mit euch die Mahlzeit
An der lauten Zufel theilen.”
Erfter Geſang.
Darauf fprang fie in den Schlüten,
In den Schlitten zu dem Gatteı,
Der mit feiner linfen Eeite
Warm ſich an fern Weibchen fihmiegte,
Mit dem rechten Zuße fteuernd.,
Kalew, mit den Sporen raffelnd,
Mit der golduen Kette klirrend
Sprach: „O Linda, meine Theure,
Was haft du zu Hauf’ vergeffen ?
Dreierlei haft du vergeflen :
Erft den Mond vor eurem Haufe,
-Und das ift dein alter Bater ;
Dann die Sonne vor der Kleete,
Und das ift dein alter Oheim;
Dann die Birken vor dem Zenfter,
Und das find die blüh’nden Brüder
Und die Bettern aus dem Wäldchen.” —
„Mag ich fie vergeflen haben,
Ufo wird mir fle erſetzen;
Bo ein Weg ift zum Betreten,
Bo ein Fußſteg an das Ziel führt,
Bird fich auch der Führer finden !-
Zraurig fah der Mond hernieder,
Trüben Blickes ſchien die Sonne,
Sahn die Birfen in das Fenſter.
Linda’ Herz ward wieder ruhig
Und vergaß die Trennungdfchmerzen,
Flog im Arme des Geliebten,
Unterm Schutz des theuren Gatten
Ueber weite Schneegefilde
Und durch Dichte Nadelwälder,
Zags im hellen Schein der Sonne,
Nahts vom Silbermond beleuchtet
Immer zu der Wohnung Kalew’s,
Ro in fliller feidner Kammer
. Ihr ein nettes Bettchen winkte
Ruh’ im weichen Flaum verfprechend. *
.
4*
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10
- Bieriter Geſang.
Wen mich's treibt ein Lied zu fingen,
Zreien Kauf dem Strom zu Taffen,
Der in alten Weiſen hinbrauft:
D dann hält mich feine Leine,
Hält mich feine, hemmt mich feine,
Sliegen nicht die Wolfenfegler,
Noch die Strahlenpfeile fehneller.
Dörfer laufchen meinen Worten,
Sinnend ſchaun mir nady.die Schlöffer,
Deutſche herchen gruppenweife
Und mit Mißgunſt ſelbſt die Städte. *
Um des Lebens jungen Mittag
Bor dem Wendepunkt der Jugend
War das Weib des edlen Kalem
Schon mit Früchten reich gefegnet,
Und es hatte Linda dann fchon
An der nimmer leeren Wiege
Kräftae Knaben eingefungen,
Kalew's treue Ebenbilder.
Als die Knaben an den Brüften
Ihrer liebereihen Mutter
Satt getrunken, rankten fuftig
Sie hinauf, den Hals der Mutter
Zu umklammern, an des Vaters
Breiter Bruft hinanzullettern,
Und errangen ſchnell die Freude,
Sicher auf den eignen Füßen,
Ihren Eltern ſchon zu dienen.
Von den Söhnen waren zwei noch
An des Vaters Lebensabend
Kleine Knäbchen bei den Eltern.
Alle andern waren längſt ſchon
Bald des Windes Führung folgend,
Zweiter Geſang.
Bald dem Pfad von Vöoͤgelſpuren
In die Fremde ausgewandert,
Einen Plag fih zu erfümpfen,
Eine Heimath fih zu gründen.
Denn das eingefchränkte Laͤndchen
Bot mit feinem magern Boden
Nicht für ale Raum zum Leben,
Konnte alle nicht ernähren.
Und was fonft das Leben heifchet
Für fo viele nicht‘ erzeugen.
Vater Kalew's Wille war es,
Wie er deutlich ausgeſprochen:
Sein erworbenes Beſitzthum
Einem Sohne nur als Erbe
Ungetheilt zu hinterlaſſen.
Ob auch Kalew's Soͤhne ſämmllich,
Hochgewachſen wie der Vater,
Sich durch ihre Leibesſtaäͤrke
Frühe ſchon bemerklich machten;
Einer doch vor allen andern
War das Ebenbild des Vaters,
Ueberragte alle Brüder
Bie an Wuchs und Kraft und Schönheit,
So an geiftiger Begabung :
Kalew's letztes zarte Neftlind,
Jener vaterlofe Spätling,
Welcher nad) des Vaters Zode
Erft das Licht der Welt erblidte.
Bon dem jüngften Sohne Kalew’s
Finden fih aud) jebt noch Spuren
In dem-Lande feiner Vaͤter,
Die fein Angedenfen fichern.
Eine von den vielen Sagen,
Die von diefem Riefenhelden
In dem Ehftenvolfe leben,
Nennt ihn unterfcheidend Sohni,
Während diefer Name nirgend
Sonft in alten Sagen vorkonmt.
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——
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Zweiter Geſang.
Ueberall pflegt man den Helden
Nur den Kalewsſohn zu nennen.
* Auf den Spuren diefes Sohnes
Werden muntre Bächlein murmeln,
Meereswogen leuchtend rauſchen,
Wolken vor dem Sturmwind fliehen,
Werden duf'ge Blumen ſprießen,
Voͤglein in den Zweigen ſingen
Und der goldne Kuckuk rufen. *
Diefen jüngften Sohn des Haufes,
Der das Ehftenyolf beberrichte,
Preift das Lied der alten Sänger
Und verherrlichet die Enge.
Schwerlich giebt e8 wohl ein Dörfchen
Dder ein entleg’ned Häuschen,
Wo fid, Ehftenfnaben finden,
Muntre Ehftenmädchen blühen,
Die nicht aus der Eltern Munde
Se gehört von alten Sagen,
Die vom Kalewsſohn erzählen.
Seh’, mein Cohn, hinab nach Pernan,
Zieh’ von dort hinauf nach Jerwen,
Wende dich alsdann nad Harrien
Und betritt die Wieffhen Moore,
Sp wie Wierlands Ecegeftude ;
Seh? dann quer durchs Land nach Plestan
Hinter Taara's Cichenhaine,
Dann zurüd durch Allentacken
Bis zur fernen Gränze Finland’s :
Aller Orten wirft du Eagen
Bon dem Kalewsſohne finden.
*Mit dem Than dem Haidefraute
Und dem Nebelreich entiirömend ä
Dringt die Kalewidenſage
Durch die engſten Dedenwege,
Setzet über eh’rne Pforten,
Ueberfpringt aus Felſenkeſſeln
Auch die breiteften der Mauern
Zweiter Befang.
Und die hochſten Eifenthürme, * -
Nur in Dörptfhen Landen fchweigen
Alter Zeit Erinnerungen.
Einſt an einem felgen Adend
In des Lebens Dämmerftunde
Sußen beide Eltern traufich
Auf der Ofenbank zufanımen,
Und da ſprach der alte Salem
"Reife flüfternd zu dem Weibe :
„Linda, meine füge Blume,
Meine goldne Wiefenzierde,
Die du in den Frühlingstagen
Und im Sommer unſrer Xiebe
Kräfttge Söhne mir geboren,
Sie gefäugt an deinen Brüften,
Auf den Armen fie geſchaukelt:
Noch im Herbfte unfrer Liebe
Wird fi) deinem Mutterfchooße
Eine junge Frucht entwinden.
Sieh nun, Linda, theure Gattin,
Blümchen aus dem Wierjchen Haine,
Süßes eientfproffnes Birkhuhn:
Haft fhon wiederum die Tage,
Bo fih an die fehwerern Tritte
Theure Hoffnungsträume hängen,
Freud'gen Muthes angetreten,
Biſt ſchon wieder jeden Morgen
Schlau bedacht die Schuh zu wechſeln,
Um den Böſen zu verwirren,
Der dir etwa tüdifch nachſchleicht;
Und nicht lang' nach dieſen Tagen
Wirſt ein wunderholdes Knaͤblein
Du an deinen Buſen drücken
Und in ſüßen Schlummer wiegen.
„Dieſes Söhnchen, unſer Neſtei,
Unſer letztgebornes Lämmchen,
Wird dein Liebeswerk beſchließen.
Nach der ew'gen Götter weiſem,
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Zweiter Gefung.
Längft vorher beftimmtem Rathſchluß
Wird mein Auge diefes Söhnchen
Nicht mehr fehn vor meinem Hingang;
Doc wird diefer legte Sprößling,
Diefes letzte Ei im Korbe,
Diefer Spätling unfrer Liebe
Mehr, als unfre andern Kinder,
Seinem Bater Ehre maden.
Und es werden fpäte Enkel
Heilig halten das Gedächtniß
Seines Namens, feiner Thaten.
Hat er mit dem Mannesalter
Seine Herrſchaft angetreten,
Dann wird eine Zeit der Blüthe,
Eine goldne Zeit des Zriedens
In dem Ehftenlande aufgehn.
Durch des Reiches Theilung will ich
Unfer Ländchen nicht zerftüdeln
Und die Macht des Königs fchwächen:
Darum ſei's in feinen Gränzen
Unverfehrt nur Eines Sohnes
Sich'res ungetheiltes Erbtheil.“
Diefen Gegenftand befprechend‘
Fügte noch hinzu der Alte:
„Bleibet ungetheilt da8 Ganze
Eines einz’gen Sohnes Erbtheil,
So behält es feine Wehrkraft
Wie der unverfehrte Felſen,
Der zertheilt in viele Splitter
Nichts mehr ift, ale eben Splitter.
Iſt der jüngſte Sohn erwachfen,
Mögen alle Brüder loofen,
Wer von ihnen fei zur Herrſchaft
Ueber unfer Fleines Ländchen
Bor den übrigen berufen.
Wie die Götter 's mögen lenken,
Die in ihrer ew’gen Weisheit
Unfere Gefchide fügen,
Zweiter Belang. -
Wird's am beiten fein für alle.
* Und die andern Brüder mögen
In der Fremde fid) verfuchen,
Sich auf Zelfen niederlaffen,
Stuben auf dem Winde bauen,
Wohnungen am Saum der Erde,
Häufer auf den Beerenfträuchern,
Hütten auf den Klettenblättern,
Badeftuben in den Wolfen,
Schwitzgerüſte unterm Regen.
Land giebt's überall auf Erden,
Jedes hat zum Dach den Himmel,
Und der fräft’ge Mann bereitet
An der Noth fein Neit aus Wolfen
Wie der Aar in Felfenflüften.
Stride binden nicht den Starfen,
Zefleln hindern feinen Gang nicht.“ *
Ber lag in der falten Kammer
In den Tod erflarıt am Boden,
Hingeftredt auf reinem Langſtroh?
Bater Kalew's Niefenkörper,
Der lag in der falten Kammer
In den Tod erflarıt am Boden,
Hingeftredt auf reinem LZungftroh. *
Bald nad) jenem Zwiegefpräche,
Das die Eltern leife flüfternd
Einft gepflogen ob des Landes
Künft’ger Wohlfahrt, mußte Kalew
Sich aufs Krankenlager werfen,
Das der fieggewohnte Kämpfer
Auch nad langem fchweren Kampfe
Siegreich nicht beftehen ſollte.
*Wohl ließ Linda ihre Spange
Schwebend fih am Zaden dreben
Und den Erlenfäfer fliegen:
„Dreh? dich, Spange, fliege, Käfer,
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Iweiter Sc ang.
Zummelt euch umd bringet Hilfe !
Schafft den Windarzt her zur Stelle, z
Laßt den Sprucharzt eilig kommen!“
Spange wirbelt’ fieben Zage,
Erlentüfer flog gehorfam
Ueber Länder, über Meere,
Flog durch dreier Könige Neiche
Und noch weiter hin nach Norden.
Und wer fam ihm da entgegen ?
Nur der Mond, der eben aufging
Raſch den nächſten Sternen folgend.
„Grüß dich, Mond, du Quell des Wohlſeins,
Defien fanfte, bleiche Strahlen
Kraft, Geduld und Muth verleihen !
Sprid), wird BVäterchen gefunden,
Wird er bald das Bett verlaffen %
Ernfthaft Schaut’ der Mond bernieder
Und ging ohne Antwort weiter.
Spange wirbelt fieben Tage,
Erlentäfer flog gehorfam
Ueber Länder, über Meere,
Ueber dreier Könige Reiche
Und noch weiter bin nad) Norden ;
Flog durch viele dichte Wälder
Und berührte auch den Goldberg,
Ob ihm Jemand möcht’ begegnen.
Kam ihm Niemand fonft entgegen,
Als der Abendftern am Himmel.
„Grüß dich,“ ſprach der Erlenkäfer,
„Grüß dich, Stern, du Weithinſchau'nder!
Gieb, o Sohn des Himmels, Runde:
Wird das PVäterchen gefunden,
Wird der Held das Bett verlaffen ?«
Blinzelnd hört? der Stern die Bitte,
Doc verjag® er ihm die Antwort
Und erlofdy am Himmelsrande.
Spange wirbelt’ fieben Tage,
Erlenkaͤfer flog gehorſam
Zweiter Befang.
Ueber Länder, über Meere,
Ueber dreier Könige Reiche
Und noch weiter hin nach Norden,
Ueber weite Haideflichen,
Ueber dunfle Kiefernwälder
Und berührte anch den Goldberg,
Ob ihm Jemand möcht? begegnen.
Nur die Sonne fah er aufgehn,
Sah das Licht der Welt erfcheinen.
„Grüß dich, Eonne, Allgeliebte!
Gieb mit Kunde, Strahlenauge,
Laß mich willen, Himmelsleuchte :
Bird das Bäterchen gefunden,
Wird ter Held Das Bett verlaffen?«
Gtäh’nden Blickes hört's die Sonne,
Hört es und ging fchweigend weiter.
Linda ließ die Spange wirbeln
Und den Erlenfäfer fliegen :
„Dreh? dich, Spange, wirble, Spange,
Zliege, fliege, Erienfäfer !
Zummelt euch und bringet Hilfe!
Schafft den Windarzt her zur Stelle, °
Laßt den Sprucdarzt eilig fommen
° Und gewinnt den Manaweiſen!“
Spange wirbelt' fieben Tage,
Erienfäfer flog gehorfam
Ueber LXünder, über Meere,
Ueber dreier Könige Reiche
Und noch weiter hin nad Norden,
Ueber weite Haidefldchen,
Ueber dunkle Kiefernwälder
Und berührte auch den Goldberg.
Und wer fam ihm da entgegen ?
Kam der Windarzt ihm entgegen
Und aus Finland auch der Sprucharzt
Und der Manameife felber.
„Seid willkommen, weiſe Meifter!
Gebet Antwort meiner Frage,
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Zweiter Gefang
Laßt mich nicht vergebens bitten :
Sprecht, wird Bäterchen gefunden,
Wird der Held das Bett verlaffen?
Schon hab’ ih den Mond gebeten,
Schon die Sonne angerufen,
Auch den Abenditern befragt ſchon, —
Niemand gab mir eine Antwort.“
Drauf erwiderten die Weifen,
Sprachen wie aus Einem Munde:
„Was der glüh’nde Haud) der Dürre
Auf dem Felde ſchon verfengte, .
Was das Mondlicht weiß gebleicht fchon
Und verwelkt gefehn die Sterne, —
Das erhebt fi nicht mehr wieder, .
Kann nicht mehr als Pflänzchen grünen.“ *
Eh die Spange ausgewirbelt
Und der Käfer noch vom Ausflug
Mit der Antwort beimgefehret,
Bar für immer Bater Kalew
In den Zodesfchlaf gefunfen.
Seine Linda war nun Wittwe,
Fühlte für den theuren Gatten '
Schmerz nur noch und bittres Wehe
Und beneßte unter Schluchzen
Seine kalte Schlummerftätte
Mit den Thränen, die fie weinte.
"Ihrer Zrauer hingegeben
Saß fie fchlaflos fieben Nächte,
Sieben Tage ohne Speife, .
Sah nur durch den Thränenfchleier
Siebenmal die Sonne aufgehn,
Und es fenkte ſich fein Schlummer
Auf Die rothgeweinten Augen,
Deren offne Thränenquelle
Tief im Herzen nicht verfiegte. *
Linda, die verlaffne Wittwe,
Wuſch den flarren Leib des Todten
Mit den eignen Schmerzensthränen,
Zweiter Belang.
Mit der Salzfluth aus dem Meere,
Mit den Strömen aus den Wolken,
Mit dem Wafler aus der Quelle. _
* Strich fein Haar mit zarten Fingern,
Glättet' es mit Silberbürften,
KHämmt es mit dem goldnen Kamme,
Deſſen einft die Waſſernixe
Sid bedient ihr Haar zu glätten.
Zog ihm an ein Seidenhemde
Und ein Todtenkfleid von Sammet
Ueber den betresten Leibrod
Bon dem Silbergurt umfchlungen.
Nebelflor bededt? fein Lager,
‚Mebelflor fein bleiches Antlig. *
Linda, die verlaffne Wittwe,
Grub dem Todten felbft die Gruft nun
Und bereitete das Bett ihm
Dreißig Ellen unterm Rafen.
als fie fo auf kühlem Lager
An der ftillen Schlummerftätte
Ihren Gatten wohl gebettet,
Schüttete fie Grant und Kiefel
In die Gruft, bis fie gefüllt war,
Bis zur grünen Rafendede.
*Und der Rafen auf dem Grabe
Grünte bald von ſammtnen Gräfern ;
Nur des Todten Hals trieb Thaugras,
Seine Wangen rotbe Blumen,
Seine Augen blaue Glödchen,
Engelblumen feine Xider. *-
Zinda, die verlafftne Wittwe,
Zrauerte um ihren Gatten,
Beinte um den Hingefchiedien
* Einen Monat und den zweiten, “
Einen Theil vom dritten Monat,
Auch vom vierten manchen Tag noch,
Sühnte ihren Schmerz mit Thränen,
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Zweiter Geſang.
Ihren Kummer mit den Perlen,
Die aus ihren Augen tropften. *
Täglich trug die arme Wittwe
Steine auf das Grab zufammen,
Um ein Denfmal aufzurichten,
Das den Söhnen und. den Töchtern
Aller fommenden Gefchlechter
Noch den Ort bezeichnen follte,
Bo der Held begraben worden,
Wo der alte Kalew ruhte.
Wer in Reval je geweſen
Und die Stadt ſich recht beſehen,
Sah gewiß auch Kalew's Grabmal,
Das ein jüng'res Menſchenalter
RKunſtvoll mit Paläften ſchmückte
Und mit einem ſtolzen Dome.
Unſre Zeitgenoſſen nennen
Diefen Ort jetzt Reva's Domberg.
Dort ruht noch der alte Kalew,
Schlaͤft dort feinen ew'gen Schlummer.
Linda, die betruͤbte Wittwe,
Die, des Mannes Grab zu ſchmücken,
Steine emfig ſelbſt herantrug,
Hatte einſtmals in der Ferne
Einen gar gewaltigen Felsblock
Für das Grab ſich aufgeladen.
Diefer drüdte ſchwer die Schulter,
Daß fie feuchend ſich bewegte
Und die Kräfte ſchon verfagten,
Als fie kaum den Weg begonuen
Und zum fernen Grabeshügel
Noch fehr weit zu gehen hatte.
Und da flieg mit müdem Zuße
Wankend fie an einen Baumftumpf,
Daß das Gleichgewicht verlierend
Ihr der Stein aus feinen Banden,
Die bisher ihn feftgehalten,
Krachend vor die Füße hinflel.
Zweiter Geſang.
—
Bon dem langen Schmerz entfräftet,
Der die Trauernde verzehrte,
Die dem Kindbett nicht mehr fern war,
Konnte fie den Stein nicht heben,
Um ihn weiter fortzutragen.
* Und fie feßte auf den Stein ſich,
Um ein wenig audzuruhen.
Und da füllten ſich die Augen
Wiederum mit bittern Thränen.
„Bin ich,“ fprad) die Arme fchluchzend,
„Richt am Strauch ein fpätes Beerlein,
Nicht ein Stübchen ohne Grundftein,
Eine Hütte ohne Schirmdadı,
Nicht ein Ader ohne Feldzaun,
Allen Stürmen, allen Fluthen
Btoßgeftellt und preisgegeben!
Niemand auf der weiten Erde
Steht mir bei in meinem Elend !
Wie der Herbſt die folge Erle
Und den duft’gen Faulbaum plündert,
Wie der Sturm die Apfelblüthen
Und die Birfenfigchen wegführt,
Wie er bier die ſchlanke Espe,
Dort die breitgezweigte Eiche
Und die Ulmen und die Eſchen
Bis auf ihre nadten Zweige
Sraufam ihres Schmuds berauhet —
Alfo hat auch ohn' Erbarnen
Alles mir der Tod entriffen,
Was mich ftolz und felig machte,
Und den Schmerz mir nur gelaffen !« *
Linda, die verlaff’ne Wittwe,
Beinte bittre Wittwenthränen,
Thränen nie gefannten Schmerzes,
AS fie einſam auf dem Felsblod
Ihre Lage überdachte.
Und der Thränenftrom der Augen
Kann zu ihren Züßen nieder
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Zweiter Befang.
Und erzeugte eine Lache,
Floß zu einem See zufammen. —
Diefen See aus Linda's Thränen,
Die fie auf dem Felsblock weinte,
Könnt noch heutzutag ihr fehen,
Wenn den Dberfee ihr anfchaut,
Deflen Wellen auf dem Laaksberg
Rauſchend an die Ufer fehlagen.
Auch der Zelsblod fteht anı fer,
Wo fie fchluchzend faß, die Arme,
Als fie ihre Thränen weinte.
Alfo war in grauer Vorzeit
Aus den Thränenftrömen Linda’s,
Aus der Wittwe Schmerzenszähren
Einft der Oberfee entftanden. =
* Wenn der Zufall dich, mein Bruder,
Auf den Weg bringt, der am See hin
Nah der Stadt fid) heiter fchlängelt,
Und du haft erreicht das Ufer:
Laß daſelbſt dein Pferdchen grafen
Und fi laben an dem Waſſer,
Während du am Zeldblod rafteft
Denfend an die graue Vorzeit,
An des alten Kaley 3 Fahrten ! ‚
Sieh dir an das ew’ge Denkmal,
Welches die verlaffne Wittwe
Ihrem Kummer ausgegoflen,
Daß fih drin die ew'ge Sonne
In den ew’gen Zluthen fpiegle !
* Schon erfüllten fi) die Tage,
Neigten bald ſich fchon zum Abend ;
Linda fühlte ſchon die Stunde
Angftvoll immer näher kommen,
Schonungsloſer ſich beeilen,
Groͤßere Gefahren drohen;
Und ſie ließ die Badſtub' heizen,
Zweiter Gefang. 49
Einen Platz fürs Lager räumen,
Sid das Wochenbett bereiten,
Eine Ruhebank beforgen
Und den Nothſtuhl fertig machen.
Weiber nus dem Dorfe heizen,
Mägde tragen Waflereimer, 490
Andre find beim Bett befchäftigt,
Andre beffern an dem Notbftuhl.
Arme- Kreißende, du gehft wohl
Zaufendmal durch alle Zimmer,
Hundertmal den Weg zur Badftub?,
Wanderft zehnmal wohl zum Brunnen,
Um die Zunge Dir zu neben !
Auf dem Gange haft vor Schmerzen
Du den Gürtel losgebunden,
Deine Haube abgeriffen, 600
Schickeſt Seufzer auf zu Ukko,
Und befhwörft den Röugutaja :
„Komm, o fomm, du Gott der Winde,
Eine Kranke fomm’ zu baden,
Einer Leidenden zu helfen,
Eine Jammernde zu tröften !«
Ale Winkel deines Zimmers
Nebteft du mit deinen Thränen,
Ale Wände deiner Kammer |
Griffft du ab in deinen Schmerzen ; 610
. Sahft mit Neid die Ofenfimfe
Und die Bänfe an mit Scheelfucht,
Knieteft Gruben in den Aeſtrich,
Riefft verzweifelnd auf zu Uffo
Und beſchwurſt den Röugutaja :
„Gott der Binde, fomm’, o komme,
Eine Kranke komm' zu baden,
Einer Leidenden zu helfen,
Eine Jammernde zu tröften !
Komme, komme zu der Armen, 620
Sie vom Knäblein zu befreien 1«
Alles meinte in dem Haufe,
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Zweiter Befang.
Alt und Yung in allen Winkeln
Und die Weiber aus dem Dorfe.
Nur der bingefchiedne Gatte
Hörte nicht der Gattin Jammern.
Und die Kreißende, die Arme,
Rannte rafend durch die Wälder,
Ihrer Schmerzen 108 zu werden.
Faulbaum wuchs im erften' Walde,,
Ahorn wuchs im zweiten Walde,
Kreuzdorn wuchs im dritten Walde,
Ebereſche in dem vierten
‚Und der Kirſchbanm in dem fünften.
Faulbaum nimmt den Sram vom Herzen,
Heft’ge Schmerzen lindert Ahorn,
Stiche bleiben an dem Kreuzdorn,
Kopfſchmerz an der Eberefche,
Schwindel an dem Kirſchbaum haften.
Doch die Leiden famen wieder,
Um das arme Weib zu foltern,
Kehrten heftiger nur wieder,
Mohr fie jammern auf dem Stuble
Oder feufzen vor dem Dfen
Dder auf dem Bette wimmern.
Und fie feufzte ſchwer zu Uffo,
Flehte zu dem Röugutaja :
„Gott der Winde, tritt in's Zimmer,
Eine Kranke komm' zu baden,
Einer LZeidenden zu helfen,
Eine Jammernde zu tröflen!
Komme, fomme zu der Armen,
Sie vom Knäblein zu befreien !«
Alles in dem Haufe weinte,
Alt und Yung in allen Winkeln,
Weiber aus dem Dorfe fchluchzten.
Nur der hingefchiedne Gatte
Hörte nicht der Gattin Jammern.
Arme Kreißende, wer hilft dir,
Hilft Dir tragen deine Schmerzen !
Zweiter Geſang.
Ah ſchon wanfft du, Schwergeprüfte,
Müde deiner Gruft entgegen,
Der du nicht mehr zu entrinnen,
Richt mehr auszuweichen hoffeſt!
Doc kann Uffo dir noch helfen,
Röugutaja dich noch retten!
Diefe himmlifchen Gewalten
Hören auf des Kranken Bitten!
Und fhon war fie da, die Stunde,
Traf die Hreißende am Ofen, 670
Solgt’ ihr bald auc auf das Lager.
Dorthin ſchwankte fie, die Arme,
Halb befinnungslos in Thränen
Und ſank zitternd dann zufammen.
Seufzer fandte fie zu Ufo |
Und befhwor den Röugutaja:
„Bott der Winde, komm' hernieder,
Eine Kranfe komm’ zu baden,
Einer Leidenden zu helfen,
Eine Jammernde zu tröften! 680
Komme, komme zu der Armen,
Ihr im Kindbett beizuftchen !«
Ukko Hört’ es in der Kammer,
Röugutaja in der Niege,
Beide hörten ihren Wehruf
Und vernahmen ihre Bitten.
Da trat Ukko in das Zimmer,
Nöugutaja in die Kammer,
Zraten Beide an den Ofen,
Beide an das Kranfenbette. 580
Einer trug ein Bündel Langftroh,
Kiffen unterm Arm der Andre.
Daraus machten fie ein Lager
Für die fchwererfrantte Wittwe,
Legten fanft fie auf die Kiffen
Und bededten fie mit Linnen
Und mit weichen wolnen Deden.
Und es regten bald im Bette
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Zweiter Befang.
Sich zwei Köpfe auf dem Kiffen
Und vier Arme und vier Schenkel
Schmiegten warm fid) an einander.
Uffo öffnete die Thür dann
Und es riefen Beide fröhlich:
„Werft in's Schloß des Grabes Thore
Und vermacht des Sarges Dedel !
Unfre Stranfe in dem Bette
Liegt auf zarten weißen Linnen
Mit zwei Köpfen auf dem Kiffen,
Und vier Arme und vier Schenkel
Schmiegen unter warmer Dede
Sanft und warm fid) an einander.“
Danf dem Bäterchen im Himmel,
Danf den gnadenreichen Göttern,
Dank den Helfern in den Nöthen !
Eine Stunde waren Beide,
Utko und der Röugutaja,
Nur am Kranfenbett gewefen.
Biſt gerettet, liebe Kranke!
Darum bebe deine Hände,
Hebe dankend fie gen Himmel,
Daß den Kampf du überftanden ! *
Als ein Troſt in ihrer Trauer,
Trocknend ihre Schmerzensthränen
Uud verfiheuchend ihren Kummer,
Wuchs heran das theure Söhnchen.
Kräftig fog der kräft'ge Knabe
An den mütterlichen Brüften,
Trank am Quell der Mutterliebe
Kräftgen Balfam, der den Säugling
Förderte in Kraft und Wahsthum.
*Merket auf, ihre jungen Männer,
Gebet Acht, ihr frifchen Buben,
Praͤgt's euch ein, ihr klugen Frauen,
Mer in jener Wiege jchlummert,
Zweiter Befang. 53
Wer, wenn ihn die Windeln drüden,
Schreiend feinen Aerger kundthut!
Linda’ Trauerknabe ift es,
Der den Bater nie gefehen,
Den die Winde gehen lehren, 2
Regenfchauer wachfen machen, 640
Kalter Morgenthau erquidet,
Nebelwolken unterftüßen.
Einft ſaß Linda an der Wiege
Und verfuchte emfig ſchaukelnd
Und ein Liedchen dazu fummend
Ihren Buben einzufchläfern.
Doch vergebens, denn der Knabe
Sperrte fih, gewalfig freifchend.
Und fo fuhr er fort zu fhreien
Tag und Nacht durch viele Wochen, 650
Daß das Licht in Linda’s Kammer
Nicht erloſch an feiner Wiege.
Aengſtlich forfchte in dem Dorfe
Linda nach dem Thränenftiller,
Der mit fräft’gen Zaubermitteln
Ihren aufgeregten Säugling
Zu beſchwichtigen vermöchte.
Erft nach mondelangem Schreien
Ward der Stnabe endlich ftille,
Sprengte feine engen Windeln, 080
Riß das Windelband in Fepen
Und zertrümmerte Die Wiege,
Um den Neftrich zu erreichen,
Bo er rafch auf allen vieren
Zortzufriechen ſich bemühte.
Und nachdem er cin’ge Monden
Auf dem Aeftrich ſich getummelt,
Konnt' er aufrecht flehn und gehen.
Kräftig fog der kraͤft'ge Knabe
An den Brüften feiner Mutter, 670
Ward ihr Stolz und ihre Freude,
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Zweiter @efang:
Ward ihr Troft in Kummertagen
Und ihr Beiftand in Gefahren. *
Bis zum dritten Lebensjahre
Säugte Linda felbft den Knaben,
Eh’ fie ihn der Bruft entwöhnte,
Und das Snäblein ward zum Buben,
Der fehr bald in allen Stüden
Seinem Namen Ehre machte
Und des alten Kalew's Ausfprud
Slänzend einft erfüllen follte.
Täglih übt er feine Kräfte,
Täglich ward er größer, flärker.
Bater Kalew's edler Sprößling
Ward ein flinfer Hüterfnabe,
Dann ein tücht’ger Pflügerbube,
Schoß wie eine junge Eiche
Schlanf und fräftig in die Höhe
Und verhieß des Vaters Ausſpruch
Glänzend einſtmals zu erfüllen.
Täglich bt? er feine Kräfte,
Zäglidy ward er größer, ftärfer.
* Auf dem Hofplag fpielt? er Kurni,
Radfpiel auf dem weiten Anger.
Wenn cr feine Kurniflöße
Aufgeftelt am untern Rande
Und vom obern Rand fein Knittel
Saufend durch den weiten Hofraum
Traf die aufgeftellten Kloͤtze,
Hei wie flogen längs dem Anger .
Bis zur fernen -Kälberfoppel
Dann die aufgeftörten Klötze
Weit und breit bin aus einander !
In den Wäldern, an den Hügeln
Und zerſtreut auf weiter Zlähe —
Ja im Meere fand man mandje. *
Seine Kurnmikloͤtze find noch
Heutzutage anzutreffen
Auf dem Spielplag feiner Jugend,
Zwelter Befang.
Die man Yungferniteine nennet, 110
Kloͤtze, die der Riefenfnabe
Selbſt fih aus Granit gehauen.
Kalew's jüngfter Riefenfprößling
Warf aus ſelbſtgemachter Schleuder
Steine in die fernfte Weite.
Gern verweill’ er auch am Strande,
Wo er flache Steinchen fuchte,
Die er längs den Waſſerſpiegel
Weithin fortzufchleudern liebte.
Seine Steinchen waren freilicd) 720
Große dide Fliefentafeln ;
Aber feiner Hand entflogen
Hüpften fie wohl eine Werft weit
Luftig längs dem Meeresſpiegel.
Auf dem Kopfe ftehend fehaute
Er dann felber nach dem Steine,
Bis er unterfanf im Meere.
Dftmals fah man auch den Knaben
Auf dem Hofplag feiner. Mutter
Sich aus hohen ſchlanken Birken, 70
Die er aus der Erde rupfte,
Als wenn’s dünne Halme wären,
Kleine nette Cchlittchen machen
Dder Kapenkörbihen flechten.
Es verfloffen unter Spielen
Rafch die Jahre feiner Kindheit
Und der junge Kalewide
Steuerte mit vollen Segeln,
Die die Mutterliebe blühte,
In das Meer der reifern Jahre. 740
Bater Kalew’s jüngfter Sprößling
Map bald volle Manneslänge,
Schritt vorbei den ältern Brüdern
Und erreichte bald den Bater.
Alfo wuchs im ftillen Hofe
Seines väterlihen Hauſes
Kalew's jüngftgeborner Spröfling
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Zweiter Befang.
In der Mutter Wittwenjahren
Still heran zum roſ'gen Blünyhen
Und zugleich zum ftarfen Eihbaum
Und zum Feld in Ungewittern,
MWeit die Brüder überragend,
Und verhieß des Vaters Ausfprud
Glänzend einftmals zu erfüllen.
Laßt und jet den Strom des Liedes
Nur auf furze Augenblide
An vergangne Zeiten lenken,
Wo den Lebenstag des Helden,
Deſſen Thaten wir befingen,
Morgennebel noch umhüllten.
* In dem Hof der Wittme Kalew's
Früh noch vor dem Morgengrauen
Wogt's von dichten Menfchenmaffen,
Die zum Abzug fich bereiten.
Abgewiefne Freier find es,
Die wohl zehnmal vor der Dämn’rung,
Funfzigmal vor Zagesanbruch,
Hundertmal im Lauf des Morgens
Sich ſchon leife abgewedhfelt,
Freier, die nach Kalew's Tode
Seine Bittwe frech umfchwärmten,
Ihre Liebe zu gewinnen.
Denn faum war er abgefchieden,
Kaum fein treues Herz erfaltet,
Seines Xebens Licht erlofchen,
Drängten ſich zur reichen Wittwe
Freier fchon in hellen Haufen,
Die mit Flaſchen und mit Krügen
Theils für ſich und theils für Andre
Um die Hand der Wittwe warben.
Alle diefe Leute lodte
Nur der reichen Wittme Habe,
Hier die Angel auszuwerfen
Und ihr Gluͤck einmal zu proben.
Zwelter Geſang.
Doch die Wittwe ſprach entſchieden:
„Nie wird Linda fich vermählen,
Nie das Hühnchen, nie das Birfhuhn
Einen zweiten Gatten wählen,
Schwälbchen fi) fein Neft mehr bauen,
Schwanenweibrhen feinen Schwan mehr,
Täubchen feinen Tauber fuchen.
as ich liebte, nahm der Tod mir,
Und mein Schap liegt tief im Grabe,
Schlummert unterm Rafenhügel.“
Darum fchleichen dort vom Hofe
Still fid) fort die jungen Männer ;
Denn verftummt find ihre Bitten,
Ihre Hoffnungen zertriimmert.
Keine Hochzeit winft den Buben
Und fein frober Tanz den Mädchen. *
ALS der dichte Schwarm der Freier
Endlich ſich verlaufen hatte,
Linda Ruh? zu finden hoffte,
Ham aus weit entleg’nen Landen
Unerwartet noch ein Freier,
Finland's windefund’ger Zaubrer,
Der ſich Kalew's Vetter nannte
Und mit reihen Gaftgefchenfen
Seine Werbung unterftüßte.
Ohne fi nur zu bedenken,
Wies die fchwergeprüfte Wittwe,
Die als Wittwe fterben wollte,
Ernft zunid des Vetters Antrag.
Das verdroß den Zaubrer alfo,
Daß er Flüche murmelnd drohte:
„Weib, die Schmad) vergeff ich nimmer,
Die dein Hochmuth heut’ mir zufügt.
Glaube mir, die Zeit wird fommen,
Wo ich dir's vergelten werde !«
Auf des Windefund’gen Drohung
Sagte lächelnd Wittwe Linda:
„Deine Rache, Windekund'ger,
\
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Zeiler Befang. _
Hab’ ich wahrlich nicht zu fürchten,
Denn es wachen mir im Haufe
Noch drei Söhne, junge Adler,
Wohl verfeh’n mit fcharfen Krallen !
Diefe werden ſchon die Wittwe,
Werden fchon die Mutter fügen !
Jahre waren hingegangen
Unaufhaltfam fehnellen Zluges
Und die Gluth der Freier wurde
Immer Fühler mit den Jahren,
Bis fie ganz erloſch am Ende,
Roß und Reiter Ruhe fanden.
Doc wer einft, fein Glüd zu proben,
Sih um Linda’8 Hand beworben,
Der verfäumte nicht, den Freunden
Etwa alfo vorzufingen :
* „Lieben Freunde, lieben Brüder,
Freiet nicht nad) einer Wittwe,
Nehmt fein Weib aus Kalew's Haufe !
Schwere Spangen, Münzen, Berlen,
Alles von dem reinften Silber,
Klappern ihr am welfen Bufen;
Doch find eifern ihre Zaͤhne,
Ihre Worte Feuerzungen.
Nehmt fein Weib aus Kalew's Haufe !
Mit der reihen Gattin bringt ihr
Einen Feuerbrand in's Haus euch !
Baut zur Werbung lieber Schiffe,
Baut euch lieber Brautfahrtöboote, _
Reich umfpannt von feidnen Segeln,
Seidnen Segeln, goldnen Tauen.
Geht mit folhem Schiffe werben,
Laßt's von tücht'gen Männern lenken !
Steuert, Männer, rudert, Buben, -
Segelt nach dem Strande Kinlands,
Lenkt das ftolze Schiff nad) Norden !
Dort ftehn an dem Zelfenufer
Aufgeftellt in Reih'n die Mädchen;
Zweiter Belang.
In der erſten Perlenmädchen,
In der zweiten Thalermädchen,
Links die reihen Ringelmädchen,
Rechts die goldnen Bändermädchen,
Hie und da verftedt die Waifen,
Die nur Glasforallen ſchmücken.
Geht vorbei den PBerlenmädchen,
Achtet nicht der Thalermädchen
Und verfhmäht die Ringelmädchen;
Auch die goldnen Bändermädchen 870
Laſſet unbeachtet ſtehen,
Und erwählt die arme Waiſe,
Die nur Glaskorallen fhmüden :
Dann befommt ihr eine Hausfrau,
Die euch Ehre bringt und Freude !
Freiet nicht nach einer Wittwe,
Nehmt kein Weib aus Kalew's Haufe !
Bittwen werden fchlechte Frauen.
Ausgefogen find die Brüfte:
Eines leeren Brunnens Dedel - 880
Iſt des Hemdes ſchwere Spange.
Sie verlangt nad) ihrem Todten,
Ihr nad einem jungen Weibchen.
Freiet nicht nach einer Wittwe!“*
60
10
Dritter Grfang.
En an einem heißen Tage
Saß am hohen Meeresufer
Bater Kalew's jüngfter Sprößling
Und verfolgte mit den Augen
Sehnfuchtsvoll das Spiel der Wellen
Bor dem leifen Haud des Windes.
Ploͤtzlich hüllte fi der Himmel
Ein in ſchwarze Wetterwolfen
Und ein Sturm brach 108, der heulend
Sich in's Spiel der Wellen mifchte,
Daß fie ſcheu ſich überftürzten.
* Raſſelnd fuhr der Gott des Donners
Mit den erzbefchlagnen Rädern
Ueber hohe Eifenbrüden,
Daß die Zunfen graufig fprühten,
Und entfandte, mit den Sturme
Unaufhaltfam fürder eilend,
Big auf Bliß aus feiner Rechten. *
Böfe Geifter hörten zitternd
Ihres NRichterd Donnerftimme
Und entwichen feinen Bligen
In die aufgethürmten Wogen ;
Aber fliehend noch verhöhnten
Sie den Gott mit feden Worten,
Als fie von dem hohen Ufer
Kopflings in die Tiefe ftürzten
Und im Schaume fich verbargen.
Ueber ihre feige Keckheit
Tief ergrimmt warf Kalew's Sohn ſich
Ihnen nad mit Blipesfchnelle
In das Meer, das fie geborgen.
Und nachdem er fie wie Krebſe
Aus den Höhlen eingefangen,
Dritter Gefang.
Bracht' er einen ganzen Sad voll
Mit fih an die Oberfläche
Und dem Ufer näher fchwimmend
Warf er aus dem Sad die Wichte
Mächtigen Schwunges auf den Feldrand,
Bo des Donnergotted Race
Sie zerdrofch zu eller Speile,
Die die Wölfe felbft verfchmähten.
Einftmald waren Kalew’s Söhne
Alle drei hinausgegangen,
Um im Wald umberzufchlendern.
Nur die Mutter blieb zu Haufe
Als die Wiächterin der Truhen
Und der vollen Vorrathskammern
Und der ftraffen Thalerfäde.
Als die Mittagszeit heranfam,
Hob den Kefjel fie aufs Feuer,
Schürte fleißig felbft die Bränder
Und bewachte, wie's der Hausfrau,
Diefer Königin des Herdes,
Wohl geziemt, die Flamme forgfam,
Daß fie nicht dem rothen Hahne
Einen Beg zum Dache weile.
* interdeflen ftreiften rüſtig
Ihre Söhne durch die Wilder
Achtend auf des Wildes Spuren.
Eifrig ſuchten fie den Bären
Und die Spur des Elenthieres,
Sahn fi aud nad Auerochjen
Und nah Wölfen um im Walde.
Kürzlich war der Bär im Hafer
Und beim Bienenftod gewefen,
Und man hatte au) das Elen
Nah?” beim Noggenfeld geſehen.
Bolf und Fuchs und Hafe hatten
Sich gezeigt an vielen Orten.
61
62
70
100
Dritter Geſang.
Mit fih führten unfre Jäger
Drei der ftärkiten Bärenhunde:
Irmi, Armi und den Würger.
In des Waldes Dickicht fanden
Sie mit Hilfe ihrer Hunde
Nach der Spur des Bären Lager.
Irmi zerrt' ihn, Armi zauft ihn,
Würger brach ihn vollends nieder,
Und den todten Bären band nun
Sich der Züngfte auf die Schulter,
Daß er mit den Hinterbeinen
Längs dem Rüden ihm herabhing.
Unzerlegt wollt’ er die Beute -
Ganz allein nad) Haufe tragen.
Als fie auf die Fläche famen,
Wo Das Roggenfeld zu fehn war,
Trabt' mit breiten Schaufelhörnern
Auf fie zu ein ftolzes Elen.
Kaum gewahrten es die Hunde,
AS fie ihm am Naden hingen.
Irmi zerrt’ es, Armi zaufl es,
Würger brach es vollends nieder,
Und das todte Elen band nun
Sich der Jüngſte auf die Schulter,
Daß es neben feinem Bären
Längs den Nüden ihm herabhing.
Unzerlegt wollt?’ er die Beute
Ganz allein nad Haufe tragen.
Sn dem nächften Föhrenwalde
Fanden fie den Auerochfen,
Deflen Spuren ihre Hunde
Auf der Haide ausgewittert.
Irmi zerrt’ ihn, Armi zauft ihn,
Würger brach ihn vollends nieder,
Und den todten Ochfen band nun
Sich der Züngfte auf die Schulter,
Daß das Thier in ganzer Xänge
Auf dem Rüden ihm berabhing.
” nn Pe
Dritter Belang.
Unzerlegt wollP er die Beute
Ganz allein nach Haufe tragen.
Kalew’s ftarfe Söhne fchweiften
Aus dem Walde auf die Flaͤche
Und erreichten ein Geftrüppe,
Wo fie ganze Rudel Wölfe,
Diefer Wüſtenhunde, trafen.
Ihre Meute flürzte wüthend
In die Heerde diefer Räuber.
Irmi zerrt' fie, Armi zauſt' fie,
Würger brach fie vollend's nieder,
Toͤdtete fie dutzendweiſe.
Und der jüngfte Bruder eitte,
Alle Wölfe abzuhäuten,
Deren er fünf Dubend zählte,
Und als er fein Werk vollendet,
Band er, eh’ fie weiter gingen,
Ale Baͤlge an den Köpfen
Rafch in einen Bund zufammen.
Diefen ſchnürt' er auf den Bären
Und begleitete die Brüder.
Auf dem Wege, der durd) Hochwald
Und durch niedre Büſche führte,
Sahn fie eine Heerde Füchſe
Scheu ſich auf die Seite ſchleichen.
Dieſe ſollten nicht entkommen.
Irmi, Armi und der Würger
Stürzten heulend auf die Füchſe
Und nach kurzer blut'ger Ardeit
War nicht Einer mehr am Leben.
Auch die Füchſe abzuhäuten
War bereit der jüngſte Bruder.
Und als mit dem fünften Dutzend
Raſch Die Arbeit er beendet
Und die Brüder Eile hatten,
Band im Gehn er feine Bälge
In ein Ränzdyen nett zufammen,
Womit er fein Elen ſchmückte.
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120
130
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63
Drikter Btfang.
Kalew's ftarfe Söhne gingen
Immer weiter durch die Wälder,
Bis fie auf die Fläche kamen,
Bo fie auf dem Roggengrafe
10 Eine Menge Hafen funden.
Da ging's wieder an ein Megeln
Unter diefen Espenwäldlern.
Irmi zaufte, Armi zerrte,
Würger würgte unermüdlich,
Daß wohl Dupende von Hafen,
Hunderte das Feld bededten.
Auch die Hafen abzuhäuten
War der jüngfte Bruder willig,
Und als bis zum fünften Dutzend
100 _ Mit der Arbeit er gefonmen
Und die Brüder Eile hatten,
Band im Gehen er die Zelle
In ein’ Eättelchen zufammen,
Womit er den Ochſen fchmücdte.
Alle drei beeilten fih nun
Bald nad) Haufe zu gelangen. *
—— -
*O du ſchlauer, liſt'ger Freier,
Du verſchmitzter Wittwenjäger!
Was hat Dich hieher gezogen?
170 Was bewog dich, über Felſen,
Ueber die bewegte Meerfluth,
Ueber unwegſame Berge
Und durch dicht verwachſ'ne Thaͤler
Dich in's Haus hineinzuſchleichen,
Wo der Thalerſchatz verſteckt war?
Biſt wohl ein recht ſchlauer Freier,
Ein recht liſt'ger Wittwenjäger!
O ich weiß wohl, was dich lockte,
Daß du überſtiegſt die Felſen,
1800 Ueber's breite Meer dich wagteſt!
Darum ward der Weg fo leicht dir,
>
Dritter Belang.
Drangft du durch verwachſ'ne —
Ueberkletterteſt die Berge
Hieher in das Haus des Kalew,
Wo die Pfennige aufgeſchüttet,
Eingeſackt die Thaler liegen:
Weil des Hauſes Silberfnäufe,
Die die Dächer und die Pforten,
Wohnhaus, Kleeten, Vorrathskammern,
Hof und Kälberkoppel zierten,
Glänzend dir in's Ange flachen.
Darum fand den Weg der Zreier,
Wußte ſich der Fuchs zu fchleichen
In das Neſt, aus dem die jungen
Adler mit den fcharfen Krallen
Ausgeflogen und die Mutter
Unbefchügt zurückgelaſſen.*
Finlands windefund’ger Zaubrer ! ,
Wohl haft mit geheimen Plänen
Und mit fhändlihen Entwürfen
Du den Kopf dir lang’ zerbrochen,
Wie die Wittwe zu berüden !
Wohl haft du nicht weit vom Ufer ,.
Hinter einem Zelfenvorfprung
Jeden Schritt in Ralew’s Haufe
Ausgefpäht und ftill belauert!
Wohl haft, ſchlauer, liſt'ger Freier
Und verfchmigter Wittwenjäger,
Du den Zeitpunkt abgemartet,
Der am günftigften dir dünkte,
Kalew's Wittwe wie ein Räuber
Anzufallen und das ſchwache
. Weib gewaltfan zu beftriden !
Auf der Lauer lag dein Fahrzeug
Wohl verftedt nicht weit vom Ufer,
Und du felber fpähteft gierig
Aus dem Fahrzeug nad) der Bente. .
Zinlands windekund'ger Zaubrer
Freute fi auf feiner Lauer,
—
190
210
Dritter Gefang.
Daß die Söhne aus dem Haufe
Nah dem fernen Walde gingen,
Denn er wußte num ganz ficher,
Daß jetzt unbewacht die Wittwe,
Ohne Schutz und ohne Beiftand
- Ganz allein zu Hau gebfieben
Und auf bald’ge Hilfe nimmer
Bon den Söhnen rechnen fonnte.
Dieje hatten weit vom Hanfe
In den Wäldern ſich zerftreuet,
So daß fie der Mutter Schreien,
Ihren Hilferuf in Nöthen
Und ihr Flehn in Räuber Krallen
Wohl nicht hätten hören fönnen.
Sept ift, fügte fih der Zunbrer,
Jetzt ift mein die ganze Habe!
* Ohne Stüße war das Stübchen,
Ohne Dad) das leere Häuschen,
Jedem Winde preisgegeben,
Ohne Schu vor Schnee und Regen.
Ausgeflogen aus dem Nele .
Sind die Krallen und die Schnäbel,
So daß leichtes Spiel die Diebe,
Freie Hand die Räuber haben. *
Finlands windefund’ger Zaubrer
Stieß fein Boot jekt ab vom Kelfen,
In das offne Meer das Fahrzeug,
Band die Ruder an die Dullen,
Um das Fahrzeug zu regieren
Und e8 ficher fortzutreiben,
Und beſpannt' e8 mit dem Segel,
Daß e8 rafcher fich bewege.
Und das Schifflein luſtig tangend
Auf den fraufen Meereswellen
Kam dem Ufer immer näher,
Wo die Kalewiden hauften.
Finlands windefund’ger Zaubrer
Landete nun ganz geräufchlos
Dritter Geſang.
Unter Kalew's Kälberfoppel
Und verbarg fein Boot am Strande,
Ro fih Kalew's Grab befindet,
Sprang dann aus dem Boot behende
Und betrat das Felfenfifer.
Auf geheimen Diebeswegen
Und auf Räuberfpuren fchlidh er,
Bald im hohen Graſe Friechend,
Bald fich bergend Hinter Steinen —
Bie die Kage auf der Lauer —
Seinem Ziele immer näher.
Ungefehen fchlih der Zaubrer
An des Hofes niedre Pforte,
Meberfietterte fie Seife
Und gelangte auf den Hofplag.
Diefen überfchritt er eilig -
Und betrat des Haufes Schwelle,
Wo er fih noch einmal umfah,
Eh’ er in das Zimmer flürmte.
Kalew's Wittwe fand. am Feuer
Emfig ihre Suppe kochend,
Als der Gaft fie überrafchte,
Der einft Rache ihr gefhworen
Und vor dem fie in der Angſt fich
Jetzt nicht mehr zu retten wußte.
Ohne nur ein Wort zu reden,
Krallte ſich mit ſcharfen Klauen
Frech der Gaſt an ihren Guͤrtel,
Um das Weib als gute Beute
In ſein Fahrzeug abzufuͤhren.
Ob nun zwar die keuſche Wittwe
Kräft'gen Widerſtand verſuchte
Und am Räuber bald die Fäufte,
Bald die fcharfen Nägel prüfte
- Und die wohlerhaftnen Zähne, .
Fuͤhlte fie doch bald die Kräfte
In dem ungewohnten Rampfe
Mit dem frechen Unhold fchwinden, _
6*
=
270
67
310
Dritter Geſang.
Der mit feinen Zauberſprüchen
Shren Biderftand befämpfte,
Ihre Leibeskraͤfte lähmte
Und ſie gänzlich wehrlos machte.
Finlands windekund'ger Zaubrer
War ein mächtiger Beſchwoͤrer
Und der Zuuberformeln fundig,
Wußte hundert Murmelfprüche,
Andre hundert kräft'ge Wörter,
Noch dazu ein Drittes hundert,
Die die eigne Kraft erhielten,
Sie im nöth’gen Zall vermehrten
Und ihm ſtets den Sieg. verichafften.
Andre taufend Wörter wuß® er,
Die des Gegners Kräfte ſchwaͤchten,
Seine Macht gefangen nahmen,
Seine Stärke heimlich brachen,
- Und mit diefen Mitteln konnt’ er
Stets den Gegner überwinden.
Linda’, diefer armen Wittwe,
Helles Angftgefchrei und Weinen
Und ihr lautes Hilferufen
Brachen fi, ein Spiel der Binde,
An des Meeres Wogenbergen,
Drangen machtlos in's Geſtrüppe,
Zönten aus den Hainen wieder
Und erlofchen an den Felſen;
Aber in das Ohr der Söhne ;
Schlug auch nicht ein Ton der Klage.
Linda flehte fo beweglich,
Bat den Zaubrer um Erbarmen,
Rief die Thiere felbft des Waldes,
Alte Menfchen, die fie Fannte,
Freund und Zeind rief fie zu Hilfe,
Nief zu Hülfe alle Geifter
Und den Schatten ihres Mannes,
Bat um Schuß die guten Götter,
Dritter Geſang.
Und rief Uffo an mit Indbrunft -
Und des Donnergottes Schatten !
Zinlands windelund’ger Zaubrer,
Reich an mächt'gen Hegenformeln,
Mußte fih das Ohr verfchließen,
Daß der Wittwe kläglich Ziehen
Und ihr herzzerreißend Jammern
Ihn nicht wanfend machen möchten.
Doch die Götter, die zu helfen
Richt den Willen bloß bewahren,
Sondern auch die Macht befiken,
Hörten Linda's Hilferufen,
Das Geſchrei der armen Wittwe
Und ihr flehentliches Bitten.
Und der alte Göttervater
Kam ihr felber aus den Wolfen,
Aus des Himmeld Höh’n zu Hilfe.
Finlands windefund’ger Zaubrer
Hatte faum mit feiner Beute
Erft den Iruberg beitiegen
Und war im Begriff, von dort aus
Grade an den Strand zu geben,
Bo das Boot für ihn bereit lag,
Als der Donnergott dem Räuber
Plöglich Frachend aus den Wolfen
Einen Bligftrahl in den Weg warf.
Raſſelnd über Eifenbrüden
Polterte der Donnerwagen
Feuerflammen um ſich jprübend.
Finlands windefund’ger Zaubrer
Wurde von dem Bliß getroffen,
Daß die Glieder ihm erftarrten
Und ihm alle Sinne fchwanden.
In die Nacht der Ohnmacht finfend
Stürzt' beſinnungslos er nieder
Und blieb liegen wie ein Todter.
Und der Schug der maͤcht'gen Götter
Und des Himmels kraͤft'ger Beiſtand
—
370
70
Dritter Geſang⸗
Metteten das arme Hühnchen
Aus des Habichts feharfen Krallen.
Auf der Flucht vor dem Berfolger
Ward die feufhe Wittwe Kalew's
Sach in einen hohen Felsblod
Auf dem Sruberg verwandelt.
Ihres Lebens zarte Fäden
Löften fih von einem Dafein,
Das nur Schmerz und Trauer kannte,
Thränen nur des Kummers weinte.
Und der böfe Zaubrer durfte
Nicht ihr keufſches Bett befleden.
Zinlands Zauberer erwachte
Erft nad einer langen Weile
Aus den Fefleln feiner Ohnmacht,
Seines Todtenfchlafes Banden.
Lange rieb er fid) die Augen,
Eh’ er fi befinnen -Fonnte,
Um fich forfchend umzufehen,
Wo fein theurer Schaß geblieben,
Wohin Linda fi geflüchtet,
Wo fein. Hühnchen ſich verborgen.
Doch er fonnte nichts entdeden,
Birkhuhns Töchterchen nicht finden.
Kalew's treue Hausfrau Linda
In den Zeljenblod verwandelt
Könnt ihr heute noch erkennen,
Könnt fie fehen und betaften.
Auf dem Jruberge figt fie,
Die dem Birfhuhnei Entfproßne,
Sipet Linda nah am Wege,
Wie die Neifenden wohl wiffen,
Wenn auch unfre Zeitgenoſſen,
Unbefümmert um die Vorzeit,
Kaum den Namen Linda hörten.
Iru's Schwiegermutter hört man
Meiftentheils den Felsblock nennen.
Leder, der nach Reval wandert,
Dritter Geſang.
Muß auf feiner erften Reife
Irn's Schwiegermutter grüßen
Und zum Zeichen feiner Achtung
Sie mit feinem Hut bededen.
Obwohl Niemand ar dem Felsblod
Lebenszeichen je gefunden
Dder ihn fi regen fehen,
Ging doch, wie noch alte Leute
Sich aus früh’rer Zeit erinnern,
Sonft von Mund zu Mund die Sage,
Der man guten Glauben fchentte,
Daß im Innern dieſes Felsblocks
Eine Lebenskraft fid) vege,
Die auf feinen Urfprung hinwies.
Wer, fo hieß es, von dem Berge
Abends in das Thal ihn rollte,
Fand’ am nächften Morgen ficher
Ihn an feinem alten Plage
Ruhig unverändert ftehen.
Darum ſäume nicht, o Wandrer,
Iru's Schwiegermutter freundlich
Und mit Achtung zu begrüßen !
Sep? ihr höflich deinen Hut auf
Und umbalfe fie mit Ehrfurcht:
Niemand wird zur Schmach dir's rechnen,
Nie ein Menſch darob dich tadeln!
2
— — — —
* Kalew’8 Söhne trabten munter
Alle Drei des Weges. fürder
Bald auf ausgetretnen Pfaden
Dder über Flächen fchreitend,
Bald im tiefen Sande watend
Dder dur) bemooste Sümpfe.
Drauf beraten fie die Wälder,
Bier gehegte lichte Wälder.
Hohe Zannen trug der erfte
Und Der zweite kräftige Eichen,
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40
ni.
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Dritter Gefang.
Schlanke Birken trug der dritte
Und der vierte Trauererlen.
Der Bezirk des Tannenwaldes
Ward der Königswald geheißen ;
Zaara war der Boden heilig,
Den der Eichenwald bededte;
Aungfernwald hieß man das Wäldchen,
Bo die ſchlanken Birken ftanden ;
Und das Erlenwäldchen endlich
War den Trauernden geheiligt,
War der Wald der armen Waiſen.
In dem hohen Tannenwalde,
Der der Königswald geheißen,
Setzte ſich der Altfte Bruder
Unter einem Baume nieder
Und begann ein Lied zu fingen
Kräftiglih aus voller Kehle:
Daß die Blätter an dem Laubholz
Herrlicher al8 je erglänzten
Und die Nadeln an den Foͤhren
Sich zu Geidenbüfcheln formten,
Und die Zapfen an den Tannen
Purpurn in der Sonne glühten,
Eicheln an dem Eichbaum fproßten,
Zarte Kätzchen an der Rirfe,
Andre Bänme fih mit füßem,
Duffgem Blüthenfchnee bededten,
Der in Eonnenfcheine glänzte
Und die helle Mondnacht würzte,
Daß die Wülder wiederhallten
Und die Anen und die Wiefen
Seine Töne in fih fogen
Und des SKunglafönigs Töchter
Thränen des Entzückens weinten.
In dem Birfenwäldchen ſetzte
Sid; der zweite Bruder nieder
Unter einer Trauerbirke
Und begann ein Lied zu fingen
Dritter Oeſung.
Kräftiglich aus voller Kehle
Und aus tief bewegtem Herzen,
Daß die Blüthen ſich erfchisfien
Und die Blumen weich ergfühten,
"Daß die goldnen Achren quollen
Und fich rötheten die Aepfel,
Nüffe fih mit Kernen füllen,
Kirfchen ſüßes Zleifch gewannen,
Rothe Beeren an den Hägeln,
Biaue auf dem Moore fproffen,
Schwarze an des Sumpfes Rändern,
Gelbe auf bemooften Himpeln,
Und mit glüh’nden Purpurtrauben.
Sid die Ebereſchen fhmüdten, —
Daß die Wälder wiederhallten:
Und die Auen und die. Wiefen
Seine Töne in fih fogen
Und die zarten Baffernigen
Thränen des Entzückens weinten.
In dem Eichenwalde fehte
Sid der jüngfte Bruder nieder,
In dem heilgen Haine Taara's
Unter einem edlen: Eichbaum
Und begann ein Lied zu fingen
Kräftiglich aus voller Kehle
Und aus tiefbewegtem Herzen
Und mit jugendlichen Feuer,
Daß das Wild im Erlenwalde,
Weibchen in dem Birkenhnine,
Männchen in dem Zaunenforfte,
Scheues Wild im Foͤhrenwalde,
Liſtiges im Eichenwalde
Sich verſammelten zum Horchen.
Auch der Kuckuk ließ ſich hin
Und die Tauben girrten i ‚ «,
Und die bunten Elſtern ſth.Atzten.
Bögel in dem Neſtern piepten,
Lerchen trillerten im- Beide,
510
23
Dritter Gefang.
Süßer. zwitfcherten die Schwalben.
Schwäne kamen angefhwommen,
Enten fohnatterten am Prahme,
Gänſe an dem Queflenrande.
Auch die Nachtigallen lernten
Erft von ihm mit Flötentönen
Süße Nächte, ftile Morgen,
Spätes Abendroth ergögen.
Wenn er fang, fo fehlugen lauter
An den Zeld die Meereswogen,
Beugten fit der Binme Wipfel,
Zitterten die grünen Hügel,
Und es theilten fich die Wolfen,
Weil der Himmel laufchen wollte.
Und des Eifenkönigs Tochter
Und die zarten Waldesnymphen
Und die goldgelodten Nigen
Beinten Zhränen des Entzückens,
Glühten für den fehönen Sänger,
Sehnten fih nad feiner Xiebe. *
Ziefer neigte fi) die Sonne
Und der Windhauch wurde frifcher,
Fühlbar ſchon Die Abendfühle.
Mit dem Zuge ging’ zu Ende
Und die Jagdluſt war befriedigt,
Darum fäumten nicht die Brüder,
Ihren Rüdweg anzutreten.
Alles Wild, das fie erbeutet,
Trug allein der jüngfle Bruder
Unverdrofien auf den Schultern,
Die die fchwere Laſt nicht fühlten.
Raſch nach Haufe zu gelangen,
Eilten alle drei im Sturme
Ueber weite Haideflächen
Immer nach dem Rauche fpähend,
Als dem ficherften Beweife,
Dritter Geſang.
Daß zu Haufe unterm Keffel i
Zuftig ſchon das Ferner brenne; |
Doc, fie konnten nichts entdeden.
Raſch dem Haufe fih zu nähern, 560
Eilten alle drei im Sturme |
Durch den tiefen Sand der Haide,
Darauf nur den Blid gerichtet,
Rauch vom Kochherd zu entdeden,
Dampf vom Keflel zu erjpähen.
Doch e8 ließ fein Rauch fich fehen,
Ward fein Dampf vom Suppenteffel
Auch dem fehärfften Sinn bemerkbar.
Schon erreichten fie den Anger,
Stürzten durch die öffne Pforte, 670
Flogen durch den weiten Hofraum '
Unaufhaltfam Dis zum Eingang
Und betraten raſch die Schwelle.
Laͤngſt erlofchen ſchien das Feuer,
Längſt erfaltet ſchon der Kochherd ;
Sichres Zeichen für Die Brüder:
Daß die Königin des Herdes,
Daß des Feuers treufter Wächter
Zängre Zeit ſchon nicht daheim fet.
Sprach der jüngfte von den Brüdern: 680 -
„Diefer Fluß führt ab vom Wege,
Diefer Pfad gebt in die Fichten !
Hier im Hauſe iſt's nicht richtig !
Offen fteht Die Angerpforte,
Dffen auch die Thür des Haufes.
Fremde Spuren auf dem Hofe.
Hier ift etwas vorgefallen,
Hat ein Unglük ſich ereignet.“
* Und es ſchlugen Lärm die Söhne
Und erhoben ihre Stimmen, 6500
Daß ihr Ruf in weite Kernen |
Durch des Abends Stille tönte :
„Bieb uns Antwort, liebe Mutter!
Nur ein Wort, 9 füßes Herzchen,
76
610
*
Einen Ton nur, liebes Voglein!
Sprich, wo bift du, theures Birkhubhn ?-
Aber ftumm blieb ihre Mutter,
Ließ Fein Wörtchen von: ſich hören.
Nur das Echo gab die Antwort,
Nur die Haiden hallten wieder
Und die Wälder nah und ferne
Und die Infeln in dem Meere
Bis nad) Defel hin und Dagö.
Nochmals ſchlagen Lärın die Söhne
Und erhoben ihre Stimmen,
Daß ihr Ruf in weite Fernen |
Dur die ſtille Nacht erfchallte:
„Gieb und Antwort, liche Mutter,
Nufe, rufe, füßer Kuduf, |
Zheurer Schwan, o finge, finge !
Sprich, wo bift du, liebes Birkhuhn 9
Aber ftumm blieb ihre Mutter,
Keine Antwort gab das Birkhuhn.
Nur das Raufchen von dem Strande,
Wo fih an den fteilen Felfen
Tag und Nacht die Wogen brechen,
Unterbrach die tiefe Stille.
Und zum dDrittenmal erhoben
Zaut die Söhne ihre Stimmen,
Daß ihr Ruf in weite Fernen
Durch die ftile Nacht erfchallte :-
„Sieb uns Antwort, liebe Mutter,
Glucke, glude, füße Henne,
Nur ein Wörtchen, du Berlorne,
Gieb zur Antwort unferm Rufen,
Deiner Kinder lautem Flehen!“
Keine Antwort gab die Mutter,
Keinen Laut das Birkhuhn von fich.
Hühnchen hatte ausgegackert,
Schwanenweibhen ausgefungen !
Wo der Söhne Rufen hindrang,
Barften Felfen aus. einander; .
a
Dritter: Geſang.
Bo es durch die Wälder halkte,
Streckten fi) die Baͤume nieder;
Wo es über's Meer dahinflog,
Hoben ſich die ſcheuen Wellen,
Krachten dunkle Wetterwollen.*
Mütterchen war nicht zu finden,
Nicht der Henne trantes Glucken,
Nicht des Birkhuhns füßes Kullern,
Nicht des Kuckuks helles Rufen
War zu hoͤren von den Auen,
Bon den weitgefireifen Mooren
Dder aus den Meaereswellen,
„Riht aus Dichten Waldgeflrünpe,
Noch von offneng Hatdeflägen.
* immer ftiller ward’s und ftiller
An des Abends Schlinnmerfktunde.
Da begaben ſich die Brüder
Durch die Pforte auf den ‚Anger
Und von dort zur Kuͤlberboppel,
Um der Mutter Spar zu- fuchen
Und den Räuber zu entdedfen.
Einer ging hinab den Anger,
In die Koppel trat der zweite
Und der jüngfte fhritt zum Strande.
Und ber ältee der Brübder,
Der den Angermeg gegangen,
Konnte nichts von feiner Mutter,
Nicht das Meinfte Merkmal finden.
Auch der zweite von den Brüdern
Fand auf feinem Stoppelmege
Weder eine Spur der Mutter, '
Noch des Feindes, der fie raubte,
Nichts was ihm verrathen hätte,
Wo das Hühnchen war geblieben,
Bo das Böglein Hingeflogen
Doch der jüngfte von den Brüdern,
‚Der fi) an den Strand begeben,
Fand Dort Spuren vor.und Zeichen,
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18
700
Dritter Gefang.
Die ihm zu verratben fhienen, -
Bo das Mütterchen geblieben,
Wie das .Hühnchen fich verloren.
Finlands liſt'ger Zaubrer nämfih
Hatte fih vom offnen Waſſer
Hinter einen Feld geflächtet
Und mit eingetrener Rüdfluth
Heimlich den Verſteck verlaffen,
Erft nahdem er viele Tage,
Diele lange dunkle Nächte
Dort im tief verborgnen Winkel
Wie ein Dieb gelauert hatte. *
Dies beftärkte noch die Brüder
In dem fchnell erwachten Argwohn,
Daß der abgewieſ'ne Freier,
Der ihr Rache einſt geſchworen,
Seine Drohung jetzt erfüllet
Und geraubt die theure Mutter.
Da fie deshalb noch beriethen,
Sprach der älteſte der Brüder:
„Laßt und einen Biffen Brotes
Unverweilt zum Abend nehmen,
Um den müden Leib zu flärken,
Und uns dann zur Ruhe legen.
Möglich, dag uns noch ein Zraumbild
Auf die Spur der Mutter leitet.
Morgen gehn wir dann fle fuchen.“
Diefen Vorſchlag unterftühend
Sprach der zweite Bruder alſo:
„Während wir im Schlummer ruhen,
Kann ja wohl des Himmels Weisheit, -
Kann uns Uffo offenbaren,
Wie wir -im bethauten Graje
Eh? die Sonne aufgegangen
Der Berlornen Spur entdeden,
Wie wir unfer theures Hühnchen,
Wie wir das geraubte Vöglein
Aus des Näubers Krallen retten.“
Dritter Gefang.
Als fie lange ſich berathen
Und das Klügſte ausgefunden, -
-Debnten ſich die beiden Brüder
Und begaben fid) zur Rube.
Dod der jüngfte von den Brüdern
Und der Stolz der Kalewiden,
Der der Mutter Wittwenthränen
Dft als guter Sohn getrodnet, '
Fühlte anders, als die Brüder
Und gedachte für die Mutter
Raſcher, kräft'ger aufzutreten.
Er, der kräftigſte der Brüder,
Dachte ſo in ſeinem Sinne:
„Was du heute kannſt verrichten,
Wirf auf morgen nicht bei Seite!
Jeder Tag bat feine Nechte,
Jede Stunde ihre Pflichten,
Ihrer Sorgen-eigne Bürde,
Ihres Strebens eigne Wege.
Soll dir eine Stunde nüthen,
Einen reihen Fung dir bringen,
Mußt du keine Zeit verfäumen,
Did nicht lang' erft vorbereiten.
Ber das Glück fucht, darf nicht weilen.
* Zunf Verlufte hat der Säum'ge,
Der Bedächt’ge ſechs Gefahren,
Sieben Kämpfe zu beftehen.« *
Der Berluft der theuren Mutter
Ging dem Sohne an die Seele,
Ließ ihn feine Ruhe finden.
Als nun feine ältern Brüder
Sich auf ihrem Lager dehnten,
Draͤngt' es ihn hinaus in's Freie,
Eilig trat er aus dem Haufe,
Veberfchritt den Hof im Zuge
Und gelangte auf den Anger.
Hier die eigen Schritte hemmend .
Zrat er an das Grab des Vaters.
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Dritter Belang.
* Kalew's jüngfigeborner Sprößling_
Angelommen an dem Grabmal
Warf fih auf den Zodteuhügel
Mit gepreßtem Herzen nieder.
Fragt der Vater aus der Ziefe:
„Wer bewegt fi) auf dem Sande,
Tritt das Grab wit feinen Füßen ?
In das Auge rinnt der Sand mir,
Grus mir auf die Augenlider. “
. Hört’8 der Sohn und giebt zur Antwort:
„Ich, dein jüngfter Sohn, ein Knabe,
Liege weinend hier im Sande,
Lieg' auf meined Vaters "Grabe,
Troft mir in der ſchwerſten Drangjal
Für's gepteßte Herz zu fuchen.
Ach, fteh” auf, mein lieber Vater !
Komm, o komm’, mein Bater, komme !
Komme mir den Weg zu zeigen,
Daß ich meine Mutter finde !“
Sprach der Vater unterm Rafen,
Ließ fi) aus der Grabedtiefe,
Alfo aus der Gruft vernehmen:
„Kann nicht aufitehn, junges Söhnen,
Kann nicht aufftehn, kann nicht kommen!
Sieh, es laften auf der Bruft mir,
Auf den Gliedern ſchwere Zellen,
Engelblumen auf den Xidern,
Blaue Glörfchen auf den Augen,
Rothe Blumen auf den Wangen !
Mög’ der Wind den Weg dir zeigen,
Mög’ ein fanfter Weft dic) leiten,
Dich der Sternenhimmel führen !« *
Bon dem Grabe Ienfr? er’ eilig
Nah dem Meere feine Schritte
Und betrat das Felfenufer,
Um von dort der Mutter Spuren,
Der verborgmen, aufzujuchen.
Bon dem Räuber war am Zellen,
Dritter Befang.
Wo noch jüngft fein Fabrzeug ſchwanlte,
Keine Spur mehr zu entdecken.
Kalew's jüngſtgeborner Sprößling
Schaute von dem hohen Felsrand
Bei dem letzten Abendſchimmer
Auf das Meer zu ſeinen Füßen,
Ließ den Blick, ſo weit er reichte,
In die weitſte Ferne ſchweifen,
Ob er auf dem Meeresrücken,
Den ein leiſer Weſt bewegte,
Nicht den Dieb entdecken könnte;
Ob nicht irgendwo ein Zeichen,
Wär's auch noch ſo unbedeutend,
Ihm des Räubers Spur verrathe;
Ob von der verlornen Mutter
Nicht der Abdruck ihres Fußes
Irgendwo zurückgeblieben!
Eine Welle treibt die andre
Vor ſich her und wälzet ſchäumend
Sich zuletzt an's ſteile Ufer,
Wo ſie an dem harten Felſen
Machtlos anfchlägt und zerſchellet.
Aber keine bringet Nachricht,
Keine giebt auch nur ein Zeichen,
Wer ſich durch das Spiel der Wellen
Heute auf dem Meeresrücken
Mit dem Raube fortgeſchlichen.
Auch die Sterne ſchauen heiter
Auf das Wellenſpiel hernieder,
Aber keine Zunge regt ſich,
Um den Räuber zu verrathen.
Alſo wogt das Spiel der Wellen
Auf der weiten Meeresfläche
Immer ruhig auf und nieder,
Nie und nimmer darnach fragend,
Wer in ihren feuchten Armen,
Ihrem Schooß den Tod gefunden !
Nein, der Wogen Schaufeljpielen
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- Dritter Geſang.
Und der Waſſer füßes Raufchen “
Und des Sternenbimmels Blinfen
Fragen nichts nach unfern Freuden,
Nichts nach unfern Seelenſchmerzen! —
Eine Welle treibt die andre
Bor fi her und mwälzet ſchäumend
Sic, zulegt an's fteile Ufer,
Wo fie an dem harten Felſen
Machtlos anfchlägt und zerfchellet
Und in feuchten Staub fi auflöft;
Aber feiner unfrer Kragen
Bringt fie jemals eine Antwort.
Eine Welle treibt die andre
Vor fi) her und wälzet fhäunend
Sich zuletzt an's Felfenufer,
Wo fie an dem Stein zerfhellt!
Alfo treiben unfers Lebens
Wogen fpielend an das Ufer,
Wo im kühlen Abendrothe
Srabeshügel einfam glühen,
Und des Himmels heitre Sterne
Und des Mondes bleiches Antlig
Und der Sonne goldne Strahlen
Schauen auf die Rafenhügel.
Doc find ſtumm und fill die Gräber
Und die Sterne fohweigen ewig
Und der Mond hat feine Zunge,
Keinen Mund die liebe Sonne,
Cine Antwort und zu geben.
Anmerkungen.
Anruf.
1) Wanemuinens, des Gefangesvaters, Pflegetochter Jutta fand,
über ihres Geliebten Endel Hinfcheiden trauernd, in dem nad ihm
benannten @udla = Eee ihren Tod. Ihr Geiſt dirigiert Die Reife der
anfommenden und abziehenden Bugvögıl und wird bisweilen in ber
Johannisnacht gemweihten Augen in den aufiteigenden Nebeln des
See's ſichtbar.
2 Der Kuckuk ſpielt die Rolle eines Leihen: und Trauervogels.
Sein omindjes Rufen im Frühling, zum eritenmal gehört, beitimmt
die Bahl der noch übrigen Lebensjahre, während feine Annäherung an
die Wohnſtaätten als firhere Todesbotfchaft gilt. Selbſt fein Erſchei⸗
wen im Traum foll bevorfkehenden Schmerz und Kummer anbeuten.
Wenn er im Früblingsconcert und anderweitig kuldne kägu (golduer
Kuduf) genannt oder angeredet wird, jo will man damit nicht ſowohl
feine Verehrung für ihn ausdrücken, als vielmehr ihm ſchmeicheln nnd
feine Gunſt zu gewinnen fuchen.
Zum Verſtandniß.
V. 3. Die Finniſche Gottheit Kalma muß den Eſten bekannt
geweſen ſein, dafür ſpricht die Reval⸗Eſtniſche Benennung „Kalm u⸗
bauad«, Kalma's Gräber, für Begräbnißſtätten aus dem Heiden⸗
thum, während die chriſtlichen Gräber ſchlechtweg hauad oder ſurnu
hauad genannt werden. Vergl. Caſtren Vorleſungen über die Fin⸗
niſche Mythologie p. 109, 127 und 174.
V. T2. Unter dem Namen Ukko ſcheint man den Xitvater,
wana iſa, als einen die Ernten und die Fruchtbarkeit beſchuͤtzenden
Bott verehrt zu Haben. Auch befchügte Ukko mit feinem Fittig oder
in feinem Exhooße (Beides mit Dim bezeichnet) die in den Grüf-
ten Schlummernden.
2. 69. Aaw, die Espe, heißt auh warga puu, Diebe:
baum. Es foll der Sage nach einft ein arger Dieb, als er in der
Klemme war und zu Kreuz kroch, von fchügenden Göttern in die
84
Espe verwandelt worden fein. Das hörbare Bittern der Blätter auch
beim geringiten Zufthauche giebt ein Bild Davon, wie der Arme bei
ber Entdeckung feiner Uebelthat gezittert und gebebt hat.
2.102. Kite war eine Gemwittergottheit, denn Aike ſe wihm
und Aikeſe pilwed werden noch heutige Tages Gemwitterregen und
@ewitterwolfen genannt. ‚Dem Donnergotte, Kdu, Pilne, Pik—
fer, wird eine Armbruft zur Waffe gegeben, vermittelt deren er feine
Pfeile abſchießt. Bismweilen fchlägt er aber auh raud nuiaga (mit
eijerner Keule) auf die böfen Geifter lo, Nah Eaftren bieß Ukko
bei den Lappen Aija, Aije, Aijeke (Legtered Diminutivum von
Aije), verwandt mit dem Finniihen Aija, Großvater. Bergl.
Caſtreén Vorlefungen über die Finniſche Mythologie. p. 47 seqq.
Wegen Köou ebendafelbft p. 12 seqq. j
V. 128. Mardus ift eine Geilterftimme im Walde, die ber
Morzeit Leid und Sammer am ftillen Abenden beflagt. Vergl. Boec⸗
ler p. 146 segg.
V. 213. Nah der gegenwärtig vorkommenden Beggnnung
taud, eine böſe Seuche, möchte ich in dem Tauts, wie er fich in
Volksliedern erhalten Hat, einen Beberrfcher der Seuchen erfennen.
V. 218. Hallifad in Verbindung mit mets find Waldniren,
mit wefi Wailerniren. Die jungen Töchter der erfteren fommen ges
wöhnlih in Schaaren vor, während die eigentlihe Waflerfungfrau,
nat, mur einzeln erfcheint. Die Embachsnixe mar früher häufig
fihtbar. Wielleiht haben die Mufenföhne Dorpat’s fie eingefchüchtert, -
daß fie jeßt zurüdhaltender geworden ift.
V. 263. Saanislin ift eine alte Eitenburg tief im Walde
und von Morälten umgeben innerhalb der Gränzen ded Gutes Poll
im Niſſiſchen Kirchipiel. Ich babe fie im Jahre 1819 beſucht.
Erfter Gefang.
DB. 15. Wiker, nah Sfjögren mit Piker, dem Donnerer,
identifh. Wikerlane und Wilerlafe poeg wird nicht felten als
ebrender Beiname von Helden gebraudt.
. 82. 30. Zuule ema, Wintesmutter, Beherrſcherin der Winde.
Zuule ema nutab, vergl. Boecler p. 147. Die windefundigen
Bauberer, die Windfahrer, die mit Stürmen und Wirbelwinden reifen,
beißen tuule ema poead, Edhne der Windesmutter, fonft auch
tuulestargad, die Windweifen, die Windefundigen.
2.62. Kalewallas, von Kalewald, das Heimathsland
der Riefen.
86
V. 90. Pöohia kotkas, deb Nordens Kar, Häufig in Sagen
and Xiedern vorfommend, wird als eine unheilbringende böfe Macht.
gedacht.
V. 126. Die Wiekſchen Eften rühmen ſich heutiges Tages noch:
meie oleme ema poolt Kalewi poea fugulafed, wir find
von mütterlicher Seite ber mit dem Kalewsſohn verwandt. Daraus
fiebt man, wie beitimmt die Meinung im Molfe wurzelt, Daß die
Mutter unferes Helden in der Wiek ihre Heimath Hatte.
8.170. Sula neitfi, wörtlid die ‚Hüffige Jungfrau, wie
libe neitfi, die glatte Jungfrau, können im weit hervorgefuchten
mythologiſchen Einne als Beherrfcherinnen oder- Perfonificationen des
Waſſers und des @ifes, des Flüffigen und des Starren, aufgefaßt
werden.
DB. 341. Muru eit, die Rafenmutter, eine Schutzgöttin des
Hauſes, deren Obhut befonders der Hofraum und Garten anvertraut
war. Ihre Töchter, muru eide tütred, dürfen nicht mit merfa
piigad, Baldjungfrauen, verwechſelt werden, welche Letztere den
Mets⸗hallifjas, den Waſſernix, zum Vater hatten.
V. 499. Kungla kuningas, ber König von Kungla, von
deiien Reichthum und Schaͤtzen in Sagen und Liedern viel Aufhebens
gemacht wird, ſcheint ein Maͤchtiger des Nordens geweſen zu ſein;
ob in der Wirklichkeit, oder bloß in einem fabelhaften Eldorado, das
laßt ſich nicht mit Eicherheit beftimmen. In einem Liede wird er
ſpeciell als SIufellönig angeführt. Vergl. Mythiſche und magijche
Lieder p. 30.
V. 843. Daß die noch kurz vorher ald Freier aufgeführten
Sonne und Mond jept als Oheim und Pater der Linda
auftreten, gehört wieder einmal zu den räthielhaften Wunderlichkeiten
und Sneonfequenzen, zu denen der Eftnifche Eanger ſich hinreißen laßt.
Mielleicht fol dadurch die höhere Abitammung der dem Birfhuhngei
Entſproſſ enen angedentet werden, wobei man freilich wieder nicht be⸗
greift, in welchem Sinne die Birken Brüder und Bettern der Linda
genannt werden
Zweiter Geſang.
B. 26. Der an eines ſtarken Mannes Bruſt gelegte Säug⸗
ling ſoll beſonders ſtark werden. Vergl. Boecler p. 54.
V. 66. Dieſer Name (Sohni) unſeres Helden findet ſich in
ten von Dr. Fählmann aufgezeichneten Sagenbruchſtücken; im Munde
bes Volkes ift er mir nie vorgefommen.
3.136. Tühi und wana Tühi, wörtlih : der Leere, ber
alte Leere, Nichtsbedeutende, ift eine Bezeichnung des Böfen, namlich
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des perfonifieicten Böfen, des chriftlihen Teufels. Vergl. Mythiſche
und magiſche Lieder der Eften. p. 88. Das Wehfeln der Schuhe
Echmwangerer findet fih in Boecler p. 4b.
V. 218. Eit pani fdle ſdudemaie, die Mutter lieh die
Epange rudern, war eine dem Krpuslöma verwandte Wahrjagerei. Cine
Beuftfpange wird an einem Zwirnfaden aufgebangt und in ?reifende
Bewegung geſetzt. Während der langiamer werdenden Bewegung
ftellt man die Frage, deren Beantwortung man wünſcht und die ent
weder bejahend oder verneinend verlangt wird. Hört nad) der geſtell⸗
ten Sage die Bewegung auf, fo it die Antwort eine nerneinende,
dauert fie noch fort, eine bejahende. Des Erlenkäfers Flug prädteirt
einen günftigen Erfolg, fobald er nah Süden gerichtet iſt, nad) Nor⸗
ben gerichtet einen ungünftigen.
V. 295. Targad, Heillünitler, Zauberer und Weiſe, werden
je nach ihrer Macht in verjchiedene Klaijen getbeilt. Ihre Reiben:
folge ift bier im Driginal unrichtig zufammengeftelt. Auf der un:
teriten Stufe ftehen namlih die Söna⸗, Soola⸗ und Tühfa⸗
Targad, die vermittelft ihrer Zauberſprüche Krankheiten hindern,
aber auch Menſchen und Vieh böjen Schabernad fpielen fünnen.
Ihnen folgen in der Rangorduung die Tuule-Targad, die Wind:
weißen, deren oben in der Anmerkung zu V. 3U des erften Befanges
bereit8 Erwähnung gefhehen. Sie find in Allem mächtiger, als ‘Die
Eöna:Fargad und können mit der Schnellpoft des Windes Läns
der und Meere durchfliegen. Die dritte Klaſſe, Mana⸗Targad,
bilden die Häupter der ganzen Bunft. Ihnen ijt gegeben alle Macht,
fie können jeglichen Bauber binden und löfen. Nach Caſtren ift ihre
Benennung verwandt mit der der Finnifchen Gottheit Mana. Ders
gleihe über Mana Eaftren p. 23, 61, 127 segq.
V. 505. Zuulejumal, astu tupa, Windesgott, tritt in
die Etube! Ganz übereinftimmend mit der bei den Eften herrſchenden
Vorftellung, daß die Winde in allen Krankheiten und Schmerzen Hei⸗
lung und Xinderung bringen. Vergl. Boecler p. 106—109. Der
Röugutafa im vorigen Verſe und an verfchiedenen anderen Stellen
ift eine die Kreißenden, Wöchnerinnen und Neugeborenen fehügende
Gottheit. Vergl. Boecler pp. 18, 42, 43, 53 und 104.
B. 539. Der Gang durch die verfhiedenen Haine ſteht im
Bufammenhange mit der Vorſtellung der Eſten, daß man gewöhnliche
Schmerzen, Zahnweh und dergl., Durch Anwendung von Bauberfprüchen
‚in die Bäume ableiten und bannen könne. Die Schmerzen der
freißenden Lin da waren aber ganz anderer Art, fie waren natürliche
Wehen, und darum half die bier angewandte Procedur nichts.
B. 655. Rutumdtjad, auch lapfe raugutajad, von
rauguma, befänftigen, flillen, befchwichtigen, wurden Weiber ger
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nannt, Die es verftanden, fchreiende Kinder mit Anmenbung von Bauber:
ſprüchen zu beruhigen.
V. 659. Kifasfun, GSchreimonat, und nutunädalad,
Ahränenwochen, nennt man des Kindes erſtes Säuglingsalter, mo
das Kind gewöhnlid am Zage ſchläft und in der Nacht fchreit.
V. 727. Tamme faswatama, die Eiche wachlen laſſen,
ein befanntes Bubenfpiel, bei dem man fich mit Kopf und Händen
auf den Boden ftügt und die Beine nad oben Fehrt.
V. 734. Sakſa faanid, zierlihe Meine Schlittchen, umd
fasfi märsſikeſed, Katzenkörbchen, find aus Grashalmen und
Beidenrinde geflochtene Kinderfpielfahen. Det Kalewi Knabe bedient
fh dazu ganzer Bäume ſammt den Wurzeln.
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Der Drud wird unter ber Bedingung geftattet, daß nad) Beendigung
beffelben ber Abgetheilten Cenſur In Dorpat die vorferiftmäßige Anzahl Egem-
plare zugeftellt werde.
Dorpat, ben 29. März 1857. .
(Rr. 30.) Mbgetheilter Genfor de la Croix.
Vierter Geſang.
Mur „Kuckuk, goldner Vogel,
Laß dich hören, Silberjchnabel,
Kupferzunge, wel’ das Echo!
Bring’ aus alfer Zeit und Nachricht,
Laß es durch die Wälder jchallen,
Bas du birgft in deiner Stehle
Don dem Schaß der heil'gen Vorzeit!
Rufſt du nicht, fo ruf! ich felber,
Wenn auch nur mit heiter Stimme,
Und verfünde, was die Schwäne
Mir in fiebenfachen Weiſen
Aus der alten Zeit gefungen,
Wie fle felbft e8 einit vernommen
Bon den Robben auf den Schollen,
Bon den Zellen an dem Strande,
Bon den ſchmucken Waflernigen,
Bon der Königin der Fluthen,
Aus des Mondes bleihen Mienen,
Aus des Infelvaters Klagen,
Aus der Inſelmutter Thränen.
Deutlich hörten es die Felſen
Und die breiten Wogen jahen’s
Und die Sterne waren Zeugen,
Wie der jüngfte Sohn des Kalew
Seiner Mutter Spur zu fuchen,
Birkhuhns Wegen nachzufpüren,
Nie betretne Pfade einjchlug,
Nicht von feinem Hengft getragen,
Nicht vom Sattel um ſich fpähend.
(11)
10
Bierter Geſang.
Mancher würde drob erfchreden,
Manches Mütterhen wohl feufzen,
Manche Jungfrau Thränen weinen,
Benn den Kalewidenfprößling
Sie auf weiten wüften Meere
Unter den empörten Wogen
Und umfäumt von ihrem Schwalle
Einfam dur die Nacht auf ödem
Meeresweg gewahren würden. *
Als er fih am fleilen Ufer
Scharfen Blicks noch umgefehen,
Aber nirgend von der Theuren
Eine Spur entdecken konnte,
Warf der Jüngling von dem Glintrand
Sich hinunter in die Bogen,
Die in ihrem breiten Bette
Mächtig raufhend ihn empfingen.
*Mit den Händen kräftig rudernd
Steuert er mit feinen Füßen,
Läßt das Haar als Segel wehen
Und beginnt der Käfte Finland's
Nördlich haltend zuzuſtreben;
Denn im Norden hofft er ſicher
Seine Mutter aufzufinden,
Birkhuhn aus dem Garn zu Töfen,
Linda fiher zu befreien.
Sehnlihft wünfhht er, Finland's Zaubrer,
Diefen windelund’gen Schurken,
Diefen Gauner abzuprügeln,
Zu zerwalken feinen Rüden,
Um der Brut der Weiberdiebe
Eine wohl verdiente Lehre -
Für die Zukunft einzublänen.*®
Bon dem Himmelddome blinkten
Schon der alte Sternenwagen
Und der fchwed’ihe Bär hernieder
Und der helle Stern des Nordpols,
Feſt an einen Punkt gebeftet.
Merter Belang. 91
Alle wieſen ihm die Richtung
Auf der naſſen Bahn nach Finland,
Nach dem hohen Kelfenufer. 70
Denn der Schwimmer auf dem Meere
Findet feinen andern WBeifer,
Keine Dörfer, feine Krüge,
Keines Aderwächters Hütte,
Bo er nad dem Wege fragen,
Einen Führer miethen fönnte.
Er durchſchnitt mit kräft'gen Armen
Die bewegte Oberfläche,
Und der Wellen Schaufelwiege
Wälzte die gewalt’gen Glieder 80
Des entichloffnen, fihern Schwimmers
Woge aufs und Woge abwärts
Immer weiter hin nah Norden,
Seinem Ziele immer näher.
D du ftarfer Sohn des Kalew,
Seiner Wittwe Troft und Stüße!
Nichts vermochte deinen Eifer,
Nichts dein Streben zu ermüden
Dder deine Kraft zu lähmen,
ALS dein Tiebend Herz dich antrieb, 90
Deiner Mutter Spur zu fuchen,
Der Berlornen nachzufpüren.
Sterne kamen, Sterne gingen;
Nur der glänzende Polarftern
Und der alte Wagen hielten
Unverändert Wacht am Himmel.
Deine ſtarken Arme peitfchten
Fort und fort des Meeres Rücken
Und der Bellen Schaufelwiege
Trug dafür den ftarfen Jüngling, 100
Trug den nimmermüden Schwimmer
Woge aufs und Woge abwärts
Immer weiter hin nah Norden,
Zinland’3 Ufern immer näher.
Kalew's bochgepriefner Sprößling
g*
rn
110
120
130
140
Vierter Geſang.
Strebte immer rüfl’ger vorwärts,
Um die Mutter bald zu finden
Und am Räuber file zu rächen.
*An des Herzens Liebesgluthen
Kochten feine Rachepläne, *
Wuchſen feine Riefenkräfte,
Auf der weiten WBaflerreife
Unermüdet auszubarren.
*Die Plejaden ſanken tiefer
Und Orion war fohon fihtbar,*
Um die Mitternaht war’3 etwa,
Dbwohl nirgendwo ein Weder
Dder fonft ein Stundenweifer
Zeichen auf dem Meere angiebty
Um die Zeit danach zu meſſen.
Keinen Hahn hörft du bier frähen,
Keine Henne traulich gadern.
Fiſche haben Feine Stimme,
Ihre Zungen feine Sprade.
Endlih taucht aus Fraufen Wellen
Hüpfend auf ein fehwarzes Pünktchen,
Das ſich vor dem rüftgen Schwimmer
Bald zu einer Infel ausdehnt
Und im Angeficht der Inſel
Rührt er rafcher noch die Glieder.
Er durchſchnitt mit kräft'gen Armen
Die bewegte Meeresfläche,
Und der Wellen Schaufelwiege
Wälzte die gewalt’gen Glieder
Des entfchloffnen, fihern Schwimmers
Woge aufs und Woge abwärts
Immer weiter bin nad Norden,
Immer näher zu der Inſel.
Kalew's hochgeprief’ner Sprößling
Wollte fih ein Rubeplägchen
Auf der Meinen Inſel fuchen, .
Um ein wenig zu verfchnaufen.
Er durchſchnitt mit fräftigen Armen
Vierter Befang.
Die bewegte Meeresfläche,
Und der Bellen Schaufelwiege
Wälgzte den gewalt’gen Schwimmer
An des Eifands Feljenufer.
Kalew's Träftger Niefenfprößling
Lehnte bald den müden Rüden
Und die Hüften waflertriefend
An den Borfprung eines Felfens,
Deſſen untre flache Moosbant
Ihm in ihrem weichen Schooße
Einen Ruhefeflel darbot,
* Seine Füße wohlbehaglich
Noch den Wellen überlafjend,
Die um feine Zehen Eoften
Und mit weihen Schaum die Sohlen
Und die Sinöchel fpielend Füpten. *
Er verfuchte nun ein wenig,
Seine müden Augen fchließend,
Sei's auch nur ein Viertelſtuͤndchen,
Sich dem Schlummer hinzugeben.
Aber eh' des Traumes Feſſeln,
Die Begleiter fügen Schlummers,
Ihm den Geift gefangen nahmen,
Seine Sinne jedem äußern
Eindruf unempfindlih machten,
Ziegen aus der nächt’gen Stille,
Die die Finfterniß beherrfchte,
Aus dem Schooß des tiefften Friedens
Liedertöne fich vernehmen,
Die durch's Ohr in's Herz ihm drangen.
* Eines Mägdleins reine Stimme,
Angehaucht vom Schmelz der Jugend,
Sang in füßen Flötentönen,
Sang fo kunſtlos wie ein Voͤglein,
Wie der Kuduf im Gehege,
Wie die Nachtigall im Wäldchen.
Kalew's hochgewalt'ger Sprößling
Horchte athemlos dem Liede,
160
100
170
180
93
83
190
210
Vierter Befang.
Um vom Sinn der goldnen Worte
Und vom Silberton der Stimme,
Die fo mächtig an fein Herz ſchlug,
Keinen Laut zu überhören. E
Aus des Mägdleind Kehle Drangen
In des Laufhers Obr die Worte:
„Weit entfernt ift mein Geliebter,
Hinterm Wafler mein Erforner,
Unerreichbar meinen Bliden.
Zwifchen mir uud meinem Zrauten
Thürmen fi) des Meeres Wogen,
Liegen weitgeftredte Seeen
Und unzähl’ge Haideflächen,
Dehnen Aecker fih und Wiefen,
Zriften fih und Angerpläße,
Wälzen Ströme ihre Zluthen
Und entfpringen taufend Quellen.
Ad, wer nennt die Dinge alle,
Die mich nicht zu ihm gelangen,
Ihn zu mir nicht kommen laffen!
Nicht in Monden, nicht in Jahren
Hör ich feine traute Stimme,
Seh’ ich in fein treue Auge,
Darf ich mich in feinen Armen
Seiner Liebesgluth erfreuen.
„Weit entfernt ift mein Geliebter,
Hinterm Waſſer mein Erforner,
Unerreichbar meinen Bliden,
Gegen mich und meinen Zrauten
Hat fih Meer und Land verfehiworen.
Bring’ ihm, Lüftchen, meine Grüfle,
Flüſtr' ihm zu, Daß ich ihm liebe!
Ah ihr Wolken, ſchützt fein Leben! '
Meereswogen, Regenſtroͤme,
Rauſcht ihm Wonne zu und Freude!
Lehr' ihn weile fein, o Himmel,
La ihn ohne Sorgen leben,
Seine Pflichten freudig üben!
Vierter Befang.
Bring’ ihm von mir fo viel Grüſſe,
Als wie oft ich an ihn denle;
Bring' ihm von mir fo viel Grüße,
Als ich Wünfche für ihn hege;
Bring’ ihm von mir fo viel Grüßle,
Als das Erlenwaͤldchen Biätter,
Käpchen zählt das Birlenwäldchen,
Radeln unfre Zaupen wiegen;
So viel, fo viel, fo viel Gräfe,
Als du Wellen ſiehſt um Meere,
Sternlein an dem Himmelsbogen !« *
Athemlos dem Liede lauſchend
“Hatte ſich der Sohn des Kalew
Abgemüht mit dem Verſuche,
Auch die Saͤngerin zu ſehen.
Ihn verlangte feine Blicke
In des liederreichen Voͤgleins
Braunes Auge zu verſenken.
Tiefe Nacht war's und das Dunkel
Lag gedrückt von dichtem Nebel
Undurchdringlich auf den Eiland.
Nur ein weithin ſchimmernd Zlammchen
Loderte auf einem Punlte,
Einen Eichbaum ſchwach beleuchtend,
Deſſen Fuß der Fenerherd war.
In dem Scheine dieſes Feuers
Saß das liebe Sangesvoͤglein,
Eine Jungfrau zart und lieblich.
Reiche Locken deckten ringelnd
Ahr den Nacken und den Bufen.
* Sie war’s, die in Flötentänen
Wie die Nachtigal im Wäldchen
Die Gefühle ihres Herzens,
Ihre Sehnſucht kundgegeben.
An dem Feuer ſaß das Mägdlein,
Hielt gewiffenhaft die Nachthut,
Hütete der Mutter Linnen,
Das in langen weißen Streifen
Vierter Belang.
Auf dem Rafen Tags die Sonne,
Nachts des Thaues Perlen bleichten.
Dazu hatte fie im Winter
Selbſt das feine Garn gefponnen,
Das fih fpäterhin am Webſtuhl
Unter ihren fleiß’gen Händen
In Die Leinwand umgewandelt.
* Während fle die Leinwand webte,
Fäden ordnnend mit den Fingern,
Mit den Fuͤßchen dazıı tretend,
Sang fle ftet6 mit heller Stimme.
Kalew's hoher Sprößling fühlte
Sich zum Wettlampf aufgefordert
Und begaun ein Lied zu fingen,
Das des Mägdleins Herz beftridend
Sich im fehallenden Geſange
Alfo an fie felber wandte:
„Traure nicht um den Entfernten,
Den die Meerfluth von Dir trennet!
Sag’ dich 108 von dem Verlornen !
Barum willft du, feines Mägdlein,
Einen naben Freund verfchmähen?
Einen Freund, den du jebt höreft,
Einen Freund, in defien Armen
Sanft und warm fih’3 ruht, o Theure?
Nichts ift, was dich von ihm feheidet,
Was dic hindert, ihn au lieben;
Nicht die unbegränzte Meerfluth,
Keine ausgedehnten Seeen,
Keine Haiden, feine Wüften,
Keine Zriften, keine Aecker
Trennen Dich von feinem Herzen,
‚ Keine ſchnellen Strudelbaͤche,
Steine Quellen, falt und fumpfig.
Nah’, dag du ihn fehen könnteſt,
If der Jüngling wärmern Herzens;
Heiß’te Liebe fühlt fein Bufen,
Süß’re Freuden bietet er dir.
Bierter Geſang. 97
Ganz in deiner Nähe ift er,
Dieſer zärtlichere Buhle,
Und ein Mann aus edlem Stamme,
Seines Hauſes einz'ger Erbe. |
Nerv’ge Schenkel, Träft’ge Floſſen 300
Trugen über's weite Meer ihn,
Deſſen fhaumgefrönte Wogen
Sanft ihn an dies Eiland mwälzten,
Eilands Mägdlein eine Freude,
Eilands Töchtern eine Wonne.“
Eilands zartes, feines Mägdlein,
‚ Zaufchteft fo geipannt dem Schmeichler,
Seinen trügerifchen Worten,
Muͤhteſt dich, du Feiner Heuchler, 310
Wie von ungefähr den Sänger |
Halben Blides zu entdeden,
Deflen Lied fo nah? dich anging.
Armes Kind, du tratft fo fchlichtern
Lauſchend einen Schritt ihm näher,
Zhatft gang unverſehn's den zweiten,
Merkteft gar nicht, da das Herzen
Dir fo laut im Bufen pochte,
Daß du zu den erften Schritten
Noch zehn andre, ja noch hundert
Und wohl mehr noch Ängftlich fügteft. 3%
Ah, du wollteft ja nur fehen,
Ob aus Finland ein Verwandter,
Dder auch ein Wierfcher Freier
Mit Gefchenfen angekommen!
Fliehe, zartes Eilandsmaͤdchen,
Such' dich eilig zu verbergen,
Eh’ der Blick aus fchönen Augen
Feſt did bannt mit feinem Zauber,
Daß du nicht mehr von der Stelle
Weichen fannft, du armes Hühnchen !* 330
Eilands Mägdlein, zart und Tieblich,
Burde bald gewahr den Jungling,
Wie er dalag auf der. Moosbank,
370
. Mierter Befeng.
Ad, und floh — night feine NEpe |
Eh’ der Morgen angebtochen,
Wurden Worte ſchon gewechſelt,
War im,Gange das Geſpräch fen,
Und es webten fich die Fäden
Unfihtbar, Doch ſchnell und ſicher,
Die die jungen Herzen Beider
Wie mit Zaupermacht umfkridten.
Eilandsmägdlein felbftvergefien
Sant in füßer Unbewußtheit
Und in findli reiner Unſchuld
Abfichtölos und ohne Bangen
An die Bruft des ſchoͤnen Fremdlings.
Mägdleia mit ben braunen Augen,
Kind, was ift dir widerfahren,
Daß ein Schrei ſich Dir entwindet,
Daß du bittre Thräuen weinend,
Jammernd laut um Hilfe zufeft ?
Iſt im Arm des SKalewiden,
Wo du warm und felig ruhteſt,
*Dir ein ſchweres Leid begegnet?
Ward die Schulter dir verrenfet,
Dir verlegt die zarte Hüfte?
Hat er Streit wit Dir begonnen,
Dir ein Weh gethan, der Fremdling 9 *
Bater hört den Schrei der Tochter,
Mutter ihres Kindes Wehruf,
Wachten auf aus ihrem Schlummer
Und ermunterten fi) völlig,
Jedes bei ſich felber meinend,
Daß ein böfes Traumgeſicht
Ihr Gehör im Schlaf geäffet.
Doch des Mägdleins Klagelaute
Und. ihr Weinen und ihre Schluchzen
Trafen au Die wachen Ohren.
Juſelvater fpraug vom Lager
Raſch die Dee von ſich werfend,
Nahm zur Hand die ſchwere Keule
Vierter Belang.
Und begab fih aus ber Hätte,
Um au fehen, was dem Kinde
Kür ein Unglüd widerfahren,
Und, ob nicht ein boͤſer Bube
Freventlich der Mutter Erbe
Bei der Nachthut ihr enirifien 7
ALS des Inſelvaters Augen
Nun den riefgen Jüngling trafen,
Sant ihm aus der Hayd die Keule
Und erftarb dad Wort im Munde.
Blei und flarr bei feinem Aublick
Blieb er ſprachlos vor ihm. fliehen.
Einfam wie am Prahm die Ente
Stand fein Kind ihm gegenüber
Und vermochte nicht das Auge,
Bon dem Boden zu erheben,
Nicht die thränenfchweren Wiypern
“ Bor dem Bater aufjufählagen
Dder nur ein Wort zu Sprechen.
Doch der flarfe Sohn des Kalew,
Auf der Moosbank hingegofien,
Schaut ihm ruhig in das Auge
Und erkundigte ſich arglos,
Ob nicht geſtern ſpät am Abend
Finland's windekund'ger Zaubrer
Von dem Wierſchen Strande kommend
Auf dem Wege nach der Heimath
Hier vorbeigeſegelt wäre?
„Nein,“ erwiderte der Alte,
„Finland's windelund’gen Zaubrer
Hab’ ich ſchon feit vielen Tagen,
Schon feit Wochen nicht gejehen.
Doch vergieb mir, edler Fremdling,
Daß id) das Berlangen fühle,
Etwas über deine Herkunft,
Deine Heimath zu erfahren !
Welchem Stamm bift du entiproffen ?
Welches Weib hat dich geboren,
100
410
420
Bierter Befang.
Dih im Mutterfhooß gefchaufelt,
Did gefäugt an ihren Brüften
Und zum Helden auferzogen ?
Daß die Götter Dich erzeugten,
Taara's Erbtheil dir verliehen,
Iſt aufs Antlitz Dir gezeichnet,
Strahlt aus deinem Feuerblide,
Sprit aus jedem deiner Züge.
*Auf des Infelvaters Frage
Gab ihm Kalew's Sohn zur Antwort :
„In dem buchtenreichen Wierland
Und an Harrien’s Felsgeftaden
Und im Sand des Wiekſchen Strandes
Wurde mancher Weg befchritten,
Mancher Fußſteg ausgetreten,
Manche Spur zurückgelaſſen.
Einer dieſer vielen Wege,
Den ich ſchon als Bübchen kannte,
Iſt der liebſte mir von allen,
Iſt der Weg in meine Heimath,
Führt auf meines Vaters Hofplatz,
In die Koppel meiner Mutter,
An die Pforte meines Bruders.
Dort entſproß ich einem Eichſtamm,
Wuchert' aus des Stubbens Wurzeln,
Wuchs heran zum Einzelbäumchen.
Dort ſtand meiner Kindheit Wiege,
Dort mein Neſt in Fels gehauen.
Dort blieb meiner Kinderjahre
Schöner Traum am Raſen haften.
Der im Ebbett mich erzeugte,
Der in's Dafein mich gerufen,
War der Bater ftarfer Männer ;
Meine kinderreihe Mutter,
Deren volle Bruft mich fäugte,
Ward in Wiefland’s Erlenbüfchen
Aus dem Birkhuhnsei geboren.
Findeſt du an mir ein Zeichen,
Vierter Befang. 101
J
Daß ich von den Goͤttern ſtamme,
Könnte ja wohl Taara's Sproͤßling,
Sener ftarfe Bater Kalew, _ 450
Einen Sohn gezeuget haben,
Der hierher verfchlagen worden !
Wär's nit möglich, dag der Spätling,
Jenes legte Neftlind Linda’s,
Hier fi) deinen Bliden zeigte ?" *
Eilandsmägdlein, zart und lieblich,
Die des Fremdlings Rede hörte,
Schrak zufammen und erbleichte,
Als er Kalew feinen Vater,
Linda feine Mutter nannte. 400
* Das erfchro’ne holde Weſen,
Eilandsmägdlein, zart und Tieblich,
Schwankte an den nahen Abgrund,
Bo der Fels in's Meer hinabfällt,
Und ihr Fuß that einen Fehltritt,
Und das Gleichgewicht verlierend
Stürzte fie vom hohen Felsrand
In die dunkle Wogenbrandung
Und verfanf im Schooß des Meeres.
Eine Welle raufchte ſchaͤumend 470
Ueber das verfunfne Mägdlein
Und begrub ihr junges Xeben !
Bellen raufchten und begruben
Inſelmutter einz’ges Kindlein,
Inſelvaters kleines Taͤubchen!
Lautes Wehgeſchrei erhebend
Rang der Vater ſeine Hände.
Aber ſtumm warf ſich der Jüngling,
Kalew's Sohn ihr nach vom Felsrand,
Die Verſunkne aufzufiſchen, 480
Die ertrunkne Maid zu retten,
Sie den Wogen zu entreißen.
Doch der weite Grund des Meeres
Und das kuͤhle Bett der Fluthen
Und der Tiefe Schlummerſtaͤtte
162
610
Bierter Belang.
Hielt das Kind bei fich gefangen,
Gab fie nicht Heraus, die Kleine,
Aus dem falten, feuchten Schooße.*
Ah allein nur kehrt' er wieder,
Taucht' er auf, der Sohn des Kalew,
Doc betrat er nit die Infel,
Sondern rief hinauf zum Felfen :
„Eilandsvater, muß nun feheiden !
Lebe wohl, du armer Bater !
Dir entriß das Meer die Tochter,
Mir der Dieb die liebe Mutter,
Unglüdsbrüder find wir Beide,
Gleiches Loos hat ung getroffen! —
Sprachs und mit den ftarfen Armen
Weite Bogen um fich greifend
Rückt' er weiter vor nach Norden,
Seine Reife fortzufegen.
Bon der Anfel fi entfernend
Schwand der Sohn des flarfen Helden
Mit den Wogen vor dem Winde
Aus des Anfelvaters Augen.
Er durchſchnitt mit Eräfttgen Armen
Die bewegte Oberfläche, e
Und der Wellen Sthaufelwiege
Wälzte die gewalt'gen Glieder
Des entfchloffnen, fihern Schwimmers
Woge aufs und Woge abwärts
Immer fort in grader Richtung,
Dem Geftade immer näher.
Auf's Gefchrei des Infelvaters
Seinem Hilferufe folgend
Sprang die Mutter auf vom Lager
Und begab fih aus der Hütte,
Um zu fehn, was ſich begeben.
*O du liebe alte Mutter !
Sprangft aus deinem warmen Bette,
Warfit Die weiche Dede von dir,
Um die ſchaurigkalte Botfchaft,
Bierter Geſaug.
Um die eifge Trauerkunde,
Um die hagelfroft’ge Nachricht
Aufzunehmen, die im Herzen
Dir das Blut erflarren machte !
In den Wogen fhläft dein Liebling,
Hat dein Kind fein Meines Bettchen,
Das die Fifchlein jeßt umfpielen,
Auf dem Meeredgrund fein Stäbchen.
Schlechte Wärter find die Wellen,
Wiegen ungefchieft und unfanft,
Und die Zifchlein viel zu flüchtig
Und zum Spiel zu ernſt die Waſſer!
Arme, arme alte Mutter !
Kamft fo früh ſchon aus dem Bette,
Aus dem Bett’, noch eh? es graute,
Todesbotſchaft zu empfangen !
Ad, die deine- Mutterliebe
Sanft und zärtlid auferzogen,
Eingelult am warmen Munde,
An der treuen Bruft gefäuget,
Sorglich auf dem Schooß gegängelt,
Und gewiegt auf beiden Händen:
Schlummert unter kalten Wogen,
In dem feuchten Bett der Tiefe!
Eile, eife, alte Mutter,
Nimm den kanggeftielten Rechen
Mit dem längften Stiel von Kupfer,
Mit den allerhöchften Zinken,
Die zu Stahl gehärtet worden,
Geh’ damit das Meer zu rechen
Und die Wellen umzuwenden
Und den Schlammgrund aufzuharfen !
Infelvater, nimm die Rebe,
Nimm die neuften, nimm die flärfften
Und verfuche einen Glückszug!
Könnteft Spuren deines Kindes,
Könnteft es wohl jelder finden
Auf des Meeres tiefem Grunde !*
103
104 Wierter Befang.
* Singft hinaus das Meer zu fegen
Und den Meergrund umzuwühlen
Und die Wogen aufzuharken.
Zrugft in deiner Hand den Rechen,
Langgeftielt mit hoben Zinken.
Kupfern war. der Stiel des Rechens,
Stählern feine blanfen Zinfen
‚Und fein Griff von fehweren Eifen.
670 Sieh doch, was du aufgeharft,
Was der Rechen dir gewonnen!
Schau, ed wird ein Eichbaum fichtbar !
Ei, auch noch ein Föhrenbäumchen!
Bring’ die Eiche und die Föhre
Flugs nach Haufe in Die Koppel!
Gingſt hinaus das Meer zu fegen
Und den Meergrund umzumühlen
Und die Uſtr aufzuharken.
Sührteft in der Hand den Rechen
680 Mit den hohen blanfen Zinken
Und dem Griff von fohwerem Eifen.
Und was fandft du in dem Kehricht,
Was im aufgeharkten Schlamme ?
Fandſt das Adlerei im Kehricht,
Und den Eiſenhnt im Schlamme. .
Gluͤcklich eilteft du nach Haufe,
Bargft den Fund in deiner Kammer.
Gingft hinaus das Meer zn fegen -
Und den Meergrund umzuwühlen,
690 Meeresufer aufzuharken,
Meereögruben zu durchfuchen.
Und was fandft du in dem Kehricht,
Was im aufgeharkten Schlamme ?
Einen Fiſch fandft du im Kehricht,
In dem Schlamm die Sitberfchale.
Und das Fifehlein mit der Schale
Hobft du forgfam auf im Keller.
Gingft hinaus das Meer zu fegen
Und den Meergrund umzuwühlen
Vierter Befang. 105
Und die Bogen aufzuharken 600
Und die Gruben auszufehren
Und im Uferfchlamm zu fuchen :
Ob du nicht dein Hühnchen fändeft,
Nicht dein Mägdlein in den Wellen ?
Hört doch, hört, ihre Trauerleute !
. Hört e8 fingen aus den Wogen! -
Hört doch, hört, ihr Schwerbetrübten,
Ihr vom Schmerz zerfchlagnen Herzen,
Hoͤrt's vom Meere ber ertönen,
Wie es fingt im WBogenfchwalle, 610
Zlötet in. dem Waflerwirbel !
Dort, wo fih die Wogen bäumen,
Dort wird der Gefang geboren,
Dort ans tiefem Meeresbette
Läßt es alfo fich vernehmen:
Maäͤgdlein wol im Meere fchaufeln,
Wollt' im Wellenfpiele fingen ;
Ließ die Schuhe auf dem Steine
Und den Roſenkranz am Baume
Und die Bänder auf dem Sande 620
Und die Ringe auf dem Felſen
Und begann im Meer zu fehaufeln,
Wogenlieder anzuflimmen.
Was erblidte fie im Meere,
Sah fie glänzen in den Wellen?
Goldſchwert blinfte aus dem Meere,
Silberfpeer im Wellenfpiele,
Kupferarmbruft aus dem Grunde.
Zrat heran, das Schwert zu faflen,
Nach dem Silberfpeer zu langen, 630
Kupferarmbruft aufzuheben.
Kam ein Männchen ihr entgegen,
Altes Männchen, Kupfermännchen,
Kupferhütchen auf dem Kopfe,
Kupferhemdchen auf dem Leibe,
Kupfergürtel um die Hüften,
Kupferhandfhuh an den Händen,
(1) 9
106
670
Vierter Geſang.
Kupferſtiefel an den Füßen,
Kupferſporen an den Stiefeln,
Kupferbuckeln auf dem Guͤrtel,
Kupferzierat auf den Buckeln.
Kupfern war ſein Leib, ſein Nacken,
Kupfern auch Geſicht und Augen.
Fragt der Kupfermann das Mägdlein:
„Ei was ſucht im Meer das Mägdlein,
Was die Kleine in den Wellen,
Was das Hühnchen unter Fifchen Fr
Mägdlein hört’ es und erwidernd
Sprach die Fleme Ente alfo:
„„Ging zu fchaufeln in dem Meere,
In dem Wellenfpiel zu fingen,
Und ich ſah das Goldfchwert funfeln,
Sah die Silberlange leuchten
Und die Kupferarmbruft fhimmern.
Wollte nach dem Schwerte langen,
Nah dem Schaft der Lanze greifen
Und die Armbruft mir erwerben.”«
Sprach der Kupfermann entgegen,
Sprach mit feiner Supferzunge :
„Soldichwert wird dem Salewiden,
©Silberfpeer dem: Dlewiden,
Armbruft wird dem Sulewiden
Aufbemahrt im Meereösgrunde.
Kupfermann bewacht die EChäße,
Iſt des goldnen Echwerts Bewahrer,
Sft der Silberlanzge Wächter
Und der Kupferarmbruft Hüter.
Nimm den Kupfermann zum Gatten,
Sei des Schwertbewahrers Weibchen,
Cei des Lanzenwächters Gattin,
Sei des Armbrufthüterd Liebchen:
Dann foll Goldfchwert dir gehören,
Dein fein Olew's Silberlanze,
Dann folft du die Armbruſt haben,
Sollft den ganzen Schatz befigen.«
Vierter Geſang
Mägdlein hört’ e8 und erwidernd
Sprach die Meine Ente alfo,
Sang ihm zu die Liederworte :
„„Feldbebauers junge Tochter,
Dorfbewohners Fleines Lämmchen
Nimmt den Mann vom feften Lande,
Den Geliebten aus den Pflügern,
. Den Gefährten aus dem Dorfe.“"
Kupfermännkhen lachte höhnifch.
Mägdlein that mit ihren Züßchen
Einen Fehltritt unverfeheng,
Glitt ein wenig aus am Boden
Und gerieth in eine Grube,
Sant hinab in's Reich der Filche,
In die düftre Meeresgrotte,
In der Wogen weite Kammer.
Und das Meer empfing das Mägdlein,
Dedt’ es zu mit feinen Wogen
Und begrub’3 in feinen Tiefen.
Kommt der Vater, grambeladen,
Kommt die Mutter, fie zu fuchen,
Forfchen nach auf ihren Spuren,
Wo ihre Hühnchen fei geblieben,
Ihres Hofes nettes Gänschen.
Hat der Habicht, diefer Räuber,
Hat die Krähe, diefe Diebin,
Hat etwa ein frecher Bube
Hühnchen aus dem Neft geftohlen,
Gänshen aus dem ftillen Weiher,
Mägdlein aus dem trauten Stübchen ? —
Auf dem Stein fand man die Schuhe,
Fand den Rofenfranz am Baume
Und die Bänder auf dem Sande
Und die Ringe auf dem Selfen,
Alen Schmuck zerftreut am Strande :
Mägdlein felber fand man nirgend,
Konnte nirgend fie erfpähen.
Niemals fah’n fie ihre Tochter,
9 %
700
710
107
108
720
740
750
Vierter Geſang.
Nie das liebe Kind mehr wieder.
Sie verfan? im Meeresgrunde,
Hühnchen fchläft im Echlamm der Tiefe,
Schlummert in dem Wogenbette.
Und fie riefen fie beim Namen,
Riefen angftvoll ihrem Hühnchen :
„Komm nach Haufe, liebe Tochter,
Kehre wieder in dein Stübdhen,
Komm’ nad) Haufe, füße Kleine !«
Tochter hört es, und erwidert‘,
Ließ fich geifterhaft vom Meere,
Klagend alfo fi) vernehmen :
„Kann nicht fommen, lieber Vater,
Mich nicht retten, theure Mutter !
Meerestaft liegt auf den Xidern,
Wogenwucht mir auf den Wimpern,
Auf der Bruft die ganze Tiefe.
ALS ich ging im Meer zu fehaufeln
Und zu fingen in den Wellen
Und zu plaudern mit den Waflern,
Ließ ich auf dem Stein die Schuhe,
Meinen Rofenfranz am Baume,
Meine Bänder auf dem Sande,
Auf dem Felfen meine Ringe,
Meinen Halsfhmud an den Zweigen.
. Kieß mich. dann vom Meere wiegen
Laute Wellenlieder fingend
Nach den alten Meercsweifen.
Sah im Meer das Goldfhwert bligen
Und die Silberlanze glänzen
Und die Kupferarmbruft fchimmern.
Und ich langte nad) dem Schwerte,
Miühte mich den Speer zu faflen
Und die Armbruſt zu ergreifen.
Tauch' hervor ein altes Männchen,
Altes Männchen, Kupfermännden,
Kupferhütchen auf dem Kopfe,
Kupferhemdchen auf dem Leibe,
Vierter Befang. 109
Kupferhandfchuh an den Händen,
KHupferftiefel an den Füßen,
Kupferfporen an den Stiefeln,
Kupfergürtel um die Lenden,
Kupferſchilder auf dem Gürtel,
Kupferzierat auf den Schildern.
Supfern war fein Leib, fein Naden,
Kupfern, das Gefiht die Augen. i
Fragte mich das Kupfermännchen: 700
Ei was fuht im Meer das Mägdlein,
Bas die Kleine in den Wellen,
Bas das Hühnchen unter Fifchen,
Bas das Gänschen in den Schluchten ?
Ich verftand ihn und erwidernd
Sprach ich keck wie eine Ente,
Sang ihm gadernd wie ein Hühnchen,
Laut ihm zu die Liederworte :
„Sing zum Meere, um zu fchaufeln,
Um im Wellenfpiel zu fingen, . 770
Zu dem Wogentanz zu pfeifen.
Sah des goldnen Schwertes Bligen
Und der Silberlanze FZunfeln
Und der Kupferarmbruft Schimmern.
Wollte nad) dem Schwerte langen,
Nach dem Silberfpeere greifen,
Mir die Kupferarmbruft Holen. «
Sprach der Kupfermann erwidernd,
Eprach mit feiner Kupferzunge :
Goldfhwert wird dem Salewiden 780
Silberfpeer dem Olewiden
Armbruft wird dem Sulewiden
Sorgfam aufbewahrt im Meere.
Kupfermann bewacht die Schäge,
Iſt des Goldfchwerts treuer Hüter,
Iſt des GSilberfpeers Bewahrr .
‚ Und der Supferarmbruft Wächter.
Altes Männchen, Kupfermännchen,
Bollte mid zum Weibe nehmen,
110 Vierter Gefang.
790 Mich zu feiner Hausfrau wählen,
Mid zum Spielzeug ſich erwerben,
Bot als Brautfhag mir das Goldfchwert,
Mir den Silberfpeer als Löfung
Und zum Liebespfand die Armbruſt,
Wenn id) feiner Werbung folgte,
Ihm die Hand zum Bunde reihte. —
Und ich fperrte mich nach Kräften,
Gab den Sünglingen des Landes,
Meines Dörfchens jungen Burfchen
800 Ohne Hehl vor ihm den Vorzug.
Kupfermann, der lachte höhniſch.
Und da that ich einen Fehltritt,
Glitt ein wenig aus am Boden
Und gerieth in die Vertiefung
Und verſank in's Reich der Fiſche,
In des Meeres finſtern Abgrund.
Mägdlein ward der Wellen Beute,
Hühnchen von dem Meer verſchlungen.
Hier ließ ich mein junges Leben
810 Wie ein Hühnchen in der Wildniß,
Wie das Böglein in der Schlinge,
Wie das Fifchlein in der Reufe.
Ging zum Meere um zu fchaufeln,
Um im Wellenfpiel zu fingen, |
Um zum Wogentanz zu pfeifen,
Um das Goldfchwert zu gewinnen,
Um den Siiberfpeer zu fuchen,
Kupferarmbruſt zu erwerben.
Glitt ein wenig aus am Boden
820 Und gerieht in die Vertiefung,
Sant hinab in's Reich der Fifche,
In die ſchaur'ge Meerestiefe.
Dort verfhwand das arme Hühnchen,
Haucht' das Voͤglein aus fein Leben,
Sand fein Grab das junge Mägdlein,
Welkn es hin, das Meine Blümchen !
Meine nicht, du theure Mutter !
Vierter Befang.
Klage nicht, o lieber Vater !
In dem Meer hab’ ich ein Häuschen,
Zief im Grund ein trautes Stäbchen.
Bing in's Meer um mich zu fchaufeln,
Um im Bellenfpiel zu fingen,
Um zum Wogentanz zu pfeifen,
Und gerieth in eine Grube
Und verfant in’d Neid) der Kifche,
An des Meeres dunkle Tiefe.
Dort verfhwand ich armes Hühnchen,
Mupt’ ich kleines Voͤglein fterben,
Haucht' ich ans mein junges Leben,
Wellt' ih bin in meiner Blüthe,
Schloß ich meine braunen Augen.
Weine nicht, du liebe Mutter !
Klage nicht, du theurer Vater !
In dem Meer hab’ ich ein Häuschen,
Sn dem Grund ein trautes Stübchen,
Eine Kammer in der Tiefe.
Ging in's Meer, um mid zu fchaufeln,
Um im Wellenfpiel zu fingen ;
Ging das Schwert mir zu gewinnen,
Silberfpeer und Kupferarmbruft
‚Aus der Tiefe mir zu holen.
Als ih Kupfermann verfchmähte,
Lachte Kupfermann fo höhniſch.
Da verfant ich in die Tiefe,
Sn die düſtre Meerestiefe.
Dort verfhwand das arme Hühnchen,
Starb es hin, das kleine Voͤglein,
Haucht' ih aus mein junges Leben,
Wellkte meine Zugendblüthe,
Schloſſen fih die braunen Augen,
Schloſſen fih im Todesfchlafe.
Meine nicht, du theure Mutter !
Klage nicht, mein lieber Vater !
An dem Meer hab’ ich ein Häuschen,
Auf dem Grund ein trautes Stübchen,
5%
111
112 Vierter Befang.
Eine Kammer in der Tiefe,
In dem Schlamm ein weiches Nefichen.
Ging das Goldfchwert aus dem Meere,
Aus den Wellen mir zu holen,
870 Silberlanze mir zu fuchen,
Kupferarmbruft zu gewinnen;
Da verfehwand ich armes Hühnchen,
Starb ich armes Feines Voͤglein,
Haucht' ich aus mein junges Xeben,
Wellt' ich hin wie eine Blume,
Schloſſen fid) die braunen Augen,
Schloffen fi im Todesfhlummer
Täubchens Augen ach ! für immer.
„Weine nicht, du theure Mutter!
8 Klage nicht, mein lieber Pater !
| In dem Meer hab’ ich ein Häuschen,
Auf dem Grund ein traute® Stübchen,
Eine Kammer in der Tiefe,
In dem Schlamm ein weiches Neſtchen.
Kühl fehläft ſich's in meinem Bette
In der feuchten Wellenwiege,
Und an meinem Lager fingen
Alewiden Wiegenlieder,
Kalewiden Schaukellieder,
890 Sulewiden Schlummerlieder.« *
Fünfter Gefang.
Dion beginnt die Morgenröthe
Als des jungen Tages Herold
Hart des Himmeld Saum zu fürben,
Schon der funfelnden Geftirne:
Licht ein wenig zu erbleichen,
* Ind man hörte ſchon den Hahn
Auf des Morgens Schwelle frahen,
Sah die Henne traulich gadernd
Schon ihre Tagewerk beginnen. *
Und der flarfe Sohn des Kalew
Zummelt fi noch in den Wellen,
Die in weitgehöhlten Bogen
Sich der Küfte Finland's nähern.
Mährrgen Arms bricht er fih Bahn
Auf des Meeres fraufem Rüden,
Und der Wogen Schaufelwiege
Waͤlzt fih mit dem Eräfttgen Züngling,
Mit dem nimmermüden Schwimmer,
Woge aufs und Woge abwärts
Immer weiter hin nad) Norden,
Wo die Uferfelfen ftarren.
Unterm Glühn der Morgenröthe
Zärbt ringsum das Meer fih purpurn,
Schimmern leuchtend auf die Wogen.
Schon erfcheint in weiter Ferne
Finland's felögefröntes Ufer
Und erhebt fih immer höher
Bor des Schwimmers freud'gen Bliden.
114
Bünfter Geſang.
Dieſer peitſcht mit ſtarken Armen
Die bewegte Meeresfläche,
Und der Wogen Schaukelwiege
Schleudert ihn, den kühnen Schwimmer,
Von der Woge ſchwankem Nacken
Zu dem Kamm der nächften Woge,
Dem Geftade immer näher.
Und als kaum der junge Morgen
Sich; des Frühroths Arm entwindend
it den erften Sonnenftrahlen
Die erwachte Welt begrüßte
Und die grünen Meereönigen
Mit den ausgeftreuten Flittern
Haar und Bänder eilig fhmüdten,
Faßte ſchon der Sohn des Kalew,
Diefer edle Riefenfprößling,
Feſten Fuß an Finland's Strande.
Etwas müde von der Reife
Nahmn er Plag auf einem Felſen,
Um fi) nach der weiten Meerfahrt
Kurze Ruhe nur zu gönnen.
Und die frifyen Morgenlüfte,
Die vom leichtbewegten Meere
Sanft des Felſens Rand beftrichen,
Kühtten feine heißen Wangen,
Und mit jedem Athemzuge,
Den er auf dem Felfen ruhend
Aus der kühlen Seeluft fchöpfte,
Sühle er frifcher fih und flärker.
Finland's windelund’ger Zaubrer
Hatte kurz vorher fein Fahrzeug
Unter einem Zelfenvorfprung
An dem Ufer feftgefettet,
Daß das tüf’fche Spiel der Wogen,
Bon dem Sturme aufgeftapelt
Zu vernihtungdrohndem: Grimme,
Ihm den Nachen nicht zerbreihe.
Schmetternd brachten ſchon die Voͤglein
Fünfter Geſang.
Ihren Gruß der Morgenſonne,
© Stieg die Lerche froͤhlich trillernd
Auf zum hohen Himmelsdome,
Schlug die Nachtigall im Wäldchen,
Nief der Kuduk im Gehege,
Braten alle Waldesvöglein,
Jedes laut in feiner Weiſe,
Shren Dank dem Göttervater,
Bater Zaara Preis und Ehre. *
Sonft war auf der mweiten Fläche
An dem felfenreihen Strande
Kein Geſchöpf noch in Bewegung,
Sah man von den Strandbewohnern
Niemand noch den Pfad betreten,
Keine Seele noch fich regen. |
Selbſt die Wälder, Berg’ und Aeder
Ruhten noch im Morgenfchlunmer
An des jungen Tages Schwelle.
Kalew's Sohn erhob das Auge
Und verfuchte zu erfpähen,
Ob er nicht von Finland’3 Zaubrer
Irgendwo ein Lebenszeichen,
Eine Spur entdeden Fönnte.
Do im weiten, weiten Umfreis
War fein Zeichen von ihm fichtbar,
Keine Spur von ihm zu fehen.
Stiller Morgenfrieden dedte
Rings. das Land und die Gewäfler
Und die Strandbewohner ruhten
Warn noch unter feinem Fittig.
Auch der ftarfe Sohn des Kalew
Fühlte fih) vom Hauch des Friedens
Angeweht und ſchloß das Auge
Und verfant in fügen Schlummer,
Während Luft und Sonne fi
Wechfeldweife drum bemübhten,
"Die Gewänder ihm zu trocknen,
Und der Schlummergott vergebens
70
100
115
116 Fünfter Befang.
Faͤden fuchte anzufpinnen,
Um ein Zraumbild zu geftalten.
Kalew’3 edler Riefenfprößling !
Während du auf hartem Fels
Deinen müden Augenlidern
110 Kurzen Schlummer nur gewähreft,
Weilt im Geift des Sängers Auge
Auf den heißen Kampfeswegen,
Die in Finland dir bevorftehn ;
Sieht den Yüngling, den im Schlummer
Sanft das Morgenroth befcheinet,,
Bald des Sturmes Wuth erreichen
Und im ungeftümen Angriff
Ale Schreden der Vernichtung
Gegen ihn in Aufruhr bringen !
120 Drohend rollt der Donnerwagen
| Und die Wolle fchleudert Bliße
Auf den Pfad, den du betreten;
MWüfter Waffenlärm ertönt,
Kampfgefchrei fteigt auf zum Himmel
Und das Blut auf deinen Spuren
Riefelt in das Wäldchen Flagend :
Daß zum Mörder Du geworden.
Du indeffen ruh' im Frieden !
Während deines fanften Schlummers
10 Hebt auf feines Liedes Schwingen
Sid der Sänger in die Lüfte,
Um ein andres Bild zu ſchauen.
Als der gute Infelvater
Und die liebe Infelmutter
Nicht ihr Kind im Meere fanden,
Aber aus des Mägdleins Liede,
Jener geifterhaften Stimme,
Shres Hühnchens Tod erfuhren,
Sie im Meer geborgen wußten,
10 Singen weinend fie nach Haufe,
Um die ausgefifchten Bäume,
Fänge Gefang. 117
Eich' und Föhre, zu befchauen.
»Nahmen von dem Hof die Eiche
Mit den breitgezweigten Aeſten,
Zrugen mühfam auf Den Anger
Sie zur Schaufel, wo noch jüngfl
Sich ihre Töchterchen ded Abends
Fröhlich zu vergnügen pflegte,
Und verpflanzten dort die Eiche
Zum Gedächtniß ihres Hühnchens.
„Wachſe, Eihbaum, ftolz und fröhlich 150
Mit den Zweigen in die Lüfte,
In die Bolfen mit der Krone!”
Und die Foͤhre aus der Koppel
Pit den breitgezweigten Xeften
Trugen gleichfalld auf den Anger
Sie zur Schaufel, wo noch jüngft
Kröhlich fich ihr Kind des Abends
Und vergnügt zu fchaufeln pflegte,
Und verpflanzten dort die Zöhre
Dicht am Pfoften diefer Schaufel 160
Ihrem Töchterchen zu Ehren,
Zum Gedächtniß ihres Hühnchens. -
„Wachſe, Köhre, und gedeihe,
Wachſ' hinauf zum ſtolzen Baume,
Mit den Zweigen in die Lüfte,
Mit dem Wipfel in die Wollen !«
Als der Eihbaum feinen Plab
Und die Zöhre ihre Stelle
Bei der Schaufel eingenommen,
Sedes auf der andern Seite 170
Dicht am Schaufelpfoften prungend,
Bing das Bäterchen in's Zimmer,
Ging das Mütterchen zur Kammer,
Nach dem Adlerei zu fehen,
Ob es ſchon im Eifenhute
Glücklich ausgebrütet worden.
Eiſenhut war kalt und feucht,
Kalt das Ei im kalten Hute:
118
180
190
210
Fünfter Bfang.
Saß dod Niemand da zum Brüten
Auf dem Ei im Eifenhute !
Nahm das Ei die Mutter mit,
Stellt’ ed an die warme Sonne,
Nahm's zur Nacht zu fich in's Bette,
Hegt' es warm im eignen Schooße.
Bater eilte zu der Eiche,
Mutter zu dem Zöhrenbaume.
Beide Bäume fchoffen luſtig,
Hundert Faden ſchoß die Eiche,
Zehn die Foͤhre in die Höhe.
Gingen Beide dann nah Haufe,
Und der Bater in den Seller,
Um zu fehn, ob auch fein Fifchlein,
Fifchlein in der Silberfchale,
Etwas größer ſchon geworden.
Und ihm brach fein Vaterherz.
„Ah, ich hatte, jprach er weinend,
„Einen Apfel, ſchön und duftend,
Eine füße, zarte Deere,
Weiß wie Schnee und roth wie Nofen,
Und mein Apfel fiel in's Meer,
Meine Beere in die Fluthen.
Und ich ging fie aufzufuchen,
Ging mein Töchterhen zu retten,
Wühlt' im Schlamm bis an die Kniee,
Stieg in's Meer bis an die Schultern.
Und was fühlt ih an dem Knie ?
Ah, ed war ein Feiner Fiſch nur!
Was kann mir das Fifchlein werden 9
Fifchlein hört’ es und erwidert,
Sprach mit zarten Schmeidhelworten :
„„Gieb das Fifchlein, gieb's den Wellen,
Gieb es feinen Spielen wieder !
Liebe Eltern, flinfe Brüder, 2
Zarte Schweftern harten feiner,
Und das goldgefchuppte Liebchen
Wartet fehnfuchtsvoll am Strande.““ —
Fünfter Geſang. 119
Snfelvater bracht? es fort,
Gab dem Fifchlein feine Freiheit i
Und begab fi dann zur Schaufel, 2%
Um die Bäume zu betrachten.
Und die Eiche und die Foͤhre
Strebten mit den folgen Wipfeln
Himmelan bis in die Wolfen,
Gleich als. wollten fie den Himmel
Und die Wolken fühn durchbrechen.
Aus dem Ei entfprang ein Junges,
Ward ein fräfger junger Adler,
Den die Infelmutter pflegte,
Bis er einftmald ihr entwifchte 230
Und davonflog in die Weite.
Gingen dann zu ihrer Eiche.
Immer mächt'ger ſtrebt die Eiche
In die Luft hinaufzuklimmen,
Strebt die Wollen zu zerſtreuen,
Wil den Himmel felbft zerfpalten.
Vater ging den Zaubrer fuchen,
Ging den mächt’gen Zaubrer dingen,
Der die mädht’ge Eiche fälle
Mit den weitgezweigten Aeften. . 20
Mütterhen ging auf die Wiefe,
Um das Grummet einzuernten
Und die Lefe aufzuharken,
Goldnen Reden auf der Schulter,
Rechen mit dem Supferftiele,
Rechen mit den Silberzinken
Und den goidnen Ringelhafen.
- Und fie nahm fchon eine Schwabe,
Nahm die zweite auf, die dritte;
Und was fand fie in der dritten? 250
Sand den Adler in der Schwabe,
Den des Tags die Sonnenftrahlen,
Nachts im Bett ihr warmer Schooß
Aus dem Eie ausgebrütet.
Und fie trug ihn froh nach Haufe,
120
270
Yünfter Befang.
Hielt im Zimmer ihn agfangen.
Und was barg er unter'm Flügel?
Barg ein Männchen unter'm Zlügel,
Barg ein Männchen, defien Höhe
Kaum zwei Spannen meflen mochte.
Und was trug der Zwerg in Händen?
Trug ein Aextlein in den Händen. *
Kalew's Sohn, du trauter Bruder,
Wollteft nur ein kurzes Stündlein
Deine Augenlider fließen 5
Wollteft, um dich zu erholen,
Nur im Morgenfchlummer träumen ;
Doch die Herrfchaft der Ermüdung
Siegte über deinen Vorſatz,
Beugte deinen ftarfen Willen.
Lagſt den ganzen Tag im Schlafe,
Schliefſt auch fort die ganze Nacht,
Schliefft bis an den hellen Morgen.
Nach des zweiten Tages Frühroth,
Als die Sonne jadenhod)
Schon am Himmel aufgeftiegen
Und die Meeresfluth beftrahlte,
Wand der flarfe Sohn des Kalew
Sic) erft aus des Schlummers Fefleln.
Länger ließ es ihm nicht ruhn,
Länger nicht. dem Schlafe fröhnen.
Rüftig fprang er auf vom Lager
Und begann mit fohnellen Schritten
Sich vom Meere zu entfernen ;
Schritt auf unbefannten Wegen
Eilig immer weiter landwärts,
Immer tiefer in die Berge.
Auf und nieder wand fein Weg
Zwiſchen Bergen fih und Felfen
Bald durch Triften, bald durch Schluchten,
Ueber weitgeftredte Wiefen
Und durch finftre Nadelwälder,
Fünfter Befang.
Ueber offne Haideflächen
Und an Zlüffen bin und Seeen
In das Herz des Felfenlandes. °
Kalew's ſtarker Riefenfprößling
Immer eil'ger fürder ſchreitend
Sah fich um nad allen Seiten,
Ob er im bethauten Graſe
Nicht der Mutter Spuren fände ?
Smmer höher flieg die Sonne,
Seit er feinen Weg begonnen,
Und den Mittag bald erreichend
Schien fie heiß.auf feinen Rüden,
Daß es von der Stirn ihm tropfte.
Aber ruͤſtig fehritt er fort,
Ohne Ruhe fi) zu gönnen,
Ueber hohe Bergesrüden
Und durch tiefe Felfenklüfte,
Um in's Innre zu gelangen,
Nicht der Sonne Gluth beachtend,
Die ihm auf die Schultern brannte.
Finland's windekund'gen Zaubrer
Konnt er dennoch nicht erreichen,
Noch der theuren Mutter Spuren
Auf der Wanderung entdeden.
Kalew's ftarker Sohn bedadhte
Klug die Wege umd die Stege,
Die ihn fiher anf die Spuren
Der verlornen. Mutter führten,
Daß er endlich fie erreiche .
Und die Theure aus den Klauen
Des verruchten Mäubers rette.
Und im Sturmſchritt eilt er fürder,
Schreitet Kalew's edler Sproͤßling
Durch die Wieſen, durch die Thaͤler,
Ueber weite Haideflaͤchen
Immer tiefer in's Gelände,
Nicht der Sonne Gluth beachtend,
Die ihm in's Geſicht ſchon brannte.
lui]
e
310
121
122
Yünfter Befong.
So erreichte Kalew's Sprößling
Einen Berg, von deflen Fuß
Er durch hohe Kelfenblöde
Sich zum Bipfelpunit hinaufwand,
Um von dort fi) umgufchauen.
Als er von dem hoͤchſten Kamm
Weit umber die Blicke fandte,
Kiel dem flarfen Sohn des Kalew
Ein bebautes hal in’d Auge,
Das ein muntrer Bach durchſtroͤmte.
Hier an eines Wäldibend Saum
Zag der Hof des Windekund'gen,
Ro der Räuber heimlich haufte
Und ſich wohlgeborgen wähnte.
Freudig flürmt der Sohn des Salem
Nun hinab die fteilen Selen,
Strebt dem Thale zu im Fluge
Und durchfchreitet raſch den Anger
Bis zur Pforte des Geböftes.
An der Leinen Bforte hier
Hemmt der Eil'ge feine Schritte,
Um nur einen Blid hinüber
In des Räubers Hof zu werfen,
Deflen ftattlihe Gebäude
Bon des Wirthen Wohlkand zeugen. i
An dem Schatten feines Hanfes'
Lag der Zaubrer auf dem Nafen
Friedlich bingeftredt und ſchnarchte.
An den Anger ftieß die Koppel
Und ein faubres Eichenwäldchen.
In der Koppel angelommen
Zog der edle Sohn des Salem
Eine von den ſchlankſten Eichen.
Mit der Wurzel aus den Boden, _
Sie als Keule zu gebrauchen,
Schnitt die langen Aeſte weg,
Lieb am Staume nur die Stümpfe
Einzeln ſtehn und rundete
Yünfker Gefang. 123
Dann zum Knauf die knorr'ge Wurzel.
Schließlich wog er feine Keule, 370
Sie am Gipfelende faflend, _
Prüfend in der Fräft’gen Rechten,
Ob fie wohl geeignet wäre,
" Seiner Mutter Raub zu rächen.
Kalew's Sprößling jo bewaffnet
Ueberſchreitet rafh den Anger,
Um in das Gehöft zu dringen.
Unter feinen Eifentritten
Drdhnt ringsum die ganze Gegend
Und der Boden ſcheint zu ſchwanken, 380
Berg und Thal vor Angft zu beben.
Finland's windefund’ger Zaubrer
Aus dem Schläfchen halb erwachend
Fahrt erfchroden in Die Höhe
Wie vom Donner aufgerättelt,
Wenn der Gott auf feinem Wagen
Ueber ſchwarze Wetterwolfen
Blige ſchleudernd zornig hinfährt.
Blinzelnd öffnet er die Angen
Und erblidt, fat ſtarr vor Schreden, 390
In der Pforte Linda's Mächer,
Deſſen fchwere Eifentritte
Ihn gewedt aus feinem Schlummer.
Co im Schlafe übereumpelt
Bar der Zaubrer außer Stande
Sich in irgend einem Winkel
Bor dem Feinde zu verfteden
Dder auf des Windes Flügeln
Seinem Grimme zu enttommen.
Denn fchon hat der Sohn des Kalew 400
Selten Schritts den Sof betreten
Und mit hochgeſchwungner Keule
Seine Beute‘ wahrgenonmten.
Finland's windefund’ger Zaubrer
Konnte nur in aller Eile
Eine Handvoll Flaumenfedern
*10*
124
410
4%
Bänfter Geſang.
Aus der Bufentafche holen.
Diele blied er vor ſich hin,
Daß in wirbeinder Bewegung
Und die ganze Luft erfüllend .
Sie im Schweben fi erhielten.
Dazu ſprach er Zauberworte, -
Deren Macht den todten Federn
Plöglich Ddem gab und Leben:
Denn fobald der Windekund'ge
Ceine Sprüche bergemurmelt,
Wurden aus den Federn Krieger.
Nur ein Werk des Augenblides
War es, und auf Windes:Schwingen
Raffelten im Hagelwetter
Theild zu Zuß und. theils zu ‘Pferde
Krieger auf den Plaß hernieder,
Die zu Zaufenden fich fchaarten,
Um dem Zauberer zu dienen.
Maflenweife wälzten fich
Diefe Iuftgefchaffnen Schaaren
Als Sukkurs des Windekund'gen
Auf den Anger jetzt heran,
Stroͤmten drängend durch die Pforte
Und dem Helden auf den Hals
Wie ein Wald im Niederſtürzen.
Mücken in der Abendſonne,
Schnacken in der Dämmerung,
Bienen, die den Stock verlaſſen,
Stürzten diefe Zauberföldner,
Eine dichte Wolkenmaffe,
Die in Strömen ſich ergießt,
Auf den edlen Sohn des Salem,
Um den göttergleichen Helden
Durch die Laſt ſchon zu erdrüden.
Kalew's hoher Riejenfprößling
War bereit fie zu empfangen.
Kluge Einfiht, ſcharfe Sinnen,
Heldenmuth und Niefenftärke
Fünfter Befang.
Gaben auch zu diefem Stampfe
Ihm des Sieges Zuverficht.
Seine mächt'ge Keule ſchwingend
Dringt er in den dichten Haufen
Und aus feiner Rechten regnet's
Hiebe hin nach allen Seiten
Wie beim Drefhen auf der Tenne.
Ad, wie wurden fie gefuchtelt,
Wie zerrupft und wie zerdrofchen,
Diefes geifterhafte Fußvolk,
Diefe zauberſpuck'gen Reiter !
Während feine Keule fehmetternd
Raſ'te, rief er felbft dazwiſchen:
*,Zücht euch nicht, ihr Raubgefindel,
Hexenmeiſters Diebsgenoſſen,
Luftige Geſpenſterrotten,
Die ein Zauberſpruch erſchaffen,
Noch des Teufels Helfershelfer
Und die Macht der böfen Geiſter;
Fürchte feinen ſtärkern Meifter,
Beuge mich vor keinem Höhern !
Hab’ noch Mark in meinen Knochen
Und ein Paar gefunde Fäufte,
Angeerbt von meinem Vater
Und genährt von meiner Mutter !«*
Wo ein Hieb des Riefenjünglings
Mit der ganzen Wucht der Keule
Hinftel oder auch nur ftreifte,
Sanfen Dann und Roß zufammen.
Seinen hageldichten Streichen
Konnte Niemand widerftehen.
Gleich dem Siemann auf dem Ader
Streut er aus mit jedem Schritte
Sihre Saat des bleichen Todes
Und die nimmermüde Keule
Sauft in feiner kräft'gen Rechten
Rechts und links und fchmettert nieder,
Bas nur Ddem bat und Leben.
470
126
126:
510
620
Fünfter Gefang.
Welcher Eichſtamm hat wohl je,
Welche fampfbereite Keule,
Welcher Knittel im Gemepel
Sp gefauft im Windeswirbel,
So unzählig viele Opfer
In das Todtenreich gefendet !
* Männer fallen bier im Kampfe
So wie Tropfen aus den Wolfen,
Wie der Hagel auf das Saatfeld,
Wie der Schnee auf die Gefllde.
Wer beihirmt vom blinden Zufall
Unbefchädigt niederfiel,
Nahm die legte Kraft zufammen,
Um fih duch die Flucht zu retten. *
Kaum war das Gefecht im Gange,
Unfer'm Helden nur ein Spiel,
So erloſch ed auch ſchon wieder,
Ging der biut’ge Kampf zu Ende,
War es aus mit dieſem Kriege.
Denn den weiten Wahlplag deckten
Leichen nur und Schwerverlekte,
Die im Todesfampfe lagen.
+ Bis zum Gürtel flieg der Blutſtrom,
Sa bis an die Bruft hinan,
Der fih durch die Pforte wälzte
Und den Anger überftrömte,
Bis er in der fernen Koppel
Sich zu einem See vertiefte. *
Was nur hatte fliehen Lönnen,
War geflohen und zerftoben.
Finland's windefund’ger Zaubrer,
Der mit feinen Hexenſprüchen
Sonft ſich ſtets den Sieg erzwang,
War doch diesmal völlig rathlos
Und befand ſich in der Klemme.
Als er feine Söldnerfchaaren
Aufgerieben fah, entſchwand ihm
Auch) der lebte Strahl der Hoffnung.
Fünfter Geſang 137
Darum trat e Demuth heucheind
Und mit Honig auf der Zunge
Bor den Sieger bin und fießte:
„Theurer Sproß aus Kalew’s Stamm,
Linda's treuefter Beſchuͤßer!
Hab’ Erbarmen, fei verfähnlich
Und vergieb wir, daß ich fehlte !
Laß uns Frieden ſchließen, Theurer,
Und vergiß, daß ich dich kraͤnkte,
Da ich reuig vor dir ſtehe! 5%
Ich gefteh’ es, ich vergaß mich
Ghegeftern und verfuchte
Einen Schag mir zuzueignen,
Der mir nicht gehören wollte.
Bon der böfen Luſt geftachelt
Schlich ich wich in eure Wohnung
Un) betrat das Neft des Adlers
Zu dem günft’gen Augenblicke,
AS die Jungen ansgeflogen.
Sa, ih raubte deine Mutter, 540
Trug fie fort in meinen Armen,
Trug das Hühnchen mıs der Kammer.
Ihren Widerfland bezwang ich
Durch die Macht ven Zauberfprüchen,
Behrlos fiel das ſchwache Weib
In die Schlinge meiner Künſte.
Als mit meinem Schag beladen
Ich hinab zum Boote eilte,
Um auf fraufem Meeresrüden
Ihn nad Finland zu entführen, 650
Trat mir auf dem Sruberge
Mit vernichtendem Gepolter
Der erzürnte Gott des Donners
Furchtbar drohend in den Weg.
Dig auf Blitz, dag ich geblendet
Nicht das Auge öffnen konnte,
Fuhren feine Wetterſtrahlen
Ziſchend anf den Schuld'gen nieder,
128.
670
Fünfter Geſang.
Warfen ſchmetternd mich zu Boden
Und beraubten mich der Sinne,
Daß ich einem Zodten gleich
Eine regungelofe Maſſe
Auf dem Gipfel liegen blieb.
Wer des Todes Schritt gemeflen,
Ihn verfolgt bis zum Entfchlummern,
Wer dem Todesſchlaf im Brabe
Seine Dauer nachgerechnet,
Mag die Dauer meiner Ohnmacht
Zu beftimmen fich vermeflen.
Als ich endlich felbft erwachte
Und die Augen öffnete,
Schaut ic aus nach allen Eeiten,
Wo dein Mütterhen geblieben ;
Forſcht' ich nach des Hühnchens Spuren,
Nach des theuren Birkhuhns Wegen,
Um das Böglein zu entdeden,
Meinen Flüchiling einzufangen.
Weiß nicht, ob auf Windes Flügeln
Dder in dem Arm des Lufthauchs
Unterm Schuß geheimer Mächte
Kalew's Witwe mir entflohen !
Oder barg ein tüd’fcher Kobold
Sie vor mir im Schooß des. Berges ?
Weit und breit war nichts zu fehen,
Keine Spur von ihr zu finden.
Sehnſucht nah dem theuren Flüchtling,
Furcht vor ihren Adlerjungen
Trieben mich vom Iruberge,
In der Ferne fie zu ſuchen.
Nicht die Müdigkeit beachtend,
Die mir in den Bliedern lag,
Floh ich eilig an's Geftade,
Um mein Fahrzeug zu befteigen,
Das am Ufer meiner harrte.
Doch auch hier die Rache fürchtend
Führt? ich zitternd nur das Ruder u
Beier Befang. 129
Und regierte auf den Waſſern
Ungeſchickt mein oͤdes Fahrzeug.
Erft als fchon der Morgen graute, |
Stieß mein Boot an's heim’fche Ufer”. 600
Kalew's edler Heldenfprößing
Hörte nur mit halben Ohren
Und mit fraufer Stirn die Rede
Bon der glatten Heuchlerzunge,
Und den Grimm nicht länger zügelnd
Brach er 108 in diefe Worte:
„Du verruchter Weiberdieb,
Öleißnerifcher, glatter Kügner, .
Der du einer frommen Wittwe
Keuſches Lager zu befuden - - 610
Lift und Ränke aufgeboten ! |
Hoffeft du, mit Schmeichelworten
Deine Unthat zu verföhnen,
Mid mit Lügen abzufinden ?
Glaube nicht, fo leichten Kaufe
Deinem Schidfal zu entrinnen !
Uebervoll ift längft dein Maaß!
Nimm, was du verdient, du Räuber,
Deinen Lohn, du Dieb, empfange !«
Sprach's und ſchmetternd traf die Keule, 620
Die er ſchwang in ſtarker Hand, .
Daß fie wie der Sturmwind faufte,
Des verrudten Zaubrers Stirnbein
Zwifchen feinen bufch’gen Brauen !
Finland's windefund’ger Zaubrer
Stürzte wie ein Sack zu Boden,
Ohne einen Schmerzenslaut PR
Dder auch nur einen Geufzer .
Mit dem Leben auszuhauchen.
Nicht einmal fein Auge zudte, 60
Als die Seele ihm entfuhr.
Kalew's ſtarker Sohn betrat
Eilig jetzt die Wohnung felber,
Um die Mutter dert zu fuchen. x u
130
670
Günfler Gejeng-
Er durdftrid das ganze Haus
Kreuz und quer und unterfudhse
Mehrmals jeden Raum befonders.
Jede Ede ward durchſtochert,
Ausgeftäbert jeder Winkel,
Aus der Stube ging's zur Kammer,
Aus der Sammer in den Keller,
Aus dem Seller auf den Boden.
Jede Thür ward eingefchlagen,
Jedes Schloß ward aufgebroden,
Und was ihr nur widerftand,
Schlug die Fauſt in tauſend Trümmer !
Das Getöfe feiner Schläge
Und den Schall von feinen Tritten
Hörten zitternd alle Leute
Meilenweit um's Haus herum.
Weithin fchallte das Gepsiter
Ueber ausgedehnte. Flächen
In die ferngeleg’nen Wälder,
Hallte wieder an den Felſen
Und ertönte bis an’3 Meer,
Wo's die breiten Wogen hörten.
Alle Vögel in den Wäldern,
Alle Thiere in der Wüfte
Fliehen ſcheu aus ihrer Heimath,
Ja ſogar die Fiſche ſchlüpfen
In die tiefern Meeresſchluchten.
Aengſtlich läuft das Bolk zuſammen,
Denn ed wähnt des Krieg's Getuͤmmel
Und der Schlachten blut'ges Toben
In de Nähe zu vernehmen.
Doch der theuren Mutter Spuren,
Des entfloh’nen Birkhuhns Pfade
Blieben ihrem treuen Sohne,
Ihrem Rächer noch verborgen.
Schon beginnt der Sohn des Aalaw
Seinen Ungeftüm zu fchelten
Und die Zornwuth zu bereuen,
Fünfter Gefang. 131
Die er in der Uebereilung
An dem Zaubrer ausgelaffen,
Der auf immer nun verfiummt
Ihm nicht mehr geftehen Tonnte,
Wo die Mutter er verborgen,
Daß ter Sohn fie wiederfände.
* Hefttger Zorn führt in's Verderben,
Denn er raubt die Heberlegung, 680
Giebt auch ſchwachem Gegner Borfprung.
Lenkt der Zorn des Roſſes Züge,
Geht e8 durch mit feinem Reiter. *
Nalew's edler Sohn vermochte
In dem Zwielpalt der Gefühle
Sich nicht ruhig zu beſinnen.
In verwirrter Haft durchlief er
Nochmals Haus uad Hof und Seller,
Rannt im Sturme durch die Aleeten,
Durch die Vieh⸗ und Pferdeftälle 690
Und ducchfuchte hundertmal
Jeden Winfel, den er antraf,
Bis des Abends dunkle Schatten
Seinem Toben Halt geboten,
Seine haft’gen Schritte hemmten.
: Weinend um die theure Mutter,
Die Berlor’ne, die er fuchte,
Aber nirgend finden Fonnte,
Warf der Sohn fih auf das Lager.
Nichts vermochte feinen Kummer, 700
Seinen Seelenfchmerz zu flillen.
Endlih unterlag der Starke
° Den unzähligen Strapazen
Und verfant in fügen Schlaf.
Eines Traumes fanftes Fächeln
Linderte mit weichen Hauch
Seinen Schmerz und feine Zrauer.
* Es erfchien ihm feine Mutter
In der Blüthe ihrer Jugend,
Wie fie einft am Hochzeitötifche 710
132
720
740
\
Bänfter Geſang
Alle Herzen fi) gewann,
Aus den Zeiten, wo fie heiter
Wie ein unfchuldsvolles Böglein
Auf der Schaufel ſich vergnügte
Dder fröhlid) durch das Wäldchen
Und durch Hof und Koppel ftreifte
Bei der Wiekſchen Pflegemutter.
Birkhuhnstöchterchen zu wiegen
Flog die Schaufel in die Xüfte,
Flog mit Luft fo hoc) fie konnte !
Dazu fang das muntre Voͤglein
Heitern Sinnes diefe Worte:
„Rüft’ge Schaufler, liebe Brüder,
Laßt die Schaufel höher fehwingen !
Herrlich ift e8, aus der Höhe
Ueber’8 ganze Land zu fehauen !
Schwingt fo hoch mich in die Lüfte,
Daß die Wellen mich erbliden,
Daß die Wollen meinen Kopfſchmuck
Mit den Zlatterbändern küfſſen,
Daß mein Kleid im Kunglalande,
Sein Befaß dem Donnergotte
Und den Sternen fichtbar werde.
Dann verfammeln fih die Freier,
Werben Sonne, Mond und Sterne
Um der Birkhuhnstochter Liebe,
Kommt felbft Kalew mich zu freien.“ *
Die Geftalt der iheuren Mutter,
Die der Traum ihm offenbarte
Aus der Zeit, wo fie als Jungfrau
Auf der Schaufel ſich vergnügte,
Schaute nicht aus den Gefllden,
Wo die Blumen blühn und welfen;
Nein, fie fam aus fel’gern Höhen,
Kam herab aus Ulko's Wohnfl,
Wo die Freude ewig währet.
Kalew's edler Sohn erwachte
Früh am Morgen aus dem Schlafe,
Fünfter Gefang. 133
Ehe nod die Sonne aufging,
Und begann des naͤcht'gen Traumes 750
Tiefer'm Sinne nachzudenken.
Endlich feinen Sinn erfaflend
Brad er aus in diefe Worte:
* „Mütterchen ift heimgegangen,
Hat auf immer mich verlaffen,
Böglein ift Davongeflogen,
Hühnchen feh’ ich nimmer wieder!
Hühnchen ging nad Heidelbeeren,
Sucht' im Moor nad) Preißelbeeren,
Und da fam der böfe Habicht, 700
Kam die Krähe, diefe Diebin,
Fielen Hühnchen an wie Räuber,
Braten Hühnchen in's DVerderben.
Döglein konnte ſich nicht retten,
Unterlag den Räuberfrallen !
Niemand hörte ihre Klagen,
Niemand fah ihr letztes Ende.“ *
Kalew's ſtarker Sohn erlannte
Sicher aus des Traumes Bildern,
Daß fein Mütterlein geftorben. 710
10
Sehhster Geſang.
Kliews ſtarker Sohn verbrachte
Einen Tag in ſchweren Sorgen,
Auch den zweiten noch im Schmerze
Ob dem Tode ſeiner Mutter;
Doch am dritten vor der Sonne,
Vor des Morgens erſtem Grauen,
Sah man rüftig auf dem Heimweg
Ihn dem Meere zu fihon eilen.
Aus den Winden angeflogen
Kamen frifchere Gedanken,
Aus den frifhen Morgenſuͤften
Ihm aud) frifchere Entichlüffe.
- Auf den Marken Finland’s lebte
Ein berühmter Schmiedemeifter,
Der Erzeuger edler Waffen,
Blanker Klingen kund’ger Schöpfer.
„Eh' ich in die Heimath ziehe,
Sprad der Sohn des Kalew finnend, .
„Muß ich mir ein Schwert beforgen,
Eine Waffe mir verichaffen,
Einen tüht’gen Kampfgenoſſen.“
* Augenblids die Richtung wechjelnd
Ging er eines andern Weges,
Strich durch weite Wiefenflächen
Und durch dichtbewachſ'ne Haiden,
Kam durch moosbedeckte Sümpfe
Und durch ſchwankende Moräfte
Und erreichte eine Wildniß,
Sechtier Befang.
Die. fein Menfch noch je betreten.
Kalew’s ſtarker Sohn durchirrte
Zagelang die Föhrenwälder,
Kreuzte oft die eignen Spuren
Und verlor fi in dem Didicht,
Das ihm feinen Ausweg darbot.
Kam die lange finftre Nacht
Mit dem fternenlofen Himmel,
Mußt' er oft ſich mit den Händen
Erft den Weg im Dunkel ſuchen.
Kalew's edler Sohn, der einſt
Hingeftredt auf feuchten Rafen
Unter einer Tanne ruhte,
Sprach ermüdet und verdroflen :
„Alle Goldnen gehn nad) Haufe,
Alle Silbernen in’ Hüttchen,
Obdach finden auch die Andern ;
Meine Wohnung ift die Wildnig,
Söhrendidiht meine Kammer,
Unbegränzter Wald mein Stübchen,
Mein Kamin it Wind und Wetter, *
Sturm und Regen ift mein Bad,
Nebelduft mein Ruheliffen.
Eh’ die Sonne mich befchaute,
Ging mein Bater aus dem Leben,
Auf geheimer Mächte Fügung
Holgt’ ihm in dag Grab die Matter
. Ungefehn von meinem Auge,
Machte mid zum Waifenfnaben ;
Weit in Wierland Hab’ ich Brüder,
Andre an der Türkengränge !
Wie der Taucher auf dem Meere,
Wie die Ente an dem Brahme,
Wie der Aar auf hohem Felſen
Leb’ ich einfam und verlaffen.“
Mit des mächfken Tages Anbruch
Iſt er wieder anf den Beinen,
Un aufs nen fein Glück zu proben,
135
136
70
100
Sechdter Gefang.
Einen Ausweg zu verfuchen.
Aus dem Didicht rief die Drofiel,
Bon der Tanne rief der Kuduf,
Aus dem Erlenbufh ein Böglein :
„Lenke deinen Schritt nach Wehen,
Wende dic) zur Abendröthel« —
„Habet Dank, ihr Fugen Bögel,
Ihr beflederten Piloten !«
Sprach der edle Sohn des Kalew
Und begann in langen Schritten
Weſtwärts durch's Geſtrüpp zu brechen,
Abendwärts ſich Bahn zu machen.
Unermüdet drang er vorwärts
Und gelangte endlich triefend
Aus dem Dickicht in das Freie.
Auf der hügelichten Fläche,
Ueberfäet mit Felſentrümmern,
Eilte Kalew luſtig weiter.
Kam ein Mütterchen des Weges,
Mütterchen mit lahmem Fuße
Mühfam "an der Krücke humpelnd.
Und es fprach zu ihm die Alte,
Septe aljo ihre Worte:
„Wohin gehft fo leichten Schrittes
Du, o Sohn der Kalewiden ?«
Kalew's edler Riefenfprögling
Merft die Rede, giebt zur Antwort :
„Mütterchen, mir fam der Einfall
Ploͤtzlich in den Sinn geflogen,
Euren weitberühmten Rußbart,
Finland's Waffenſchmied, zu fuchen,
Mir ein Schwert von ihm zu holen,
Ihm das befte abzufaufen.
Sei nun, Mütterhen, mein Führer,
Weiſe mir, du goldne Alte,
Nun den Weg zum Waffenſchmiede,
Mir zur Eifenhand den Steg !«
Gleich verftand die gute Alte
ESektdhoeter Befang.
Seine Rede und erwidert:
„Sicher wirft du ohne Führer
Selbſt den Weg zur Schmiede finden.
Geh’ zuvörderft durch die Haide,
Dann durch's ſchmucke Tannenwäldchen
Und verfolg’ den Lauf des Fluſſes
Einen Tag und auch den zweiten
Und vielleicht auch noch den dritten.
Wendeſt du dich dann gen Abend,
Wirſt du einen Berg erreichen,
Einen hohen Berg am Wege.
Halt’ Dich hart am Fuß des Berges,
Bis did links ein Fußfteg abführt.
Dann wirft du ein Flüßchen fehen
Rechter Hand an deinem Wege.
Folg' dem Flüßchen bis zum Punkt,
Wo drei Waflerfälle raufchen.
Haft du dieſe hinterm Rüden,
Birft du gleidy ein Thal gewahren
Und am Ende diefes Thales
Bon Gebüfchen dicht befchattet
Liegt am hohen Zelfenabhang
Tief verftedt in .einer Höhle
Des berühmten Meifters Schmiede.“
Kalew's ſtarker Sohn verfolgte
Raſch den Weg, den ihm die Alte
So genau bezeichnet hatte,
Ging zuvörderft durch die Haide
Und durch's ſchmucke Tannenmwäldchen,
Folgte dann dem Lauf des Fluſſes
Einen Tag und auch den zweiten,
Auch den größten Theil des dritten,
- Bandte dann ſich ab gen Abend
Und erreichte bald den Hügel,
Der fih hoch erhob am Wege,
Hielt ih hart am Fuß des Hügels
Und betrat dann links den Pfad,
Der ihn an das Flüßchen brachte.
Car) 11
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Sechoter Geſang.
Dieſem folgt’ er bis zum Punkt,
Wo drei Waſſerfälle rauſchten.
Alſo ſchwanden raſch die Meilen
Unter ſeinen langen Schritten.
Endlich fiel dem rüſt'gen Wandrer
Auch das ſchöne Thal in's Auge.
Als er dieſes kaum betreten,
Drang des Blaſebalges Brauſen
Und der Schall der Hammerſchlaͤge,
Die im Takt den Ambos trafen,
Schon von fern ihm in die Ohren.
Soo geleitet vom Gehoͤre
Kam der edle Sohn des Kalew
Dem berühmten Meiſter näher,
Den er ſich befreunden wollte.
An des Thales hoher Wandung,
Bon Gebüſchen dicht beſchattet,
Hatte fi) der Waffenmeiſter
Seine Schmiede ausgehauen.
Schon der ſchwarze Rauch verrieth es,
Deutlicher die Funken noch,
Die er wirbelnd mit fi führte,
Und das Sprühn der rothen Schladen,
Daß hier Schmiedewerf gefchaffen,
Hammerarbeit ward verrichtet.
Der berühmte Schmiedemeifter,
Nußgefchwärzt, ein altes Männchen,
Brachte durch geheime Künfte
Und mit Hilfe dreier Söhne
Tücht'ge Arbeit ſtets zu Stande.
Seine Söhne, die Gefellen,
Ruſſig wie der Vater felber,
Hieben mit geſchwungnen Hämmern
Unverdrofien 108 aufs Eifen.
- Eine feuerrothe Klinge, —
Blut’ge Zukunft vorbedentend, —
Aechzte oftmals auf dem Ambos
Bon der Zange feftgehalten
Eeheler Gefang
Unter dichten Hanmerſchlägen,
Die von nerv’gen Zäuften fielen.
Idhren Widerftand zu brechen,
Hatte Meifter Rußbart fie
Erft im Zeuer glühen laſſen,
Bo fie bald gelernt fig fügen,
Um des Hammers ſtrengem Willen
Auf dem Ambos nachzugehen.
Slühend in die Zluth getaucht
Polterte ſie zwar noch heftig ;
Doch der: Meifter achtet nicht,
Denn er hat nur Eins im Sinne:
Recht ein tüchrges Schwert zu SHaffen.
Kalew's ſtarker Sohn erreichte
Reicht nun. auch Die Schmiede felbft
Und begrüßte yon der Schwelle
Laut den Meifter mit den Worten :
„Brig dich, Meifter! Taara hekfe
Dir dein gutes Wert vollenden,
Lafle gluͤcklich dirs gelingen la
„Gott zum Gruffe, lieber Bruder !«
Sprad zum Gegengruß der Meifter
Mit der Hand die Kappe lüftend
Und betrachtete den Fremdling
Unverwandt mit jcharfen Blicken,
Um wo möglidy nad) dem Aeußern
Seine Herkunft zu errathen.
Unter buſch'gen Augenbrauen
Maßen feine Augen blikend
Ihn vom Scheitel bis zur Zehe
Und vom Naden bis zur Ferſe
Und verweilten. wie bewundernd
Bald auf feinen marf'gen Schenkeln,
Bald anf feinen breiten Schultern,
Bis er ausbrash in die Worte :
„Gruß und Wunſch in Zaara’d Namen.
-Zindet Anflang allerwegen.;
Drum, o Sremdling, fei willfommen
190
210
140
*
Sechoter Geſang.
Auch bei mir und bei den Meinen.
Biſt von weitem, junger Adler,
Kräft’gen Flugs wohl hergeflogen?
* Stammft wohl aus berühmtem Dorfe
Und aus angefeh’nem Haufe ?
Weiſe haben dich erzogen ?
Helden dih zum Mann gebildet %-
Auf des Meifters Muge Fragen
Gab der Kalewsfohn zur Antwort:
„Art läßt nicht von Art, mein Freund,
Wie der Baumflanım, fo die Eproflen. .
Jeder Vogel fingt im Buſch
Wie der Schnabel ihm gewachfen.
Schwarz find Raben, Spechte bunt.
An dem Kamm kennt man den Birkhahn
Und den Haushahn an den Sporen.
Auch der Fiſch Hat feine Schuppen
Und der Krebs fein fchwarzes Rödchen. —
Hör’ doch, lieber Schmiedemeifter,
Schwarzberußtes altes Männchen,
Möchte gern aus deiner Werkftatt
Mir ein gutes Schwert gewinnen,
Das von ſtarker Fauſt gefhwungen
Seine Tüchtigfeit bewähre.
Doch zuvor mußt du erlauben,
Daß ich vor dem Kauf ed prüfe. — .:
„Ei wer wird denn“, fprach der Meifter,
„Se dem Käufer es verwehren,
Daß er erft die Waare prüfe ?.
Niemand freit nach einem Mädchen,
Das er nicht zuvor gefehen,
Dder fauft ein Schwein im Sade,
Wenn man auch beim Pferdetaufche
Sid den Trug 'gefallen läßt.
Immer muß man bei dem Handel
. Seine Augen offen halten
Und den Kopf zu Rathe ziehn,
Bil man keinen Schaden leiden
Sechdter Befang..
Und die Reue ſich erfparen.“ *
Als der Meifter fo gefprochen,
Schlüpfte auf den Wink des Vaters
Einer von den flinfen Burfchen
Hurtig aus der Schmiede fort
In die nabe Waffenkammer.
Und nach furzer Weile trat
Aus der Kammer ſchon der Bube
Schwerbeladen in die Schmiede
Und entlud fi vor dem Käufer
Raſſelnd feiner ſchoͤnen Bürde.
Stumm ergriff der Sohn des Kalew
Eins der längfien von den Schwertern,
Wog ed prüfend in der Rechten,
Bog fodann die breite Klinge
Faſt zu einem Reif zufammen,
Der fi) augenblicklich wieder
Dhne Zadel grade ſtreckte,
Ließ fie dann mit Bligesfchnelle
Saufend über'm Haupte wirbeln
Und vollführte endlich jauchzend
Einen Hieb aus Leibeskraͤften
Auf den Zelsblod in der Schmiede,
Daß die Funken weithin fprähten.
Diefem mörderifchen Hiebe
Bar die Waffe nit gewachfen,
Denn der Stahl zerbrad in Stüde,
Und das Heft blieb nur allein
In der Zauft des Riefenjünglinge.
„Hol der Beier ſolche Faͤuſte!“
Rief der Waffenmeiſter fluchend. —
„Ei wer wird denn Kinderfpielzeug
Unter. Rännerwaffen mifchen !«.
Warf der Kalewsſohn dem Meifter
Hoͤhniſch lachend in die Zähne
Und ergriff num ohne Wahl
Rod) ein zweites Schwert vom Haufen
Und darnach auch noch ein Drittes,
141
142 | Sechdter Geſang.
Eh’ der Schmied es hindern konmte,
Machte wirbelnd ſeine Schwenkung
Jedesmal und ließ das Schwett
Auf den Block dann DIENEN
Dop%s Feuer regnete
300 Und der Stahl in tunſend Stüden
In dem engen Raum umherflog,
Während nur der Griff allein
In der ſtarken Hand zurüdblieb.
„Mache deinen Scherz ein Ende“,
- Zuhr der Meifter jetzt dazwiſchen,
„Denn ich kann's nicht länger dalden,
Daß die Waffen meiner Werkfkatt;
Aus bewährtem Stahl gefertigt,
Nur zum Spaß zettrilmmert werden,
310 . Weil es Dir einmal beliebt, '
Deinen flarfen Arm zu zeigen !"
Und er winfte feinem Buben,
Ihm in's Ohr die Worte flüfternd :
„Bring’ mal aus der Waffenkammer
Raſch ein Paar von Nummer Eins,
Die für folhe Eifenfüufte:
Bere Dienfte leiften werden !«
Dem Befehl des Baters folgend
Brachte flugs der flinfe Bube
320 Aus der dunfeln Waffenkammer
Einen Arm voll neuer Schwerter
Bon der allerbeften Sorte,
Um dem Kalewsſohne nochmals
Eine Probe zu verftatten.
Kalew's Sprößking Tangte freudig
Nach der ausgelegten Waare,
Nahm ein Schwert gewicht’gen Anſehné
In die Hand md wog es Yrüfend,
Schwenkte dann die riefge Waffe:
30 Wie ein leichtes Rohe im Wirbel
Um das Haupt: und führte ſchließlich
Mit der ſcharfgeſchliffnen Klinge
Schöter Befang. 143
Einen Schwerthieb auf den Ambos,
Der in's Eifen tief hineindrang.
Troß des mörderifchen Hiebes
Brad) die Klinge nit in Stüde,
Aber fle war ftumpf geworden,
Etwas ſtumpf die feharfe Schneide.
* Eprady der Schmied bei guter Laune,
. Sprad) ein wenig fpottend aljo: 30
„Warte, warte, liebes Bürfchchen,
Hab? Geduld, mein Brüderchen,
Werde ſchon ein Schwert im Schreine,
In der Kammer eine Waffe, ;
Deinen Kräften angemeflen,
Ebenbürtig dir ſchon finden,
Wenn du Gold genug im Beutel,
Silber zur Genüge haft,
Um den vollen Werth zu zahlen.
Hier gil“s Gold im Sad zu haben, 350
Alte Thaler in der Fide,
Dfennige in allen Taſchen!
Wer ein folhes Schwert will haben,
Darf niht arm an Mitteln fein,
Denn es koſtet unter Brüdern
Neun robufte Arbeitöflepper, |
Bier Paar tücht’ge Trageftuten,”
Zwanzig Kühe reich an Milch,
Zehn Paar gute Arbeitsochien,
Funfzig Kälber, ſtark gemäftet, 300
Hundert Tonnen reinen Weizens,
Zwei beladne Gerftenboote
Und ein großes Schiff mit Roggen,
Dazu taufend alte Thaler,
Hundert Paare PBaternofter
- Und zweihundert goldne Münzen,
Einen Schooßvoll Silberfpangen,
Eines Königreiches Dritttheil
Und den Mahlſchatz dreier Jungfraun.“
Und in einer Dunkeln Sammer 370
144
Sechdter Befang.
Ward ein Heiner Schrein von Eifen,
Der mit fieben Ladenichlöffern
Und mit dreizehn Vorhangfchlöffern
Wohl verichloffen war, geöffnet,
Und man nahm aus diefem Schreine
it geheimnipvoller Andacht %
Nun heraus an's Licht Des Tages
Eine Waffe fonder gleichen.
Aller Blide rubten fchweigend
Auf dem königlichen Schwerte,
Das des Meifters Kraft und Weisheit
Sieben lange lange Jahre
Ohne Unterlaß gefneähtet.
Diefes Schlachtſchwert hatte einft
Schon der alte Vater Kalew
Selbſt bei dem berühmten Meifter
Sich beftelt und ihm empfohlen,
Weder Zeit no Kunft zu fparen,
Um ein Meifterftüd zu liefern,
Wie die Welt noch keins gefehn.
Unterdeffen war der Faden
Seines Lebens abgelaufen,
Hatten Kalew's Erdentage
Sich geienft zum ftillen Abend,
War er ſchon zur Ruh’ gegangen
In dem Fühlen Rafenbette,
Ch’ der Meifter feine Arbeit
Kaum erft halb vollendet hatte.
Meifter hatte an der Klinge
Sieben Sabre mit den Söhnen
Bald geftredt und bald gehämmert,
Bald gefeilt und bald polirt,
Ch’ fie ihre rechte Schärfe,
Ihre rechte Wucht erhalten.
Sieben Sorten Eifenblech
Kochten fie zu einer Maſſe,
Sangen täglich bei der Arbeit,
Daß fie gut gelingen möge,
Sechdter Befang. 145
Sieben auserlef'ne Worte,
Die befonders fräftig waren 410
Und dem Könige der Schwerter
Seine Ehre ficherten.
Meifter felber gab dem Stahl
Die abfonderlihe Härtung
Durch beftimmte fieben Waſſer,
. Die er dazu auserlefen:
Erſtlich aus dem Meere felber,
Das bis Wierland fich erftredt,
Zweitens aus dem Beipusfee
In dem Pleskowiterlande, 4%
Zerner drittens aus dem Wirzjärw,
Einem See mit jeichtem Beden,
Biertend aus dem Mutterbadh,
Der das Yungfernwafler führt,
Fünftend aus dem Koiweſtrom,
Der im Lettenland entipringt,
Sechſtens aus dem Wöhanda,
Der den beil’gen Hain durchriefelt,
Endlih aus des Himmels Wolfen,
Die im Regen fih ergießen | 78)
Und ihr Naß als Flockenſchnee
Dder Perlenthau uns fpenden.
Ale fieben Eifenforten
Stammten aus dem Schwedenlande.
Silbern war der Griff des Schwerts,
Bon dem reinften Gold der Bügel
Und der Knauf ein Stein aus Kungla.
Das Gehen! war fiebenfarbig,
Eine Schnalle pfennigfilbern
‚Und die andre thalerfülbern, 440
Beider Zungen von Adhat,
Wie er prangt im GSiegelringe. *
Kalew's Sprößling nahm die Waffe
Aus der Hand des Schmiedemeifters
Still und ehrfurchtsvoll entgegen,
Und nachdem er fie gefaßt,
146
470
Sechdter Geſang.
Ließ er fie im mächt'gen Schwunge
Wirbelnd wie ein Feuerrad
Um fein Handgelenk ſich drehen.
Saufend flog die blanfe, Klinge
Durch die Luft, wie wenn im Sturm
Eine Hagelwolfe rafjelnd
Ihrer Schloffen ſich entledigt |
Und dazu die Windsbraut heulend
Ueber die empörten Wogen
Durch die Wälder raft und wüthet,
Daß die hundertjähr’gen Eichen
Krachend ihre Gipfel neigen
Und erzürnt den Rafen peitfchen
Und die Dächer von den Hütten
Mit dem 'aufgeregten Sande
Hoch fih in die Luft erheben
Und den Wolfen eilig folgen.
Kalew's edler Riefenfprößling
Lied alsdann die Wucht der Klinge
Mit der Schnelligkeit des Blitzes
In den mäct’gen Ambos fahren. .
Und die fieggewohnte Rechte
Spaltete den ſchweren Ambos
Nebft dem dichtberingten Klotze,
Der ihn trug, bis auf den Boden,
Ohne daß die blanfe Schneide
Auch nur eine leichte Schramme
Sichtbar nachbehalten hätte.
Sreudeftrahlend und begeiftert
Nief der edle Sohn des Kalew:
* „Ei der taufend, lieber Meifter,
Haft mir da ein Schwert gegeben
Auch des beften Mannes würdig,
Das in rechter Fauſt wohl nimmer
Seine Dienfte wird. verfagen !
Auch den Kaufpreis find’ ich billig
Seinem Werthe angenteffen
Und ich werde drum nicht feilfchen,
Sechbter Belang.
Sondern ohne Widerrede
Den verlangten Preis bezahlen,
Nämlich neun robuſte Klepper,
Bier Paar tücht’ge Trageftuten,
Zwanzig Kühe veih an Milch,
Zehn Paar gute Arbeitsochſen,
Funfzig Kälber; ſiark gemaͤſtet,
Hundert Tonnen reinen Weijzens,
Zwei beladne Gerſtenboote
Und ein großes Schiff mit Roggen,
Dazu tauſend alte Thaler,
Hundert Paare Paternoſter
Und zweihundert gold'ne Münzen,
Einen Schooßvoll Silberſpangen,
Eines Koͤnigreiches Dritttheil
Und den Mahlſchatz dreler Jungfraun.
Für das Schwert, das jetzt mein eigen,
Hol' dir ſelbſt den Pteis aus Wierland,
Deinen Arbeitslohn aus Harrien,
Aus der Wiel die volle Zahlung.“
Drauf erwiderte der Meiſter
Schalkhaft mit dert Augen zwittfernd :
„Schulden bringen wenig Ehre
Und dem Gländ’ger Teinen Vortheil;
Beſſer ift es, mit den Preis
Ungefäumt .in’d' Haus zu ſchicken
Und nicht erſt darauf zu warten,
Daß ich mir die Jahlung hole.
Harrien hat ja ſoviel Schiffe,
Wierland ſoviel Riderboofe,
Als zur Ueberfahtt vonnoͤthen,
Und wir führen dann wohl felber
Das geladne Korn vom Strande
In die eignen Vorrathskammern,
Treiben in's Gehöft die Pferde
- Und die Ochfen auf die Weide
Und die Kälber in die Koppel
Und die Kühe in's Gehege.
610
620
147
148
Schöter Belang.
Wollt ihr aber auch die Fuhre
Bon dem Strande felber mahen,
Wird's euch wahrlich nicht gereuen,
Denn die ſchatt'gen Hedenmwege,
Die zu: unferm Hofe führen,
Und die Ställe und die Kleeten
Und die Obfts und Bohnengärten,
Eingehegt von Gitterzäunen,
Sind wohl fehenswerth zu nennen.
Rund umber in den Gebüfchen
Singen froh die Waldesvöglein,
Laͤßt der Kuckuk gern ſich hören.
Statt geftriegelt ftehn die Roſſe
In den Ställen luſtig wiehernd,
Züchfe, Rappen, Braune, Kalbe,
Theild gefchirrt und theils gefattelt,
Theild geziert mit reichen Deden
Und mit blanfen Silbergurten.
Schwere Kühe grafen friedlich
In den lichten Quftgehegen,
Zeifte Kälber, glatte Stiere
Auf den bium’gen Rafenmatten
Edle Nachzucht ftolz verheißend.“*
Auf den abgefchloffnen Handel
Zolgten, um das Schwert zu ehren,
Das den rehten Mann gefunden,
Zange luſt'ge Seftgelage.
* Sieben Tage ward gefchmanfet,
Ward der Blasbalg nicht getreten,
Lie man alle Hämmer ruh'n,
Ruhten Schraubflod, Zang' und Seile,
Jubelten die Schmiedebuben,
Ruhte felhft der Waffenmeifter.
Und die ganze Jubelwoche
War der Geift der Hopfentraube
Der entfchiedne Herr des Feſtes
Und der Schöpfer aller Freuden.
Aus der Tonne, wo er thronte,
Schöter Befang. 149
Schlüpft er mit in's Faß hinüber,
Aus dem Faſſe in die Stanne,
Aus der Kanne in den Becher,
Aus dem Becher in die Köpfe.
Männer tobten wie befeflen,
Buben lärmten ohne Rüdhalt,
Weiber warfen ihre Hauben,
Jungfraun ihre Furcht bei Seite.
Bor dem Haufe auf dem Rafen
Standen Biers und Methgefäße, 670
Und hier war e8, wo am lautften
Weiber ohne Hauben fihrieen,
Männer ohne Mügen brüflten,
Buben halbentkleidet jauchzten,
Mädchen fich mit glüh’nden Wangen
Lachend auf dem Boden wälzten.*
Bier und Meth, aus ihren Feſſeln
Ohne Hemmniß losgelaſſen,
Machten Huge Leute närrifc)
Und verftänd’ge unbefonnen, "60
Brachten Jung und Alt zum Rafen.
Auch der edle Sohn des Kalew
Ward vom Raufche hingeriffen
Und enthüllte an der Tafel,
Offenbar im trunfnen Muth,
Gegen feine fonft’ge Weife,
Was ihm auf der Meinen Inſel
Mit dem ſchönen Eilandsmaͤgdlein
Bor nicht langer Zeit begegnet. | :
Er verrieth hier ohne Rückhalt 0
Alle Reize ihrer Unſchuld
Und die Gunft der füßen Minne,
Die er ihrer Taubeneinfalt
BB onnetrunfen abgerungen.
Eh’ er noch das Abenteuer
Auserzählt bis an das Ende,.
Sprang der ältefte der Söhne,
Seines Baters Stolz und Freude,
150
610
Sechtzter Geſang.
Ungeſtüm ihn unterbrechend
Hinter'm Tiſch hervor und ſtellte
Drohend fich ihm gegenüber.
Und mit zornentbrannten Blicken
Sprach er glühend dieſe Worte:
„Schwatze, Prahler, was du willſt
Und wozu dein Sinn dich treibet;
* Aber deine Worte dürfen
Eines Mägdleins Ruf nicht fchänden !
Pfui, wer wird ein Kind verleumden,
Einer Jungfrau guten Namen
Sp gefliffentlih begeifern! *
Mußt du erft von mir es lernen,
Daß fo ungewaſchne Neden
Eines Mädchens Ehre Franken?”
Kalew's flarfer Sohn ergrimmte
Ob des Schmiedeburfchen Kedheit
Und erwiderte mit Nachdrud,
Daß des Haufes Bände dröhnten:
„Bas ich fprach, ift wahr gefprocdhen,
Und ich darf es wiederholen,
Daß ich jede Gunſt der Liebe
In des Eilandsmägdleins Armen
Bis zur Geligfeit genoffen.
Selbft ihr Vater kaun's bezeugen,
Der fie fand auf meinem Lager.“
Bon dem lauten Wortgezänfe,
Das mit jedem Augenblide
Heft'ger ward und neue Streiter
Auf den engen Kampfplatz lodte, ı .ı,
Kam ed buld zum Drohn und Schimpfen
Und zulegt zum Handgemenge,
Ja fogar zum Blutvergießen,
Denn bevor es Yemand ahnte,
Daß der Streit ein ſolches Ende
An der Tafel nehmen würde,
Zog der flarfe Sohn des Kalew- _
Raſch fein Schlachtſchwert aus der Scheide
Sechdter Geſang. 151
Und der Lodenfopf des Gegners
Flog im Nu vom Rumpf herab,
Dem ein Burpurftrahl entftrömte.
In das Angefiht der Brüder. 640
Aus der Bruft des armen Vaters
Wand ein Schrei fih des Entjeßens
Und die Mutter ſank in Ohnmacht
An des Sohnes Seite nieder.
Als der Schmiedemeifter fi
Nach und nad, bewußt geworden,
Welch ein Unglück ihn betroffen,
Rief er: „Mörder meines Sohnes,
Wiffe, daß du mir die Stüße
Meines Alters haft zerbrochen 650
“Und mit diefem Mord der Unfchuld
Auch die Ehre deines Schwertes
Selbſt befledt für ew’ge Zeiten! —
„Burſche, rächet euren Bruder !
Bringt die Hämmer aus der Schmiede
Und zerſchlagt ihm alle Knochen,
Diefem blut’gen tollen Hunde,
Der den Bruder euch zerriffen !“
Blindlings folgten alle Söhne
Dem Befehl des Waffenmeifters 660
Und erfchienen wohlgerüftet
Theil mit Zangen, theils mit Hämmern,
Theils mit langen Eifenfchienen
Und erwarteten mit Echweigen,
Daß der Bater winfen werde,
Ihre Arbeit zu beginnen.
Diefem kam der Eohn des Kalew,
Dem der Rauſch nach nicht verflogen,
Schnell zuvor, erhob ſich drohend,
Schwang das Schwert in feiner Rechten 670
Und begann mit lauter Stimme:
„Kommt, ihr ruffigen Gefellen,
“ Kommt heran, ihr fhmup’gen Buben !
Iſt das Leben euch zur Laft,
7
152 Sechdter Befang.
Daß fo wohlfeil ihr's verhandelt ?
Nur heran ! der Sohn des Kalew
Hat gewaltig ftarfe Fäufte,
Denen Niemand noch entkommen,
Der’s im Kampf mit ihm verfudht !
6“ Kommt nur, kommt, ihr koͤnnt nicht fchneller
Eures Lebens ledig werden !« —
„Halt !a rief jegt der Schmiedemeifter,
„Laßt den Mörder ungezüdhtigt,
Laßt ihn firaflos gehn, den Hund !
Die gerechten Götter mögen
Diefen blut'gen Mord beftrafen
An dem Thäter, der ihr übte,
Der das edelfte der Schwerter
Nicht im heißen Kampf um's Leben
680 Gegen einen Zeind in Waffen,
Nein, der’s gegen einen Knaben
An dem Herd des Elternhauſes
Ehrlos hat gezuͤckt und ſchmaͤhlich
Mit der Unſchuld Blut beſudelt!
May das Schwert, das er entweihte,
Selbſt die Schmach einft an ihm rächen !
„Möge did) mein Fluch begleiten,
Bis er au dir wahr geworden,
Bis das Schwert, das du entweiht,
700 Dich einft felber hingemordet,
Bis du mit dem eignen Blute
Das vergoflene gefühnet !
® Sei verflucht, glei einem Hunde
Auf dem Anger zu verwefen,
Im Gebüſche zu vermodern
Und die Lüfte zu verpeften!*®
„Sept ein Wort an dich, mein Eifen,
Das zum königlihen Schwerte
Kunftvoll meine Hand gefchmiedet !
710 Höre meinen Fluch und achte
Auf die Wünfche meines Herzens !
Wenn der Mörder meines Sohnes
+‘
Sechdter Befang.
Auf der Bahn des Ruhmes einſt
Arglos ſich der Ruhe Hingiebt,
Dann zerfchneide. du Den Faden
Seines Lebens unerwartet !«
Kalew's ftarfer Sohn vermochte,
Starren Blicks in fih verfunfen,
Theild vom Hopfengeift befeflen,
Theild.von Zorneswuth befangen,
Nicht ein Wort von Dem zu hören,
Was des Meifterd Mund gefprochen,
Stürzte taumelnd aus dem Zimmer
Und begab fih auf den Hof.
Nicht des Vaters Schmerzensfeufzer,
Nicht der Mutter lautes Weinen,
Nicht die Klagen der Gefchwifter,
Noch des Hausgefindes Heulen
Schienen in fein Ohr zu dringen.
Ungewiflen Zrittes fchmanfte
Kalew taumelnd durch die Pforte,
Ueberſchritt den weiten Anger,
Ging im Zidzad durch die Koppel
Und erreichte dann die Straße.
N
Mühfam ſchleppt' er feine Züße
Durch den tiefen Sand des Weges
Und betrat dann links den Pfad,
Der ihn an das Flüßchen brachte.
Längs dem Ufer fürder fchreitend
Kam er an den Felſenabhang,
Wo der Bach von jäher Höhe
Schäumend in den Abgrund flürzt. -
Eine Beile fah er träumend
In den Waflerfturz hinab
Und mit einem ſchweren Seufzer
Sich von diefem Orte trennend
Sing er dann ein Stündchen noch
Zängs dem Fluß verdroffen weiter,
Eh er fih ein Plägchen fuchte,
Um den Unmuth zu verfchlafen,
[nm]
‘12
720
740
750
153
154
760
- 770
70
“
Sechdter Befang-
Der auf feiner Seele drüdte.
Als er kaum fich hingeftredt,
So begann er auch zu ſchnarchen,
Daß ringenm der Boden dröhnte.
Seifen wanften, Berge bebten,
Staub erhob fih auf der Fläche,
Kiefel hüpften auf den Wegen,
Bögel hörten auf zu fingen,
Haͤschen duckten ſcheu ſich nieder
Und die Leute fragten Angftlid :
Ob die Feinde eingedrungen
Und der Krieg ſchon ausgebrochen ?
* Steuern wir das Sangesidhifflein,
Des Erzähler Heines Fahrzeug
Und das Frachtboot voll Gefhichten
An des Inſelvaters Ufer,
Laſſen's dort am Bollwerk liegen
Und begeben uns auf's Trodne,
Um den Eihbaum zu betradyten,
Den wir aus dem Meere fiihen,
Aus dem Schlamme ziehen fahn !
Damals nur ein kleines Bäumen
War es in der warmen Sonne
‚Und umfprüht von Regenfhauern
Bald zum maͤcht'gen Baum geworden,
Der die Wolfen ſchon erreichte
Und die Sonne faft berührte.
Ja, er trübte ſchon den Himmel
Und verdunfelte den Mittag, |
Stahl dem Monde und den Sternen
Nachts die Leuchte von den Senftern
Und bededte rings den Boden
Mit dem Schatten feiner Aeſte.
Täglich wuchs er immer höher,
Immer höher in die Lüfte
An die Himmelsdecke ftrebend
Und zerriß die Wollenſchleier.
Sechster Befang. 155
Dft ſchon war der Anfelvater
Beit und breit umbergezogen, |
Hatte manches Land durchwandert 190
Bald zu Fuß und bald zu Pferde
Und nad Meiftern und Geſellen
Umgefragt an allen Orten,
Die e8 übernehmen möchten,
Seinen Riefenbaum zu fällen
Und in Stüde zu zerhauen,
Da man dann and feinem Holze
Ganze Städte bauen koͤnnte,
Ganze Flotten auf dem Meere.
Ueberall und aller Orten 800
Hörte man ihn flehn und bitten :
„Kommt, die Riefeneiche fällen,
Rund herum die Aefte fappen
Und die Krone niederhauen !
Bis zum Himmel reiht ihr Gipfel
Und verfinftert Tags die Sonne,
Nachts das Mondiiht und die Sterne
Alles rings umher befchattend.“
Meifter fprachen und Gefellen :
„Ber kann helfen, lieber Bruder! 810
Reicht der Baum bis-in den Himmel
Schon die Wolfen überragend,
Ber mag’8 da mit ihm verfuchen ?
Welches Beil will diefem Niefen,
Welche Art ihm an das Xeben ?u
Infelvater kehrte murrend
Heim von feiner Tangen Reife
Und berichtete verdrießlich
Anf die Fragen’ feiner Alten,
Die ihn vor der Thür begrüßte: 820
„Ale Mühe war vergebens !
Konnte feinen Menfchen finden,
Der ed übernehmen mochte,
Unfern Riefenbaum zu fällen
Und in Stüde zu zerhauen.“
Kaum in's Haus getreten brachte
156
Sehäter Befang.
Sie den Alten in die Kammer,
Wo der Adler und der Däumling
Zraurig auf Befreiung harrten.
Hier erzählte fie geichwäßig :
„Bing zur Heumaht auf die Wieſe,
Um das Grummet einzubringen,
In der Hand den golden Rechen
Mit dem langen Kupferftiele
Und den hohen Silberzinfen,
Schön verziert mit goldnen Reifen.
Eine Schwade nad) der andern
Thürmte fi) zum fohmuden Schober. .
Bei der dritten — ei was fand ich ?
Fand ich den entflohnen Adler,
‚ Den ich felber auögebrütet,
Tags das Ei der Sonnenwärme,
Nachts dem eignen Schooß vertrauend.
Glücklich bracht' ich ihn nach Haufe
Und verfchloß ihn in der Sammer.
Aber den?’ dir mein Erftaunen,
ALS ich unter feinem Flügel
Unerwartet dieſes Männchen,
Größer nicht, als Kalew's Daumen,
Kaum zwei Spannen hoc, entdedte,
Der ein Aextlein unterm Arm
Sich bemühte zu verbergen !
nfelvater, der nur immer
Seinen Baum im Siune hatte,
Sragte gleich das kleine Männchen :
„Wollte du wohl, lieber Kleiner,
Hier den großen Eichbaum fällen %«
„Ei warum nicht ?“ ſprach das Männchen,
Syrah der Däumling freundlich grinfend,
„Bin bereit zu unterhandeln,
Wenn du mich erft losgefeſſelt,
Erft befreit auß dem Gefängniß." ,
Und das Männchen ward entfeflelt,
Ward befreit aus dem Gefängniß
Und der Handel abgeichloffen.
Sechster Brfang. 157
Und was ward ihm denn bewilligt
Für die übernomm’ne Arbeit?
Eine ſchwere goldne Schüffel !
Däumling eilte auf den Anger
Und beſah fih dort den Baum. 870
Während er mit feinen Augen
Brüfend maß die riefge Eiche,
Fing er felber an zu wachen,
Erft zu Ellen, dann zu Faden.
So zum Niefen angewachfen
Zing er an den Baum zu fällen, x
Hieb den erften Tag, deu zweiten,
Hieb auch noch am dritten Tage:
"Und der Baum begann zu fchwanfen
Und fih allgemach zu fenten, 880
Bis er endlich niederftürzte \
Halb die Inſel, halb das Meer
Unter feinee Wucht begrabend.
Und wie ward der Baum verwendet ?
Aus dem Stanıme ward gezimmert
Eine mächtig große Brüde
Ueber's Meer, mit einem Arm
Rach dem Wierſchen Feftland führend,
Mit dem andern Arm nah Finland.
Heut’ noch heißt fie Zinnendrüde. 890
Aus des Baumes flollem Wipfel
Baute man fi flolge Schiffe,
Aus dem Schafte Waurenbarfen,
Städtchen aus dem Wurzelitode,
Aus den Aeſten Ruderboote,
Kinderfchifflein aus den Spänen.
Sorglih hob man auf die Refte,
Denn fie konnten ſchwachen Greifen,
Konnten armen kranken Wittwen,
Konnten Baifenfindern dienen, . 900
Um fich gegen Regengüfle,
Gegen Sturm und Schneegeftöber
Schirm und Obdach aufzubauen.
Aus der Eiche. legten Reſten
158 Schäter Sefang.
Ward ein Stübchen au dem Sänger,
Ward das Stübchen aufgebant,
Wo er feine Mährchen webte,
Seine goldnen Lieder wirkte.
Fremde, die die Finnenbrüde
910 Dann und wann aufs Eiland brachte,
Blieben vor des Saͤngers Hütte
Oft verwundert ſtehn und fragten :
Wie denn wohl das Städtchen heiße
Hier am reihen Meereöftrande
Mit dem ftolgen Königsfchloffe ?
Und dann pflegte wohl der Sänger
Etwa alfo zu erwidern :
„Ei wo haft du deine Augen,
Daß du hier ein Städtchen fiebft,
920 Daß dir unfer ödes Ufer
Als ein reicher Strand erfcheinet,
Als ein Königsfchloß dies Häuschen ?
Nur ded Sängerd arme Hütte
Steht hier einfam an dem Strande,
Weit entfernt von Prunk und Reichthum,
Kaum befheidner Rothdurft dDienend.
Nur der Mond ift unfer Stiber,
Unfer Gold die Sonne nur.
Alles, was hier glänzt ımd funkelt,
930 Sf nur Wiederfchein des Himmels,
„Zu den Kiedern, die did rührten,
Wurden bier die zarten Fäden
In der Einfamfeit gefponnen
Bon der Hand des armen Sängers,
Dem aus Taara's ew’gen Hallen,
Aus des Schöpfers reihem Borne
Alles zuſtrömt, was er braucht,
Sein Gewebe zu vollenden.
Himmliſches Entzüden ftrahlet
94 Aus den trunfnen Augen ihm,
Wenn die Fäden ferner Spindel
Glanz und Farbe von des Himmels
Wunderbaren Litern leihn.“ -
Siebenter Geſang.
9.. des Abends Schultern fireute
Shren lebten Burpurfchimmer _
Scheidend noch herab die Sonne,
Und des Waldes Schatten reichte
Weit hinaus in das Gefllde.
“Sie und da nur ließ vom Wipfel
Bald der ftilen Zrauerbirke,
Bald der ruheloſen Espe,
Bald der golddurchglühten Tanne
Sich ein Voͤglein noch vernehmen,
Das. beim Scheidegruß des Tages
Seinen Lobgeſang dem Schöpfer,
- Seinen Dank dem Bater bradıte.*
Als’ des andern Morgens früh
Kalew's Sohn nad) feftem Schlafe
Sich die Augen ausgerieben,
Die dem jungen Tageslichte
Nur mit Mühe fi erſchloſſen,
Suchte er vergebens fi)
Auf die Dinge zu befinnen,
Die den Zag vorher geſchehen,
Wie auf einen wüften Zraum,
Deſſen Bilder beim Erwachen
Unaufbaltfam fi verwirren.
Was ſich geftern zugetragen,
Blieb verfchloffen feinen Sinnen,
Gleich als hätten dichte Nebel
Dder ſchwarze Wetterwolfen
[u]
13
10
160
Siebenter Geſang.
Alles eingehüllt in Duntel.
Db’8 in Finland war gemwejen
Dder auf der Heinen Inſel,
Das betäubende Gelage ;
Ob er blut'gen Kampf beftanden
Mit Normannen oder Türken:
Blieb ihn dunkel und verborgen.
Daß des braven Meifters Buben
Er im tollen Rauſch erfchlagen,
Ließ der Arme fih nicht träumen !
Trüben Blicks und träben Sinnes
Machte Kalew's Sohn fih auf
Und erreichte bald den Hügel,
Den er heitrer auf dem Hinweg
Schon einmal gefehen hatte.
* Sweimal vier umd zwanzig Stunden
Schritt er ohne Raſt zu halten
Berge auf und Berge nieder
Immer weiter durch's Gelände,
Bis er an dem dritten Tage
Endlih an das Meer gelangte. *
An dem hohen Meeresufer,
Angefettet an’ den Felſen,
Stand des Windekund’gen Fahrzeug,
Stand des Zaubrers Meines Boot.
Kalew's edler Sprößling nahm es,
Nahm des todten Zaubrers Fahrzeug
In Befib als gute Beute
In dem Kampf um feine Mutter,
Die er nicht gefunden hatte. |
Kalew's theurer Sprößling loͤſte
Unverweilt das Heine Schiffchen
Aus der Kette feften Banden,
Ließ, nachdem er fi) entfleidet:
Und das Segel aufgezogen,
Sih im Boot behaglich nieder,
Nahm die Ruder in die Hände
Und begann der lieben Heimath
Siehenter Gefang- | 161
Friſch und kräftig zugurudern.
Zuftig z0g der Wind das Schifflein
Und die Wogen trugen’s ſchaukelnd
Auf der feuchten Bahn gen Wierland. 70
Mit dem Ruder in den Linken
Spielt er plätfchernd in den Wellen,
Während er gefhidt das Schifflein
Mit der Rechten fteuerte.
Kalew's Sprößling ward nicht müde,
Denn fein Naden war ein Eichbaum,
Seine Schultern Maſerknorren,
Eichenftämme feine Arme,
Ebenholz die Ellenbogen,
Seine Finger Striefenäfte, 1)
Buhsbaum feine Fingernägel
Und fein Rumpf von Stahl und Eifen.*
Zuftig zog der Wind das Schifflein
Und die Wogen trugen’s ſchaukelnd
Auf der feuchten Bahn gen Wierland.
Kalew's Sohn begann zu fingen:
*,„An das Meer ging ich zu fpielen,
Ging zu fingen in die Wogen,
Silberruder in den Händen,
Goldgeſtielte Silberrubder. 90
Und was gab es da zu ſchauen?
Enten zogen hoch am Himmel,
Taucher ſchaukelten im Meere,
Weiterhin erſchienen Schwäne,
An der Mitte ſchmucke Gaͤnſe.
„An das Meer ging ic zu fpielen,
Ging zu fingen in die Wogen,
©Silberruder in den Händen,
Goldgeſtielte Silberruder. |
Und was gab es da zu fehben? 100
Schiffe gab es drei zu fehen:
Eins befegt mit jungen Frauen,
Eins mit alten Zauberinnen,
Eins mit Zungfraun zarten Alters,
13%
162
10
130
140
Siebenter Befang.
Schön und lieblich anzufchauen.
Wer vermochte fie zu zählen,
AU’ die herrlihen Geftalten
Mit den fchönen braunen Augen,
Angethan mit golduen Handfhuh’n
Und mit feidenen Gemwändern,
Reich befeht mit Nebelfpigen !
Ringe zierten ihre Finger,
Ihren Hals bededten Thaler,
Silberfpangen ihren Bufen,
Ihre Locken Flitterkränze.
Und die ſchonen Jungfraun alle
Sahn mir ſehnſuchtsvoll in's Auge,
Stredten aus nach mir die Arme.
Doc ich widerftand der Lockung.
„Laßt mich,“ Sprach ich, „ſchoͤne Jungfraun,
Werbet nicht um meine Xiebe !
Was der Himmel euch befchieden,
Wird euch eines fehönen Tages,
Eines wonnereichen Abends
Sicher ohnehin zu Theil.
Jede wird den Kiebften finden,
Der fein Schickſal mit ihr theilen,
Der fie glüdlih machen fol!
Kalew's Sohn kann euch nicht werden,
Darf ench nicht fein Herz verſchenken!“
Zuftig zog der Wind das Schifflein
Und die Wogen trugen’8 ſchaukelnd
Auf der feuchten Bahn gen Wierland.
Mit dem Ruder in der Kinfen
Spielt’ er plätfchernd in den Wellen,
Mährend er gefchiet das Schifflein
Mit der Nechten fteuerte.
Friſche Meereswinde brachten
Raſch das Boot der Heimath näher,
Näher an den Wierfchen Strand
Und verwehten bald die Dünfte
Don dem tollen Hopfengeifte,
Siebenter Geſang.
Der den Kopf ihm eingenommen;
Doch ein klareres Bewußtſein
Von dem blutigen Ereigniß
In des Schmiedemeiſters Hauſe
Wollte ſich noch nicht geſtalten.
Nur die blutgefärbte Klinge
Und die Flecken au dem Kleide
Wieſen auf die biut’ge That,
Konnten ihn des Mordes zeihen.
Luſtig zog der Wind das Schifflein
Und die Wogen trugen’s fehaufelnd
Auf der feuchten Bahn gen Wierland.
Mitternacht bedeckte ſchweigend
Ringsumher die Meeresfläche,
Niedrig ſtanden die Plejaden,
Tief im Oſten ſchon Drion,*
Als ein Puͤnktchen auf dem Meere
Sich am Himmelsrande zeigte.
Kalew’s ftarfer Sohn erfannte
Bald darin die Meine Inſel,
Bo der Zufall ihm vor furzem
Eilandstöchterchen gewonnen,
Sn die Arme ihm geliefert. -
Ihr Gefang, ihr füßes Kofen
Und ihr Schrei in feinen Armen
Und darnach ihr Sturz vom Felfen
In des Meeres WBogenbrandung,
Wo fie unterging. für immer,
Schwebten lebhaft ihm vor Augen,
Schnitten tief in feine Seele.
Kalew's edler Riefenfprößling
Sudte an dem Felſenufer
Unbemerft vorbeizugleiten,
‚Um den Bater nicht zu reizen,
Nicht die Mutter zu erfchreden,
Die gewiß ihr Kind beweinten,
‚Seinen Tod betrauerten,
Horch! was laͤßt von dort fih hören?
150
.160
170
180
163
164
1%
210
Siebenter ®efang.
Bas ertönt dort aus dem Meere?
Iſt es nicht des Mägdleins Stimme,
Nicht der Ruf der Eilandejungfrau,
Des verlornen Hühnchend Gadern,
Das emporfteigt aus dem Meere,
Aus dem Wogenfchwall ertönet?
Und den Lauf des Schiffleins bemmend
Zog der edle Sohn des Kalew
Still die Ruder ein und lauſchte
Athemlos den theuren Klängen.
* Seine Mägdleins feuchter Schatten
Aus den Wellen fi) erhebend
Flötete mit ſüßem Wohllaut
Wie ein Kleines Waſſervoͤglein:
„Mägpdlein ging in's Meer zu ſchaukeln,
In das Wellenfpiel zu fingen,
Ging in's Meer, um Ruh' zu fuchen,
Ihren Seelenfchmerz zu flillen,
Zu begraben ihren Aummer.
Durch die Wogenbrandung rudert
Seinen fchwanfen Kahn der Bruder,
Suchet ängftlih nach der Schwefter,
Die im Meeresfchooge fohlummert.
Was erglänzt dort aus der Tiefe,
Schwimmt dort auf der Oberfläche ?
Aus der Tiefe glänzt das Schwert,
Blut bedeckt die Oberfläche,
Färbt die Meereswellen roth,
Nöthet auch des Mägdleind Wangen.
Armer blutbefledter Bruder,
Den die Liebe rafen machte,
Warum mußteft du im Grimme
Dich mit biut’ger Schuld beladen ?
Warum mußte du das Hühnchen ,
Ihres Vaters einz’ge Freude,
Deinen Liebesgkuthen opfern?
„Sn das Meer ging ich zu fchaufeln,
An das Wellenipiel zn fingen,
: Siebenter Gefang.
Ging, um Ruhe mir zu fuchen,
Meinen Seelenfebmerz zu ftillen,
Zu begraben meinen Kummer.
Und was röthete die Wellen?
Herzblut röthete die Wellen.
Durch die Brandung ſchifft der Bruder,
An der Hüfte glänzt fein Schwert,
Und das Blut an feinem Schwerte
Nöthet die bewegten Wellen,
Möthet auch des Mägdleins Wangen,
Blätter einer welken Roſe!
Sn der Wellenwiege ſchlummert
Unter fühler Wogendecke
Mägdlein tief im Meeresgrunde.
Ah du blutbefledter Bruder,
Den die Liebe rajen machte,
Warum mußteft du im Grimme
Dich mit blut'ger Schuld beladen ?
Barum mußteft du das Hühnchen,
Ihres Vaters einz’ge Freude,
Deinen Liebesginthen opfern.
Diefes Blümchen rauh zerpflüden,
Graufam deine Schwefter zwingen
Ruh? im Wogenbett zu fuchen ?
- Deine biut’ge Doppelſchuld
Wird au dich zu Grunde richten !
„Durch die Brandung fchifft.der Bruder,
In der WVellenwiege fchlummert
Unter kühler Wogendede
Tief im Meeresgrund die Schwefter.
D wie ſchwer hat er zu tragen, '
Wie zu ringen und zu kämpfen,
Um die blut’ge That zu fühnen,
Um die ſchwere Schuld zu büßen,
Das Vergehen gutzumachen,
Das er einmal ohne Abficht,
Unbewußt das andremal
Auf's Gewiffen ſich geladen!
166
166
270
Siebenter Gefang.
D bedauernswerther Bruder,
Zange bleibfi du fchuldbeladen !
„An das Meer ging ich, ein Kind,
Um zu fpielen an dem Strande,
An die Wogen, um zu fingen,
Meinen Seelenſchmerz zu flillen:
Da verfant ih armes Hühnchen,
Mupt? ich Meines Böglein fterben,
Schied ich von dem fonn’gen Leben,
Welkte hin in meiner Blüthe !
‚ „Beine nicht, du liebe Mutter,
Klage nicht, mein theurer Vater !
In dem Meer hab’ ich mein Häuschen,
Hab’ mein Stübchen in den Wogen,
Meine Kammer bei den Fifchen,
In dem Schlamm ein weiches Neftchen
Und mein fühles Bett im Grunde.
Wohlig ruht ſich's in den Wellen,
Eingewiegt von Kalewiden,
Eingelullt von Sulewiden.
„O du armer, armer Bruder!
Lange wirft du büßen müflen,
Lang’ dih auf den Wellen tummeln,
Bis man dich zur Ruhe bettet,
Dir im ftilen Schoo der Erde
Deine Rubheftatt bereitet! « — *
Seines Mägdleins Trauerflänge,
Ihres theuren Schattens Klagen,
Ihre Mahnung aus der Tiefe,
Aus dem Schon der Meereswellen
Zrafen in das Herz des Jünglings
Und bewegten feine Seele.
Eine nie gefühlte Sehnſucht
Wurde wach in feinem Herzen,
Das vor Wehmuth brechen wollte.
Hätt' er aud dem Strom der Zeiten
Nur den Tropfen tilgen können,
Den das Blut der Unfchuld färbte,
Siebenter Geſang.
Das durch feine Hand vergoffen
Sept mit Angft fein Herz erfüllte!
Aber was gefchehn, vermag
Niemand ungefhehn zu machen !
Wieder griff er nach den Rudern
Und begann das Boot aufs neu
Seiner Heimath zuzuftenern.
Luftig z0g der Wind das Schifflein
Und die Wogen teugen’s fchaufelnd
Auf der feuchten Bahn gen Wierland.
Mit dem Ruder in der Linken
Spielt? er plätfchernd in den Wellen, -
Während er geſchickt das Schifflein
Mit der Rechten fteuerte.-
Dazu fang der Sohn des Kalew:
*,„Wo gedeihn die Zrauererlen,
Wo die Espen des Entjepens,
Wo des GSeelenfchmerzend Tannen,
Bo die Birken bittrer Reue?
„Bo ich traure, währt die Erle,
Wo ich bebe, fprießt Die Espe,
Bo ich weine, grünt die Tanne,
Wo ich büße, rauſcht die Birke,
„Warum mußteft, theure Mutter,
Die du liebreich mich erzogen,
Mich gewiegt auf deinen Armen,
Eingelullt an deinem Munde,
Warum mußteft du fo einfam,
Mußteft fo verlaffen fcheiden!
Niemand drüdte dir die Augen
Liebreich zu, als du entfhliefft !
Wilde Rofen nur und Gräfer
Sahn dein fterbend Auge brechen.
D du theure, füße Mutter,
Roſen haben ſcharfe Dornen,
Raub und unfanft find Die Gräfer!
„D du theure, füße Mutter!
Zart und Tiebreich haft du mich
310
320
167
168
370
Stebenter Befang.
Auferzogen und geleitet,
Mich gefchaufelt auf den Snieen,
Mich geftreihelt und gegängelt
Und mit fanften Kiedertönen
An der Wiege eingefchläfert !
Hoffteft einft an deinem Sohn
Eine Stüße zu gewinnen,
Hoffteft, daß er dir im Sterben
Sanft die Augen werde fchließen,
Dich zur Ruheftätte tragen !* *
Luſtig 309 der Wind das Scifflein
Und die Wogen trugen's ſchaukelnd
Auf der feuchten Bahn gen Wierland,
Schon erblid die Morgenröthe
Bor der Sonne nahem Aufgang,
Als das Leine keichte Schifflein
An das heim’fhe Ufer Ienfte.
Kalew's edler Riefenfprößling
Stenerte an's Land fein Boot,
Schloß ed forgfam mit der Kette
An das wohlbelannte Bollwerk,
Sprang dann felber an das Ufer
Und verfolgte raſch den Pfad,
Der zum Baterhaufe führte, tn,
Wo er durch die Altern Brüder
Bon den Spuren feiner Mutter
Nachricht zu erhalten hoffte.
Kalew's ſtarker Sohn erreichte
Schon des Jruberges Gipfel,
Wo duch Taara's Macht die Mutter
In den Feld verwandelt worden.
Stil! halt ein, du flarfer Züngling !
Hemm’, o Kalewsfohn, die Schritte !
Hörft du nicht die Wundertöne, .
* Die dort aus der Kerne kommen ?
Die dort flöten in den Lüften,
Singen auf des Windes Flügeln ?
Wie ein Lied, das tief empfunden
Siehenter Geſang.
Aus der Menfchenbruft ertönet,
Tönt es dort aus freien Lüften. *
Zaufhend wandte nach der Gegend,
Wo das Wunderlied ertönte,
Kalew's Sohn das Ohr und horchte.
» Eine unfihtbare Elfe,
Eine zarte Windestochter,
Ließ in fanften, hellen Tönen
Singend alfo fi) vernehmen :
„Aus dem Horfte z0g der Adler,
Weit vom Haufe weg der Starte,
Grimmen Schmerz im Bufen bergend,
Heil’gen Zorns bereit zum Kampfe ;
Weithin flog der junge Adler
Bon der Kindespflicht getrieben
Seiner Mutter Raub zu rächen;
Mächtig waren feine Flügel,
Scharf und grimmig feine Fänge.
Sauber flog er aus der Heimath,
Schön von feined Vaters Hofe,
Die der Tropfen aus der Wolle,
Wie die Flocke aufs Gefilde,
Wie die duft’ge Bohnenblüthe,
Die der Wind vom Felde wehet,
Wie vom Hafelſtrauch ein Blättchen,
Wie der Bogelbeeren Purpur,
Bon dem Sturme kosgerifien.
Unfchuldsvollen Herzens flog er
Durch die LZüfte in die Kerne
Bie der Schwan nad fernen Waflern.
„Taara's Macht und weifer Wille
Hatte der verlaff'inen WBittwe
Thränenreihe Zrauerjahre -
Schnell und fihmerzlos abgebrochen.
„Und wie fehrteft du zurück,
Aunger Aar, aus fernen Landen ?
Warſt fo rein du noch wie einft,
Als du anszogſt in die Ferne —
169
410
420
430
480
Siebenter Geſang.
Unter deinen flarten Faͤngen
Hat die Unſchuld fich verbiutet,
Sank die Liebe in den Abgrund !
Diefe Doppelfchuld zerreißt
Nun dein Herz, du junger Adler,
Raubt dir deinen Geelenfrieden.
Und doch faß an deiner Wiege
Einf fo Hoffnungsreih die Mutter !
Hüte Dich, du junger Adler,
Hüte dich vor deinem Schwerte :
Blutſchuld fohreit nach biut’ger Rache !
Mehr zu fagen, ift dem Schatten
Deiner Mutter nicht vergönnt.“
Alfo fang der Mutter Schatten
Auf den Fittigen des Windes.
Kalew’s theurer Sohn erkannte
Aus den Worten dieſes Liedes,
Daß die heißgeliebte Mutter
Schon zur Ruhe eingegangen;
Ward ed inne aus dem Liede,
Daß er fern von feiner Heimath
Eine Doppelihuld begangen :
Einmal ohne böfe Abficht,
Unbewußt das andremal.
Kalew’s ftarfer Sohn erreichte
Auf dem Pfade fürder fehreitend
Schnell den Hof ded Vaterhaufes,
Wo der alte Hofhund wedelnd
An dem Pförtchen ihn begrüßte.
Bald erfchienen auch die Brüder,
Den vermeinten Gaft zu fehen. *
Als den Bruder fie erkannten,
Den fie längft für todt gehalten,
. Stürzten fie mit frobem Staunen
In des Gaftes offne Arme,
Dem das Schlachtfchwert an der Seite,
Sporen an den Stiefeln klirrten.
. Ber vermag die tauſend Fragen,
Siebenter Geſang.
Wer die Gegenfragen alle
Wortgetreu zu wiederhofen,
Die hinüber und berüber
Hier die Brüder wechfelten !
An dem nächften Abend faßen
Zraulih alle drei beifammen
Und berichteten gefprädhig,
Was für Abenteuer jeder
Auf der Wanderfchaft beftanden.
Und der ältefte der Brüder
Ließ zuerft fein Lied erfchallen :
* Ging die Mutter aufzufuchen,
Hühnchen wieder einzufangen.
Bin durchwandert lange Strecken,
Lange Strecken, viele Länder,
Kam durch unbewohnte Striche,
Bing durch Wüſten ſieben Werſte,
Ging der Werſte zehn durch Kurland,
Eine halbe Werſt dutch Polen,
Fünf durch Rufſiſche Gefilde,
Hundert Werſt durch Deutſche Gauen,
Tauſend Schritt hinein nach Norweg.
Und was ſah ich endlich kommen?
Sah ein zinnern Maͤgdlein kommen.
Mägdlein war aus Zinn gegoſſen.
Zinnern waren Mund und Augen,
Zinnern auch der Hals und Körper,
Zinnern felbft die Oberärmel.
Und ich fäumte nicht zu fragen :
„Haft du Spuren von dem Birkhuhn,
Das ich ſuche, nicht gefehen ?“
Doch die Zinnerne vermochte
Nicht zu hoͤren, noch zu ſprechen,
Konnte, ſtarr gleich einem Steine,
Nicht einmal die Lippen oͤffnen.
Und da ging ich hurtig weiter
Und durchflog in ſchnellen Schritten
470
480
171
172
4%
610
620
Slebenter Geſang.
Viele lange Wegesſtrecken,
Kam durch unbewohnte Striche,
Sieben Werſte durch die Wälle,
Acht durch felfichtes Gelände.
Und was fam. mir da entgegen ?
Kam ein Mägdlein mir entgegen
Und das Mägdlein war aus Kupfer.
Kupfern waren Mund und Augen,
Kupfern war der ganze Körper
Bon dem Scheitel bis zur Zehe,
Kupfern felbft des Maͤgdleins Kleid,
Kupfern waren au die Aermel.
Und ich fragte Kupfermägbiein :
„Haft du Spuren von dem Hühnden,
Das wir fuchen, nicht gefeben,
Das der Sturmwind uns entführte 7”
Doch die Hupferne vermochte
Nicht zu hören, noch zu ſprechen,
Konnte, ſtarr gleich einem Steine,
Nicht einmal die Lippen Öffnen.
Und da ging ich hurtig weiter
Und durchflog m fchnellen Schritten
Diele lange Wegesftreden,
Kam dur unbewohnte Striche,
Sieben Werfte durch die Wüſte,
Acht durch felfichtes Gelände,
Hundert Werft durch Moor und Sümpfe.
Und was fam mir da entgegen ?
Kam ein Mägdlein mir entgegen
Und das Mägdlein war aus Silber.
Silbern waren Mund und Augen,
Silbern war der ganze Körper
Bon dem Scheitel bis zur Zehe.
Silbern waren Kleid und Aermel
Und die Spigen au den Aermeln.
Und ih fragte Sübermägbdlein :
„Haft du Spuren von dem Hühnchen,
Das wir fuchen, nicht gefehen,
Sicehenter Geſang. 173
Das der Sturmwind uns entführte 9“
Doch die Silberne vermochte
Nicht zu hören, noch zu fpredhen,
Konnte, flarr gleich einem Steine,
Nicht einmal die Lippen Hffnen,
Noch die Silberzunge regen.
Und da ging ich hurtig weiter _
Und durchflog in fohnellen Schritten
Diele lange Wegesftreden, 30.
Kam durch unbewohnte Striche, |
Sieben Werfte durch die Wüſte,
Acht Durch felfichtes Selände,
Hundert Werft duch Moor und Sümpfe.
Und was fam mir ba entgegen?
Kam ein Mägdlein mir entgegen,
Goldnen Königs goldne Tochter.
Golden waren Mund und Augen,
Golden war der ganze Körper
Bon dem Scheitel bis zur Zebe. 640
Golden waren auch die Aermel
Und die Spigen an den Aermeln,
Golden waren Hut und Kleid
Und die Krone auf dem Hute.
Und ich fragte: „Goldnes Mägdlein,
Haft du Spuren von dem Hühnchen,
Das wir fuchen, nicht gefehen,
Das der Sturmwind uns entführte ?«
Und die Goldne gab zur Antwort,
Sprach mit ihrem golduen Munde: 650
„Beh? nur fort auf diefem Pfade
Und verfolg’ ihn bis zur Haide:
Dort wird dir ein fohmudes Mägdlein
Antwort auf die Frage geben.“
Und da ging ich hurtig weiter
Und verdoppelte die Schritte,
Ob mir gleich die Füße brannten;
Bing durch große Wüfteneien,
Sieben Werft durch Moor und Sümpfe,
174
670
Stebenter Sefang.
Acht duch Weiden und durch Wiefen,
Zehn durch Aecker und durch Zelder,
Bis der Pfad, den ich verfolgte,
Richtig mich zur Haide führte.
Und was kam mir dort entgegen?
Kam ein Mägdlein mir entgegen,
Menſchenkind von Fleiſch und Bein
Und mit frifhen rothen Wangen,
Hellen Blides um fich fchauend.
Und ich fragte gleich das Mägdlein
Mit dem runden vollen Bufen:
„Haft du Spuren von dem Hühnchen,
Das wir fuchen, nicht gefehen,
Das der Sturmwind uns entführte Pa
Und das fchmude junge Mägdlein
Gab. mir freundlich fo zur Antwort:
«Habe nicht, mein lieber Bruder,
Hühnchens Spur im Haidefraute,
Noch auch anderswo gefehen.
Ohne Zweifel hat der Habicht
Hühnchen fortgebracht im Fluge.
Komm’ mit mir in's Dorf, mein Bruder,
Dir ein andres auszuſuchen.
Blonde Mädchen wirft in Menge,
Braune finden noch viel mehr,
Manchen Zagentopf darunter.
Diefe find geziert mit Spangen,
Jene mit betreßten Kränzen,
Manche tragen Glaskorallen,
Manche ſeidne Oberhemdchen.“
Daranf ſprach ich zu dem Mägdlein:
„Kann nicht kommen, fihöne Jungfrau !
Komme nicht, ein Weib zu freien,
Nicht, den Mädchen nachzugehen ;
Meiner Mutter Spuren fu’ ih,
Der verlornen theuren Mutter.“ —
Drauf begann der zweite Bruder,
Sang mit lauter Stimme aljo:
Siebenter Srfang.
„Bing die Mutter aufzufuchen, _
Hühnchen wieder einzufangen.
Bin durhwandert weite Streden,
Weite Strecken, viele Länder,
Strich durch Felder und durch Wiefen,
Watete durch Moor’ und Sümpfe,
Solgte bald dem Lauf der Flüſſe,
Bald dem Saum der Köhrenwälder.
"Und was fand ich auf dem Wege?
‚Band ein Hüttchen, Klein und aͤrmlich.
Freundlich ſprach ich auf der Schwelle:
„Grüß dich, Mutter, grüß dich, Vater!
Kommt und weifet mir den Weg !-
Alles fchwieg und nur der Kater
Ließ fih aus dem Winkel hören.
Und da ging ich hurtig weiter
Und durchflog in ſchnellen Schritten
Diele weite Wegesftreden,
Weite Streden, viele Länder,
Strich durch Felder und durch Wiefen,
Watete durch Moor und Sümpfe,
Solgte bald dem Lauf der Flüfſe,
Bald dem Saum der Föhrenwälder.
Und was kam mir dort entgegen ?
Kam mir Iſegrim entgegen.
Und ich fragte rafch den Grauen:
"Haft du, Bruder, nicht im Walde
Unfrer Mutter Spur gefehen ?«
Nicht ein Wörtchen ſprach der Graue,
Wußte nichts darauf zu fagen,
Sondern trabte fchielend weiter
Und verzog das Maul zum Orinfen.
Und da ging ich hurtig weiter
Und durchflog in fchnellen Schritten
Diele weite Wegesftreden,
Weite Streden, viele Länder,
Strih dur Selber und durch Wieſen,
Watete durch Moor und Sümpfe,
B
[m] 14
810
1176
176
Siebenter fang.
Folgte bald dem Kauf der Stäffe,
Bald dem Saum der Föhrenwälder.
Und was fam mir dann entgegen?
Kam mir Vetter Braun entgegen.
Und ich fragte fehnell den Braunen:
„Haft, Gevatter, nicht im Walde
Du mein Mütterchen gefunden F«
Better Braun, der wußte nichts,
Denn er gab mir Feine Antwort.
Was er für fi brummend fagte,
Konnt ich leider nicht verftehen.
Und da ging ich hurtig weiter
Und durchflog in ſchnellen Schritten
Diele weite Wegeöftreden,
Weite Streden, viele Känder,
Strich durch Felder und durch Wieſen,
Watete durch Moor’ und Sümpfe,
Zolgte bald dem Lauf der Flüſſe,
Bald dem Saum der Zahrenwälder.
Und was fah ich an dem Wege?
Sah den goldnen Kuduk fih!
Auf der Tanne Wipfel wiegen.
Und ich fragte fuel den Kuckul:
„Kuckuk, haſt du in dem Walde
Unfre Mutter nicht gefehen ?«
Meine Frage ſchnell verftehend
Gab der Kuckuk mir zur Antwort:
„Geh? auf diefem Pfade fort,
Der fich durch deu Hochwald fchlängelt
Und durch eine grüne Wiefe,
Dann wird ein Gefinde Totnmen,
Wo du Mägdlein finden wirft,
Die dir Ausfuuft geben können I“
Und da ging ich hurtig weiter
Und verdoppelte die Schritte,
Eilte flüchtig durch den Hochwald
Und durchflog die grüne Wieſe
Und betrat ein Birkenwaͤldchen.
Siebenter Geſang. | IN
Und was, fand ich in dem Wäldchen?
Fand im Wäldchen ein Geſinde,
Sm Gefinde vier der fchönften
Mägdlein im Korallenſchmucke.
Eine naͤhte Seidenhemdchen,
Spitzen kloͤppelle die audre,
Goldne Gürtel wob die dritte, 680
An dem Bebftuhl ſaß die vierte.
Ihre Stube war fo fauber
Wie vom Binde ausgeblafen.
Geiden fhimmerten die Wände,
Blank der reingefegte Aeſtrich.
„Seid gegräßt, ihr holden Jungfrau'n,“
Sprach ih in die Stube tretend,
"Und verfündet mir getreufich,
Was ihr wißt von meinem Hühnchen,
Dem verlornen theuren Birkhuhn I“ 000
Die am Seidenbemdchen nähte,
Sagte nicht ein Sterbenswoͤrtchen, _
Still und ſtumm war auch die zweite,
Die die Spitzen Flöppelte,
Die am Gärtel ſaß und firidte,
Nickte auch nur meinem Gruffe;
Nur die vierte an dem Bebfluhl
Bar nicht farg mit ihren Worten
. Und erwiderte mir freundlich:
„Bar wohl täglich in der Hitung, 700
Geftern auf der Beereniefe,
Ehegeftern weit im Walde,
Tags vorher noch auf dem Heuſchlag,
Aber nirgend it ein Hühndden, '
Noch ein Birkhuhn mir begegnet.
Ohne Zweifel flog dein Voͤglein
Auf den Fittigen von dannen.
Die man nach verlornem Sommer
Sic im Herbfte ſucht zu tröften,
Nimm auch du die Branntweinaflafſche, 110
SUN’ den Querſack mit Geſchenken
14 *
740
Eichrater Grfeng.
Und begieb- dich. auf bie Freie,
Um ein andres Huhn zu fangen l«
Ich verftand fle wahl und fagte:
‘
AAch, ich fuch’ Fein junges Weibchen
An die Stelle meines Birlhuhns;
Meiner Mutter Spuren ſuch' ich,
Der verlornen theuren Mutter.» *
Darauf ſprach der jüngfte Bruder
Auch von feinen weiten Reifen,
Die nicht glüdlicher geweien,
Sprach von feinen Abenteuern
Auf der Infel und in Finland,
Bon’ dem windelund’gen Zaubrer
Und von defien Niederlage, |
Bon dem Kauf des .theuren Schwertes
Und der feſtlichen Bewirthung ;
Doc kein Wörtchen Tieß er fallen
Bon dem Streite beim Gelage,
Don des Schmiedeburſchen Tode,
Noch vom Wellentied des Mägdleins
Und der Mutter Eifenliede.
Seht ergriff der Alte Bruder
Wiederum das- Wort und fagte:
„Unſer Bater fchläft im Grabe
Eingehüllt in Sand und Stiefel
Unter fchwerer Feljendede;
Bo der Mutter Fuß jebt weile,
Wenn fie etwa noch. am Keben,
Mag die Weisheit nur der Götter,
Taara's Weisheit nur ergründen!
Hat die Trauer um den Gatten,
‚ Hat der Grau, der an ihr nagte,
Hat der Kummer fie getödtet?
Dder hat ein frecher Bube,
Den nach ihrer Hand gelüfltet,
Sie im Haufe überfallen
Und entführt nach fernen Landen?
Der haben Meeresfiniien
Eiebenter Gefang.
Sie in ihrem Schooß begraben?
Niemand giebt uns darauf Antwort.
Keiner von uns dreien Brüdern
Hat auf Eiternliebe noch
Dder Elternſchutz zu rechnen ;
. Rur auf unfre eignen Kräfte ”
Sind fertan wir angewiefen.
Aber eh’ wir uns zerſtreuen,
Bleibt und Eins zu thun noch übrig,
Eins gemeinfam zu erfüllen:
Loofen nämlich müflen wir,
Wer von uns das Land befiben,
Hier ala König herrfchen foll.«
Darauf ſprach der zweite Bruder, -
Alfo feine Meinung Außernd:
„Du haft Net, mein lieber Bruder !
Unfer Bater bat ja au
Selbſt e8 weislih fo verordnet, _
Und des thenren Vaters Wille
Muß uns allen heilig fein.
Auch der jüngfte von uns Brüdern
Iſt dem Nefte fchon entwachien
Und vermag mit eignen Schwingen
Schon das Meer zu überfliegen.
Mag denn, wie's der Vater wollte,
Zwifchen und das 2008 enticheiden !r
Endlich ſprach der jüngfte Bruder,
Ließ zum Schluß fi fo vernehmen:
„Eh' die Mutter mich geboren,
Bar der Bater heimgezangenz
Räuber trugen meine Mutter
Mit fi fort, vielleicht in's Elend !
*Meicht die Mutter von der Schwelle,
Flieht durch's Fenſter auch die Liebe;
Mupte fie dem Räuber folgen,
Floh die Liebe längs deu. Zäunen
Und verlor ih in der Sümpfen;
Wo das Hühnchen ward gemordet,
750
770
170
180 Siebenter MBefang.
Wo das Birkhuhn ward begraktı,
Dort erſtarrte auch) die Liebe
700 Unter'm winterlichen Raſen;
Sentte man in's Grab die Mutter,
Ward die Liebe mit hegraben.
„Uns, den nachgebliebnen Brüdern,
Uns, den elternlofen WBaifen,*
Liegt jet ob, des Vaters Willen
Ohne Auffchub. zu volführen.
Laßt uns drum ſchon morgen looſen,
Morgen ed im ernften Wettlampf
Durch das Glück entfcheiden laffen,
800 Ber von und nah Taara's Willen .
Land und Hersfchaft überlomme.“
In dem Herzen eines Jeden
Keimten eigene Gedanken,
Regten fi geheime Wänſche
Und in Jedes Herzen Tämpften
Zucht und Hoffnung mit einander.
Abends, eh’ die Dämmerftunde
Böllig fchon der Nacht gewichen,
* Bing allein der jüngfte Bruder
810 Kummervollen Herzend wanlend
Zu dem Grabe feines Batexs.
Mit dem thränenfenchten Züchlein,
Das in feiner Mechten wehte,
Trat er en den Todtenhügel
"Und umllanmerte das Deukmal.
Sprach der Vater aus der Tiefe:
„Wer bewegt den Sand des Hügele,
Tritt das Grab mit feinen Füßen,
Stampft die Kiefel mit den Ferſen,
820 Nüttelt an dem Leichenſteine?“
e Sprach. der Sohn darauf erwidernd:
„Sch beweg' den Sand des Hügels,
Zret’ das Grab mit meinen Füßen.
Ih, dein jüngfler Sohn, mein Bater,
Den dein Auge nicht gefehen,
Siebenter Befang. 181
Stampf die Kiefel mit den Ferfen,
Küttle an dem Leichenfteine.
Stehe auf, mein VBäterchen,
Stehe auf, mich zu umarmen,
Mit der Hand mein Haar zu flreicheln ! 5”
Komm’, dem Sohne beizuftehen, Ä
Ihm drei Wörtchen nur zu fügen!“
Drauf der Bater aus der Ziefe:
„Kann nicht aufftehn, liebes Söhnchen,
Kann nicht aufftehn, Tann nicht kommen.
Mein Gebein ift Grabesmoder,
Schutt und Aſche mein Gerippe.
Schon ift meine Schlummerftätte
Längft begraft mit dichtem Raſen,
Längft mein Leichenftein bemooft, 80
Und es wuchern Lolh und Maaslieb
Mir zu Häupten und zu Füßen.
Laſſ vom Winde dich umarmen,
Dir das Haar die Sonne ftreiheln !«
Sprad der Bohn betrüht entgegen:
„Nur auf Stunden liebt der Wind,
Nur auf Tage liebt die Sonne,
Zaara liebt, fo lang man athitet,
Vater bis in Ewigkeit.“
ESprach der Vater aus der Tiefe, 850
Aus der Gruft mit Schmeichelworten:
„Trau're nicht, mein liebes Soͤhnchen,
Weine nicht, du guter Stnabe!
Des verftorbnen Vaters Schatten
Folgt dem Sohne durch das Leben,
Und des Lebens Bahnen alle,
Sei's auch duch die Meereswüften,
Zenfen gute, weife Götter. *
Jeden Irrthum, jeden Fehler
Such' nur redlich gutzumachen!“ 60
10
Achter Geſang.
— —
dach Licht des Himmels,
Süßer Dümmerftunden Zeuge,
Schau’ herab vom Wolkenſaume,
Der den Himmelsdom. umgürtet,
Auf des Sängers Lebenspfade,
- Auf den Weg des Harfenipielers !
Schon der alten Zeit Gefchlechter
Sah dein fanfter Blick ſich regen,
Sah ſchon Taara's Haine grünen
Und das Laub der Opferbäume
In dem Abendwinde zittern,“
Sah des Embach's grüne Fluthen
In dem Morgenrothe fchimmern,
Sad im hohen Wellengange
Ihn des Winters Feſſeln brechen
Und im Zorne fie zermalmen.
Wahrlich, hohe Sternentochter,
Seine, zarte Himmelsjungfrau,
Auch die Kalewsföhne fahrt du
Sich den Plap zum Wettlampf wählen.
Unter deinen Augen pflügte
Schon der Lönigliche Pflüger
° Bierland’s undankbaren Boden,
Jerwen's träge Ackerkrume,
Kräftig feine Pflugſchar lenkend,
Brach die Wälder um und Hügel,
Um zu Aeckern fie zu machen,
Ließ den Pflug durch weite Flächen
+.
Sichenter Befang.
Und durch Binfenmoore gehen,
Stürzte Berge in die Furchen,
Bälzte Hügel auf die Ebne,
Füllte mit dem Pflug die Thäler.*
Sa, du haft ihn, Sternenjungfran,
Haft den Starken pflügen fehn.
* Penn ed mir an Silberfäden
Des Gefanges fehlen follte
Und an goldnen Woͤrterreihen,
Iſt geleert fchon meine Spindel, —
Wird der Abendftern mir beiftehn,
Mich der Himmel unterflügen.
Geht auch dann der Stoff mir aus,
Kehr' ih um die alten Säde,
Ae Handſchuh' auf dem Dfen,
Suche Koͤrnchen auf der Darre
Und in abgetretnen Schuhen.
Iſt auch da nichts mehr zu‘ finden,
Pfluͤck' ih Wörter auf der Haide,
Sud’ ich fie mir auf den -Zriften,
HarP fie im Geftrüpp zufammen
Und auf abgemähten Wieſen
Und verfhmäh?” es nicht, an Rainen
Jeden Halm zu unterfuchen,
Ja die Scheuern zu durchftöbern
Und den Kehricht auszubeuten. |
Fang' ich an mein Lied zu fingen,
Fang’ id an mit lauter Stimme
Meinen Kalewsfohn zu preifen:
Bleiben alle Leute ſtehen,
Laufcht das ganze liebe Dörfchen,
Hemmt der Deutſche feine Schritte,
Hält der Dienertroß felbft inne,
Meinen Worten ftill zu lauſchen,
Meinem Liede zuzuhoͤren.
Wenn erft beff’re Zeiten kommen,
Schöne Tage meinem Volke,
Werden fie noch lauter tönen,
184
70
100
Ahter Befang.
Meine Lieder aus der Vorzeit,
In den alten edlen Weiſen,
Die in Harrien ich vernommen
Und in Wierland mir gefammelt,
Die ich aus der Wiel gebracht,
Mir erhafcht in Taara's Haine.
Feuer werd’ ih in den Sturm,
Gluthen in die Schneetrift fingen
Und in Brand die Wollen ſtecken,
Daß file Funken fchneien follen.
Alfo war es fonft in Wierland,
Sonft in Jerwen Sängermeife.
Laff ich meine Lieder tönen
Don des KHalewiden Thaten,
Bon des Olewiden Schidfal:
Welches Zugpferd würde jemals,
Welcher Klepper diefe Schäbe
Bon der Stelle bringen Tönnen?
Kalew's edles Roß allein,
Alew's Schimmel nur vermoͤchte
Dieſe aufgehäuften Maſſen
Edlen Goldes fortzubringen !* -
Andern Tages in der Frühe,
Ch’ die Sonne aufgegangen,
Waren Kalew's edle Söhne
Alle Drei fhon auf den Beinen, .
Jeder, um fih umzuſchauen,
Ob er nicht ein Plaͤtzchen fände,
Das fih zu dem Wettlampf eigue,
Den fie auszufechten hatten
Und den jeder fill im Herzen
Siegreich zu befteben hoffte.
Als die wadern Söhne Kalew’s
Eine Strede Weges füdwärts
Schnellen Schritts durchſtrichen hatten,
Ließen fie am Saum des Waldes
Eid zur Ruh’ behaglich nieder
"Und erquidten aus dem Brotjad
Br >
Acker Befang- .
Sich mit etwas Trank: und Speife,
»Erſt am Abend, als im Welten
Tief fi) ſchon die Senne neigte,
Sahn fie unter hohen Linden
Gaftlih ein Geſinde ſchimmern
Und befchloffen unverzüglich
Hier das Gaftrecht zu benutzen.
Sn der Pforte ſtand der Vater
Und die Mutter an der Schwelle
Und fie ſprachen Beide freundlich
Zu den fremden Wandrern alſo:
„Tretet näher, junge Männer !
Gaftlich ſteht jo ſchmucken Freiern
Immer unfre Hütte offen !
Seid ihr edlen Kalewiden
Angeſeh'ne, hohe Zreier:
Stehn nicht minder edle Bräute,
Zöchter eines weifen Vaters,
Solchen Freiern gegenüber ;
Zragt ihe Bold in euren Ranzen
Und am Halfe Silberfugeln,
Dfennige in euren Benteln,
In den Taſchen alte Thaler:
‚Sind die Koffer auch der Bräute
Angefüllt mit reicher Habe. «
Darauf ſprach der ältfte Bruder:
„Nicht aufs Freien gehn wir aus,
Zrappeln nicht auf Freiers Wegen.
Ohne Ziel und ernfte Abficht
Schiendern wir nur fo durch's Leben.
Noch ift nicht das Haus gebaut,
Noch die Stube nicht gezimmert,
Noch fein Baum zum Bett gefpalten,
Das ein Hühnchen bergen könnte.
Ihm entgegnete der Vater:
„Nehmt's nicht übel, feid nicht böfe,
Daß ich's auf den Kopf euch fage:
Freier ſeid ihr loſen Schelme!
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110
120°
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Abt Gefang
Woznu fonft die feidnen Hemden
Und die goldbetreßten Röde?
Wozu fonft feid ihr gekommen,
Suchtet grade dies Gefinde ?
Nicht die Himpel auf den Wieſen,
Noch die Pfähle in den Zäunen
Sagten’® auf dem Wege euch,
Daß hier junge Hühnchen wachfen,
Junge Enten flügge werden !
Längft ſchon wußtet ihr's zu Haufe,
Daß in dieſer ſtillen Hütte |
Maͤgdlein aufgefprofien find,
Die gelernt am Webſtuhl weben,
Daß fle goldne Handſchuh tragen,
Silderringe an den Fingern,
Schwere Spangen an dem Bufen,
An dem Halfe theure Thaler.
Unſre Schäge lodten euch,
Dies Gefinde aufzufuchen.«
Darauf ſprach der zweite Bruder:
„Hoͤr' mal an, du weifer Vater!
Hör’ mul an, du liebe Mutter!
Laffet eure Mägdlein kommen
Und den fchönen, milden Abend
Hier im Freien bei der Schaufel
Froh mit uns vereint genießen.
Eure Koffer voller Habe
Mögt ihr felber nur behalten!“
Darauf famen aus dem Haufe
Alle Töchter in das Freie,
Goldne Gürtel um die Lenden,
Flitterfränge in den Locken
Und im Naden Ftatterbänder,
Die bis an die Ferſen reichten.
Eilberperlen, goldne Stetten
Banden fih um Hals und Schultern,
Epangen fhmüdten ihren Bufen.
Wenn fie tanzend vorwärts fhritten, ,
Wer Cefang.
Slaggten weithin in die Läfte
Ihre langen Flatterbänder;
Wenn fie rädwärts ſich bewegten,
Klapperte das Halsgefchmeide.
Don der Schwelle rief die Mutter:
„Unfte lichen Mägdlein kommen
Alle grade von der Arbeit,
Die fie fefielt früh und fpät
An verfchiednen Webeftühlen,
Wo fie ohne zu ermüden
Linnen weben jeder Art, |
Für den Leib, für Zifch und Bette,
Bo fie Wollenzeuche wirken,
Spitzen Höppeln, Strümpfe ftriden
Und das ganze Haus verforgen.
Das find SKalewidenbräute,
Alle wie für euch gefchaffen.“
Darauf ſprach der jüngfte Bruder
Mit Bedacht die Worte wägend:
„Laßt euch fagen, theure Eltern
Diefer hoffnungsreichen Jungfraun,
Daß die Söhne Kalew's heute
Noch der Bräute nicht bedürfen,
Daß von allen noch nicht einer
Hier zu freien wagen darf, °
Da noch feiner daran dachte
Eine Heimath fi) zu gründen.
Heißet eure lieben Zöshter:
Nicht zu weinen, nicht zu warten.
Jede Thräne macht fie bleicher,
Jeder Mond das Nödchen älter,
Leder Tag den Kopfichmud trüber,
Jedes Abendroth die Perlen,
Jede Nacht die Thaler matter,
Eh’ wir Hochzeit machen koͤnnten.
Nicht die Gier nach euren Schäpen -
Treibt und aus dem Vaterhauſe;
Rur das Gold des Mondes ift es,
2310
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Gier Befang.
Nur der Sterne blinfend Silber,
Was und reizt hinauszusandern
Und die Welt uns zu befchauen.“*
Kalew's Söhne nahmen Abſchied
Und verließen dad Geſinde. |
Luftig wanderten fie weiter
Immer nad) der Mittagsfeite
Und behielten diefe Richtung,
Bis fie fhon am dritten Tage
Einen kleinen See erreichten,
Eingegränzt von fteilen Ufern.
e Lieblih war er anzufchanen
Mit den Bänfen auf den Wellen,
Mit den Schwänen an den Ufern,
Mit den taufenden von Enten
Und von andern Waflervögeln. *
Ueber feine Oberflaͤche
Weithin in die Kerne ſchauend
Sahn fie in der Abendröthe
Auf dem Gipfel eines Hügels
Taara's heil'gen Hain erglühen.
An dem Fuße dieſes Hügels
Wälzte durch beblümte Wicfen -
Stolz der Embad feine Fluten
In der Richtung nach dem Petpus,
Der den Strom des MRutterbufens
Durftig einzufaugen ſchien.
Bingeriffen von dem Anblick
Aller diefer Herrlichkelten
Sprach der ältefle der Brüder:
„Hier ift ein gelegnes Plaͤtzchen,
Unfern Wettkampf auszumadken.
Hierher blickt das Auge Taara's
Aus dem heil'gen Hain herüber,
Hierher ſchaut die Embachsnixe.
Mag denn hier das Loos entſcheiden,
Wem die Goͤtter von uns Dreien
Zugedacht die Königswürde
_ Mdter Gefang.
In dem väterlichen Reiche, .
Anvertraut des Volles Schickſal.
Mögen dann die andern Brüder
Eine neue Heimath fuchen,
Ahren Herd fich felber Bauen !«
Darauf fuchte fich bedachtig
‚ Jeder feinen Stein zum Wettwnrf,
Den er in beitimmter Richtung
In die Ferne fchleudern follte,
Da es auszumachen war,
Weſſen Hand am weit’ften träge.
Seder nahm nun feinen Stein
Und begab fi an das Ufer,
Wo fie au dem fleilen Abbang
Sich in eine Reihe ftellten.
Wurfziel war das Ufer jenfeits
Und der See die Bahn des Wurſes.
P)
Weſſen Stein aus freier Hand
Ueber's Wafler weggefchleudert
Am entfernteften vom lifer
Sich auf feftem Boden fände,
Sollte al8 der Sieger gelten
-Und das Reich gewonnen haben.
Alle drei gelobten heilig,
Des verftorbnen Baterd Wunſch
Unverbruͤchlich zu erfillen,
Und fo ward es feſtgefeßt:
Einer follte König werden
Und die beiden andern Brüder
Sollten in die Fremde wandern.
Sprad der älteſte der Brüder,
Sprach in mehlgefeßten Worten :
„Run wohlan, fo laßt uns kämpfen!
“Mic gebührt es, lieben Brüder, .
Mit dem Wurfe zu beginnen.
Hat doch unfre- Mutter auch
Früher mich, als euch geboren,
Mich gequäftet in der BadRub
310
Achter Belang.
Und gefonnt an Sommertagen
Und geägt mit füßen Beeren,
Die fie felber für mich pflädte,
Eh ihr noch zur Welt gelommen !
Solltet ihr mit euren Würfen
Mich im Wettkampf überwinden,
Werd’ ich Leinen Streit erheben,
Steinen Groll im Herzen tragen.
Meder bin ich vorbereitet
Auf den Kampf, den wir beginnen,
Noch auch fonft vor euch im Bortheit,
Sondern Tann, als erfter Kämpfer
Bloß dem Glüd anheimgegeben,
Euch nur dur mein Beifpiel nügen:
Denn auf eingebahnten Wegen
Geht fih’8 leichter ſtets und befler.
Wer des Werkes erſten Anfang
KRückſichtslos verhöhnt und tadelt,
Fange felbft nur an zu bauen,
Winkelrecht des Haufes Wände
Mit einander zu verbinden
Und ein Dach darauf zu fehen,
Das den Stürmen widerfiche, —
Und er wird es bald begreifen,
Daß mit breiter Zunge tadelud
Sremde Fehler aufzudeden
Leichter fei, ala Beſſermachen.“
Ald er feinen Spruch geendet,
Schwang er in der Zauft den Wurfſtein
Und entfandte fanfend ihn
Aus der hoch erhobnen Rechten
Dur die Lüfte in die Ferne.
Wie von Sturmes Wuth geſchlendert
Flog der Wurfſtein in die Wollen.
Ber ihn fliegen fah, der glaubte _
Einen Bogel zu erbliden,
* Der dem Himmelsrande zuflog,
Wo der hohe Dom des Weltalls
uaur Grfang,
Auf der Erde Umkreis uheL*
Plöglih nahm der Stein die Richtung
Aus den Wolken in die Ziefe,
Stürzte ſenkrecht aus "der Höhe
Und verfant am fernen Ufer
Sn den feuchten Schooß des Seees.
Bei dem Anprall fprühte Lochend
Himmelan der See fein Waſſer
Und begrub den Stein im Grunde
Unter feiner Wogendede,
Wo die Wellen ihn den Blicken
Aller Schauenden entzogen.
Darauf fprach der zweite Bruder,
Septe alfo feine Worte:
* „Meinen Weg bat mir der Bruder
Schon bezeichnet und gebahnt,
Hat deu Bau fchon angefangen,
Mir die Wünde aufgefagt,
‚Winfelrecht gefügt die Eden
Und den Dachſtuhl aufgezimmert,
Daß mir zur Vollendung faum
Mehr noch als der Wille mangelt.“ *
Und nad) diefen kurzen Worten
Faßte fräftig er den Etein,
Schwang ihn wirbeind Durch die Lüſte
Und entſandte unter Sanſen
Aus der Fauſt den maͤcht'gen Felſen,
Daß er wie ein Pfeil Dahinflog.
* Immer höher bimmelan
Fuhr der Felſen durch die Wolfen
Und verfinfterte die Sonne.
Aus den Augen faſt verfhwunden
Schien er einen Augenblick
In der Schwebe fih zu halten
Und begann fih dann gu fenten,
Bis er endlich dicht am Waller
Auf die Erde niederfiel,
Wo er fih im fchlamm’gen Boden,
[nı] 16
370
im
19
After Geſang.
Der das Ufer rings bededte,
Bis zur Hälfte faſt begrub.
Nach dem zweiten Bruder fam
Sept der dritte an die Reihe.
Ob auch Kalew's theurer Spätling
Jünger war, als ſeine Brüder,
Und an Lebensjahren aͤrmer,
War er höher doch im Wuchſe,
Waren breiter feine Schultern,
War fein ganzer Gliederbau
Biel gewaltiger und flärker,
War er männlicher und fchöner.
Nerv’ger waren feine Arme
Und die wohlgeformten Häude,
Seine Augen feelenvoller,
Seiner, fchärfer fein Berftand. *
Diefer ſprach nun zu den Brüdern,
Setzte alfo feine Worte:
® „Unter fchweren Todesfämpfen
Brachte unfre theure Mutter
Mich den Spätling auf die Welt,
Trat der Wittwe Trauerknabe
Weinend in das arme Leben.
Diele Nähte brachte ſchlaflos
Unſre arme Mutter zu,
Viele Morgen ohne Frühtrunf, . |
Ohne Biflen viele Tage.
Niemals fam fie aus den Kleidern,
Nie erlofch das Licht im Zimmer,
Nie das Feuer vor dem Bett.
Fertig angefchirrt im Gtalle
Stand das Pferd, den Arzt zu holen.
Weiber Tiefen nach dem Zaubrer,
Dferde trabten hundert Wege
Und fein Pfad blieb unbeireten,
Der zu einem Weiſen führte.
Alles rannte, um zu helfen,
Um das ſchwache Kind zu ſtaͤrken,
Achter Geſang. 193
Um das weinende zu fillen.
Jeder ging belohnt nah Haufe, 410
Der nur irgend Hilfe "brachte.
Schafe, Ziegen, Rinderftärken
Wurden audgetheilt für Dienfte,
Die dem Neugebornen galten, |
Und mit Geld belohnt die Aerzte.
An der Wiege fang die Mutter:
Weine nicht, mein füßes Söhnchen !
Solft mir bald die Schäflein hüten,
. Bald mir auch die Ninderheerde
Luſtig auf die Weide führen, 4%
Einft den Ader auch beftellen
. Und ein tapfrer Krieggmann werden.
„Lange Zeit verging dem Knaben, —
O es waren viele Tage! —
Mancher Sommer ging vorüber,
Bünfmal wohl die frohe Heuzeit,
Als zum erftenmal ic) jauchzend
Auf der Schaufel mich verfuchte,
Schaukelnd Faulbaumblüthen hafchte,
Zwiſchen Birkenwipfeln ſchwebte, 430
Blätter von der Erle ftreifte,
Mich im Haſelſtrauche barg.
„Ad, feitdem hat oft der Zaulbaum
Seine Blüthen abgeworfen,
Stand die Birke oft entblättert,
Schmucklos Hafelftraud und Erle,
Bis id mich ein Jüngling fühlte,
Mich als Kalewsſohn erkannte !»*
- Spray es und ergriff den Wurffſtein,
Lieb den Arm im Wirbel ſchwingen 40
Und entfandte dann den Fels,
Daß er wie ein leichter Vogel,
Wie ein Schiff im Sturme hinflog.
"Richtig maß fein ſcharfes Auge,
Kräftig warf die flarfe Rechte,
Ob nun zwar der Fels im Saufen
*
15 *
14
460
470
ucter Sefang-
Hoch hinauf flog in die Lüfte,
Und je weiter, immer hoͤher,
Fuhr er doch nicht in die Wolfen
Und verfehwendete die Schnellkraft
Nicht in ftürmifchen Verſuchen,
Erd’ und Himmel zu verfinftern.
Aber er durhmaß im Bogen
Stolz des Seees ganze Breite
Und erreichte in der Richtung,
Die die Kämpfer eingehalten, ,
Zeften Boden an dem Ufer.*
Sprach der ältefte der Brüder:
e, Laßt und nun nicht länger fäunen,
Laßt in tücht'gen Schritten eilig
Uns die Pfüge hier durchwaten,
Um die Steine aufzufuchen,
Die wir warfen um die Bette !«
Da der nichfte Weg durch's Wafler,
Durch den See zum Ziele führte,
Bingen aud die Söhne Kalew's
Unbedenklich grades Weges
In die Fluth Hinein, um jenfeits
Ihre Steine aufzuſuchen.
An der tiefiten Stelle reichte
. Etwas über's Knie das Waſſer.
Der zuerft geworfene Feld
Lag verfenkt im Schooß des Seees,
Schlummerte in feiner Tiefe.
Den erfpähte nicht das Ange,
Konnte feine Hand betaften.
Doch den Stein des zweiten Oruders
Fand. man an dem Ufer liegen
Im Bereich des Wellenfpieles,
Halb nur nod) dem Auge fichtbar,
Halb im Schlamme fihon verfunfen.
Nur des dritten Bruders Wurfſtein,
Durch befoudre Zeihen kenntlich,
Lag auf feftem, trocnem Boden,
Achter Sefang. — 1%
Ward gefunden auf dem Raſen
Ziemlich weit entfernt vom Ufer.
Dorthin war der Fels gefallen
Nach des Himmels Rath und Willen,
Um den jüngften von den Brüdern
Als den König zu hezeichnen.* 40
Sprach der Altefte der Brüder, J
Setzte alſo ſeine Worte:
*„Deutlich haben ſelbſt die Goͤtter
Ihren Willen auf dem Sande,
Auf dem Raſen hier bezeichnet,
Und es iſt jetzt ausgemacht,
Wer das Reich des Vaters erben,
Wer den Thron beſteigen ſoll.
„Aus dem See, der vor uns liegt,
Müſſen wir dem theuren Bruder 500
Sept ein frifches Bad bereiten
Und ihn fo zum König weihen;
Müſſen fhmüden feinen Leib:
Und fein Haar mit Sorgfalt glätten;
Müffen mit dem feidnen Hemde,
Mit des Vaters Kupferwamms,
Mit dem Goldrod ihn befleiden,
it dem goldnen Hut fein Haupt,
Mit dem Schild die Bruft bededen:
Daß ein todesmuth’ger Kämpfer, 510
- Daß ein Kriegsmann aus ihm werde.
Meberall und allerwegen
. Darf nur Seide ihn umraufchen,
Muß ihn Goldgefchmeide zieren,
Silberfhmud an feinen Waffen,
Erz an feinen Zerfen rafleln.
Wo er aud) erfcheinen möge,
Muß ihn Pracht und Glanz umlleiden,«*
Wie vor feinem Lebensende
Einft beftimmt der alte Kalew, 620
Ward der jüngſte feiner Söhne
Zum Beherrfcher feines Volles
5%
540
500
Achter Belang.
Und zum König audgerufen.
Jubelnd fangen feine Brüder,
Sangen laut und froͤhlich alfo :
*„Bruder, fomm und laß uns wandern,
Laß uns in die Fremde ziehen
Eine Heimath uns zu fuchen,
Wo aud uns mit bellem Rufe
Froh der Kuckuk Glück verheißt!“
Darauf fang der jüngfte Bruder:
„Wo die goldne Sonne fcheint,
Eitbern Mond und Sterne leuchten
Und den Wandersmann begleiten,
Eprofien goldne Tannenforften,
Saͤuſeln fhatt’ge Erlenbüfche,
Duften heitre Birfenwälder,
Rauſchen Taara's Eichenhaine.
Dort wird auch der Kuckuk rufen,
Wird er fröhlich euch begrüßen.
Wo ihr feinen Ruf vernehmet,
Baut euch friedlih eure Hütte;
Wo er Glück euch froh verbeißt,
Laßt vertrauensvoll euch nieder,
Richtet euch behaglich ein;
Wo der Trauerpogel ruft,
"Räumt ein Pläßchen auch der Witwe,
Obdach auch den Waifen ein!«*
Sprachen dann die ältern Brüder:
„Lebe wohl denn, lieber Bruder,
Durch das Loos beftimmter König!
Lebe wohl, du Elternhaus,
Das uns fah in's Leben treten,
*Wo wir aufgefproflen find,
Wo wir wuchfen wie die Eichen!
Ale Pläbe werden meinen
Und die Wiekſchen Haine trauern,
Wo wir froh als Knaben fpielten.
Unfer Auge fennt nit Thränen, —
Eher mag der Vogel weinen!
*
Achter Gefeng- 197
Aber blut’ge Tropfen werden
Unfte bleihen Wangen furchen,
Schmerz und Trauer unire Blicke
Lange, lange noch umwölfen !
„Doc wie auch der ſtrenge Winter
Weichen muß dem linden Zrühling
Und im Sommer ift vergefien:
Wird au und in fremder Ferne
Luft und Freude wieder aufgehn
Beim Gemurmel muntrer Bächlein, 670
Unterm Duft der Wieſenblumen,
Beim Geſang der Waldesvöglein.
Auch in unſrer neuen Heiniath,
Wo wir Hütten bauen wollen,
Werden Quellen um uns rauſchen,
Werden Blumen bluͤhm und duften, j
Böglein ihre Nefter bauen,
Wird die Braut, die wir und wählten,
Bern mit uns die Hütte theilen
Und mit mütterliher Liebe 580
Unfre Kinder ziehn und pflegen. *
Lebe wohl denn, Taara's Hain,
Und du lieber tranter Embach!
Lebet, Berge, wohl, und Thäler,
Und ihre Wälder unfrer Heimath |
* Wie der füßen Mutterbruft
Sich entwöhnen muß der Säugling,
Muß der Manu entbehren lernen,
Was dem Knaben lieb geweien.
Sei auch unwirthbar die Erde 500
Und der Himmel unerreichbar,
- Niemals darf der Mann verzagen,
Nie der Starke ängftlidy zweifeln.“ *
Wie die Vöglein aus dem Refte
Zogen fie davon für immer
Und es blieb der jüngfte Bruder
Einfam an dem Eee zurüd
Und verlor fih in Gedanken
—
198
610
Mäter Gejang.
An die froben Kinderjahre
In dem elterlichen Haufe.
Ach die Kinderfreuden alle
Maren wie der Morgenthau
Weggewehet von den Stürmen,
Bor der Mittagsgluth geichwunden !
Auf dem Stein am Ufer figemd
Sprad er vor fih hin die Worte:
„Wie die Blüthen müffen fchwinden,
Müffen vor ded Sommers Gluthen
Shren Schmelz verbleihen jehen,
Wenn fie Frucht und Samen tragen,
Wenn fie Nußen bringen follen,
Muß aud ich, feitdem ich König,
Seit ich Herrſcher bin geworden,
Fliehn aus meinem ‚warmen Neſtchen,
Weit mid in das Freie wagen,
Muß ein würd’ger Sohn des Adlers
Hoch im Wolkenraume ſchweben
Und der eignen Kraft vertrauend
Selbſt die Bahn zum Glück mir ſuchen.“
Und mit dieſen Worten warf er
Einen Silberling in's Waſſer,
Sich den Gott geueigt zu machen,
Wie die alten Väter thaten
Und der Jugend anempfahlen.
“Sept weiß Niemand mehr zu deuten
Diefe Sitte unfrer Väter.“ — —
Nach errung’nem Eieg im WBettlampf,
Nah der Trennung von den Brüdern
Uebernahm der Kalewide
Die Regierung ſeines Landes.
Um den Aderbau zu fördern
Und den Adersmann zu ehren,’
Nahm er felbft zur Hand den Pflug ;
Aber um dem Aderömanne
Auch die Segnungen des Friedens
Achter Sefang. ı
Fern vom blufgen Kriegsgetümmel
Auf die Dauet zu erwerben,
Mupt er auch das Schwert ergreifen,
Das allein dem Koͤnigthume
Eine feſte Schußwehr bietet 6%
Gegen jeden fremden Eindrang
Und den Uebermuth der Nachbarn
Und zugleih im Innern felber
Ruh’ und Sicherheit begründet,
Aufrecht hält Geſetz und Ordnung.
Seinen Brotſack auf dem Rüden
Und das Schwert an feiner Hüfte
»Nahm der Kalewsſohn die Pflugſchar,
Spannte ſeinen Schimmel ein
Und begann mit ihm zu pflügen. 650
Moore waren zu durchfurchen, Ä
Haideftreden umzubrechen,
Schwere Rafen aufjureißen.
Wo fein Pflug im’ Boden wählte,
"Ward zu Staub die Aderkrume,
Wurden Felſen fein zerbrödelt
Und der fefte Lehm durchbrochen,
Aufgelodert und befruhtet. |
Mit dem Pflug gewann er Aecker, |
Die die reichften Ernten braten, 660
Schuf er gutbegrafte Weiden, - —F
Raſenplaͤtze ſich und Wieſen,
Machte ſelbſt die Sümpfe fähig,
Beeren aller Art zu tragen,
Die er fäete, die er pflanzte.
Unter feinem Pfluge wurden
Ausgedehnte Wüfteneien
Für die Waldzucht vorbereitet
Und bededten fih mit Bäumen
Und mit dichtbelaubten Buͤſchen. 670
Er verdantte feinem Pfluge
Schöne, heitre Luſtgehege
Auf bebluͤmten grünen Matten,
710
Achter Geſang.
Die ſich über Berg und Hügel
Bis in weite Ferne zogen.
Thäler, Haine, WBiefengründe
Grünten Iuftig nad dem Pfluge
Und es rötheten die Hügel
Sich von Erds und Hedenbeeren,
Dufteten von Fruͤhlingsblumen,
Die im Sonnenfcheine prangten.*
Bo fein Pflug gegangen, baufchte
Locker fi) die Aderfrume,
Gürteten die weiten Felder
Sich mit faubern Waflerfurden,
Formten fih zu ebnen Flächen
Unter Sturm und Regenfchauern
Und bewahrten ihre Saaten
Sicher unter Schnee und Hagel.
Aus den Wunden feiner Pflugichar
Quoll der reichſte Erntefegen
Und verhieß in goldnen Wohen
Auch den Tommenden Geſchlechtern
gür die Zukunft Brot die Füle.
eKalew's edler Riefenfprößling
Pflügte heute, pflügte morgen,
Pflügte auch noch übermorgen
Und noch manden Tag darüber;
Pflügte früh fehon vor der Sonne,
Spät am Abend noch im Nebel
Und am hellen heißen Mittag.
In der Gluth der Sonnenhipe
Schwankte oft fein guter Klepper,
Der den Pflug zu ziehen hatte,
Ward auch felbft der Pflüger müde.
Bei der Arbeit plagten Bremfen,
Stachen Müden, quälten Fliegen,
Die das arme Thier umfchwärmten,
Seinen braven Gaul entſetzlich
Und dem Manne ſelber wurde
Oft vor Durſt die Zunge trocken.“
Mhter Befang.
Eines Tages fhien die Sonne
Mit. der ganzen Gluth des Mittags,
Die, nicht länger zu ertragen,
Schon das Thier zu tödten drohte.
Kalew's Sohn befreite hurtig
Seinen Schinmel aus dem Anſpann
Und nachdem er ihn gefoppelt,
Ließ er ihm den freien Willen.
Selber warf er fih zur Erde,
Um ein wenig zu verfchnaufen,
Etwas Gliederrub? zu halten
Und den Rüden auszudehnen,
Und nad) wen’gen Augenbliden
Lag er ſchon im feften Schlafe.
Auf dem Gipfel eines Hügels
Ruhte in der Hand das Haupt,
An dem Fuß das Kreuz des Helden
Und die ausgefpreizten Beine,
Dedten weit hinaus die Ebne.
Und fo fihlief der ſtarke Mann, i
Schlief des Heldenftammes Sprößling'
Hingegofien auf den Rafen,
Bis das Tagsgeſtirn ſich neigte
Und es Abend werden wollte.
Bon den heiten Mittagegluthen
Ward der Schläfer auf dem Raſen
Aufs entſetzlichſte gepeinigt.
Sichtbar dampfte feine Haut
Und der Schweiß ergoß in Strömen
Sich von feinem Angeſichte.
Jeder Tropfen, der dem Helden
Bon der hohen Stirne rann
Und aus feine Locken triefte,
Ward vom Hügel eingefogen,
Und es bildeten daraus
Am verborg’nen Schooß der Ziefe
Waſſeradern ſich und Quellen,
Die mit ihrer kühlen Friſche
760
760
Wer Belang.
Labung noch den fpäten Enten,
Kung und Alt für alle Zeiten
Kraft und Fülle bieten follten.
Wer von diefem Waſſer Toftet,
Fuͤhlt fi) wunderbar gefräftigt:
Schwache Kinder macht es blühend,
Kränkliche gefund und friſch;
Jede Art von Augenleiden,
Selbft die Blindheit heilt es ſicher;
Krüppeln giebt's gefunde Glieder,
Kranken nimmt's die Schmerzen ab
Dder hilft fie leichter tragen.
Diefe wunderbaren Kräfte
Dankt das Wafler feinem Urfprung,
Dankt fie nur dem Kalewsſohne.
Wer ermüdet an der Quelle
Einmal feinen Durft gelöfcht,
Fühlt fofort in feinen Gliedern
Neue Lebenskraft fi regen,
Fuͤhlet den gefunftnen Muth
Friſch und fröhlich wicderkehren.
Sichrer zaubert diefes Waſſer
Roſen auf des Mägdleine Wangen,
Als nur je die befte Schminte,
Die man ſtets erneuern muß;
Waſſer aus der Quelle Kalew's
Färbt des Mägdleins Wangen roth
Für die ganze Zeit des Lebens.
Eh' der ſtarke Sohn des Kalew
Sich dem Schlaf entwunden hatte,
Sah er noch im Traumgeſicht
Seinen braven Gaul gekoppelt
Bon der Uebermacht der Wölfe
Veberwältigt niederftürzen
Und zerfleifcht von ihren Zähnen
Am Gebüfch fein Leben enden.
—
Auf der weiten offnen Ebne,
| udie Sefung.
Wo der Schinmel grafen follte,
Bar er vor der Gluth des Mittags
Und den yeinigenden Bremfen
Langſam weiter vorgefchritten,
Un im Schatten des Gebüfches,
Das die Fläche rund umfäumte
Und ſo lodend vor ihm kag,
Sid ein Pläbchen auszufuchen,
Wo er von der beißen Arbeit
Etwas fih erholen konnte.
Das Gebüſch, in dichten Laubwald
Weit und breit verlanfend, hegte
Damals noch in feinen Schatten
Eine Menge wilder Thiere,
Die den Gaul in weiter ‘Ferne
Zange fihon gewittert hatten.
Sfegrim mit feiner Sippſchaft,
Braun der Bär mit Frau und Kindern
Und ein ganzes Hcer von Füchſen
Unter Reinefe’8 Befehlen
Sammelten ſich ſchaarenweiſe
Und belauerten am Saume
Aus dem Hinterhalt die Beute,
Deren ſüßen Duft mit Wolluſt
Ihre Rafen ſchon gerochen.
Kalew's edler Ackerſchimmel,
Feſtgekoppelt an den Füßen,
Konnte auf der weiten Ebne
Nur in kurzen Sägen fpringend
Sich wohl ſchwerlich vor den Feinden
Durch die Flucht zu wetten hoffen.
Er verſuchte alles zwar,
Um dem Zode zu’ entrinnenz
Boch die Feſſein hinderten
Ihn bei jedem feiner Schritte,
Seine volle Kraft zu brauchen.
Bon den Räubern angegriffen
Warf er zwar mit feinen Hufen
810
Achter Geſang.
Manchen Unhold unfanft nieder,
Daß er aufzuftehn vergaß,
Und verfehlte nie den Gegner,
Wenn er auf der Kruppe figend
Mit den Borderbufen hieb
Dder feine blanken Eifen
Denen an die Stimme febte,
Die es unterdeß verfuchten
Ihn im Rüden. anzugreifen ;
Aber immer neue Schwärme
Blutbegierrger Ränder ſtroͤmten
Aus dem Walde frifch heran,
Bis das edle Roß des Salem
Endlich unterliegen mußte
Und zufammenbrad am Boden,
Den verhungerten Bewohnern
Diefer dichtbewahfnen Wildniß
Eine ledre Mahlzeit bietend.
Reichlich eine ganze Meile
Hat das Thier von diefem Kampfe
Seinem edlen, guten Herrn
Eine Spur zurüdgelaffen.
Bo e8 auf der Kruppe ſaß,
Hatte fih gefentt der Boden
Und die Menge Meiner Hügel
Deutete die Wölfe an,
Die im Kampf erfchlagen worden ;
Wo der Schimmel feinen Feinden
Endlih unterliegen mußte,
Hatte fih von feinem Blute
Eine Lahe angejammelt,
Sid ein rothes Meer gebildet;
Aus des edlen Gaules Leber
War ein Berg emporgefchwollen
Und aus feinen Eingeweiden
Ein bemoofter Sumpf geworden
Und ein gührender Moraſt;
Seine rings zerftreuten Knochen
Achter Gefang. 205
Waren ebenfoviel Hügel;
Wo die Haare fi) gefammelt,
Waren Binfen aufgeiproßt,
Und es wucherte der Kalmus
Aus des Schimmeld wilder Mähne;
Eine Reihe Haſelſträucher
Deutete die Stelle an,
Wo der ſtolze Schweif gelegen. 870
Alfo hatte fterbend ſich
Kalew’s edler Aderfchimmel
Auf der legten Wahlftatt felber
Manchen Denkftein aufgerichtet,
Um fein Dafein auch der Nachwelt
Sicher zu beglaubigen.
10
Bennter Geſaug.
Dion vorüber war der Mittag
Und die Sonne ſank allmälig
Auf der Bäume Wipfel nieder.
Kalew's Sohn erwachte ploͤtzlich
Wie geweckt aus ſeinem Schlafe, —
Denn ein böfes Traumgeſicht
Großes Unheil ihm verfündend
Schredte ihn von feinem Lager —
Nahm ein Blätthen auf die Zunge
Und begamn mit lautem Pfeifen
Seinen Saul berbeizurufen.
Dur die ftille Flur erfchallte
Gellend weit hinaus der Ruf
Und verhallte in der Ferne;
Doc der Gaul vernahm fein Rufen,
Hörte feinen -Heren nicht mehr!
Nur der Vögel Ehor begrüßte
Laut und fröhlich feine Zöne.
Raſch beſchloß der Sohn des Kalew
Seinen Klepper anfzufuchen
Und verfolgte deſſen Spuren,
Die nicht zu verfennen waren,
Durch das hohe Haidekraut
Eine lange Strecke Weg
. Meber ausgedehnte Flächen -
Und durch weite Moosmoräfte,
Bis er an die Stelle kam,
Bo fein Pferd den wilden Thieren,
Meunter Geſang. | 207
Bo den biutbegierrgen Wölfen |
Sein bewährter Aderfchimmel | 30
In den Rachen war gefallen.
Alles, was er fah, verrieth
Auf dem Wege, den er machte,
Was hier Graufes vorgefallen.
Als er bier die Haut des. Thieres,
Dort ein Stüdchen Fleiſch und Fett,
Endlich eine blut’ge Lache
Und die Leber fand im Grafe,
Abgenagte Schenkelfnochen,
Hie und da auch eine Rippe 40
Und nicht weit vom Erlenbuſche
Seines Gaules Eingeweide
Und zerftüdelt feine Milz, —
Ad, da blieb fein Zweifel weiter,
Was aus feinem Gaul geworden,
Welches Ende er genommen |
Als der flarfe Sohn des Kalew
Schmerzlich den Verluſt betrauert
Und durch laute, ſchwere Seufzer
Seinem Herzen Luft gemadit, &0
Raffte er das Fell vom Boden
Als ein theures Angedenken.
Doch ihm ſchwoll bei diefem Anblick
HZornentbrannt dad Herz im Bufen
Und ergoß fi in die Worte,
Die aus feinem Munde fchäumten;
* Hualtet ein mit eurem Saufen,
Windeswehen, Waldesraufchen !
Bäume, laßt die Wipfel ruhen,
Schwanket nit, ihr dürren Halme, 60
Und ihr, Blätter, ſchweiget ftill!
Lapt mich meinen Fluch erft ſprechen,
Gebet meinem Zorne Raum
Sih in Worten auszumettern!
Fluch euch Wölfen, Fluch euch Bären,
Euch und euren Helfersheifern !
[1] 16
70
100
Neunter Befang.
Seid verfludt, ihr Raubgefindel,
An den Rainen zu verhungern,
Zu verreden auf den Himpeln,
Unterm Strauche zu verweien,
Zu vermodern auf der Haide!
Seid verfluht, mit euren Hefern
Ale Sümpfe zu verpeften!«*
Als er diefen Fluch geſprochen,
Schwang er heulend ſeine Klinge,
* Raunte rachedürftend fort
Und verfhwand im nahen Walde
Und in deffen finftern Schatten,
Um die Brut der wilden Thiere
In den Neftern zu zerftören.
Zum Vertilgungskampf gerüftet
Gegen feines Gaules Feinde
Bahnte fi der Sohn des Salem
Wege durch des Waldes Didicht,
Pfade fi) durch Sämpf und Moore,
Wo bisher fein Hahn gekräht,
Keine Henne je gegadert.
Aefte reißt er von den Näftern,
Hefte tritt er von den Tannen,
Aefte bricht er von den Birken,
Hefte fällt er von den Fichten,
Aeſte hadt er von den Hafeln.
Hohe Linden hieb er ab,
Starfe Ulmen ftieß er nieder,
Knorr'ge Eichen knickt' er nm,
Warf die Weiden mit den Wurzeln
Leicht und fpielend durch die Lüfte
Und zertrat zu Staub die Stubben!
Licht ward’8 in den dunkeln Lauben,
Wegfam, wo fein Fuß geweilt!“
Alle Beftien des Waldes,
Die ihm in die Nähe kamen,
Fanden fiher ihren Tod.
* Furchtbar mwüthete das Schwert,
: | Aennter Geſang.
Mordete die blut'ge Waffe
In der Hand des ſtarken Mannes.”
Schon bedediten heerdenweife
Die erfchlagnen wilden Thiere
Rings den hfigelichten Boden
Und befudelten mit Blut 110
Und mit ihrem Todesſchweiße
Alle niederen Gebuͤſche
Und das Moos des feuchten Grundes
Und den biätterreichen Raſen.
Die entlomm’nen Wölfe zogen
Und der Bär verdrießlih brummend
In das Didicht fih zurück
Dder flohn in ferne Sümpfe,
Wo fie fi) verbergen konnten.
Erft als längft der Abendröthe 120
Zebter Schimmer war verglommen
Und die Nacht fhon angebrochen,
Mupte Kalem’s edler Sohn
Die Derfolgung unterbrechen,
Selbft dem Kampf ein Ende machen:
Sicher wären fonft die Bären, a
Sicher fonft die Wölfe alle
Gänzlich ausgerottet worden.
Kalew's edler ſtarker Sohn
- Bon der Arbeit fhier ermädet 130
Und vom Aerger angegriffen
Suchte jebt das freie Feld,
Um zur Ruhe fih zu legen.
Als er einen Lagerplatz
Auf-der Flaͤche ausgemittelt,
Breitete das Pferdefell
Er als Decke auf den Raſen,
Streckte ſich der Ränge nach
Auf dus Fell des lieben Gaules,
Um zu ruhn bei nädrger Kühle 140
Zur Erfrifhung feiner Glieder,
Die er bei der ſchweren Arbeit,
16”
210
150
160
170
180
Reunter Befang.
Die die Wolfsjagd ihm geloftet,
Tüchtig heute angegriffen.
Beides, Jagd und Pflügerarbeit,
War für.Einen Tag zu viel.
Doch als kaum der Sohn des Kalew
Bor der Morgendämmerung
Sid aufs Lager hingeworfen,
Kaum gefenkt die Augenlider,
Kam in eif’ger Haft ein Bote -
Athemlos herangefprengt,
* Um dem edlen Stalewiden
Böfe Mähr zu hinterbringen,
Kriegesbotfchaft anzufagen.
Don dem Helteften aus Wierland
War der Bote abgefendet
Mit der Nachricht an den König,
Daß fih Feinde bliden laflen,-
Daß ein Krieg dem Lande drohe.
Der Verküunder diefer Botfchaft
Seste alfo feine Worte,
Gab fie fo, die böfe Kunde:
„Königlicher Sohn des Kalew,
Hoher, mächtiger Beherrſcher
Und Beſchirmer diefed Landes!
Bon dem Helteften von Wierland
Kann ich nichts Erfreuliches,
Soll idy Trübes dir berichten.
Schritte von verdaͤchl'gen Leuten
Sah man an den Wierfchen Gränzen
Und nad) Sonnenuntergang
Boote auf den Wellen tanzen
Und von Norden her fich nähern.
Unterm Schuß der dunfeln Nacht
Zandeten die Boote Männer,
Die dad Land nach allen Seiten
Aufs genauefte durchſpähten.
* Daraus merkten unfre Männer,
Schloſſen unfers Landes Weifen,
Reuter Belang. 211
Meinten aufgeweckte Buben,
Es bereite ſich der Krieg
Und das Kriegsrad rolle näher,
Werde Wierland erſt zermalmen,
Dann ſich über Jerwen wälzen,
Ueberall das Glück zerſtören
Und nur Angſt und Jammer bringen.
Auf dem Fuße folgt den Spühern
Wohl ein Heer von hundert Striegern,
Fallen auch wohl mehr ald taufend 190
Ueber’3 arme Wierland her.
Weiber werden ihre Kleinen
Und das Hausgefinde bergen
In den Stlüften hin und wieder,
Die die Uferfelfen bieten;
Männer aber ſich verbinden,
Um dem Feind zu widerftehr.
„Immer größer wird der Mangel,
Immer Inapper wird das LXeben.
Unfre Ufermächter melden, 200
Saft bei allen Kleinen Inſeln,
Die man von den Uferwarten
Deutlich überfehen Fönne,
Werde Sriegsvolk eingefchifft,
Und die ſchwerbeladnen Boote
Steuern alle ber zu ung,
Um es hier an’d Land zu feßen.
Ale fommen, uns zu fehlachten,
Unfte Habe wegzuführen,
Bie die Sterne fchon verrathen 90
Und das Nordlicht angedeutet.
„Weiber weinen in den Binleln,
Zöchter in den Hedengängen, ,
Schwache Greife vor den Hütten,
Kinder hie und da im Buſch,
Im Gehege Hüterjungen,
Hirten auf den Weideplägen.
Sammer überall in Wierland!
212 Reunter Befang.
Thränenfchweren Blickes ſtarrt
220 Bor fih Hin die arme Wittwe,
Denn der Tod nur kann fie reiten
Bon dem Elend, das ihr drobet.
Selbft die jungen Männer ftehen
Bleih und rathlos vor der Zukunft!
Niemand fcherzt mit feinen Weibe,
Keiner fpielt mit feinem Kinde,
Denn ed lähmt die Todesfurcht
Ale anderen Gefühle!
„Wer von ihnen gürtet freudig
230 Sich zum ernften Waffentanze,
Wetzt die Streitagt, kampfbegierig,
Mit dem Feinde ſich zu meflen?
Der erbietet fih zum Retter,
Sid zum Führer feiner Brüder,
Zum Beſchützer ſchwacher Greife?
Regt ein Bruder nur die Hand
Dder eine fromme Schweiter,
Sich der Waifen anzunehmen,
Greifen ein Afyl zu bieten? A
240 Per wird unfre armen Weiber
Bor des Krieges Gräueln fhüpen?
„Denn die Muth’gen frißt das Schwert
Und das Beil die Unerſchrocknen.
Ganze Maflen wird die Lanze,
Wird der Pfeil zu Boden werfen!
Der nicht fällt im Schladhtgewühle,
Auf dem Kampfplaz nicht erliegt,
Den wird auch in feiner Hütte
Feuersbrunft und Hunger finden,
350 Bird die Pet mit ihren Krallen,
Die Verzweiflung niederwürgen.
Diebe laſſen doch den Nagel,
Fluthen doch den Felfen ftehen;
Doch das Feuer tilget Alles
Und die Bert verfchonet Keinen! *
Schnell den Sinn der Worte fafend
8 I
1
Reunter Geſang.
Fuhr der Kalewsſohn heraus:
„Zügel bänd'gen, Stränge halten,
Zügel bändigen das Roß
Und der Viehftrang hält den Ochfen
Und den Fuchs des Jägers Schlinge
Und der Heuftrang hält das Heu
Und den Schnee der Himmeldbogen
Und den Regen und den Hagel
Hält die Wolfe unter'm Himmel!
Wer von diefen Bänd’gern allen
Sich am Fräftigften erweifet,
Ziehe dir den Mund zufammen,
Bändige die Zunge dir,
Die fo Schändliches verkündet,
Die fo Abgeſchmacktes ſchwatzt!
Wer hat jemals Das gehört,
Solchen Unfinn je vernommen!
Darfft du's wagen, Wierland's Männer,
Wierland's Jugend fo zu fchmähen ?
Wierland's Männer follten feige,
Furchtſam Wierland’8 Buben fein,
Was man faum den alten Weibern,
Schwahen Mädchen faum verzeiht!
„Mag das Schwert die Muth’gen frefien
Und das Beil die Unerſchrocknen
Und die Lanze ganze Maflen, —
Nimmer jagt der Wierfhe Mann !
In der Feldſchlacht wird er ftehen
Feft wie eine Eifenmauer,.
Wie die Eiche fteht im Sturme,
Wie der Fels im Wogenjhwalle;
Wird nicht eine Handbreit weichen,
Wo es gilt fein Land zu fchügen,
Wird für Waifen Kammern bauen,
Hütten für das ſchwache Alter,
Sorgen, daß die Weiber Schuß
Und die Zungfraun Hüfe finden .
Und die Wittwen eine Zuflugt.
270
20
213
214 Neunter Gefang.
„Iſt die rechte Noth erft da,
Blut'ger Streit ſchon ausgebrochen
Und verzweiflungsvoller Kampf:
Werd’ ich felber zu euch fommen
Und der Noth ein Ende machen. —
300 Du bift müde, iß ein wenig,
Sreund, und nee deine Kehle!
Auf dem Himpel liegt der Brotfad
Und das Faͤßchen mit dem Tranfe.
SB dich fatt und trinP, Gevatter,
Und dann lege dich zur Ruhe!
Morgen, eh’ es Tag geworden,
CH fich's noch im Oſten röthet,
Bange deinen Klepper ein
Und beginn? in aller Stille
310 Ihn zu zäumen und zu fatteln.
Biſt du fertig, eile fort
Sp geräuſchlos als nur möglich,
Denn der Hufteitt deines Pferdes
Könnte leicht die Wierfchen Hähne,
Leicht fein Schritt die Jerwſchen Hunde
Sn der ftillen Nacht erweden.
- Ueber Brüden reite langfam,
Lautlos auf den Hedenwegen,
Durch die Dörfer nur im Schritt,
320 Zeife durch die Streugefinde
Und befonders durch's Gehoͤft.
Schleich' dich ſtill durch die Gehege
Unbemerkbar durch die Suͤmpfe
Und verſtohlen durch's Gebüſch
Bis an deines Hauſes Pforte.
Schickt die Maͤnner jung und alt,
Die nur Waffen tragen können,
Alle in das Feld hinaus.
Halte ſelbſt dich in der Mitte
330 An des Fahnentraͤgers Seite.
Hüte dich hervorzutreten
Dder hinter'm Zug zu bleiben
Neunter Befang. 216
Und vermeide auch die Flanken.
Borne wird man todMefchlagen,
Hinten wird man todtgefchlagen,
An den Flanken todtgeichlagen ;
Nur die Mitte fommt nach Haufe.“ *
Als der flarfe Sohn des Kalew
Seinen lebten Spruch geendet,
Warf er fi) von neuem nieder, 30
Um nad al’ den Müh'n und Sorgen
Und Bedrängniflen des Herzens,
Die die lepte Zeit gebracht,
Einmal gründlich auszuſchlafen.
Aber ch’ des Schlummers Dede
Ueber ihn fich ausgebreitet,
Trat ein andrer Unbekannter
Ungewiflen Schritted näher
Und zuleßt vor's Lager hin,
Wie die Tlode aus der Wolfe 350
Bon dem Sturm herumgewirbelt
Endlich auf den Boden fällt.
Wieder in der Ruh’ geftört
Rief der Kalewsſohn verdrießlich :
* „Hat denn heut’ der Tanz kein Ende,
Hört das Nennen gar nicht auf?
Müſſen alle Zagediebe
Hierher ihre Schritte lenken?
Braufen heute alle Winde,
Strömen alle Waſſer heute, 360
Rauſchen alle Meereswogen,
Fallen alle Regentropfen,
Wirbelt Schnee und rafjelt Hagel,
Aus den Wolfen losgelaſſen,
Heute grad’ auf mich hernieder?
Hätt' ih es nur ahnen können
Dder je im Traum mir denken,
Nur im Schlaf vorausgefehen
Oder Hug berechnen können,
Was ein König hat zu leiden: 370
216
Reunter Befang.
Lieber wär’ ich hundertmal,
Zaufendmal auf Windesflügeln
In die weite Welt geflogen,
Wie ein Adler andern Felfen,
Andern Klüften zugeeilet,
Hätte wie ein Schwan ſchon Längft
Andre Wafler in der Zerne,
In der Fremde aufgefucht,
Wäre lieber von dem Felſen
In das Meer hinabgefprungen,
Hätte lieber mich erfäuft,
Mich hinabgeftürzt in Schluchten,
Po ich nie den Kuckuk rufen,
Nie ein Vöglein fingen hörte!
Vöglein hat im Walde Ruhe,
Niemand flört im Neft die Schwalbe;
Auf der Tanne träumt der Kudul
Und die Lerche auf dem Brachfeld;
Nachtigall hat in der Koppel,
Hänfling unterm Laubdach Ruhe,
Drofiel im Geftrüpp der Wildutg, —
Sedes, wenn es audgefungen,
Ruht nad feinem Zagewerfe.
„Und ich habe Doch genug
Mid geplagt und abgemübdet,
Habe Tagelang geadert,
Seden Tag von früh bis fpät,
Weggewäaͤlzt die größten Zelfen,
Berge mit dem Pflug geebnet,
Ziefe Moore aufgeriſſen,
Große Ebenen durchſchnitten,
Groͤßere noch umgewendet,
Bis des Waldes wilde Thiere
Heut’ mein Arbeitspferd zerriſſen.
Komme morgen in der Frühe,
Auch vor Tagesanbruch ſchon,
Dein Geheimniß Mir zu ſagen,
Deine Botfchaft auszurichten Ir
Neunter Befang. 217
MWeißgelodt, mit weißem Barte,
Neigte der bejahrte Fremdling 410
Freundlich fi herab und ſprach:
„Seine Winde braufen heute,
Heute firömen feine Waſſer,
Keine Meereswogen raufchen,
Keine Regentropfen fallen,
Meder Schnee noch Hagel rafjelt
Aus den Wolfen losgelaflen,
Noch der Donnerkeil mit Krachen
Fährt auf dich herab, mein Sohn,
Deine Schultern zu befchweren. 4420
Ahnen mußteſt du es wohl,
Konnteſt dir im Traum es denken
Und im Schlafe ſelbſt vorausſehn
Oder wachend klug berechnen,
Mußteſt wiſſen und begreifen,
Was es heißt: ein Koͤnig ſein,
Was es heißt: ein Land regieren!
| „AB du noch im Elternhauſe
Pie ein Eihenbäumchen fproßteft,
War dir Zeit genug beſchieden, 20
Did im Denken auszubilden,
Möglichkeiten zu berechnen,
Grund und Folge zu erkennen.
Damals ſangen's ſchon die Böglein,
Riefs der Kuckuk aus der Koppel
Und die Droffel von der Tanne,
Bon dem Bad die Nachtigall
Und die Lerchen aus der Höhe
Und die Krähe von dem Dad,
Aus dem Fichtenwald die Amfel, 40
Jedes Böglein auf dem Alte:
„„Schwer beladen if der König,
Hundert Sorgen hat der Herricher
Und ein tapfrer fünfmal mehr;
Zaufend Dinge hat der Stärffte,
Mehr der Kalewsjohn zu thun.««
218
470
Neunter Belang.
„Daß ich heute hier erfchienen
Und die Mühe nicht gefcheut
Einem Freunde zu Gefallen
Diefen weiten Weg zu machen,
Sol dir, kraͤff'ger Sohn des Kalew,
- Einft noch gute Früchte tragen,
\
Dir noch recht viel Nuben bringen.
Wenn du mich auch längft vergefien,
Mich als Fremden heut’ empfangen,
Bin id) doch dein treuer Freund.
Bar ich nicht bei euch ſchon damals,
Als du auf dem Raſen fpielteft,
Kurni warfft auf eurem Hofe,
Auf dem Kopfe ftandft am Ufer,
Abends auf der Schaufel jauchzteft ?
War ich nicht bei euch ſchon damals,
ALS du in der Wiege Freifchteft
Und die Mutterbruft noch fogft?
Mar ich nicht bei euch Schon Damals,
As im Hof der Wiekſchen Wirthin
Deine Eltern Hochzeit hielten?
War ich nicht bei euch ſchon damals
Stets ein gern gefeh’ner Saft,
Als man euer Haus erft baute,
Seine Ballenwände fügte,
Seine Dielenträger legte
Und die Eden Lothete?
War ich doch ſchon ungefehen
Lange euer Freund gewefen,
Ehe deine Mutter noch
Aus dem Birkhuhnsei gekrochen,
Ch’ dein Vater war geboren!
Zrug ih euch im Herzen doch,
Eh’ man noch von Harrien wußte
Dder Jerwen's Landesmarken
Dder Wierland's Gränzen kannte!
Ja, ich liebte euch ſchon damals,
Als die Sterne man erft machte,
Nkunter Geſang. 219
Man der Somne ihre Stelle,
Seinen Aufenthalt dem Monde,
Shren Pla den Wolfen anwies !
Unten jagt ich Durch die Nebel,
Dben durch die Sonnengluthen,
Und vom Roth des Himmelsrandes 0
Durch der Sonne goldne Mitte
Und durch alle Regenbogen,
Sehsmal durch das Morgenroth,
Neunmal durch die Abendröthe
Ueber die Plejaden hin
Durch des alten Wagens Räder
Und den Hof ded Morgenfternes
Durch das Thor der Sonnenleute
Zu befreundeten Gefinden.
Meines Schimmels Eifen fchliffen, 500
Meines Rappen Hufen ſchwanden,
Meines Braunen Haden brannten
Auf dem glatten Weg der Voͤgel,
Auf der heißen Sonnenftraße.
„Jedes Küftchen brachte dir
Meinen Gruß und meinen Segen.
Stärken follte did mein Thau,
Kräftigen mein Mondenſchein
Und mein Sonnenlicht dich fördern,
Daß du Fonnteft fol ein Mann, 510
Sol ein Kalewide werden.
| „Wo dein Pflug das Land gelodert,
Durchgewühlt und feingemacht,
Da wird gute Frucht gedeihen,
Da wird Glück und Segen blühen,
Da wird Wierland Korn die Fülle,
Jerwen Brot im Ueberfluß,
Werden Reichthum manche Leute,
Hab’ und But fo viele Menſchen,
Nahrung alle Dörfer haben; 620
Da wird’ nicht an guten Wiefen,
Richt an fetten Weiden fehlen,
Reumter Geſang.
Verden dichte Wälder fproflen,
Kinder fih in Beeren wälzen,
Buben, Kurniflöße ſchneiden,
Weiber fhöne NRübenfelder,
Mädchen Haine zum Luftmandeln,
Männer Land zu Aeckern haben;
Schilf und Gras und Futterkraͤuter
Werden alle Ebnen tragen,
Wälder bunte Blumenmatten,
Moore weiches Moos erzeugen.
„Was du durch die Furchen wirkteft,
Die dein mächt'ger Pflug gezogen,
Werden Dörfer nah nnd fern
Breifen und mit Danf erkennen,
Werden Enkel froh befingen!
Schmude Wälder, fammtne Rafen
Und’ der Duft der Blüthenfträucher
Werden fpät noch. Zeugniß geben,
Daß dein Pflng nicht mrüffig war. —
„Doch ift deine Arbeit, Soͤhnchen,
In der Hälfte ſtehn geblieben ! |
Harrien ift nicht ganz durchackert,
Manche Streden in der Wiek
Sind nur einmal umgebroden
Und die Ränder von den Aeckern
Manchmal gar nicht aufgepfluͤgt;
Hie und da ift auch die Egge
Zeicht une drüber weggegangen.
Da wird überall der Fleiß
Spreu nur in die Schenern bringen,
Die nicht fehwer tm Sacke wiegen,
Noch den Hunger flillen wird."
Kalew's Sohn begriff die Rede
Und erwiderte dem Greife:
„Müh und Arbeit fihent ich nicht,
Pflügte vierzehn lange Tage
Täglich bis zum Tpäten Abend,
Mit dem Morgenthan beginnend,
Reunter Geſang.
Schließend mit der Abendröthe,
Trocknete am heißen Mittag
Hinter'm Pflug die Stirn mir ab
Und den Schweiß vom Angefichte,
Band das Waffer aus den Kleidern
Und bemühte mich nad Kräften,
Durch gemiffenhafte Arbeit
Roc den fpäteften Geſchlechtern
Eine Wohlthat zu erweifen.“
Freundlich achtete der Greis
Auf die Worte und verfeßte:
„Freund, ich bin ja nur gekommen
Deine Arbeit anzufehen
Und ein wenig nachzuhelfen,
Daß die Müh', die du im Schweiße
Deines Angefichts verwandteft,
. Nicht umfonft gewefen fet
Wie der Wittwe Händeringen.
Wenn die Götter euch nicht helfen
Und des Himmeld Beiftand leihen,
Wird euch armen Erdenfindern
Keine Arbeit Früchte tragen.
Ohne Ukko's Windesmehen,
Ohne feines Regens Riefeln
Giebt's Fein wogend Achrenfeld.”
Kalew's edler Sohn verftand,
Bas er ſprach, und gab zur Antwort:
„Der du ſchon bei uns gewefen,
As ich noch im Grafe fpielte,
Auf dem Anger Kurni warf,
Burzelbäumchen ſchlug am Ufer,
Abends auf der Schaukel jauchzte;
Der du ſchon hei uns gewefen,
As ich in der Wiege noch
Und am Mutterbufen Teeifchte;
Der du als em alter Gaftfreund
Auch fhon damals bei uns warft,
als im Hof der Wielſchen Wirthin
221
670
222
610
Neunter Geſang.
Meine Eltern Hochzeit hielten;
Der du ſchon bei uns geweſen,
Als man unſer Haus erſt baute
Und die Balfenwände fügte
Und die Dielenträger legte
Und den Eckſtein Iothete;
Der du unfer Freund geweſen,
Ehe meine Mutter noch
Aus dem Birkhuhnsei gekrochen,
Eh? mein Vater war geboren;
Der du unfer fhon gedachteft,
Als es noch fein Harrien gab,
Niemand Jerwen's Marken faunte,
Wierland's Gränzen noch nicht waren;
Uns im treuen Herzen trugft,
Als man erft die Sterne machte,
. Man der Sonne ihre Stelle,
Seinen Aufenthalt dem Monde,
Ihren Pla den Wolfen wies;
Der du unten durch die Nebel,
Oben durch die Sonnengluthen
Und vom Roth des Himmelsrandes
Durch die goldne Sonne jagteft
Und durch alle Regenbogen,
Sechsmal durch das Morgenroth,
Neunmal durch die Abendröthe
Ueber die ‘Blejaden hin
Durch des alten Wagens Räder
Und den Hof des Morgenfternes
Und des Sonnenvolfes Pforte
Zu befreundeten Geſinden:
Sage mir, du edler Greis,
Und befenne, weifer Bater,
Bo du deine ferne Heimath,
Deinen feiten Wohnſitz haft !«
Gleich verftand der Greis die Worte
Und erwiderte darauf:
„Theurer Sohn des alten Salem,
Neunter Geſang.
Koͤnig durch der Goͤtter Willen!
Frage nicht, warum die Winde
Hier ein wenig Schnee gehäuft,
Dort den Boden rein geblafen, 640
Dder wieviel goldne Säle |
Taara's 2 ze
Höre liebe
Auf die w
Defien, w
Tage ſpät
Unter dein |
Die das ! —
Giebt's in Tr
Herrſcht ir u...
Einigfeit | |
Luft und |
Und von
Aber diefe
Diefe Zeil
Wird von
Dann wir
Und mit i
„Ich —
Eine blur GE
Spridt d er,
Blut verl ,
Mord hal |
Niemand By,
Wird des 2.
Einer alten Mutter Thränen, |
Einer zarten Schwefter Schluchzen
Je von deinem Schwerte tllgen,
Jemals dein Verbrechen fühnen! |
Hüte Dich, du ſtarker Mann, 80
Daß dein Schwert wicht felbft dich —
Deine Klinge nicht zum Rächer.
Deines Mordes an dir wird!
Bint’ge That bringt biufgen Kohn!
bu) 7 =
224 Neunter Geſang.
Ruhig kann fein Mörder ſchlafen,
Nie ein Mörder ficher fein.“ *
Schaurig Fang die legte Rede,
Schaurig die Vorherverfündung
Wie des Windes ödes Heulen,
60 Wie der Wellen klagend Raufchen, |
Wie des Regenfturmes Pfeifen
In das Ohr des Stalewiden,
Wie der dichte Morgenfhau
Bor der Sonne Strahlen fhwindet
Dder wie die |
* Hinter Wolken
So zerfloß im.
Schwand im €
Die Geftalt des greifen Fremdlings.
090 Müde ſank der Sohn des Kalew
In den weichen Arm des Schlafes,
Der dem hingeſunl'nen Helden
Sanft die Augenlider ſchloß.
Gleich begann der Traum zu weben
Und verzog der Wahrheit Faͤden
In des Truges Ganfelbider,
Daß des Greifes ernfte Worte,
Seine wohlgemeinten Winfe
Spurlos in der Luft zerfloffen.
700 Mit der Sonne aufgewadt
Ugd der Traumesfefleln ledig
Suchte fih) der Sohn des Kalew
Auf die Worte zu befinnen,
Die der räthfelhafte Fremde
Geftern gegen ihn gefprochen;
Aber immer hüllten.noh
Baufelbilder aus dem, Traume
Die bedeutungsvollen Worte
In des Truges dichten Nebel.
710 Darauf ſptach der Sohn des Kalew
Zu dem Wierſchen Boten älfo:
"Mad, a eilig auf nah Haufe.
)
Neunter Sefang. 225
Und. begieb dich laͤngs dem Strande
Zu dem Aelteften von Bierland
Mit der Botſchaft, dag fogleich
Wächter abgeordert werden,
Auf den Höhen Acht zu geben:
Ob die Schiffe unfrer Feinde,
Die am Ufer landen wollen,
Schon im vollen Anzug find. 70
Sieht man, daß die Flotte ernſtlich
Mit der Landung und bedroht:
Dann dem Feinde raſch entgegen
Und die Kräftigften voran,
Um die Schwähhern anzufeuern !
Lanzenträger müffen vorn,
Steeitagtführer hinten fechten,
Keulenmänner an den Flanken,
Die mit Fifchergabeln kommen
Dder Eifenftangen führen, _ 730
Laßt im Handgemenge wirken.
Für die Kämpfer auf der Fläche
Müflen Helfer im Gebäfche
Heimlich in Bereitfchaft ftehen.
Alten Leuten gebet Spieße,
Senſen gebt den Zlötenbläfern.
Bogenfhügen auf den Höhen,
Schleudrer gut vertheilt am Abhang
Werden großen Nupen bringen.
Die Beritnen müſſen ſtüͤrmiſch 740
Wie ein Hagelwetter kommen!
Einer ftehe für den Andern,
Keiner weiche der Gefahr !
Wenn dann brav die Schwerter bauen
Und die Lanzen fleißig ſtechen,
Sm Gewühl die Aexte baden
Und die Senfen emfig mähen
Und die Bogen ihren Mann
Sicher mit dem Pfeil erreichen:
Dann wird bald das Kriegsgetuͤmmel 769
17*
700
770
70
“ v
Meunter Geſang.
Und der Feinde Grimm fid) legen.
Seid nur tapfer, Wierſche Männer,
Haltet einig ſtets zuſammen
Und verbindet euch mit Jerwſchen
Und mit Allentakſchen Brüdern;
Fordert auch die Wiekſchen auf
Im Vereine mit den Harriern
Sich den andern anzuſchließen:
Und ed wird. und muß gelingen
Diefen Angriff abzuſchlagen. ie |
„Sendet unverweilt mit Nachricht
Durch den ſchnellſten aller Boten,.
Wenn der Kampf fi weiter ausbehnt
Und die Noth zu drüdend wird:
Denn alsdann erft will ich kommen,
Um am Kampfe theilgunehmen.
„Sept bedarf ich der Erholung,
Muß ein wenig mich zerfireuen.”
‚ * Zuhr der. Finnenbrücke zu
Auf des Weſtens Supferwegen,
Auf des. Regenbogens Pfoden,
Königs Botfchaft in der Taſche,
Aelt'ſten Botfchaft in dem Buſen,
Kriegesbotfchaft auf der Zunge.
Was begegnete mir da,
Kam mir Drolliges entgegen ?
Eine alte Kraͤhe war ed,
Alte Krähe, armes Thierchen.
Mit dem Schnabel hadt fie ſchnuͤffelnd,
Bıäft die Nafenlöcher auf.
Hatte ſchon den Krieg gerachen,
Als fie ihre Nafe aufblies,
Um die Neuigfeit zu riechen,
Die ich in der Taſche trug.
Hatte ſchon den Krieg geramen,
Schon den Blutgeruch erkaunt.
Fuhr der Zinneubrüde zu
Neunter Befang.
"Auf des Weftens Kupferwegen,
Auf des Regenbogens Pfaden
Und beeilte mich als Bote,
Koͤnigsbotſchaft in der Taſche,
Aelt'ſten Botfchaft in dem Bufen,
Feldherrn Botfchaft unterm Hute,
Auf der Zunge das Geheimniß:
Daß die Fahnen ſchon fi blähen,
Schon die Kanzenfpigen dienen,
Ihre Pflicht die Schwegter thun.
Was begegnete mir da,
Kam heran, um mich zu ärgern?
Kam ein Adler mir entgegen,
Adler bös, mit krummem Schnabel.
-Und fein Schnabel fchnüffelte
Durch) den Nebel gierig witternd,
Um aus dem Geruch zu rathen,
Was des Boten Brief enthielte,
Hatte ſchon der Schelm ben Krieg,
Schon das Blut herausgerochen,
Ging, 's den Andern zu verrathen.
Fuhr der Finnenbruͤcke zn
Auf des Weftens Kupferwegen,
Auf des Regenbogens Pfaden
Und beeilte mich al® Bote,
Königs Botſchaft in der Taſche,
Aelrften Botfchaft in dem Bufen,
Auf der Zunge das Geheimniß
Und den Hilferuf des Feldherrn.
Denn es bläh’n fih ſchon die Fahnen,
Sind gefchärft die Lanzenſpitzen,
Harren des Befehle die Aexte.
‚ Was begegnete mir da,
Kam zum Herger mir entgegen?
Kam ein Rabe mir entgegen,
Kam ein junger Aasvertilger,
Der mit gierrgen Nafenlöchern
Sich nach allen Seiten drehte,
810
227
228
Neunter Befang.
Um den Anhalt meiner Botfchaft
Mit der Nafe ausjumittern.
Hatte fhon der Schelm den Krieg,
Schon das Blut herausgerochen,
Bing, 's den Andern mitzutheilen.
Fuhr der Finnenbrücke zu
Auf des Weſtens Stupferwegen,
Auf des Regenbogens Pfaden
Und beeilte mic) als Bote,
Krieges Botfchaft in der Tafche,
Aeltften Botfchaft in dem Bufen,
Auf der Zunge das Geheimniß
Und den Hilferuf des Zeldherrn.
Was begegnete mir da,
Recht als käͤm' es mich zu neden?
Kam ein Wolf dahergetrabt
Und ein Baͤr ihm auf der Ferſe.
Witterten mit gier'gen Naſen,
Schnüffelten herum im Nebel:
Ob fie nicht die Sache roͤchen,
Das Geheimniß nicht erriethen.
Hatten ſchon den Krieg gewittert,
Schon das Blut herausgerochen.
Eilten mit der Nachricht weiter.
Fuhr der Finnenbrücke zu
Auf des Weſtens Kupferwegen,
Auf des Regenbogens Pfaden
Und beeilte mich als Bote,
Koͤnigs Botſchaft in der Taſche,
Aelt'ſten Botſchaft in dem Bnien,
Kriegesbotfchaft auf der Zunge,
Feldherrnbotfchaft unterm Hute:
Daß fih fchon die Fahnen blähen,
Schon die Lanzenfpigen dienen,
Aexte volle Arbeit haben
Und die Schwerter Blitze fehleudern.
Und’ was kam mir da entgegen, ,
Welches gräßliche Gefpenft ?
Reunter Geſang.
Kam der Hunger mir entgegen,
Bleid) und abgezehrt und fehlotternd,
Und er ſah fih forfhend um
Und erhob die Nafe witternd,.
Um aus dem Geruch zu mern,
Pas die Botfhaft wohl enthalte, . -
Hatte ſchon den Krieg gewittert,
Schon das Blut herausgerochen.
Wankte mit der Nachricht weiter. ,
Fuhr der Zinnenbrüde zu
Auf des Weltens Kupferwegen,
Auf des Negenbogens Pfaden,
Und beeilte mid) al8 Bote,
Königs Botfhaft in der Taſche,
Aelrften Botfchaft in dem Bufen,
Auf der Zunge das Geheimniß: .
Daß die Fahnen ſchon ſich blähen,
Schon die Ranzenfpigen dienen,
Aexte ſchon und Fifchergabeln
Ihre Arbeit brav verrichten. AR
Was begegnete mir da?
Schreckte mic) durch feinen Anblicke .
Mir begegnete die Peſt,
Diefe Würgerin der Völker,
Diefe ärgfte Kriegsgenoffin!
Und fie fah ſich forſchend um
Und erhob die Nafe mwitternd,
Um aus dem Geruch zu rathen,
Pas die Botfchaft wohl enthalte.
Hatte fhon den Krieg gewittert,
Schon das Blut herausgerode .
Eilte mit der Nachricht weiter.
Da gebot ih Halt dem Gaule,
Spannte ihn in’s Eiſenjoch,
Feſſelte mit Kalew's Zefleln,
Daß er fland wie eingewurzelt,
Seine Hufen an den Boden
Und begann zu überlegen
870
230
Neunter Belang.
Und darüber nachzufinnen:
Welchen Nutzen meine Botſchaft
Auch nur irgend Einem braͤchte.
Blur'ge Wunden ſchlägt der Feind
Und der Krieg bringt keinen Segen.
Warum ſoll ich denn den Krieg,
Der nur Elend bringt und mordet,
In des Friedens Hütten tragen?
Solche Botſchaft ſei verflucht
In des Meeres Grund zu finfen,
Dort den ew’gen Schlaf zu fchlafen
Und im Schlamme zu verwefen !
Dorthin fahre meine Botſchaft,
Eh? fie weiter fid) verbreitet
- Und im Dorfe Hörer findet!
Und fo nahm ich denn die Botfchaft,
Die ich in der Tafche trug,
Und begrub fie in der Tiefe
Unter breiten Meereöwogen.
Scheu entflohn vor ihr die‘ alien,
Bis die Wellen fie zu Schaum,
Sie zu Schlamm zerrieben hatten !
Stille ward es jet vom Stiege,
Niemand fprah vom Kriege mehr. *
Behnter Gefang.
Ha Licht im ſtiller Nacht,
Nimmermüder Himmeldwächter!
Sieh dem heitern Sänger Kunde
"Bon den audgetretnen Pfaden
Dder den geheimen Wegen, |
Die der Kalewsfohn gewandelt,
Bon den Orten, wo er rubte
Dder wo er mit den Freunden
Manchen lofen Streich beging,
Manches Kraftftüd gab zum Beſten.
Denn ed ſah'n die Himmeldlichter
Oft ihn gehn mit feinen Freunden,
Oft in weiter Ferne wandern;
Waren Zeugen ihrer Scherze
In dem Schatten Wierfher Tannen,
In den Eidhenwäldern Harrien's,
In den Wiekſchen Erlenbüfchen ;
Sah'n der Männer luſt'ge Späße,
Sahen aber auch die Noth
Und die Widerwärtigfeiten
Und die Schlingen und die Fallen
Und die taufend Meinen Vebel,
Die fie ſich gefallen Tießen
Dft um eines Schwanfes willen.
Laßt uns durch die Wälder flreifen,
Bo die dichten Büſche wuchern,
Kalewslieder zu gewinnen.
Dort wird goldene man fammeln,
232 Zehnter Befang.
Silherne man fuchen können,
30 Eherne man ſicher finden. —
Hört ich einft doch felber fingen
Solche Lieder aus der Vorzeit,
Deren Worte fremd wohl klangen,
Aber lauttes Gold enthielten. —
So berichtet eins derfelben, |
Kalew's Sohn fei einft gegangen,
Sid ein Arbeitspferd zu kaufen.
Als er — heißt es in dem Kiede —
Schon fein Ziel beinah’ erreicht,
4 Sang im Erlenbuſch ein Vogel,
Sang im Eichenhain ein andrer,
Rief der Kuckuk auf der Tanne:
„Hör' das Roß auf Dagden wiehern,
Hör das Füllen ſchrein im Moore
Und das Fohlen aus der Zerne!
Röplein wiehert nach dem Käufer,
Süllen fehreit nach einem Sattel
Und das Fohlen nad dem Zügel!« —
„Habet Dank, ihr Fugen Vögel,
60 - Habet Dank für eure Weifung !«
Spricht der ftarfe Sohn des Kalew
Und beginnt in raſchen Schritten
Einen andern Weg zu geben.
Fünfnial hielt ihn Wierland ab,
Harrien ließ ihn auch nicht ziehen
Und in Jerwen fäumt er felber;
Deshalb kam er auch nicht weiter.“
Unter Unholds zweien Söhnen
Bar aus leeren, nicht’gen Gründen
60 Streit und Zank einft ausgebrochen;
Deshalb war der: fleine See —
Groß genug bisher für Beide —
Shrer Mißgunft jeßt z enge,
Ihrem Haß zu Mein geworden.
Länger konnt’ es fo nicht bleiben,
Zehnter Befang.
Beide hielten's nicht mehr aus,
Mußten aus dem Haufe flüchten
Und ein Unterfommen fuchen.
Als fie weit umbergegangen,
Kreuz und quer das Land durchforſcht:
Ob fie nicht ein Plägchen fünden,
Nicht ein beſſeres Revier,
Wo ein jeder mabhängig
Bon dem andern leben könne, —
Trafen endlich fie zum Glück
. &n dem Kickerpaͤrſchen Sumpfe
‚Einen Play von ungeführ, Ä
Wo fein Hund ein Neft ih maden,
Keiner faum fi fegen würde.
Unholds Söhne fanden hier
Alles, was das Herz nur wünfdte;
Nur daß fie nicht einig wurden,
Wer von Beiden Eigenthümer
Diefes Sumpfes follte fein.
Jeder von den Beiden wollte
Hier als Herr allein regieren. ‚
Kalew’s ſtarker Sohn gerieth
Einft auf feinen Wanderungen
An Gefellfhaft guter Freunde
An den Kickerpärſchen Sumpf,
Als der Streit der beiden Brüder
Nicht beim Keifen nur und Schimpfen
Läanger mehr geblieben war,
Unholds Buben lagen ſich
Grade wüthend in den Haaren
Und zerzauften fi) die Köpfe,
Als mit feinen guten Freunden
Kalew's Sohn gegangen fam.
Schnell dem Kampf ein Ende machend
Traten fie ihn an und baten:
„Theurer Sohn des ſtarken Kalew,
Sprid ein wenig bei und ein,
Zwiſchen uns Gericht zu halten
233
80
100
234 Zehnter Geſang
Und allendlich zu entfchetden !«
Kalew's Sohn verftand fie gleich
‚ Und entgegnete den Buben:
„Laßt mich erft des Streites Anfang,
Erſt den Grund der Zwietracht wiffen.
Stühmt’s, fo muß es windig fein, .
110 Negnet’s, fo find Wolken da:
Und fo iſt zu eurem Streite
Auch gewiß ein Grund vorhanden.
Sept mir alfo aus einander,
Bie ſich euer Zwift entſponnen!“
Unholds älter Sohn ergriff
Gleich das Wort und fprad) mit Stottern:
„Aus dem Sumpf entftand die ——
„Unfer Streit aus dem Moraſte.
Wer von uns hat ihn gefunden?
1% Mer ift alfo Herr des Sumpfes? '
Unfre Wohnung haben zwar
Wir zu gleicher Zeit verlaffen
Und auch gleihen Schritt gehalten;
Als wir aber hier erfchienen,
Stand mein Zuß dein Sumpfe näher.
Daher ſcheint es recht und billig,
Daß der Sumpf aud mir gehöre.”
Darauf ſprach der Sohn des Kalew:
„Ihr feid beide Dumme Jungen!
130 Iſt es nicht ein Unverfiand,
Daß ihr euch an diefem Sumpfe
Mechte anzneignen fuchet,
Weil ihr ihn auf eurem Gange
Heute aufgefunden habt!
Mag ihn finden, wer da wolle:
Diefer Sumpf ift frei gewefen,
Bleibt auch frei für ew’ge Zeiten.
Doch ich will euch Diefe Wüfte,
‚ Boraus weder Menjchen jemals,
140 Noch auch Thiere Nuken zogen,
Sept einftweilen überlaffen
Zehnter Geſang.
Zum beliebigen Gebrauche,
Daß ihre bier vor wilden ZThieren
Sicher euch verbergen koͤnnet.
heilt euch denn in diefen Sumpf
Ganz nad) eigenem Belieben,
Denn an Raum ift hier fein Mangel!«
Darauf baten Unholds Buben
Ziehentlih den Sohn des Kalew: |
ollebernimm du felbft, Gevatter, 150
Diefen Sumpf erft abzugränzen
Und dann jedem feinen Antheil
Zum Gebrauche einzuweifen,
Daß nicht wieder Streit entflehe.
Iſt nicht nach der Schnur die Gränze
Ueberall durch fefte Puntte
Adgeftedt und gut perwarkt,
Könnte doch die Hahſucht wieder
Mebergriffe fi geftatten,
Die nicht gleich in's Auge fielen.“ 160
Kalew's edler Sohn bemerkte, \
Sich zu feinen Freunden pendend:
„Der fih dazu bergegeben,
Einen Streit im Dorf zu ſchlichten,
Muß die Sache au beenden,
Daß Tein Zweifel übrig bleibe. er
Schaffe, lieber Sohn des Alew,
Schnüre, wie man ſie beim Meſſen
Zu gebrauchen pflegt, herbei,
Miß den Sumpf mit dieſen Schnüren, 170
Theil ihm dann durch Wall und Graben
Ganz genau zur Hälfte ab
Und bezeichne feine Graͤnze
Nicht allein mit großen Steinen,
Sondern auch mit ſtarken Pfoften,
Daß ‚nicht neue Weiterungen
Wieder hier den Frieden ſtören.“
Alew's Sohn verſprach ſogleich,
Unterftüßt von feinen Freunden
235
236
180
190-
210
Zehnter Befang.
Die ihm aufgetragne Arbeit
Auf das befte auszuführen.
Kalew's ftarfer Sohn indeflen
Mußte diefen Ort verlaflen, '
Denn er hatte wicht’ge Dinge
Anderweitig zu verrichten.
Als der. liebe Sohn des Alew
Mit den Freunden Rath geflogen,
Wählten fie zum Anfangspunkte
Shrer Meſſung einen Platz,
Muſtapall genannt, am Fluſſe,
Um dort Pfähle einzufhlagen - |
Und die Schnur daran zu Tnüpfen.
Doch der alte böfe Feind,
Der nicht unterläßt den Menfchen
Wo er Tann ein Bein zu ftellen,
War au hier gleich bei der Hand.
Freilich hob er nur den Kopf
Zauernd aus der Fluth empor,
Doch erlaubte ex fich ſpoͤttiſch
Sie mit ſcheelem Blick zu fragen :
„Welche Arbeit, lieben Leute,
Treibt ihr denn fo heimlich bier
Und in folder großen Eile?
Habt an Zeit wohl großen Mangel?
Groͤßern noch, als jener Jaͤger,
Deſſen Beute unverſehens
Aus der Schlinge ſich befreite?
Glaubte ſchon im Sack den Vogel,
Als er ploͤtzlich ihm entflog!“
Alew's Sohn begriff den Spott,
Den der Unhold ſich erlaubte, .
Und erwiderte ihm herzhaft,
Ob er gleich im Innern zagte:
„Wollte bier den Fluß verfverren,
Die Gewalt des Waſſers zügeln,
Seinen Strom gefangennehmen
Und den Zugang feft vermachen,
(4
‚Zehnter Befang. 237
Daß fi drin nichts regen möchte, '
Niemand ſich bineinbegeben,
Niemand auch den Fluß verlaflen.“ 20
Tief im Grunde dieſes Flufſes
Hatte ſich vor langen Jahren
Einſt der Unhold angefiedelt
Und das Plaͤtzchen liebgewonnen,
Wo er ſich behaglich fühlte. —
Drum begann mit Schmeichelworten
Und mit honigſüßen Mienen
Er den Alewsſohn zu bitten:
»Laſſ' das Flüßchen ungehemmt, |
Nimm fein Waſſer nicht gefangen 3.
Und vermache nicht die Gänge, j
Die fein Inneres durchſchneiden;
Hindre auch den Zugang nicht
Und den Ausgang aus dem Fluffe, —
Und ih will dir reichen Kohn,
Will dir gern im vollen Maaße
Soviel du verlangft entrichten,
Ohne etwas abzudingen.«“ |
Alew's Sohn erkannte gleich i
Seinen Bortheil.und verfegte: 20
„Was verfprihft du mir zu zahlen,
Wenn ich mich fofort entjchließe,
Deinen Bünfhen zu wilfahren
Und die Arbeit aufzugeben?“ —
„Bas ich dir zu zahlen habe«,
Sprach der fehlaue Waſſerkobold,
„Für den Dienft, um den ich bitte,
Magft du felber, Freund, beſtimmen.“
Sprach darauf der Sohn des Alew:
„Wenn du meinen alten Hut = 250
Eigenhändig bis zum Rande
Mir mit blanken Thalern fülleft,
Dann verpfliht ich mich, den Fluß
Nicht zu binden, noch zu hemmen.«
Darauf ſprach der Waſſerkobold:
Zehuter Geſang.
„Morgen werd' ich in der Frühe
So viel blanke Thaler bringen,
ALS dein Hut nur fallen mag.“
Sprah der Sohn des Alew weiter:
„An den Hörnern hält den Ochien,
An den Worten man den Mann.
Halte nur, was du gelobet,
Und erfülle dein Verſprechen,
Sonft gerathen wir in Streit
Und die Noth beginnt von neuem.“
Waſſerkobold tauchte unter
Und verbarg ſich in der Tiefe.
Kalew's Better, Sohn des Alem,
Grub noch in derfelben Nacht
Unterftügt von einem Freunde
Eine Deffnung in die Erde
Don der Tiefe eines Fadens,
Etwas ausgehöhlt nach unten,
Dben aber nur fo weit, |
Daß der Hut bis an die Krempe
Grade in die Deffuung paßte.
Unten aber wor ber Hut .
An der Seite aufgefänitten,
Daß die ſchweren Thalerftüde
In die Grube fallen mußten.
Andern Morgens früh vor Tage
Schüttete der dumme Zeufel
Einen Schooßvoll alter Thaler
In den aufgeftellten Hut.
Doch das wollte nichts verihlagen.
Waſſerkohold brachte deshalb
Einen zweiten noch und dritten,
Schleppte dann ein ganzes Fuder
Und ein zweites noch herbei,
Ja und in der Angſt Des Herzens
Griff er au ſchon nach dem Golde;
Doch der Hut blieb immer leer.
Schon begann der Schatz des Unholds
hunter Grfeng,
Sichtbar an ſich zu venmindem..
Endlich wurden ale Kaſfen
Ausgefegt bis auf den Boden,
Alle Beutel ausgeleert, I
Ale Taſchen umgewendet. ⸗ 300
Doch der arme Teufel plagte
Und bemühte ſich vergebens:
Unbeweglich ſtand der Hut
Immer an derſelben Stelle,
Aber leider immer leer!
Waſſerkobold fing. nun an
Seinen Gläubigen zu bitten.
„Lieber Bruder“, ſprach er flebend,
„Nur noch bis zum naͤchſten Herbſte
Gieb mir Zeit die Schuld zu tilgen! -
Dann ift wieder Geld. im Haufe, ,
Daß ich ohne geoße Opfer 310
Mein Beriprechen löfen faun,“ :
Alew's Sohn erwiderte
Seinen Vortheil ſchlau berechnend:
„An den Hoͤrnern haͤlt den Ochſen,
An den Worten man den Mann! ER
Lang dem Wandrer wird der Weg, .
Lang dem Wartenden die. Stunde,
Lang dem Gläub’ger der Termin.
Fuͤllſt du mir nicht auf der. Stelle ——
Meinen Hut mit blanlen Thalern, 2 320
Geh' ich wieder an die Arbeit
Und verſchließ' die Waſſerpforten, Mn
Daß im Fluß fih Niemand regen,
"Niemand ſich hineinbegeben,
Niemand ihn verlaffen fol,» '
Blieb dem armen Waſſerkobold,
Unbolds theurem, lieben Sahne,
Zeider doch nichts anders: übrig,
Als nur wieder umzukehren |
Und mit Hilfe feiner Matte 3330
Noch den Reſt herbeizuſchaffen.
[11] 18
Ihater Befang.
Doc) vielleicht gelang es ihm,
Seinen Gläub’ger noch zu yrellen !
„Lieber Sohn des Alew«, bat er, '
„Mein VBerfprechen ift mir ‚heilig
Und ich werde jedenfalls
Heute noch das Geld dir ſchaffen;
Doc erlaub? ich mir die Bitte,
Daß du mit mir kommen mögef,.
Um e8 felber abzuholen.”
Der verſchlagne alte Schelm
Wollte nur den Sohn des Alew
Bon dem Thalerſchatz entfernen.
Alew's Sohn indefien merkte
Alfobald des Kobolds Abficht
Und durchfchonte feine Liſt.
Deshalb ſprach er zu dem Kleinſten
Unter den Gefährten alfo: |
„Lieber Hadenbube Kalew'd,
Geh’ gefälligft mit dem Manne,
Ihn ftatt meiner zu beſuchen
Und die Seinigen zu grüßen.
Hilf ihm tragen feine Säde,
Daß er's etwas leichter habe.
Mir iſt's heute ganz unmöglich,
Mich von dieſem Platz zu rähren. -
Muß hier wie ein Feld im Meere,
Wie im Sturm die ſtarle Eiche
Feſt auf meiner Stelle bleiben,
Um die Thaler zu bewachen.“ -
Kalew’s Tieiner Hackenbube
ar fogleich bereit zu gehen.
Waſſerkobold ging voran
Und des Alewsſohns Gefaͤhrte
Blieb ihm immer auf der Ferſe.
Unbekannt war ihm der Weg,
Unbekannt die ganze Gegend:
An des Schattenreidhes Gränzen,
Und es hatte fiher au
„ Zehnter Befang-
Nie vor ihm ein menſchlich Weſen
Diefe Gegenden beſucht
Oder nur von fern gefehen.
Kalew's kleinem Hadenbuben
Fiel das Herzchen in die Hoſen,
Als fie in die Koppel kamen,
Die dem Waſſergeiſt gehoͤrte
Und an ſeinen Anger ſtieß,
Bo noch nie ein Morgenroth,
Nie ein Abendroth noch glühte,
Keine Sonne jemals fchien,
In der Nacht fein lieber Mond,
Keine heitern Sternenäuglein
Jemals Wald und Flur begrüßten.
Nur ein trüber Schimmer fiel
Auf den Weg vor feinen Züßen
Bon den Fackeln, die am Thore
Stil zu beiden Seiten glühten.
Als die Wanderer die Schwelle
Kaum erft überfchritten hatten,
Kamen ſchon des Haufes Söhne
Grüßend ihrem Gaft entgegen
Und erſuchten freundlich ihn,
An dem Tiſche Plap zu nehmen,
Der von goldnen Trinkgeſchirren
Und von Silberfchüffeln prangte
Und dem Gafte Zeugniß gab
Bon dem Glanz und von dem Reichthum,
Der in diefem Haufe herrſchte. —
In dem Reich dea Böſen waltet
Stets die eitle Prunkſucht vor,
Deshalb war der Tiſch vor Gaͤſten
Immer glänzend ausgeftattet.
Kalewsfohnes Hadenbube
Konnte aber vor Entjepen
Keine Speife zu fi) nehmen,
Keine Schüffel nur berühren,
. Konnte. aus den Trinlgeſchirren
18*
4
370
241
242 Zehnter Gefang.
Nicht ein Troͤpſfchen fühen Methes
Ueber feine Zunge bringen:
40 Denn es fprübten Feuerfunken
Aus den Schüfleln mit den Speifen,
Züngelten von Zeit zu Zeit
Blaue Flaͤmmchen and. den Bechern.
Waflerfobolds Brüder fingen
Heimlich unter fih zu kichern
Und in ihrer Mutterfprache
Sich in's Ohr zu zifhen an
In den wunderlichften Lauten,
Faſt wie lettiſch anzuhören
49 UUnd dem Gafte unverftändiid.
Kalewsfohnes Hadenbube
In verzweiflungsvoller Lage
Dachte bei fich ſelbſt mit Grauſen:
„Die Gefahr wird immer größer,
Daß ich armes junges Blut
Hier mein Leben noch verfiere,
Wegen meines Freundes Habſucht
Einfam hier im Bfuht verderbe,
Wo kein goldgelodtes Mädchen
430 Meinen Zod beweinen wird.
Geldbegier’ger Sohn des Alew,
Mußteft deiner Habfucht willen
Einen Freund zur Hölle fenden !
ä Bar ein halbes Ei nicht befler,
Als die Teere ganze Schale?-
Als die jungen Teufel lange
Mit einander Rath gehalten,
Schlugen fie dem lieben Gaſte
Jezzt ein kleines Spielchen vor.
40 Ob er wollte oder nicht,
Darnach fragten fle nicht weiter, .
Sondern fehleuderten ihn lachend
Wie ein leichtes Kurnikloͤtzchen
In dem Zimmer hin und ber,
Ließen ihn mie einen Kreiſel
Ichntex Oeſang.
Sich im Windeswirbel drehen,
Barfen ihn wie einen: Ball
Einer in die Hand des Andern
Und ergoͤtzten fi) daran,
Wenn der arme Hadenbube | 450
Bald von einer Wand zur andern,
Bald bis an die Dede flog.
Endlih fing der Hadenbube
Slehentlich zu bitten an:
* „Spielgenofien, liebe Brüder,
Sept mid, wenn ich bitten darf,
Jetzt auf euren Aeftrich nieder, ‘
Daß ih mid erholen Tann!
Gebt mir Zeit, die Wände ferner g
Und die Winkel diefes Zimmers 460
Und die Länge und die Breite
Seines Bodens auszumeflen, :
Daß ich meinen Hausgenoſſen
Ganz genau befchreiben Fönne,
Wie ich's hier gefunden habe
Und wie body ihr mich gefchaufelt!« *
Als fie nun dem armen Burfchen
Endlich etwas Ruhe gönnten,
Griff er nah der Schnur im Gürtel,
Die er immer bei ſich trug 410
Seit det Meſſung im Morafte,
Und begann num ohne Zögern,
Doch mit großer Ueberlegung,
Mit dem Winkelmaaß die Eden, b
Mit der Schnur zuerft die Höhe, |
Dann die Breite und die Länge
Diefes Zimmers auszumefjen
Und begab fi dann zur Thür,
Um auch diefe aufzunehmen.
Hier gelang es ihm zum Glüd 40
Unbemerlt hinausgufchlüpfen ' :
Und in’8 Freie zu eutlommen.
Das bennpte ex zur Flucht,
244
510
520
Zehnter Belang.
Die mit folder Haft und Eile
‚Und fo glüͤcklich vor ſich ging,
Daß er bald und ungehindert
An das Tageslicht gelangte.
Hier vermochte ihm der Böfe
Ernſtlich nichts mehr anzuthun,
Sa kein Haar ihm mehr zu Trümmen.
An der Pforte hatte ihm
Zwar der Wächter zugeflüftert:
„Willſt du rafıh und unbemerkt
Aus dem Schattenreich entlommen
Und entgehn den vielen Schlingen,
Wende gleich vom Weg’ dich rechts!“
Dennoch Tam der arme Burfche
Ungeängftigt nicht nad) Haufe.
Nur der flarte Mann ift frei
‚Wie der Kuckuk auf der Zamne,
Wie der Sänger auf dem Bipfel,
Während hundert Stleinigkeiten
Stets den ſchwachen Mann bedrängen.
Kalewsfohnes Hadenbube
Aus der Hölle Pein entfliehend
Ward ſchon dadurch eingefchüchtert,
Daß ihm eine Meine Hündin,
Der zwei junge Hunde folgten,
Grad entgegentommen mußte.
Diefe Hündin, Niemand anders,
Als der Höllenbuben Mutter,
Kam von Zorgel aus der Badftub'.
Sept erſt dachte Hadenbübchen
An die Warnung, die der Wächter
Ihm am Thore zugeflüftert,
Wandte rechts vom Wege ab
Und behielt auch diefe Richtung.
Im geſtreckten Laufe waren
Ihm vorbeigerannt die Hunde,”
Ohne ihm zu nah’ zu kommen
Oder ihn nur zu beachten.
Zehnter Geſamg.
Seine Flucht beſchleunigend
Kief der Freund des Alewsfohnes
Sept im ſchnellſten Trabe weiter
Und erreichte bald die Stelle,
Wo der Alewsfohn die Grube -
Heimlich ausgegraben hatte,
Um den Höllenfohn zu täufchen.
Diefe Grube geugte noch
Bon dem ftattgehabten Vorfall,
Doch das Geld war nicht mehr da,
Auch der Hut nicht mehr vorhanden,
Noch der Mann, dem er gehörte.
Kalewsſohnes Hadenbube
Machte unverweilt fih auf,
Den verlornen Fremd zu fuchen.
- Sept gefellte. Waſſerkobold
Grinſend fih zum Hadenbuben, - -
Soppte ihn auf jedem Schritte
Und bemerkte endlich höhniſch:
„Hatteft Feuer wohl im H.....n,
Daß du fortliefft, lieber Mann,
Und den Geldſack liegen ließeſt!
‚Dder ſtach did) eine Bremfe?.
Sch vermochte nicht allein
Den gewicht'gen Sad zu tragen.
Laſſ' uns unfern Handel denn
Anders auszumachen fuchen!
Willſt du etwa mit mir ringen
Oder um die Wette laufen
Und den Sieg dem Glück vertrauen?«
Waſſerkobold dachte heimlich,
Ohne laut es auszuſprechen:
Klüger find ſie wohl, als wir, |
Doch an Kraft uns nicht gewachfen.
Kalewsſohnes Hadenbube
Ließ fi darauf ein und fagte:
„Wenn du Luſt Haft, Brüderchen,
La und einen Kampfplab fuchen!«
670
gehnter Gefang.
Als fie num des Weges gingen,
Um den Kampfplatz auszumählen,
Kamen fie zum Rärskaberge,
Den fie gleih am Tube ſchon
Beide ganz geeignet fanden.
Doc bevor fie ihn erſtiegen,
Kamen ganz von ungefähr
Kalew's Sohn und Alew's Sohn
Arm in Arm dahergegangen.
Diefer hatte Turz vorher
Seinen Silberſchatz geborgen
Und verftedt in einem Strauche.
Kalew's Sohn, der fie erblidte,
Stieß den Better an und fragte:
„Ei, wer hat den Leiten da
Ihm zum Führer anempfohlen?
Und wo ift er hergelommen,
Diefer wunderlie Kauz?"
Alew's Sohn erwiderte:
"Diefer Fremde bat verfpeochen
Meinen Hut mit Geld zu füllen,
Aber nicht fein Wort gehalten.“ -
Sprach darauf der Hadenbube: '
„Und mit mir ift diefer Fremde
Eine Wette eingegangen
Und wir gehen Bter hinanf
Unfre Sache auszumachen.“
Kalew's ſtarker Sohn bemerkte
Gegen feinen Hadenbuben :
„Wachſe noch, mein lieber Kleiner,
Wachſe höher noch hinauf "
Und erwirb noch manches Andre,
Eh’ du ernfien Kampf beginneft;
Denn du bit ja noch ein Kind!“
Sprach's und fihob den Gaßenbuben
Lachend in die Hoſentaſche,
Daß er da uch wachſen möge,
Und begab ſich auf den Berg,
gahmer oeſam
Um das Kampffpiel mit dem Fremben
Dort im Scherze auszuführen.
Sie befchlofien ihren Wettkampf
Mit dem Steinwurf zu beginnen,
Um zu fehen, wer wohl weiter
Mit der Schleuder werfen Lönne.
Bruder Waſſerlobold ſollte
Dieſesmal den Anfang machen,
Sollte mit dem Wurf beginnen.
Er verſuchte einen Stein
Stundenlang mit ſtarren Händen
Und mit ſteifen, plumpen Fingern
Seiner Schleuder anzupaſſen
Und dann ſchwang er mehr als zehnmal
Erſt im Kreiſe ſeine Schleuder,
Eh' der Stein mit Heulen endlich
In die Lüfte ſich erhob.
Und wo fiel der Stein des Unholds
Endlih auf die Erde nieder?
An des Wirzjärw’s fand’gem Ufer
Ragt der Stein noch jegt hervor
Kaum der Schritte zehn vom Waller. -
Jeder fieht ihn unentgeltlich,
Findet ihn auch ohne Mühe,
Denn er ift gewiß nicht Kleiner,
Als die Badſtub' im Geſtude.
Kalew's Sohn war jetzt daran,
Seinen Schleuderftein zu werfen.
Er bedurfte feiner Stange,
Hatte feinen Hebel nöthig, |
Sondern brauchte nur die Finger,
‚Um den ungebeuren Zelfen,
Den zum Burfflein er gewählt,
In die Schlinge einzupaffen.
Nur ein Schwung mit flarlr Hand, —
Und der Stein mit Sturmesfaufen
Fuhr hinaus aus feiner Schlinge.
Zange hörte man nachher
610
248
670
Zehnter Gefang.
Noch das Saufen aus der Höhe,
Denn er hatte weit zu fliegen
Und durchbrauſte fo die Luft
Wie der Sturm die Meereswogen,
Bis er am den Peipus fam,
Wo er niederfiel am Ufer.
Wer den Peipusftrand befuchte,
Hat den Burfftein auch gefehen.
Bruder Waſſerkobold bat
Noch den Wettkampf fortzufeben,
Etwas And’ved zu verfuchen.
Kalew's Sohn entgegnete:
„Meinethalben, liebes Männchen!
Ich veradhte feinen Wettlampf,
Zürchte feine Kraftvesfuche.
Denn das Ringen flärkt den Körper,
Uebt des Mannes Kräfte fpielend.
Laff uns denn im Spiel verfuhen:
Sigend unfern Gegenpart
Bon dem Sige aufzuheben!"
Beide Kämpfer ſetzten fi
Fuß an Fuß geftügt num nieder
Und erfaßten Unholds Knittel
Wagerecht mit beiden Händen.
Unhold ftrengte feine. Arme
Sp gewaltig an beim Ziehen,
Daß die Muskeln reißen wollten ;
Dennoch konnte er den Gegner
Weder von dem GSihe heben,
Noch auch nur vom Plage rühren.
Mit den Sohlen etwas fefter
Sich an feinen Gegner ftemmend
Und den Knittel mit den Händen
Etwas fräftiger erfaffend
Zog der Sohn des Kalew an, —
Und der arme WBaflerfobold
Fuhr gleich einem leichten Pfropf
Bon dem Sihe in die Höhe.
JS
gehnter Geſang.
Seine Hände ließen gleich
Den gefaßten Knittel fahren
Und nachdem er Burzelbäumdhen
Sn der Luft gefchlagen hatte,
Flog er in die Ferne fort,
Glitt und rollte ſteben Werfte
In derfelben Richtung weiter,
Fiel dann krachend im Geftrüpp
Eines Meinen Hügels nieder
Und vermochte fieben Tage
Nicht Das Auge aufzufchlagen,
Noch den Kopf emporzuheben,
Kaum ein Glied nur zu bewegen.
Kalew's Sohn und fein Gefährte
Schlugen ein Gelächter auf
Und der Hackenbube lachte
Herzlich. in der Zafche mit ar
Ueber Unholds kleinen Unfall.
Das Gelächter dieſer Männer
Zog wie ein Gewittergrollen
Ueber weite Flächen hin
Und durch dichtbewachfne Wälder,
Daß der Boden zitterte
Und die Hügel fi) bewegten.
Alew's Sohn erzählte lachend,
Wie er jüngft den Waſſerkobold
Mit dem Hute überliftet
Und der dumme Teufel ihm
Seinen ganzen Schag allnälig
Keuchend felber zugetragen.
Als er aud des Spruchs erwähnte:
„An den Hörnern hält den Ochſen,
An dem Worte man den Mann,“
Fuhr der Kalewsfohn zufammen,
Denn es fiel ihm aufs Gewiſſen,
Daß der Kaufpreis feines Schwertes
Noch nicht abgetragen war:
Und da ſprach der edle Held,
680
700
740
Zehnter Befaug.
Segte alfo feine Worte:
*Alew's Sohn, mein dieber Better }
Mach' dich eilig auf nach Haufe,
Nimm ein Pferd Dir nach Belieben,
Das dich bis zur Koppel trägt
An dem Hofe meines Daters,
Dem berühmten Thalerhofe,
Miethe Schiffhen dort am Strande,
Treibe größte Boote auf
Und auch Nahen, falls fie brauchbar,
Denn die Schiffhen follen Gold
Und die Nahen Silber führen
Und die Boote andre Güter.
Dinge Ruderer dazu
Und geſchickte Stewerleute,
Die auf Meerfahrt fich verftehen, \
Und verforge fie mit Allem,
Was fie auf der Reife brauchen.
Bringe auf die Schiffe dann:
Neun der beften Arbeitökiepper,
Dier Paar gute Trageftuten,
Zwanzig Kühe reih an Mil,
Funfzig Kälber wohlgemäftet,
Hundert Tonnen reinen Weizens
Und das Doppelte an Roggen,
Tauſend alte Thalerflüde,
Hundert Paare Paternofter,
Viermal funfzig goldue Münzen,
Einen Schooßvoll Silberfpangen
Und den Mahlichah dreier Jungfern.
Ein paar Boote nebenher
Kannft du wit Geſchenken füllen.
Ale diefe Schäge führen
Du zu Schiffe übers Meer
In des Schmiedemeiftere Wohnung
Und bezahleſt meine Schuld,
Ohne etwas abzudingen.
Gieb auch Bold und Silber noch
Zehnter Geſang. Bit
In den Kauf für langes Warten, 750.
Daß man freundlich dich entlafje!- *
Alew's Sohn beeilte ſich
Dem Befehle nachzukommen, z
Und nad) Turzer Zeit ſchon jagte | i
Er den Weg hinab nach Harrien,
In dem Schatten eines Strauches
Warf fih Kalew's Sohn zur Erde,
Um ein wenig audzuruhen,
Und verfant in tiefed Sinnen
Ueber den Bericht des Boten | 760
Bon dem Veberfall der Zeinde
An der Wierſchen Meeresgränze.
„Bo entde ich ein Afyl,« '
Sprach der Starke bei ſtch felber,
„Eine Zuflucht für die Schwachen?
* Wenn. der Feinde wilde Rotten,
Ihre zügellofen Schaaren
Wierland's Triften überſchwemmen
Und in Jerwen ſich verbreiten,
Dann bedarf es feſter Plaͤtze, 770
Die, geſchützt durch hohe Mauern,
Schwachen Greifen ein Afyl,
Kranken eine Ruhefätte,
Eine Zuflucht unfern Töchtern
Bor der Rohheit bieten würden,
Wo die Wittwen ımd die Waifen
Ihre Thränen weinen Fönnten.“ *
Endlich kam er zum Entſchluß,
Denn er ſprach ſich taſch erhebend:
„Bretter muß ich mir verſchaffen, 700
Häuſer daraus aufzubauen
In den Städten, die ich gründen,
Die ich herrlich ſchmücken will.
Zum Gedächtniß meiner Eltern
Soll den Zodtenhügel Kalew's
Meine erfte Stadt umfränzen,
Meine zweite wird am Embach
810
Zehnter. Geſang.
Auf dem Hügel Taara's fhimmern,
Taara's heigen Hain befhügen,
Meine dritte tief verborgen
In dem Jaanſchen Moore liegen;
Endlich wird in Allentaden
Eine vierte fi erheben
Für Verlaſſ'ne und Berfolgte.
Heute brech' ich noch nicht auf,
Bill mid) lieber erft erholen;
Morgen aber in der Frühe
Werd' ich auf den Weg mich machen
Und den Peipusftrand befuchen;
Alew’s Sohn muß unterdeflen '
Meine Schuld in Finland tigen.“
Als er aus der Hofentajche
Sich fein Meffer holen wollte,
Traf die Hand den Hadenbuben,
Der gleich einem Schwein im Sacke
Sein Gefängnig nicht verlaflen,
Sich nicht felber helfen Tonnte.
Sprach der ftarfe Sohn des Kalew
Scherzend. zu dem Hadenbuben:
„Ei, was krabbelt für ein Floh
Da herum mir in der Taſche?
Komm heraus, du Heiner Schelm,
An der Luft dich auszuwettern,
Dich im Sonnenliht zu dehnen, _
Dich am Mondfchein zu erquiden!
Hör mid an, mein Hadenbübhen,
Und beachte meine Worte,
Denn ich will dir ehrlich nüßen,
Gern dir guten Rath ertheilen.
Höre, Pflegefohn des Adlers!
Eh? ſich dir, du Meiner Spätling,
Die erforderlihen Federn
An den Flügeln ausgebildet:
Laſſe hübfch das Fliegen bleiben!
Sollte dich ein Boͤſer reizen,
Zehnter @efang.
- Dich ein Feind verfuchen wollen :
Baue nicht auf andre Waffen, _
Als auf die des Geiftes nur.
Sud’ den Gegner durch Betrug,
Such? durch Kift ihn zu belämpfen,
Bis du erft ein Mann geworden,
Manneskraft gewonnen haft.
Niemals durfteft du ed wagen
. Mit dem Unhold einen Wettkampf
Allen Exnftes einzugehen !»
Alew’s Meiner Stammgenofle
Paßte auf und gab zur Antwort:
„Daß ich's mit dem Unbold wagte -
An den Kampf mid einzulaflen,
Dazu hat mi Der ermuthigt,
Der mit feinem alten Hute i
Ohne Kampf und ohne Mühe
Alles Geld ihm abgewann.
Jünger zwar und fchwaͤcher auch,
Aber klüger als der Unhold
Wuͤrd' ich ihn bei jedem Spiel
Sicher überliſtet haben!“
Darauf ſprach der Sohn des Rat,
Setzte alfo feine Worte:
„Wachſe no um eine Spanne
Dder auch um zwei noch höher,
Lege dich noch etwas aus,
Lieber Junge, und erſtarke
"Kür die Tage, die noch kommen,
Und zu deinem eignen Nutzen.
Ich muß jegt auf Reifen gehen,
Da ich an dem Peipusftrande
Wichtige Geſchäfte habe.
Bleibe du indeffen hier
Für den Zall, daß Wierſche Boten
Dinge zu beriähten haben,
Die ich felber hören muß,
Und geleite ohne Aufſchub
870
Zehnter Gefong
An den Peipusſtrand diefelben,
Denn ich werde läng're Zeit
Dort gewiß verweilen mäffen.“ J
Während dieſer Unterredung
Labten fie ſich an der Mahlzeit
Und an einem frifehen Trunke,
Eh fie unter ihrem Laubdach
Sich zur Ruhe niederlegten.
* Denn die Racht mit ihren Schatten
Sant ſchon aufs Gefilde nieder
Und gebot den Böglein Schweigen,
Ruhe allen Lebenden.
Hin und wieder flog ein Kaͤfer
Brummend durch die laue Luft,
Zirpte leife eine Grille,
Schwirrte eine Müde einſam,
Rief Die Wachtel aus dem Kornfeld
Und vom Flufſe her der Kiebik.
Nirgend ließ fih weit und breit
Sonft ein Lebenszeichen hören.
Flimmernd fehauten die Geſtirne,
Silbern das Geſicht des Mondes
Auf die Schlafenden herab, *
Während fich der Traum beeilte,
Ihre Augen zu verſchleiern.
* Wetterjungfrau, ſchmuck und lieblich,
Töchterlein des Donnergottes,
Goldgelockt, mit blauen Augen,
Schwärmte gaukelnd weit umher
Und. gerieth in eine Wildniß,
Die noch Feine Rinderheerde,
Noch Fein Hüter je betveten ;
DBögel nur und Schlangen kannter
Hier die Bäume und das Mond, =
Sorglos fchritt fie duch die Schatten,
Heitre Augendluft im Buſen.
Biel ihr nichts im Walde auf?
gehuter Gefang.
Nichts in diefer den Wildniß?
Sa, ein tiefee Brunnen war es;
Unermeßlich ſchien er tief.
Dichte Rinderfpuren führten,
Menfchenfpuren auch zum Brunnen.
Goldgelodte Wetterjungfrau,
Zöchterlein des Donnergottes,
Wollte von dem Waſſer koften,
Zog am goldnen Brunnenfähwengel,
Hafchte nach dem Silbereimer.
Sah ein Bube aus der Wildniß,
Echo's ſchlanler Pflegefohn,
Kaum das Mägdlein an dem Brunnen
Sich mit Muͤhe Waſſer ſchoͤpfen,
Als er auch zu Hilfe eilte.
Wetterjungfrau, ſchoͤn und lieblich,
Töchterlein des Donnergottes —
Hatte fie der Burſch erſchreckt,
Daß die Hand ihr glitt vom Eimer? —
Ließ den Ring vom Finger fallen.
Betterjungfrau, ſchmuck und lieblich,
Töchterlein des Donnergottes
Mit den himmelblauen Augen,
Wurde gar betrübt und wünſchte
Irgend einen Freund herbei,
Der, ihr gern bereit zu helfen,
Ahr das Ninglein aus. dem Brunnen,
Aus der Tiefe wiederbrächte.
Als der ſtarke Sohn des Kalew
Bon der fhönen Jungfrau Thränen,
Don des Voͤgleins Kummer hörte,
Kam er eilend ihr zu Hilfe.
„Barum weinft du,“ ſprach er freundlich,
„Barum weint du, ſchoͤnt Jungfran,
Klagſt du, liebes Lodenköpfchen,
Biſt fo traurig, Meines VBöglein ?-
Betterjungfran, fhön und Tieblich,
Ging auf feine Fragen ein
266
910
256
960
Zehater Gefang.
Und erwiderte mit Aumuth:
„Soll ich armes Kind wicht weinen,
Soll id trauern nicht und Magen?
Sieh, mir ift mein Ring vom Finger,
ALS ich aus dem Brimnen ſchöpfte,
Unverfehn’8 hineingefallen I* .
Ohne nur fih zu bedenken
Sprang der Salewsfohn hinab,
Um den Ring berauszuholen.
BZauberjünger, raſch verfammelt,
Sprachen fohadenfroh am Brunnen:
„Run, die Maus ift in der Falle,
Peb gefangen in der Grube!
Laßt uns Steine nehmen, Brüder,
Und fie auf. den Hals ibm wälen,
Auf des flarken Mannes Naden !u
Auf der Stelle ward ein Mühlftein
An des Brunnens Rand gemälzt
Und Hinabgeflürzt vou oben,
Der den ſtarken Mann zerfchmettern,
Der den Bären tödten follte.
Als der Sohn des Kalew lange
Pit dem Suchen fih verweilt,
Sprang er wieder aus dem Brunnen.
Hat er auch den Ring am Finger?
Ei ja freilich hat er einen!
Wie ein Muͤhlſtein faft zu ſchauen
Schwebt er ihm am Heinen Finger.
„Iſt es diefer, ſchöne Jungfrau,“
Sprach er freundlich zu dem Maͤgdlein,
„Iſt es dieſer, Lockenkloͤpfchen,
Den du heute hier verloren,
Der hinabfiel in den Brunnen
Und verſank in ſeiner Tiefe?
Größtes hab? ich auf dem Grunde
Nicht im Schlamm entdecken Fönnen.“ *
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J 7* —
Kam begann das Morgenroth
Leicht den Wollenſaum zu färben
Und zum Schmuck des jungen Tagab:.
Purpurſtreifen andznienden, . ; .
Die in flüfgenz&oße nn 2 5
Als der Kalewsſohn ‚erwächte. :.
Und geſtärkt vom Lager rag,
Um die Reife fortgnfegen.
Raſch und kraͤftig wie er war,
Pflegte er nicht laug' zu fäumen.
Durch den. frifchen Morgenthau
Rüſtig feine Schritte lenkend.
Eilte Kalew's Rieſenſproßling
Nur nach einem kurzen Imbiß
Schon dem Peimäftande.zu; . . .. :
Wälder mußte er durchbrechen,
Ueber weite Ebnen .fchreiten,. -:
Hier durch dichtes Dorngefttüppe, ..
Dort duch fintende Meräfte. ::
Und duch himpelreiche Sümpfe
Sich zum Ziel die Bahn. aft If,
Da kein Weg vorhanden war. . .. :
"Bo er duch den Wald ‚geärmt,; :
Bar ein offner Weg Posaune: F
Wo er im Moraſt gewatet,
Hatten Gräben ſich gebitdet,: - °... .:
Himpel, die feiu. Fuß betceien,
Baren ganz und. ger verfhiwunden; .-:
“ “ir
‘ 44 “art, n
ID
10
258
Eifter Geſang.
Mancher Hügel war geebnet,
Abgeplattet mancher Berg,
Ro fein Zuß mit größerm Nachdruck
Oder läng’re Zeit geweilt. *
An dem Peipus angelommen
Schaute Kalew in die Ferne,
Ob er irgendwo ein Fahrzeng
Auf dem See entdeden a
Das zum Frachtſchiff tauglich wäre ;
Doch foweit er auch die Blicke
Ueber's Waſſer fihweifen ließ,
Ward er nirgend eines Rabnes, x
irgend eines Boota gewahr
Und begann, den Rod geichärgt
Hoch hinauf. bit am Dem Gaͤrtel, En A |
In den See hineingubrerhen ..
Und die Bogen zu durchwaten.
Stände du am Uferraude
Und verfolgteft mit den Bliden:
Den verwegnen. Bang des Gulden,
Hürdeft mit. Dem fchärffien Ange : -
Du das Ufer nicht erlennen,
Das er fih zum Ziel erſehn,
Bo er fih auf feſten Lande:
Rack dem Bade trodnen lounte.
Weder fah ſich Kalew?s Sohn |
In der Länge diefeh Weges, ;
Rod in feiner Schwierigleit
Im geringften nur. behindert,
Sondern brad) füch anverdrofien.
... Und mit heiterm Muth die Bahn
Durch die aufgeregien Bogen, .
Die er zur Gmupörung veizte
Uud zu weißem. Schaume ſchlug⸗
Bor dem nie erlebten Aufnıhe
Flohn die aufgefchrediten. Fiſche,
Zog fich ſcheu der. Krebs zuräd,.
Barg der Tander ſich im Gruiche,
va
Elifter Gefang.
Schlüpfte in den Schiff die Ente: .
Wer an jenem Tage grade
Selber dort geweſen wäre,
Hätte Manches ſchauen Ehunen,
Was er nie zuwor geſchaut,
Und mit eignen Angen fehen,
Wovon er noch nie hehört.
Dom Gebüfche. dicht beſchattet
Stand ein Zaubrer im Verſteck,
Weitberühmt am Peipusſtrande.
Start behaart am ganzen Körper
Bar er einem borſt'gen Eber
Dder einem Bären ähnlich
Mit erhobnen Bordertaben,
An des Schweineräffels. Seiten
Saßen ſchmalgeſchlitzte Augen,
Die von gelbem liter ſtatrten;
Aus des breiten Maules Winkeln
Nedte ſich der Geiferſchaum
Bie beim Eber auf der Hehe;
Auf dem eingelniffuen Kinne
Thronten Geiz und Keid und Mipgunft.
Das behaarte Ungetbüm,. -
Menſchenaͤhnlich aufrecht gehend,
Bon Geburt ein Zaubrer fon,
Wohl vertraut mit Wind und Waſſer
Und erfahren in der Heilkunſt,
Kannte taufend Murntelfprüde
Und ein Wort für jedes Uebel,
Lockte Wind aus jeder Richtung,
Sagte wahr und prophezeite
Mit dem Sieb und ohne. Sieb,
Zeichnete das Bi des Diebes:
Deutlih ab im Beanntmeindglafe,
Nahm das Uebel Einem ab,
Um's dem Andern anzuheften,
Und: entziseite gute Freunde. |
Sputgeftalten und Geſpenſter
70
100
110
130
1.1
Eufter Sefang,
Wichen feinen Künften inmer.
Seine Mittel halfen ſchuchl,
Schneller als der Wind .fid. wendet... F
Bo Verrenkung ſtattgefunden,
Auch bei Quetſchungen uud Brüchen
Band er die getrennten Theile er
Nur mit rotbem Garn zufammen, : ı
Heilte Beulen durch Belelen,
Aufgetriebnen Leib Durch Kneten,
Stillte Blut mit einem Wörtchen,
Feuersbrunſt mit einem Wine —
Und beſprach den. Schlangenbiß.
Naſſe Flechten zu vertreiben, ee .
Gichtſchmerz mit gefhahtem Silber
Auf die Dauer zu benehmen,
Die Berfümmerung des Kinded .. ; .
Auf den Hund zu übertragen, .
Kleine Schreier. eingnfchläfern
Und vom Beinen za entwöhnen . —
Bar er ſtets bereit und kanute
Kraͤft'ge Wörter gegen Fallſucht,
Gegen Ruf und böfe Bäne;. .
Auch das kalte Fieber wih . - :.
Dor des Zaubrerd weiten Sprüchen. —
Salzgefüllte Linnenpfroͤpfchen
Bündelchen von Herentränten : . .» ı .
Nebft gefeiten Histenftäben, ——
Jagd⸗ und Fifchereigenäthen ....
Und ein Tränfchen ebestcopfen.
Hielt er immer in Bereitfchaft: . 4
Er verftand des Biken Schlihen . . ..:°.
Unterm Moofe nadaufhleihen, . > :. i::.
Wußt’ auf jedem Kreuzweg Unsmen, .: :.:.
Die das Gut vermehren heifen, -. _
Und entdedte jeden cap, .. : . ; m.
Den man einft vergraben hatte.
Diesmal nicht geſtimmt zum Baofttpun
Blies er an dem Ufer hochend
[23
Eier Geſang.
Auf den See zu feinen Bäßen °
Wörter aus mit vollm Baden, .
Die dem Kalewsfohn zum Tort .. . :.” -
Einen Sturm, erregen ſollten.
Hei, wie bäumten fi Die Wogen,.. ;
Flogen ſchäumend himmelan!
Bald erſcheint in weiter Ferne
Auf dem See ein Gegenſtand
Titten in dem Wogenſchwalle,
Einem Menfchen zu vergleichen,
Der verfunten bis zum Gürtel.
Gegen Sturm mad: Wellen kämpft.
Bald erhebt fi) die Erfcheinung, - +
Bald verdeden fie. die Wellen:
Mehr als etwa eine Meile
War fie noch entfernt vom Ufer;
Die bewegliche Geftalt ; 2
Dennoch fchien fie dem Beſchauer
Don der Größe eined Mannes,
Den man vor fid fliehen flieht.
Schwer beladen war die Sähufter,
Bon der Laft gefrämmt der Rüden;
Dennoch fchritt der Träger rüftig
it der Laft dem Ufer näher.
Immer größer wird der Mann, .
Imner riefger die Erſcheinung.
Bon dem Zaubrer angeblaien. .
Steigen bergehody die Wellen,
Um die fchaumgelrönten Häuptet .
An des Wandrers Oberfchenteln
Miächtig brandend zu zerſchellen.
Laaͤchelnd ſchaute Kalew's Sohn
Auf das Wellenſpiel hernieder
Und bemerkte heiter ſcherzend:
„Ei du Meine boͤſe Pfütze,
Machſt mir ja den Gürtel nah!
Willſt am Ende mir wohl gar
Noch bis an den Nabel fleigen =": -
150
160
170.
180
190
210
Eitfier 'Sefang.
Keine Stunde war vergangen,
Und ſchon wandest' der Beladne
Auf dem feften Zande weiter.
Schwerlich würde je ein Pferd
Dder ein Paar guter Ochſen
Sold ein Fuder fchleppen koͤnnen,
Als man ihn dort tragen fah!
Diefe Ladung guter Planken
Hatte fi der Sohn des Kalew
Selber mitgebracht aus Pleskau,
“Die den Armen eine Freiftatt,
Schuß und Schirm betagten Greifen,
Sungfraun einen fihern Winkel,
Eine Zuflucht den Berwaiften
Seines Vollks gewähren folten. *
Niemand hatte dieſe Pianten
Ausgezählt und abgewogen, :
Doch für eines Mannes Schulten
Gab's ein gutes Fuderchen.
Zwanzig Dupend waren's etwa
Und vielleicht ein Bärchen drüber
Und von diefen war im ganzen
Keines über drei Zoll die,
Keines, auch das allerbreitfte,
Mehr als eine Elle breit,
Während alle in dee Bänge
Zwanzig halbe Baden hielten. .
Alle diefe fchöneu Bretter,
Die er durch den Eee getragen,
Wußte Kalew's Sohn am Ufer
Nett und zierlich aufzuſtapeln.
Darauf griff er nach dem Schwerte,
Ließ ed aus der- Scheide bligen
Und befchloß dem Wellenmeifter
Für fein wohlgemeinte® Blafen
Den verdienten Lohn zu reichen.
Aber diefer war bei Beiten
Auf den Zehen fortgeſchlichen
ater Geſang
Und mit ſchnellex Ferſe tik .
In den finftern Bold lan
Um fich dort verftedt zu halten.
Kalew’s edler Sohn, ermudet
Bon dem Waten Dur den. See.
it der Ladung auf.den Schultern,
Bar nicht aufgelegt. den Zaubrre
In dem Balde aufzuſuchen; ea —
Deshalb lieg er ihn in Ruhe —
Und verſuchte auf der Fläche
Sich ein Lager zu verſchaffen.
Dazu brachte er von Gtrande =
Einen Scooßvolk Kiefelguant,. a
Etwas Sand von einer Düne,
Trug ihn eine Strede weit ne
Bon dem Ufer au Die Seite F
Und bereitete Daraus ;
Sich ein trodnes Schlummerplaͤhchen. J
Als der ſtarke Sohn des. Kalen
Aus dem Protſack ſich geſtaͤrkt —— AR
Und der Milch im Reiſefaͤßchen
Tüchtig zugeſprochen hatte,
Loͤſte er die Guͤrtelſchnallen, F
Nahm das Schwert aus dem Schale,
Lehnte feine ante Bafe ii. A
An des Bettes linke Seite, un
Um, wenn etwa wuwermutbel
Jemand ihm zu mahe trete,
Alfobald den: beften Freund
Sicher bei der Hand. zu baben,,
Und begab fi damm zur Ruhe,
Deren feine mäden Beine. ——
Und die Schultern wohl bedurften.
Mit dem Kopfe gegen: Abend, |
Gegen Morgen mit den üben,
So daß glei der erſte Bil - —.
Auf den Morgenhimmel le :; 7
Und der Sonne Purpurantlig
=
Onfer Gefang
Aus des jungen Tages Shleen — .
Unverweilt fein Ange teeffe, x
Lag der müde Wandrer da, :7;”
Dem es leicht begegnen konnte,
Nach des Tages Lat und Hige
Sich ein wenig zu verſchlafen,
Wenn des Morgens Rofenfgimmer
Ihn zur rechten Zeit nicht weckte.
Auf Drion wies die Rechte
Unterm Haupte ausgeſtreckt
Und die Linke auf der. Braft
War dem Bären jugewendet.
Seine müden Augentiber
Wurden bald vom Schlaf: gefeflelt
Und umfchleierten die Blicke.
Keine Zeit verblieb. dem Tramme,
Sanft den Schläfer zu umgauleln
Ihn mit Truggeſtalten äffend
Dder Wahres ihm 'vertändend.
Bald erfüllte Tautes Schnarchetn
and umher die ſtille Flur,
Daß der ganze Boden dröhnte/
Laut die Waͤlder wiederhallten
Und die Wellen fi erhoben,
Gleich als wenn der Donnergott‘
Drohend aus den Wolfen grollte -
Und mit feinem Dreigefpanme °
Raſſelnd durch die Lüfte jagte. Ä
Auch bis in den Ainflern Winkel, '
Bo der Zaubrer wie‘ ein Krebs
Bor dem Lichte ich verkrochen,
Drang das ſchauerliche Schnathn, - '
Das den Schlafenden verrieth.
Dennoch wagte ſchuͤchtern uar
Sich der Zaubrer ans dem Dickicht,
Um den Schläfer anszufpähen,
Der fo laut fih hoͤren ließ.
Hinter einem Strauche Daweradı
deſter Bejeng.
Sah er deutfich jetzt den’ Schläfer
Neben feinem Schwerte ſchnarchen,
Schlich noch ein’ge: Schritte näher, .
Kroch auf allen Bieten:danı
Leiſe wie auf Katzenpfoͤtchen,
Um den Schläfer nicht zu weden,
Bis an's Bett des Kalewiden
Und verfuchte feine. Krallen
Nah dem Schwerte auszuftreden,
Das fein Auge jet bewachte.
Doch das Schwert des KHalewiden, F—
Seines Eigenthümers windig,
Achtete des Zaubrers nicht.
Es verharrte auf dem Raſen
An der Seite ſeines Herrn
Gleich als wär’ es angewachſen
Oder wurzelte im Boden.
Auch des Diebes Jauberkräfte
Konnten Kalew's theures Schwert
Nicht von ſeiner Stelle bringen.
Da verſuchte er mit Blaſen
Und mit Murmeln: einzuwirfen
Und befchrieb geheime Zeichen
Mit den Fingern in der Luft.
Salzgefüllte Linnenzigchen:
Und geheime Hebewoͤrtet,
Unfihtbare Slafchenzüge,
-Die die ſchwerſten Laften heben
Und die Schwerkraft ſchwinden machen,
Wurden angewandt, — vergebens!
Auch der Kniefall vor dem Monde
Und der Flehblick zum Polarſtern
Bolten keine Wirkung: üben,
Nicht das Murmeln unterſtützen.
Kalew's theures Schwert — * —
Weder Bitten noch Befehlen,
Sondern ruhte unbeweglich
An der Seite ſeines Herrn.
310
320
os Eifer Grfamg,
Da begann der Wörterkund’ge- : -
Höhern Zauber anzuwenden
Und die kraͤftigſten der Mittel
Noch. zuguterlegt zu proben.
So beftreute er das Schwert
Mit dem Laub’ der CEbereſche,
Brachte etwas Thymian,
340 Etwas Bärlapp dann herbei,
Miſchte Einbeer noch darunter
Und ein wenig Farrenkraut,
Schuͤttete dies alles drüber
Und beftreute dann das Gare
Noch zulegt mit Baldrian
Und mit ſchwarzem Boviſtſtaube.
Hierzu wurden fieben Formeln
Und noch fünf beſondre fremde
Angewandt mit Murmellprücden, .
350 Die er felbft im Hexenmonde
Und zu Lichtmeß eingefammelt
Und im Todfenmond verzeichnet.
Kräuter der Johannisnacht,
Mit dem Hexenquirl gequaͤſtet
Und mit Baſtardblut befpzengt,
Band er um den vierten Finger,
Den er etwas aufgerigt,
Und verbrannte, um zu raͤuchern,
Nägelfchnigel und ein Fädchen
300 Ans dem Hemde einer Jungfrau.
Kalew's Schwert: empfand Die. Bindung
Bon des Zaubrers hoͤhern Künſten
Und begann ſich zu bewegen.
Drauf erhob ſichts von der Stelle,
Neigte fi) dem Zaubrer zu
Und ihm immer näher Tommend
dag es bald in feinen Armen.
Nun beeilte fich der Zaubrer
Seinen Raub davonzufragen ;
370 Aber die gewicht’ge Waſſe
Müfter Gefang.
Bollte ihn zu Baden dräden,
Daß der Burfche aͤchzend nur
Schritt vor Schritt ſich fortbewegte.
Bald ergoß fich ſchon in Strömen
Ihm der Schweiß vom Angefſichte.
Doch vom Schwerte ſich zu trennen?
„Nein, umd Lofles mir den Arm,
Koftet’8 mir auch felb das Reben,
Don dem Schwerte la? ich nimmer!”
Und fo trug der Worterlund'ge,
Trug die königliche Waffe,
Die dem Meifter fo viel Schweiß,
So viel Schwielen feinen Söhnen
Einft gekoſtet, heimlich fort,
Häufig in Verſtecken raftend
Auf dem Wege, den er machte.
Da gefhah es unverhofft,
Daß das Schwert ihn bei dem Sprunge,
Den er übers Käpabädhtein
Rothgedrungen machen mußte,
Aus dem Arm in's Waffer fiel
Und die tieffte Stelle ſuchend
Sih im weichen Schlanmı begrub.
* Schnell den Schab zu retten wurden
Alle Mittel angewendet: |
Woͤrter wurden bergemurmelt,
Zauberwörter rechts und links
An die Luft hineingeſprochen.
Manche raufchten wie der Wind,
Wie das Waſer firömien andre,
- Biele flehten klug berechnend,
Alle ſtrebten darauf hin,
Daß das Schwert ch regen möge,
Aus der Tiefe fi) erbeben.
Doch das gute Schwert des ——
Keine Hexereien achtend
Und dem Zauber unzugaͤnglich,
Regte fich im Waſſer nicht,
410
440
Eiſter Sefang.
Blieb am Boden ruhig Tiegen:” a
Als das erſte Morgen . . Un.
Kaum am Himmelsvande glimmie, :: .:
Machte fih in aller .Eile —
Schon der Zaubrer auf die Socken
Seinen Raub im Zluſſe laſſend,
Wo das Schwert im Schlamme ruhte.
Wieder ſuchte er das Dickicht,
Um ein Plaͤtßchen aufzuſtuden,
Wo des Kalewiden Rache,
Bo fein Zorn ihn nicht erreichte.
Auf den Ruf des jungen Tages
Machte ſich der Sohn des Salem
Bon des Schlummers: Feflein 108, -
Nieb den Schlaf fih aus den Augen.
Und bewegte dann die echte
Nach dem treuen Kampfgenofien,
Den er vor dem Gchlafengehen
An das Bette angelehnt, ae
Um ihn glei zur Hand. zu haben. =
Dod das Schwert war wicht am Dette, \
Fund fih auf dem Rafen ‚nicht.
Kalew's ſtarker Sohn vermochte
Sich nicht gleich darein zu finden;
Als er aber von dem Schlafe
Voͤllig fi) ermuntert hatte,
Da begriff er auch ſogleich
Den Zufanmenhang der: Suche
Und bemerkte auf der Gtelle : -
Auch die Spur im fenchten Grefe.
Da begann er nach dem. Schwerte,
Dem verlornen Freund, zu rufen:.
„Höre, Schwert, auf meine Woͤrte,
Zap mich nicht vergebens trauern!
Hör anf deines Bruders Rufen,
Des Gefährten heiße Wuͤnſche! Ä
Laſſ' ihn feinen. Schmerz den Wäldern,
Seinen Kummer nicht den Fluren,
Güter Behing.
Nicht umfonft den. Büſchen klagen!
Gieb mir Antwert, Tiger Bruder,
Antwort mir auf meine Frage: J
Wer bemaͤchtigte Ah dene, ° .- . 450
Raubte dich in diefer Nacht? en
ufto’3 Augen ſahn's von oben, .: .
Bon dem Himmelsdom die Götter, er
Ber die Frevelthat begangen, : m
Und die Götter koͤmen's fügen,
Daß fie auch an's Licht gelange,
„Menſchen wußten deine Macht, -
Deinen Kunſtwerth wicht zu fihäßen;
Menfchen konnten dicht nik zauben: - :
Wer vermochte Dich zu heben! | 460
Ein Berwandter. meines Vaters
Hat in Finland dich. gefchaffen
Und mit funftgeibter Hand s
Wunderkraft dir eingefchmiedet. -
Sieben Jahre hat der Meiſter V
An dem koͤniglichen Schwerte —
Müh’ und Arbeit angewandt, —
Sieben Sorten Stangeneiſie '. "=
Siebenfach gewundne; Bolzen - Ä
Burden durch die Gluth des geuers . 470
Mit einander eng verbunden
Und daraus das Schwert gefchmiedet
Und die Waffe zubereitet. -
Jeden Tag vor Sonnenaufgang, - -°
Früh noch vor der Dämmerung
Sang man fieben Zauberformeln
Und es ward die Klinge endlich -
Siebenmal an fieben Brunnen;
Noch zuguterlegt gehärtet. —
Silbern war der weiße. Griif— 40
Und der Knauf von gelbem Goe. :.
Und die Schnalle vor. Achat. —
„Kenne ſchon den ——
Der den See in Aufruhr brachte,
610
Eiifier Gefäng.
Hat mir and das Schwert geſtohlen.
Diefes Schufted ganze Sippſchaft
Bar mir feindlich ſtets gefimmt,.
Suchte immer mir zu ſchaden.
Doch ich hoffe, daß der Wicht
Bald mir in die Klauen falle
Und ich dann die Neckereien
Hundertfältig ihm vergelte;
Denu es wog die theure Waffe,
Für des Kriegers Arm gefchmiedet, -
Biel zu ſchwer für feine Kräfte
Und er kann fie deshalb ſchon
Nicht ſehr weit getkagen haben. -
„Höre, Schwert, auf meine Worte,
Laff mich nicht vergebens trauern!
Hör auf deined Bruders Rufen, -
Des Sefährten heiße Wuͤnſche,
Seine flehentlihen Bitten ! |
Laſſ' ihn feinen Schmerz den Wäldern,
Seinen Kummer nicht den Zluren,
Nicht umfonft den Bäfchen Hagen!
Gieb mir Antwort, kinger Bruder,
"Antwort mir auf meine Fragel⸗
Mit geipanntefter Erwartung
Lauſchte Kalew's ſtarker Sohn,
Ob fein Schwert ihm Antwort geben,
Seinen Wunſch erfüllen werde;
Aber durch die Hiefe Stille .
Drang kein Wörtchen an fein Ohr.
Kalew’s ſtarker Sohn verfwchte
Durch ein Lied fein Schwert zu viren,
Stimmte auch ein zweites an; Ä
Das noch zarter bat umd flehte,
Immer ftil im Herzen hoffend,
Daß das Eifen ihm zu Liebe
Eine Antwort geben werde. .
Doc das Schwert gab Beine Autwort,
Nicht ein Woͤrtchen ſprach dad Siſen.
Kies Seferig
Einfam ſchwiegen die Geſilde
Und es deckte rings umher
Tiefe Stille Wald und Fluren.
Blieb dem Kalewsſohn nichts übrig,
Als fi hurkig aufzumachen, -
Um fein theures Schwert zu ſuchen.
Zange ſtrich er rings umher,
Ließ in immer ‚größern Kreifen
Um fein Bett herum kein Plaͤtzchen
Undurchfucht vorübergeben ;
Bra) durch wucherndes Seflräppe, .
Kreuz und quer durch Buſch und —
Dichte Wälder und Moräfe .
Und durch Did und Dünn fih Bahn
Und befang babei begeiftert
Seines Schwerted Tugenden. a,
Doch das Schwert blieb ewig ſtuum. 2
Einfam fhwiegen au Pie Kuren. F
Und es deckte rings umher
Tiefe Stille. Bad, und Wieſe.
Als der edle Sohn des Kalew
Immer weit’re Kreife ſchlagend
Endlich bis zum Kaͤpabache
Mühfam vorgedrangen . war:
Sieh’, fo blinkte aus den Wellen
Freundlich feinem Blick begegnend
Ihm fein Schwert in's Augefiht. |
Sauchzend rief der Sohn hei Ralew:
„Heißa, mein geliebtes Eifen!.
Alfo bier im Fühlen Grunde
Find' ich fchlafend den Gefährten!
Du mein Stolz und meine Freude,
Sieggewohnter Kampfamofe, . : :
Der dem Meifter ad den Soͤhnen
Sp viel Schweiß uud. Blut gelefet! -.
Ber vermochte dic zu heben, . .
Dich bis hieher fortzuizagen, ea
Um Dich hier im tiefen Grunde
670
_ Eilfker Ceſang
Unter'm Waſſer zu verbergen?“ ; ., 0:
Auf die wohlbegriffue Rede —
Zönte an die Oberflaͤche
Sang⸗ und klangreich diefe Anwoit:
„Niemand anders als der Zaubrer Ä
Brachte durch die Macht der Wörter, .
Die er klug zu nußen weiß
Dein bemährtes Schwert zum Wanken.
Zuuberwörter wirkten ndemd, : . . . .,'
Schläfernd Schmeichelmärter ein,’ . —
Windeswoͤrter willenbrechend.
Als der Hahnenfuß zu heben .. —
Und das Farrenkraut zu faſſen,
Ebereſche einzugreifen,
Paris kraäftig anzupaden, - - Be
Thymian zu tragen fortfuhr, ——
Brachten Vopdiſtſtaub und. Bärlapy |
Die Bewegung bald zu Stande .
Und der fremden Macht geheshed -
Kiel das Schwert dem Zaubrer zu, -.. . ..:
Der es bis zum Häpabahe - - -. .
Keuchend trug anf feinen Armen.
Als er auf der fchnellen: Flucht
Ueber’8 Flüßchen fpringen mußte,
Tauchte des Gewäfſers Nie : - -» *
Aus der Silberfluth. empor, * - F
Sah mit ſehnſuchtapollen Blicken
Rad mir hin und winkte zaͤrtlich,
Mich zu ihr hinabzulaſſen.
Süß beraufcht von Wonneſchauern
Glitt ich aus des Zaubrers Armen |
An die fühle Fluch hinunter, aa er
Tief hinab in’ Wogenbette, tg, 2
Bo die fhönfte aller Nigew- - nee
Mid auf weicheͤm Sülberpolſter -"
Glühend in die Arme fchloß.+ - - -
Kalew's Sohn verſtaud des Spıerten
Toͤnenden Geſang und age: ; : 4 ij
Eitfter Belang. 273
„Iſt es meinem Schwerte lieber,
Im Berborgenen zu xuben, : 600
Dder feine Zeit am Bufen
Schöner Nigen zu vertändeln, :
ALS in eines Kriegers Fauſt
Ernft und flammend aufzubligen,
Wenn der Feind zum Kampfe ruft?
Al entblögt von feiner Scheide
Und befreit von allen Banden
Zapfre Arbeit zu verrichten,
In die Feinde einzubauen,
Sich in ihrem Biut zu baden, 810
Zäglich Tampfbereit zu fein? «
Wohl verftand Das Schwert die Frage
Und verfeßte aus der Ziefe:
„Einer Wittwe gleich betramert
Deine Waffe ſtill verborgen
Schöne hingefhwundne Tage,
Gleichſam ihre Kinderjahre,
Und verftattet ihren Thränen,
Ungehindert fortzuweinen !
Schlummernd in dem WBogenbette 620
Und auf weichem Silberpolfler
Sn dem Schooß der Nixe tändelnd
Kann dein Schwert fih’8 nicht verwehren
Zrauernd an die Zeit zu denfen,
Bo von flarker Hand geſchwungen
Es im wilden Schlachtgewühle
Zapfer feine Pflicht gethan !
Bo entblößt von feiner Stheide
Und befreit von allen Banden
Es mit heil’gem Gruft und Eifer 630
In die Feinde eingehauen,
Bis der Friede war errungen
Als ein Segen für das Land!
Aber, theurer Sohn des Kalew,
Starker koͤniglicher Juͤngling,
Wenn dein Zorn di übermamt .
20
274 Eifter Oeſang.
Und berauſcht vom Hopfengeifte
Deine Sinne ſich verwirren:
Dann vermag auf Erden nichts
60 ° Deine LKeidenfchaft zu zügeln,
Der die Hand fih willig fügt,
Um das Schwert zum Blutwergießen
Und zu graufen Mord zu zwingen.
Das iſt's, was den Kriegsgefährten,
Pas dein treued Schwert beirübt.
Nie vergißt’s den holden Knaben,
Den dein Frevelmuth gemordet!«
Wohl verftand der Sohn des Kalew
Seines Schwerte Schmerzenslaute
650 Und erwiderte darauf:
„Schlaf in deinem Ruhebette,
Schlafe füß, du theures Schwert,
Das dem Waffenfchmied in Finland
Und den Seinen fo viel Thränen,
. &o viel Schweiß und Blut geloftet,
Das er durdy geheime Kunſte
Unter Zauberformeln ſchuf;
Schlaf. auf deinem kühlen Lager,
In den Armen deiner Nixe,
060 Bis die Nachwelt dich ald Zeugen
Längft entfhwundnex Zeit entdeckt!
Mir gebricht es nicht an Kräften
Auch in unbewehrter Fauſt
Und ih hoffe meine Feinde
Ohne Schwert auch zu vertilgen,
Trotz und Uebermuth zu flrafen,
Ruh’ zu ſchaffen meinem Volle.
Eine Bitte noch beim Abſchied
Leg’ ich an dein Herz, Geführte:
670 Sollten ſtarke, tapfre Männer
Später Zukunft dieſes Ufer
Einft mit ihrem Fuß betreten,
So begrüße fie dein Blid
Bligernd aus des Bades Wellen!
Cufter Befang.
Sind es Männer meines Stammes,
Vom Geflecht des alten Kalew,
Sulewiden, Alewiden,
Oder auch nur Stammverwandte,
Dann begrüße, 'tbenrer Bruder,
Eie zugleich mit Worten auch!
Sollten an dem Käpaflüßchen
Große Sänger einft erfiheinen,
Die mit goldnen Zungen reden
Und mit Silberworten fpielen
Und die alte Zeit befingen,
Dann, mein Schwert, mein Rampfgefährte,
Dürfen Worte nicht genügen,
Mußt du fingen wie ein Böglein,
Flöten wie die Nachtigall,
Wie die Lerche luſtig trillern!
Trifft fih’s, daß ein Mann dich findet
In der Zukunft goldnen Tagen, _
Der mir gleicht am Kraft und Muth:
Dann erhebe, Kampfgenofle,
Ranfchend Did) von deinem Lager,
Dann verlaff’ dein Wogenbette
Und vermähle dich dem Zapfern !
Aber fleigt der Krieger felber,
Dem du eigen angehörteft,
Einft in diefe Silberfluth,
Dann, mein theurer Kampfgenofe ,
Dann durchſchneid' ihn beide Zerfen! «
Kalew's edier Sohn verließ
Jetzt den Käpabach und eilte
An den Peipusftrand zurüd,
Rahm die Bretter auf den Rüden,
Die er dort geftapelt hatte,
Und begann in fohnellen Schritten
Seiner Heimath zuzueilen.
Er gedachte eine Schugmehr
Gegen Kriegsgefahr zu bauen,
Eine Veſte herzuſtellen,
20 *
700
710
275
276
720
730
740
760
Liter Geſang.
Die die ſchwachen Greife berge,
Zungfraun fich’res Unterkommen,
Wittwen Schug und Schirm gewähre,
Das fih Niemand fürchten möge,
Wenn der Krieg mit feinen Gräueln
Wierlands Gränzen überfchritte.
"Als nun Kalew eine Strede,
Eine weite Strede Weges
Mit den Brettern ſchwer beladen
Sich durch ſchnellen Schritt verkürzt:
Was begegnete dem Helden ?
Hemmte feinen Gang ein wenig ?
Wälder waren’s, ihrer drei,
Drei der fchönften, ſchmuckſten Wälder.
Erft ein goldner Tannenwald,
Dann ein ausgedehnter Laubwald
Und zulegt ein Hafelmäldchen.
Was den Tannenwald betrifft,
Der gehörte unfern Männern,
Unfern Frauen war der Laubwald
Zugefprochen und geheiligt
Und das dichte Hafelmälddhen
Bar die Schutzwehr unfrer Yungfraun,
Das Aſyl der armen Waiſen
Und der Kranken legte Zuflucht. Ä
Kalew's Sohn war erft mit Mühe
Durch den Tannenwald gedrungen,
Schwerer durch den Laubwald noch
Und betrat das Hafelmälbchen,
Als fein Fuß an etwas ſtieß,
Das ihn weich und fremd berührte
Und bis an den Stnöchel reichte.
als er vor die Füße fah,
Um den Gegenſtand zu finden,
Der für einen Augenbtick
Seinen Fuß umfrabbeit hatte, *
Wollte fi) vor feinen Bliden,
Wie es fchien, ein Männchen retten,
eifter. Oeſang. 977
Das entfeglich zitterte
Und nicht größer war als etwa
Sept ein Menfch von unferm Schlage.
Dem bejammernswertben Kleinen
Ziel das Herzchen in die Hofen
Und die Zaͤhnchen Fapperten,
Als er den gewalt’gen Riefen
Streihelnd um Berzeihumg bat
Und mit Schmeichelworten flehte:
„Hab’ Erbarmen, lieber Bruder, 760
Steh’ mir bei, du flarfer Mann !
Zaf’ bei dir mid eine Zuflucht,
Ein Aſyl mih Schwachen finden,
Den das Schidfal unbarmberzig a
In den Bald binausgefchleudert !-
Sich bis auf die Füße bückend
Fuhr der edle Sohn des Kalew
Mit der Hand dem Heinen Mame ° .
Ganz vertraulich in die Haare,
Hob beim Schopf ihn auf und fledte 770
Ihn in feinen Reiferanzen. | Ä
Wie in einen jähen Abgrımd
Kiel der Fleine Mann kopfüber
In den tiefen Sad hinunter,
Bo er an dem Steömlingsnapf
Und am angefihnitinen Brote
Endlich Sitz und Stütze fand.
„Was iſt Grauſes dir begegnet,“
Fragte Kalew's Sohn den Kleinen,
„Daß du fo erſchrocken warſt? 780
Aus dem Ranzen klang die Antwort
Wie das Quaken eines Froſches
Aus des Brunnens tiefftem Grunde
Und erfolgte mit den Worten:
„Geſtern in der Abendftunde
Schlenderte idy Armer arglos
An dem Peipusftrand umber,
Ohne auf die Zeit zu achten,
278 Cuhler Oeſang.
Und verirrte mich im Walde.
790 Endlich führte mih ein Fußſteg
An ein aͤrmliches Gefinde,
Wo ich um ein Lager bitten,
Wo ich übernachten mußte.
„In der öden großen Stube
Stand ein altes Mütterchen
Ganz allein am Fenerherde,
Um die Mahlzeit anzurichten.
Erbien brodelten im Keſſel
Um ein halbes. Schwein herum
800 Und die gute Wirthin fchöpfte
Mir davoı in eine Schale,
Bat mich aber, meine Mahlzeit
Sa recht eilig abzuhalten.
Selber machte fie inzwifchen
Mir das Lager unterm Zifche,
Der zum Abendeflen grade
Mitten in der Stube ſtand.
"Dabei lehrte mich die Alte:
„„Biſt du mit dem Eſſen fertig,
810 So verfriech? dich in dem Stroh,
Ehe meine Söhne fommen,
Die ich flündlich Hier erwarte.
Halte ja dich ftid und ruhig
Wie ein Mäuschen hinterm Kaſten.
Penn du etwa quifen wollteft,
Dder mit den Fingern krabbeln,
Dder zappeln mit den Beinen,
Könnten meine Söhne teicht
Dir dafür den Tod bereiten."
8% „Ich bedankte herzlich mich
Bei der gutem alten Wirthin,
Die mich freundlich abgefpeik,
Sorgfam mir mein Bett bereitet,
Mi fo gut behandelt hatte,
‚ Und verkroch mid Fl im Stroh
Unterm breiten Speiſetiſche
Cifter Gefaug. | 2379
Bo ich gut zu fehlafen hoffte
Auf der Streu, die fiherlidh
Drei der Schläfer bergen fonnte,
Am Begriff ſchon einzufchlafen, Ä 8%
Munterten mich Zritte auf,
Die dem Hanfe näher Tamen,
Seinen Grund erfihätterten
Und die Winde zittern machten.
Ob die Furcht mir auch den Lärm
Am Gehör verdoppeln mochte,
Hat dein ſchwerer Tritt Doch nimmer,
Edler Sproß Der Kalewiden,
Größern Lärm hervorgebracht.
„Und im Augenblide flürzten 840
Auch die Brüder in die Stube Zu
Wie ein wildes Bärenpanr,
Das im Walde aufgewachhen.
Einer von den beiden Brüdern
Hob die Nafe in die Höhe,
Witterte herum im Zimmer
Und bemerkte dann dazwiſchen:
„„Hör' mal, goldnes Mütterchen,
Wer ift heute hier geweſen?
Schweißgeruch von einem Menſchen | 850
Fühl' ich durch die Rüftern ziehen,
Und die Nafe judt mir heftig.“ “
„Drauf ermwiderte die Alte:
„„Niemand Fremdes hat ſich heute,
Keine Seele hier gezeigt
Oder gar das Haus betteten.
Zieht fich Schweißgeruch von Menſchen
Durch die Naſenlöcher dir,
Haft du ſelber, liebes Söhnchen,
Den Geruch wohl mitgebradt.* " iS 880
„Unterdefjen tiug die Alte
Auch das Efien auf den Tiſch,
Ihn mit Scüffeln überladend,
Die Getreidemaaßen glichen. u
280
870
Eilſter Oeſang.
Und das wilde Brüderpaar
Schlang fo viel davon hinunter,
Daß fi funfzig unſers Schlages
Davon hätten fätl’gen können
Und noch etwas nachbehalten. |
„Als die wüften Waldgefellen
Ihre Baͤuche vollgefchlagen
Streckte jeder ſich behaglich
Auf den harten Aeftrich nieder.
Einer lag an einer Wand,
An der andern gegenüber
Lag der andre und ich Armer
Unter'm Zifche zwifchen beiden.
Auch die Alte kroch bedächtig
Länge der Leiter auf den Dfen.
„Kaum nur wagte ich zu athmen,
Kaum mein Herzbiut zu. pulfiten,
Denn das Zittern meiner Glieder
Und das Klappern meiner Zähne
Konnten ja im ſchlimmen Falle
Ahnen leicht bemerkbar werden,
Leicht zu ihren Obren dringen.
Endlih ſchwand das Kicht im Zimmer,
War der Pergel audgebrannt
Und es dedte dichtes Dunkel
Mich und meine Seelenangft.
*.Hätt id) Armes, armes Männchen,
Hätt’ ich früher Das gewußt,
Das gewußt und eingefehen,
Hätt’ ih nur im Schlaf es merfen,
Nur im Zraum es ahnen können,
Daß in meinem armen Leben .
Solches mir begegnen würde:
Hätt’ ich Lieber in die Wogen,
In den Abgrund mich geftürzt,
In der Tiefe mich verborgen ! *
„Schnell verfanten die Geſellen
Nah der Mahlzeit in den Schlaf,
Eiſter Befung.
Der des Augenlichtes Pforten
Für die Außenwelt verſchloß,
Während die geheime Pforte,
Die nur giebt und nicht empfängt,
Leider! nicht verichloffen wurde.
Denn die ſtarke Abendmahlgeit,
Eine kräft’ge Erbfenfuppe
Durch den Schweinefped geſchmeidigt,
Fing im Schlauche ſich zu blähen
Und die eingefhloffne Luft
Unter lauten, fharfen Schüſſen
Siegreic auszutreiben. an. .
„Mir zur Rechten an der Wand
Zeuerte der eine Schläfer
- Mit der Wuth des erften Angriffe
Krachend feine Ladung ab,
Und ich armes Fleined Voͤglein
Ward, vom beft’gen Schuß getroffen,
Wie vom Sturm ein trocknes Blättchen
An die linfe Wand geichleudert.
„Mir zur linken Seite lag
Gleich dem Bruder mir zur rechten
Auch der andre mit dem Antlig
Harmlos nach, der Wand gelehrt,
Während die bewehrte Hälfte
Mir zum Schred nad außen gähnte.
Als nun hier der Schuß erfolgte, -
Faſt den erfien überbietend,
Ward ich armes Böglein wieder
Bon der finftern Macht ergriffen
Und mit Sturmes Ungeftüm
Ueber die geräum’ge Stube
An die rechte Wand geworfen.
„Unterdeflen war der Erſte
Wieder mit dem Laden fertig
Und empfing mih, um fofort
Mid dem Andern zuzuſchleudern.
»Alfo ward id armer Dann
zei
910
Eiifter Geſang⸗
Auf das ſchmaͤhlichſte mißhandelt
Und von einer Wand zur andern
Lieblos hin und her gefchleudert.
Don den Scüffen beider Brüder
Angefchmettert umaft?’ ich Armer
Wie ein Weberſchiffchen fliegen
Links und rechts nach fremder Willkür.
Auch nicht einen Augenbiid
Gab man Zeit mir auszuruhen.
„Als die Alte früh vor Tage
Bor die Hausthuͤr gehen mußte
Und fo lang’ es von ihr firömte
Diefe offen ftehen ließ,
Kroch ich nach auf allen Vieren
Und gelangte fo in's Freie,
Wo ich ohne umzufchauen J
Floh, als ob dee Kopf mir brannte.
Erft nachdem ich zwei der Wälder
Hinter mir gelaflen hatte
Und .in’s dritte Waͤldchen kam,
Macht' ich Halt, um auszuruben.
Hier nun traf ich unerwartet
Und zum Glück mit dir zuſammen.“
. Herzlich lachte Kalew's Sohn,
Als er die Geſchichte hörte,
Daß das Männchen wie ein Ball
Hin und her geworfen worden
Bon den Schüffen zweier Riefen,
Die nad) flarfer Erbſenmahlzeit
Sich zur Ruh’ begeben Batten.
Bwölfter Gefang.
W. vom hohen Felſenrande
Schäumend ſich der Gießbach ſtürzt
Und nachdem er Thal und Schluchten
Eingebült in Dampf und Rebel
Die empörten Wellen peitſcht,
Daß in weißem Gifcht fie bramfend
An das nahe Meer fi flüchten ;
Dder wie die finftern Wolfen
Unter Blik und Donnerkrachen
Frech das Tageslicht verſtnſtern:
Alfo brachen aus dem Didicht
Ungeftüm des Zaubrers Söhne
Auf den Kalewiden 108,
Der mit feiner Planterladung
Harmlos feinen Weg verfolgte.
Sahſt du je den Bären blutend
Mit verzweiflungsvolem Gtimme
Trotzig die Gefahr verachten
Und auf feinen Feind fich ftärzen,
Der ihn auf der Yagd verwundet,
Dann nur fannft du, lieber Bender,
Eine Ahnung davon haben
Und vielleicht, wenn and wicht deutlich,
Dir ein Bild davon entwerfen,
Bie der edle Sohn des Kalew
Diefe frehen Buben flrafte
Und mit zernentbrannter Wuth
Unter feinen Feinden vafle,
10
284
Zwoͤlſter Geſang.)
eLaßt uns in des Dichters Spuren
Auf den Kampfplatz und begeben
Und dem Schlachtgeſange Taufchend
Aus des Alterthumes Furchen
Uns die LKiederworte fammeln,
Die des Adlers goldner Schnabel
Ausgepflanzt im Haidekraute,
Auf dem Anger ausgebreitet,
Die die Gänſe, weiß wie Schnee,
Ausgeftrent auf Silberwellen.*
Als der edle Sohn des Halem
Eine Strede .weit gegangen
Mit den Planken auf der Schuiter
Und dem Männchen in dem Brotfad,
Der gleich einem. Krebs im Neſte
Sich fo wohl und fiher fühlte,
Daß er fanft entichlummerte
Und im füßen Traum fid) wiegte,
Waͤhlte fih der Held im Walde,
Den er grad’ duchhfchreiten mußte, .
Einen Baum zum Wanderſtabe,
Eine ſchöngewachſ'ne Fichte,
Nicht die allergrößte zwar,
Auch gerade nicht die Meinfte,
Doch noch immer ohne Krone,
Die er abgebrochen Hatte,
Fünf und dreißig Ellen hoch,
Zwei Fuß did am untern Ende.
Angemefien feinem Träger
Bar der Knittel wohl geeignet
Gute Dienfte ihm zu leiften,
Falls er angegriffen würde... :
Und er ſchlug gleich einem Schwerte.
Auch die biffigen Berfolger,
Die den Helden überfielen,
Diesmal fiegreich aus dem Felde.
Denn es flärzten aus dem Didicht
Plöglidy drei verruchte Buben
Ztodafter Gefang.
Auf den Schwerbeladnen los.
Söhne waren’ von dem Baubrer,
Keuerbränder aus der Hllle,
Die der Vater aufgeftachelt
Hinterrücks ihn anzufallen.
Theild mit ſchlanken jungen Birken,
Theild mit trodnen Fichtenflämmen
Hieben fie in dichten Schlägen
Unbarmberzig auf ihn em.
Zwei der Mordgefellen. hatten
Jeder eine lange Peitſche,
Die von ftarfen Buchenholze
An dem Ende ihrer Schnur
Einen tücht’gen Mühfftein trug,
Der den Hieben, die fie führten,
Die gehör’ge Wucht erfheilte.
Kalew's flarfer Sohn verfuchte
In verföhnlich milder Weife
Ahren mörderifchen Angriff
Abzulenfen und bemerkte:
„Haß und Feindfchaft ftört die Ruhe
Und entzündet böfen Streit.
Und ift nicht ein Ei im Frieden
Beffer, als ein Huhn im Kriege?
Wenn ich fonft mit meinem Schwerte
Hier durch diefe Wälder flreifte,
Sah ich niemals auch nur Einen
Mich mit giftigen Biden .anfehn!
Jeder von euch hockte ſtill
In dem dichteſten Gebüſche
Wie ein Krebs in ſeinem Neſte,
Wie der Maulwurf unterm —
Und es wagte feiner je :
Auf der ‚Släche zu erſcheinen.
Aber jeßt? pfui, fchämet euch!
Unter'm Schutz der Daͤmmerung
Und bedeckt vom Abenddunkel
Treibt allein der boſe Feind
70
100
110
120
140
Jubilier Getong.
Und der Höllenhund fein Weſen,
Sieht bei nädt’ger Welle man
Geiſter nur im Mondſchein hufchen.
Feige Buben nur verfuchen
Einen Menfchen anzupallen,
Der kein Schwert an feiner Hüfte,
Keinen Dolch im Gürtel trägt,
Alte Weiber nur zn Dreien
Hinterliſt'gem Rathe folgend
Es mit Einem anzubinden!
Nach der alten Kampfesweiſe
Hält der Mann im Männerftreite
Stets auf ’edle Manneswürde,
Mag er fliegen oder nicht! «
Doch des Zaubrers wilde Soͤhne
Unter Bären aufgewachfen
Liegen ihre Hiebe dennoch
Auf des Kalewiden Raden
Und auf feinen Rüden hageln,
Bis der Stein von einer Peitſche
Grade an die Stirn ibm fuhr
Und die Augenbrauen ſtreifte.
„Beinen folgt auf Laden immer,
Auf das Kitzeln ſtets dad Kneifen! «
Nief der Sohn des Autom an.
Darauf fhwang er feinen Knittel
Und verftattete demſelben,
Sie gewaltig durchzublaͤnen.
Doc der fpröde Fichtenknittel
Hielt bei dem Gebrauch nicht auß,
Sondern ging ſehr bald in Stüde,
Die nad allen Seiten flogen.
Um den Abgang zu erfegen, .
Lieh er von dem Plamfenvorrath.
Und ergriff die erfte befte,
Die ihm dazu dienen mußte,
In der Arbeit fortzufahren.
Jeder Aushieb von Bedeusung, ..
Zwölfter Gefang. 287
Jeder Streich, der fruchten ſollte,
Koſtete ein gutes Brett
Auf dem wohlgetroffnen Rücken.
So verſchwand von ſeiner Schulter
Eine Planke nach der andern
Und es gingen ißrer viele
Bei der Arbeit auf den Lauf; ’
Doch des Zaubrers Soͤhne meihten 160
Schlecht dabei gefahren ſein.
Als der ſchoͤne Plankenvorrath
Tüchtig abzunehmen ſchien
Und bald all zu werden drohte:
Drangen eifriger die Gegner
Auf den Sohn des Kalew ein,
Denn fie hatten alle Hoffnung,
Bald entwaffnet ihn zu feben.
Da vernahm zu rechter Zeit
Kalew's Sohn aus dem Gefträppe 160
Ein zarte, feine Stimme, .
Die ihm ziemlich deutlich zurief:
„Mit der Kante! wit der Kante!
Lieber, theurer Sohn des Kalew!“
Kalew's Sohn begriff ſogleich,
Was des Freundes Stimme wollte, Ä
Und befolgte feinen Rath,
Jede Planke alfo faſſend,
Daß er nicht mit ihrer Flaͤche,
Sondern mit der ſcharfen Kante 170
Auf die jungen Zaubrer hieb.
Da begab die Brut des. Zaubrers
Unter lauten Wotfsgehenle
Sporenftreihs fich auf die Flucht.
Bären diefe wilden Buben
Nicht Durch fletige Strapazen
Tag und Nacht, bei Froſt und Hitze
Und durch Bärlappräucherungen
Tüchtig abgehärtet worden,
Hätten fie der Zuͤchtigung Zu 180
210
\
BZodiſter Gefeng.
Sicher unterliegen müfen:
"Als der flarfe Sohn des Kalew
Nach dem angeftcengten Kampfe
Sich ein wenig ausgeruht,
Rief er, nach dem Bufch fich wendend,
Bo der Freund fich hören lafſen:
„Sieb mir Auskunft, lieber Bruder,
Männchen mit der feinen Stimme,
Wer du bift, mein Guter, Lieber,
Der mir guten Rath ertheilte,
Als ih in der Klemme war!“
Männchen mit der feinen Stimme,
Geiftbegabtes kleines Männchen,
Schnell den Sinn erfafiend, ſagte:
„Ich, ein Meines Maͤnnchen, war e8,
3b, der arme nadte Igel,
Der den Rath dir zugeflüftert,
Dir den guten Rath gegeben.“
Kalew's ſtarker Sohn verftaud
Jedes Wort and dem Gebüfche
Und entgegnete der Stimme :
„Tritt hervor, mein lieber Bruder,
Aus dem Dickicht in das Freie!
Laſſ in Frenndes Auge mic,
Mich dein Liebes Antlig ſchauen!
Dir für Freundesdienft verpflichtet
Wil id deine Wangen fireichelm,
Dir ein Wort des Dankes fagen.“
Darauf fprach der. Heine gel,
Gab dem Helden diefz Antwort :
„Kann nicht fommen aus dem Didicht,
Kann nicht aus dem warmen Refte
An der fühlen Abendbinft
Das bethaute Gras betreten.
Als der alte Weltenfchöpfer
Ale Weſen ſchuf auf Erden,
Ueberfah es feine Weisheit,
Daß ich ohne Nod geblieben,
Zwoͤlfter Geſang.
Ohne wärmende Bekleidung.
Wenn ich nacktes, ſchwaches Männchen
MWagte aus dem warmen Nele
An die freie Zuft zu treten,
Würd’ ich ficherlich erſtarren,
Würde mid) die Kälte tödten.“
Kalew's Sohn erwiderte.:
„Höre,
Armer &
Komm wo:
Daß i er,
Einen Bet,
z SER,
Aus d ee —
Nackt
Daß \ v5
Und a
€ Koalew:
„Du
Guten Rath mir in der Noth, n. ..
Halfft mir glüdlich aus der. Klemme...
Mit der fcharfen Kante hauend
Blieb ich. Sieger auf dem Platze
Und mit Wolfögeheul entflohen ——
Noch zu rechter Zeit die Buben. Eu
Zur Bezeugung meines Dantes i
Wil ih dir von meinem Pelze |
Nur ein Meines Stüdchen ſchenken,
Das auch etwas flachlig ift,
Doc als Ueberwurf dir dienen
Und auch dazu näßen wird,
Künftig Braun und Sfegrim - - | ' 5
Dir vom Nefte fernzuhalten.« |
Alfo fprach der Sohn des Kalew,
Riß ein Stückchen aus dem Futter
Seiner eigenen Bekleidung
Und verehrte es dem Igel.
Herzlich danlend nahm der Igel
21
270
Zwoͤlſter Geſang.
Das Geſchenk und hüͤllte fich
Sorglich in die warme Decke;
Doch das Stückchen war ſo klein,
Daß es nur den Rücken deckte —
Und zur Noth die beiden Seiten;
Bauch und Füße blieben immer ;
Unbededt noch wie zuvor. -
Seit dem Borfall trägt der see
Diefes dornbefegte Roͤckhen, ern
Das ihm fihern Schub gewährt: A
Denn wenn er fi Hiß zus Naſe—
In daflelbe eingefugelt, - - - ee rn
Haben weder: feine Feinde, a
Roch der Froſt ihm etwas an. "-. "0. 0.1"
Mit dem Pelze angethban . |
Ging der Igel. nun. nach Hamfe,
Um im Nefte auszuruhen.
Auch‘ der Kalewsſohn nebachte
Sept ein Plägchen aufzuſuchen,
Bo er fi) ein Bett bereiten, -
Wo er fih behaglich ſtrecken
Und ein wenig vuhen Fönnte. J
Doch ſo weit ſein Blick auch reihe, —
Sah er rings umher nur Sumpf
Und fein Plaͤtzchen troknen Bodens,
Bo er hätte ſchlafen können.
Um fi nım:ein Bett zumachen,
Trug der flarfe Sohn des Halem
Bon den weitentfernten Dünen
Etwas trodnen Sand zufanmen, -» : >
Den er auf den Boden: häufte, I
Bo er Ruhe Halten: wollte.
Doch bevor er fhhlafen ging, - -
Wollte er den Hunger ftillen,
Der nad) allen den Strapazen
Sid) wohl geltend machen mußte: ei:
Als er Deshalb mit der Hand
In den tiefen Brotſack Sangte,- -
h Da
Zwoͤlfter Geſang. 291
310
320
292 Zwoͤlſter Geſang.
Stets das Schooßkind deiner Mutter!
Wurdeſt wie ein Ei behandelt,
Die am %
Wie die $
Warſt ein
An dem €
Luſtig fang
340 Jauchzteſt
Trillerteſt
Schnattert
Warum m
Pflaͤnzchen
Böglein ui
Gaͤnschen
Wo die Q
Winde kei
Ungewohnt
30 Nie geahn
Raubten ?
Unerwartel
Bon des Zaubrers wilden Söhnen
Ward ich völlig wirt im Kopfe
Und verlor die Weberlegung,
‚ Deun wie hätt? ich fonft vergeffen,
Daß du in dem Brotfad ftedteft,
Auf der Strömlingsfchachtel ſchliefſt!
Bon den Knitteln meiner Feinde,
360 Die mir nicht den Brotfad ſchonten,
Wardſt du ganz gewiß erfchlagen!«
Mit den eignen Händen grub
Kalew's Sohn die- Gruft dem Todten —
Am Moraft ein weiches Betihen —
Und begrub den feinen Mann,
Der entfchlummert war. auf immer,
Dedte dann mit grünen Rafen
Und mit weihen Moos den Hügel
Und verpflanzte noch zuletzt,
370 Um den Zodten recht zu ehren,
Zwolfter Geſang. 298
Selgen Jugendangedenkens
Blau⸗ und Krahns⸗ und Sbelbrerſtiht
Um das dtille Grab herum.
Sept verfhob er es nicht länger
Sid mit Speif’ und Trank zu flärfen'
Und begab ſich dann zn Bett, 2
Um in naͤchtlich friſcher Kühle |
Seinem fumpfesmüden Leibe
Nach des Tages Laft und Hike '
Die erfehnte Ruh zu gönnen. ° 330
Bon der Stirne fanf der Schlaf
Bald aud anf die Angenlider
Und umftridte nah und nad
Alle Glieder feines Leibes.
Doch die Thätigleit der Seele
Nahm der Schlummer nicht gefangen,
Ließ er ungehindert walten ;
Und dem Traume nur gelang es
Die Gebilde feines Reiches,
Die nur Trug und ZTänfhung waren, - 300
Ihr als Wahrheit vorzugaufeln. |
So erfchienen auch anf neue
Die Ereigniffe von geftern
Dem getrübten Seelenmuge
In veränderter Gefkalt.
In der abendlichen Kühle
Sah er nody einmal den Kampf
Mit des Zaubrers wilden Söhnen
Auf das heftigfte entbrennen.
Ihre unbarmherz’gen Hiebe 400
Fühlte er zum zweitenmal e
Und den Zorn darüber deppelt. - '
Dann erfihien das Leine Männchen,
Wie e8 in der Schreckensnacht
Bon den Salven zweie! Schlüfer
Unter Pech⸗ und Scimwefeldünften
Und betäubendem Gefradye
Wie ein leichted Weberſchiffchen
410
420
440
gwoͤlſter Befang.
Hin und her geworfen wird.
Endlich ward vor feinen Augen
Noch einmal der Raub des Schwerteg
Bon dem Zauberer vollzogen,
Wie fein edler Kampfgenofle
Aus des Kaͤpabaches Fluthen
Unter heilen Klagetönen
Seiber ihm berichtet batte.
Laffen wir die Truggebilde,
Die der Traum dem Helden malte,
In dem Haidelraut erblaffen
Und fi in ihr Nichts verziehen
Uud betrachten wir dagegen,
Was fih nad bewährter Kunde
In der Wirflichleit ereignet
Und in Wahrheit zugetragen,
Als der Held auf feinem Lager
In des Zraumes. Fefleln lag!
Kurze Zeit nur hatte fich
Kalew's Sohn auf feinem Lager
Nach den überftandnen Nöthen
In der kühlen Nacht gedehnt,
Als der Zauberer ſich felber
Zu dem Schlafenden begab,
Da er fonft ihm gegenüber
Nur im Hinterhalte wirkte.
Beipuszaubrer, weitberühmt
Am Befprechen und Behexen,
Mühte fi, den ftarfen Helden,
Der in Schlafesfefleln lag, |
Seiner Macht zu unterwerfen,
*Ließ die Spange ſchwebend wirbeln
Und fein Zauberſchiffchen fegeln
Und den Rabenftein fi drehen
Und behextes Farrenkraut
Schwere Zauberwoͤrter tragen ;
Miſchte dann zu gleichen Theifen
Schlummerkraut und Ohnmashtblätter,
m
Zwoͤifter efimig.
Band fie murmelnd in ein Bündel
Und verftedte e8 zu Haͤnpten
In das Bett des. Kalewiden:
"Um mit allen diefen Mitteln
Seinen Schlaf zu unterhalten. *
Als der wörterfund’ge Sanubaee,
Alles Diefed vorgerichtet
Und die Hexerei vollzogen:
Gab er eilig Ferfengeld
Und entfloh fo ſchnell er konnte. .
Nacht verging und Morgen folgte,
Und es flocht der nächfte Abend
Aus dem Morgen und dem Mittag
Neue Nacht in richtiger Folge
Nach der Ordnung der Natyr, —.
Und der edle Sohn des Kalew
Lag noch fehlafend auf dem Lager.
Während Defien fam ans Bierland
Eilig nach Fellin ein Bote,
Den der Freund des Alewiden,
Kalew's Heiner Hadenbube,
Nach vorher erhaltner Weiſung
Auf dem eingetretnen Pfade
An das Peipusufer führte;
Aber Niemand fand den Koͤnig,
Niemand hatte ihn geſehn. |
Nacht verging and Morgen fotgte
Und es flocht der nächſte Abend
Aus dem Morgen imd dem Mittag
Neue Nacht in richt'ger Folge
Nach der Ordnung der Ratın,
Und die Tage und die Nächte.
Wurden ebenfoviel Wochen:
Und der edle Sohn des Kalew
Lag noch fchlafend auf dem Lager.
Eines fchönen Sommertages
Mief ein heitres Inbelfeſt |
Alles Boll im ganzen Lande. - ;
470
N
510
Zrodefler Belang.
Zu Gefang und Spid und Shmaus °
Auf den Zaaraberg zufammen. =
Auf des Embachs grünen Fluthen
Glitten Schiffe aus dem Peipus
Raſch dem Haine Taara's zu;
Bolt aus Wierland und der Biel
Und aus Jerwen und aus Harrien
Nahte jubelnd fih und jauchzend;
Doch von feinem König hatte
Niemand nur em Wort gehixt,
Niemand wußte, wo er weilte.
Nacht verging und Morgen folgte
Und es flodyt der nächfte Abend
Aus dem Morgen und dem Mittag
Neue Nacht in richt’ger Folge
Nach der Ordnung der Natin
Und die Tage und die Nächte
Wurden ebenfovtel Monden:
Und der edle Sohn des Kalew
Lag noch fchlafend auf dem Lager,
Lag im unglüdfel’gen Schlaf.
Schon begann der Schmud des Sommers
Auf den Fluren zu erbleichen,
Und der edle Sohn des Kalew
Zag, dem Zauber unterworfen,
Immer noch in Schlummers Feſſeln,
ALS ein kügnerifcher Traum
So erfhütternd auf ihn wirkte,
Daß der Bann im Ru zerbrach.
Denn es ward im Traume ihm
Zebt ein neues Schwert gefchmiedet,
Das an Form und änßer'm Glanz
Weit das erite überfitahlen,
Beſſer noch gehärtet werden,
Längre Dauer haben follte.
Aber diefe Wunderwaffe
Schuf der alte Meifter nicht,
Nicht des, Bater Kalew’s Oheim.
Zwoͤrſfter Belang.
Heimlich ward das Schwert gefchmiedet
In verborg’ner ftiller Werkſtatt
Zief im Innerften des Felfens.
In dem Mittelyunft der Erde
Stand em Ihönbewahfner Hügel:
Nicht der höchfte war's von allen,
Aber auch der THeinfte nicht.
Bis zur mittlern Wolkenhoͤhe
Nagte fein umfränzter Gipfel
Und die oft befprähten Seiten
Dedte üppig gräiner Hafen. —
In dem Innern dieſes Berges
Hatten Ilmarine'ns Schüler,
Meifter in der Schmiedefunft,
Ihre Werkſtatt aufgerichtet.
An der rechten Stelle prangte
Der gewalt’ge Eichenklotz
Mit dem Ambos in der Bitte,
Den die fleißigen Gefellen
Tag und Nacht erdröhnen ließen.
Sieben tüchtige Gefellen
Schmiedeten ans beftem Stahl,
Wie man nirgend fonft ihn findet,
Das bewundernswerthe Schwert,
Eine Baffe ohne gleichen.
In der rechten ſchwangen fie
Kupferhämmer flink und rüftte,
Borgeftahlt von Meifterbänden
Zum Gebraud für ew'ge Zeiten
Und mit geldnem Stiel verfehen,
Während einer mit der Zange,
Die von reinftem Silber war,
Bald die Klinge in das Feuer,
Bald fie auf den Ambos brachte.
Bon erhöhtem Sig herab
Schaute unterdeß der Meifter,
Der betagte Ilmarine,
Mit dem Zeuerblid der Jugend,
570
Zwoiſter Brfeng.
Der aus.bufih'gen Brauen blibte, .
Auf die Arbeit der Gefellen
Und bemerkte jede. Wendung,
Zählte jeden Hammerichlag.
Ploͤtzlich ſchreitet ſcheu und zoͤgernd
Durch die offenſteh'nde Thür
Bleich ein Jüngling in die Schmiede,
Nur die Kappe etwas lüftend,
Ohne grüßend fich zu bᷣeugen
Oder mit dem Kopf zu nicken.
Blutbefledt war Hals und Brufl, -
Blutbefledt der enge Leibrod,
Tropfen Blutes, ſchon vertrodnet,
Dedten Lippen, Stirn und Wangen.
Sprady der fremde bleiche Jüngling,
Sprad mit bittender Geberde:
„Laßt und nicht den Stahl verfhwenden,. .
Nicht das theure Kifen brauchen,
Einen Mörder zu bewaffnen !
Kalew's ſtarker Sohn verkennt,
Wenn der Zorn ihn überwältigt,
Auch. den beften, treuften Freund,
Toͤdtet felbft den Blutsverwandten.
Auch den Meifter wird er morden,
Der ihm jetzt die Klinge ſchmiedet!
Hab’ ich's felber doch erfahren !
Ich und meine beiden Brüder
Haben fieben Jahre lang
Als Gebilfen unfers Vaters
An dem Schwert für ihn gefchmiedet.
Und wie hat er's uns gelohnt?
Wie gedankt für unfre Mühe? —
Sch, des Meifters ältiter Sohn,
Der dem Bater ald Gehilfe
Schon recht brav zur Seite Rand, _
Wurde in der Jugendblüthe
Schmählih von ihm hingemordet.
Alfo hat er und gelohnt,
Zwoͤlſter Geſang.
So gedankt für unſre Mühe I
Schwer verlegt durch diefe Worte
Wollte Kalew’s ſtarker Sohn
Den Berleumder Lügen ftrafen
Und zur rihr’gen Würdigung
Gleich den Vorgang felbft erzählen ;
Doch der Sohn des böfen Feindes
Hielt ihn noch in feinen Krallen
Und verfegte ihm den Athem,
Gleich al8 wenn ihm Bergestaft
Auf der Bruf gelegen hätte.
Er verſuchte fih vom Banne,
Der ihn fefthielt, zu befreien,
Und mit folcher, Energie,
Daß ihm Stirn und Wangen tropflen ;
Doch er konnte ſich nicht rühren,
Nicht einmal die Zunge regen.
Nochmals firengte er fih an
Alle Kraft zuſammennehmend,
Gleich als wollt er Felfen fprengen
Und zu Grus und Staub zerftüften.
Wie die Windebraut Iosgelaffen
Unter Blig und Donnerkrachen,
Der die Felfen beben macht,
Durch die Wogen raſt und wüthet,
Fuhr der ftarfe Hann empor
Mit dem Donnerworte: „Lügner !«
Um den Züngling zu zerfchmettern,
Der fo frevelhaft gelogen.
Eben ging die Sonne auf.
Purpurroth den Himmel fäumend
Und vertrieb den dichten Rebel,
Waͤhrend an dem Himmelsdome
Die Geftirne fill erbleichten,
Ruhe herrfchte rings umher
Auf den faum erwachten Fluren,
Die vom Morgenthaue glänzten.
Diefer Anblid mußte ſchon
610
670
Zwoͤfter Gefang.
Kalew's edlem Sohn verrathen,
Daß der Vorgang in der Schmiede
Nur ein Traum gewefen war;
‚Aber daß er fieben Wochen °
Wie im Todtenfchlaf gelegen,
Blieb für jeßzt ihm noch verborgen. -
Voͤllig aus dem Schlaf erwacht
Streckte Kalew's Sohn die Füße
Ueber's Bett hinans in's Gras,
Sag ein Weilchen auf dem Rande
Und verzehrte dann fein Fruͤhſtück,
Eh? er auf den Weg fi machte.
Bon den mitgebrachten Brettern
Hand cr neben den zerbrachnen,
Die zerftreut am Boden lagen,
Nur fehr wenig ganze noch,
Die der weiten, ſchweren Reife
Niemals werth gewefen wiren.
Sprach der Kalewsſohn fix ſich:
„Es verlohnt ſich nicht der Mühe,
Daß ich diefen Haufen Spliffer
Noch nad Haufe tragen fol,
Da fie nicht den Gang bezahlen.
Lieber geh? ich auf der Stelle Ä
Gleich von bier zurück nah Blesfan
Und verforge mid) von neuem
Mit den Bretten, die ich brandye,*,
Als er den Entſchluß gefaßt,
Mochte er nicht länger weiten,
Sondern eilte rafch von bannen.
Auf dem wohlbefannten Wege
Wieder bis zum Ger gelamgt
Drang ibm ſchon aus weiter Berne
Eines Knaben Wehernf
Laut und deutlich in die Ohren.
Als er fih nach allen Seiten
Auf der Fläche umgeichant,
Sah er eine Heerde Sihafe
%
Zwoifter Gefahg
Schwer von Iſegrim bedrängt
Sich in einen Knäuel fammeln
Und den armen Hirtenjungen
Rathlos ſtehn und „Hiffe lv fehreien.
Bald befand ein Xämmachen fi
„gitternd in Des Welfes Rachen, 680
Der e8 fi nad) feiner Weife 5
Aus der Heerde ausgeſucht,
Und das Lämmchen,. das der Hüter
Oft im Bufen warın gebegt.: . Aa di
Und aus feinem Mund gefüttert, —
Schien dem Knaben ſchon werkoxen. u:
Um den Schaden zu verhüfen,
Warf der Held mit einem Steine . . .
Nah) dem Kopfe Iſegrim's, a8
Traf ihn und erlegte glücklich 600
Den verruchten Lämmerdieb.
So entkam das arme Lämmchen
Und verbarg ſich in der Heerde.
Kalew's gut geworfuer Stein,
Nicht der größte feiner Gattung,
Aber auch der Feinfte nicht,
Bird ald Denkmal aufgehoben. .
Nur für zwei Baar Mühlenſteine
Würde er vollfommen reichen. _
Und die FZingerfpur am Rande | 700
Einen Mann zur Noth verbergen, e ..
Benn er nicht der größte wäre.
An dem Peipusiirande brach
Kalew aus in diefe Warte:
„Wenn ich .ein’ge Baͤume fälle
Und auf diefen weiten Flächen
Steine mir zufammenlefe
So viel als erforderlich,
Könnt ich über diefe Pfüge-
Leicht mir eine Brüde bauen.“ . 110
Der Gedanfe ward zur That
Und der Brüdenbau begonnen, .
720
740
750
Stötfter Geſang.
Eine Doppelreihe Ballen
Bildete den Grund des Baues
Und die Steine obendrauf
Sollten Fefigfeit ihm geben.
Hundert Schritte war. die Brüde,
Auch wohl taufend ſchon gewachfen,
Reichte eine halbe Meile,
. Eine ganze fat in's Waffer,
Nur von Einer Hand gefertigt, 5
Als ein Sturmwind fi erhob,
Der mit jeder. Stande wahfend .'.'
So den See zum Raten bradte, ' .-
Wie fein Menſch noch je gejehn.
Solhem Wellenandrang Lounte, - x
Solhem Sturm das halbe Wert .
Nicht auf lange widerftehen. 1
Krachend flürzte e8 zufammen, -
Ward zermalmt-in taufend Stücke
Und von den empörten Bellen
Weggeſpült nach allen Seiten.
Als der flarte Sohn. des Kalew
Die Berwüftung angefehen,
Sprach er ruhig: „Ei warum -
Hab’ ich auch ‚auf folches Spieiuet“
Uunüß meine Zeit verwendet !
Giebts doch feiner Türzern Weg, .
Als gerade durch das Waſſer,
Durch das off'ne Wellenſpiel,
Das ich mit der. Bretterladung
Einmal ſchon durchſchritten habe !
Eh? er auf den Weg fih machte,
Ging er etwas Krebfe fangen.
Als er manche Handvoll ſchon
In dem Querſack angeſammelt,
Manche näher an dem Ufer
"Auf den Rafen hingeworfen,
Bar ein Häuflein angewarhfen, :
Daran drei .der ſtaͤtkſten Maͤnner
Zwoͤlſter Geſang.
Wohl genug zu tragen haͤtten.
Hierauf nahm er ein paar Balken,
Blies ein tücht'ges Feuer am,
Warf von den gefangnen Krebſen
Ein’ge Handvoll an das Feuer,
Um ein wenig fle zu röften,
Und befriedigte damit
Für das erfte feinen Hunger.
Nah der Mahlzeit trat er Tuftig
Seine Reife dur die Wellen-
Nach dem Ufer jenfetts an. |
Während er des Weges geht,
Wo ihm feine Spufgeflälten,
Keines Feindes Fallen drohen,
Laßt uns den Berichten laufchen,
Die aus andern Wiefen fommen!
Wenn ic goldne Marchen fingen,
Silberne erzählen fol,
Wend’ ih mid) zum Peipusftrande,
* Dort begegnen überall
Sie zu Dugenden dem Band’rer,
Die Gefchichten aus der. Vorzeit
Und die Lieder alter Sänger.
An dem Beipusftrande ward
Am Gefinde eines Wirthen,
Dee im Ueberfluffe lebte,
Ein verwaifter Hirtenfnabe
Unter firenger Zucht gehalten.
Nicht der Wirthin Schäfchen nur,
Sondern Ziegen auch und Rinder
Hatte täglich er zu hüten.
Und das Hüten war nicht Teiht
Auf den ausgedehnten Triften,
Denn das Vieh zerfiveite ſich
Groß und Klein in. allen Wäldern
Und bededte ‚weite Flächen;
Doc verfah der Hirtenfnabe
760
770
303
304
70
810
Zwoͤlſter Gefang.
Seinen ſchweren Dienſt wit Cifer,
Ob ihn gleich der Geiz der Wirthin
Nur in Lumpen fleidete,
‚Der vermaifte Hirteuknabe
Klagte wie der goldne Kuduf
Seinen Schmerz den Erlenbüfcken
Und den Birken feinen Kummer
Und den Espen feine Roth.
„O ich armes Kind,“ fo, fang er,
„Ich verwaifter Keiner Sinabe, ———
Den fein Vater ſchützt und, leitet,
Keine Mutter liebt und. pfleggggggg
Dem fein Bruderherz ſich anfchließt,. .: ii
Keine Schweſterbruſt ſich äffnd,
Den kein Blutguermandter lt . -.: : .
Und kein Näcfter liebreich tröflt! - .
Meine Mutter ging in’d Grab
Und ihr folgke bald mein Vater,
In dem Kriege fam der Bruder,
An der Peſt die. Schweiter um. Tr
Krankheit, Elend, Noth und Aummer
“ne
Hafften alle Anverwandten -.
Einen nad) dem andern bin. ,
Ich allein ward anfbehalten,
Alle Noth und alles Elend
Harter Dienftbarkeit zu leiden!“
Auf dem Steine, auf dem Baumſtumpf,
Auf dem Himpel, auf dem Raſen,
Wo der arme Hirtenfaabe
Jemals in der Hütung faß,
Zönien feine Klagelieder.
Wenn er fo in feiner Weiſe
Seinem Herzen Luft gemacht,
Trug er leichter feine Leiden.
„Heftig”, fang er, „iſt der Wirth,
Uebertrieben fireng die. Birthin,
Und die Kinder, Sohn und Zobtn, : .
Sehn mich mit Verachtung an. :
Ztodifter Geſang.
AM
305
306
Zwoͤlfter Geſang.
Auf dem Steine, auf dem Baumſtumpf,
Auf dem Himpel, auf dem Raſen,
Bo fein müder Fuß nur weilte,
Sang der arme Hirtenknabe
Unter Thränen diefed Lied:
„Stets verachtet wird der Sklave,
Nie gefhont der Waifentnabe |
Kummer wacht an feinem Lager,.
Sei ed nun am warmen Ofen,
Dder in der falten Scheune.
Traͤgt man aus der Thür die Mutter,
Flieht die Liebe aus dem Fenſter,
Wird die Todte weggebracht,
Irrt die Liebe längs dem Zaune
Und verfinkt zuletzt im Sumpf;
Wird der Mutter Grab gegraben,
Weilt die Liebe noch dabei,
Wird die Mutter eingefenkt,
Sinft fie mit in's Grab hinunter.“
Auf dem Steine, auf dem Baumſtumpf,
Auf dem Himpel, auf dem Raſen,
Wo ſein müder Fuß nur weilte,
Sang der arme Hirtenknabe
Unter Thraͤnen diefes Lied:
Mur das kleinſte von den Broten,
Und auch das aus Kaff gebacken,
Oder trockne Rinden nur
Hat der Hirtenknab' im Brotſack.
Daran muß das arme Kind
Einzig ſeinen Hunger ſtillen!
Halme weh'n ihm in den Zähnen,
In dem Schlunde fragt der Kaff
Und die Spreu ihm auf der Zunge.” |
Auf dem Steine, auf dem Baumflumpf,
Auf dem Himpel, auf dem Raſen Be
Tönt des Hirtenknaben Lied,
Schwellen Seufzer feinen Bufen.
Waldesjungftau, zart und fein,
Zwoͤafter Befang.
Nebellönigs einz'ge Tochter,
Hörte einft den Hirtenknaben
Seine Trauerlieder fingen
Und beſchloß im Liebeödrange
Bohlzuthun dem armen Rinde,
Seinem Elend «bzubelfen
Und die Thränen ihm zu trocknen.
Abends, eh’ der Thau gefallen, -
Sang fie von der Eiche Wipfel,
Aus der dichten Blätterkrone:
„Beine nicht, mein liches Kind,
Zraure nicht, o Waiſenknabe!
Wenn du vor der Dämmerung,
Frühe noch vor Tages Anbruch
Deine Heerde treibft zur Weide,
Wirft Du anf dem Wege Glück,
Freude auf der Bichtrift. Anden.
Stel? den Zund in deinen Bufen,
Zaf ihn warm am Herzen liegen:
Das wird einft Dis Bontheil bringen,
Später dir zum GbiE gereichen.«
As der Hirtentnabe num
Andern Morgens früh wor Tage
Seine Heerde ausgetriehen:
Sand er etwas auf dem Wege?
3a, er fand ein Lercheuei
Unterm Blatt des Fraueumantels.
Eingedent der guten Weiſung
Aus der Eiche Blaͤtterkrone
Nahm's der arme Wnifenfnabe
Släubig von der Erde auf,
Schlug es, eingehüllt in Wolle,
In ein Leinenläppehen ein
Und verbarg’8 in feinem Bufen,
Daß es warm am Herzen läge.
Ward auch etwas aus dem Ei?
Ja, ed ward ein Saͤugethierchen,
Ward ein Meines Mänschen draus:
22*
910 -
970
Zwoͤtſter Befang.
Knäblein fhlug das Mäuschen IR
Eingehüllt in weiche Wolle,
An ein LReinenläppchen ein
Und verbarg’s in feinen Bufen,
Daß ed warm am Herzen läge. -
Ward aud etwas aus dem UN;
Das am warmen Herzen rıthte?
Sa, es ward ein Kätzchen drans.
Knäblein widelte das Kaͤtzchen,
Eingehült in weiche Wolle,
In ein Leinentäclein ein
Und verbarg’s in feinem Bufen,
Daß ed warm am Herzen läge. —
Ward auch etwas aus dem Rip, .
Etwas Befleres daraus? .
Aus dem KHäpchen ward ein Hündchen, I
Ward ein fleines nettes Hündchen.
Knäblein widelte das Hündchen
In ein Leinentächlein ein
Und verbarg’s: in feinem Bufen,
Daß e8 warn am Herzen läge.
Ward auch etwas aus dem en!
Etwas Befleres daran? Ä
Sa, ed ward ein Lämmchen raus / "
Und das Lämmchen ward ein: Scyäfben °
Mit der fchönften weißen Wolle.
Nun verſtummten auch die Klagen,
Horte auch das Weinen anf
Auf den Zluren und im Walde!
Denn die Waife fühlt fi gucklich,
Glücklich in der Dienftbarkeit. -
Ob auch vieles Ungemach
Täglich auf dem Sklaven laftet:
Er erträgt geduldig Alles |
Um des weißen. Schäfhens willen:
Iſt er völlig andgefähnt.-
Deshalb hielt der ame Hit: =.
Auch fein Schäfchen werth und theuer, :-
Zwoͤlſter Befang.
Theuer wie das Aug’ im Kopfe,
Und bededte e8 mit Sorgfalt,
Wenn der Regen niederftrömte,
Wenn der Froft ihn überrafchte, *
309
10
Breisehnter Gefang.
— —— — —
Dormate ließ ich gern mich laut
Auf des Dorfes Anger hören,
War der erfte, wo es galt,
Neue Weiſen zu erfinden
Oder lieben alten Weiſen
Neue Worte anzupafien.
Oftmals fang ich ganz allein,
Oft mit andern um die Wette,
Die aus fremden Dörfern waren,
Sang, daß froh die Felfen hüpften,
Zaut die Wälder wiederhallten,
Sich die Meereswogen bäumten,
Dunkle Wolken frachend barften
Und der Sturm erfchroden fchwieg.
Doch ſchon längft war ich ermüdet,
Raub und klanglos meine Stimme,
Eingefunfen meine Bruft,
Ungelen? zum Spiel die Finger.
War gealtert mit der Zeit,
War ein ſchwacher Greis geworden!
Sieh’, zum Preis des Kalewiden
Kehrte meine Jugend wieder,
Kam die fchöne Zeit zurüd,
Da ich noch ein goldner Kuckuk,
Noch ein fangesreihes VBöglein
Meine Lieder in der Koppel,
Auf der Zlur erfchallen ließ!
Schon feit Jahren weih' ich diefem
Rreehubr Gang.
Meine Kehle und meiu Herz,
Suche nad den fchönften Worten,
Zaufche mit neh ſchoͤnern Diefe,
Drdne alle zu Gedanken
Und verflechte fie in Eins. *
Als der ſtarke Sohn des Kalew
Mit der legten Zagesreife
Seinen Weg beendigt hatte,
Zangte er vor Abend zeitig
An der Schlummerflätte an, -
Bo man ihm fein Schwert geſtohlen.
Eh’ er von der Reife müde
Ruhe auf dem Lager fuchte,
Nahm er einen guten Imbiß
Ungeflört und unbehelligt
Bon Des Zaubrers lieben Söhnen.
Diefe mochten am den Beulen,
Die fle neulich fih geholt,
Roch genug zu pflaftern haben!
Andern Morgens in der Frühe,
Ch’ es noch im Oſten graute,
Sprang der Held von feinem Lager,
Um die Reife fortzufeßen.
Den gewohnten Pfad verlaffend
Bing er auf's gerathewohl
Diesmal feines Weges weiter,
Bald durch unwegfame Sünpfe, :
Nur von Ifegrim betreten,
Bald durch dichtbeftandne Wälder
Eilte fat im raſchen Trabe
Kalem’s Sohn nach Wierland zu.
Bei den Schritten, die er machte, |
Schwanden dem. beind’uen Manne
Unbemerkt die langen Meilen,
Da er bis zum Abend ging,
Ohne einmal audzuruben.
Erft beim Untergang der Sonne
Warf er feine Bretterfadung
311
3i2
70
100
Drayfhıter Belang.
Unter einem Bufche nfeder,.
Lie die müden Schultern ruhen,
Nahm zur Staͤrkang aus. dem nr
Eine gute Mahlzeit ein,
Labte fih aus feinem Faͤßchen
Und begann jur Nacht ein Lager :.:
Auf der Ebne zu bereiten, 3, m
Dazu trug er von der Düne
Soviel trodnen Sand —— —
Als zum Lager nöthig war. E
Ald er mit dem legten Schobßvoll
Nach der Lagerſtelle eilte,
Ward ein wenig Sand verſchüttet,
Sp daß an den Rand des Lager®
Sichtbar eine Lücke blieb. —
Wenig Schritte weit vom Lager—
Iſt noch jeßt als Meiner Hügel
Sene Handvoll Sand zu fehen,
Die ihm ans dem Schooß geriefelt.."
In dem Schooß der ftillen Nackt.
Die ein Fühler Than erfrifäte,
Ruhte Kalew's Edler Sproͤßling
: Bon des Tages Mühen and, **
Freundlich ſah der Abendftern,
Sah vom Himmelsdom Orion
Auf den Schlafenden herab
Und der bleiche Mond verwektte
Wahrend an des Helden Lager, - . ir
*1 *
Ha
Bis der erſte Morgenfchimmer : : ° . -
Ihn zu neuer Arbeit wedte,
Als er fchon Bereit zur Reife =
Einen Morgenimbiß nahm, —
Sprach vom Gipfel einer Tanne
Eine Elfter, die dort fh: 7 >>
Und fi ihr Gefieder pußte, °
Zu dem Sohn des Kälew alſo:
* „Wenn du wüßteſt, ſtarker Mann,
Dir es lebhaft denken könnkeſt u;
*
ı 5
Drtzehnier :Befanp.
Dder zum Bewtßtfein bringen. °
Was im Schlaf dir widerfahten, - "..
MWürdeft aus dem Meeresgrunde ae
Dder von entfernter Infel
Du das Holy zufanmenbringen |
Und dir einen Wagen zimmern, . ..: "110
Mürdeft aus den ftürkften Aeſten 5.
Mäder dir und Adhfen bauen ",
Und den Wagen dir befpannen 2
Mit den Goldfnchs und dem Grauen —
Und mit zwei Kaſtanienbraunen
Und dazu mit zweien Schimmeln, ..
Wie's des Könige Würde fordert.
Wer zu Fuß gebt, braucht viel Zeit;
Findet ſtets zu lang: Die Wege, |
Die Entfernungen zu groß! 4180
Schmerzlich warten deine Fremde,
313
Traurig fragen fie einander:- - - .”% er
Wo ift uufer guter König d
Iſt ihm etwas widerfahren, S
Was ihn an dev. Rüdtehr hindert? . 2
Drum beflügle deine Schritte
Und verweile hier nicht länger ! —
Gold und Silber. folgt dem Wadern, ©
Der nicht geizt mit feinen Schritten; - 2:
Wer bat Gold wohl ohne Mühe, . : .: : 130
Silber wohl im Schlaf gefunden ?.
Aber wer den Gang nicht fcheute, se 2 it
Giebt dem Brader ſeidne Kleider, - ° :
Giebt der Schweſter Silberperien, . . +
Hat für Ale Gold die Fülle!
„Wenn du wüßte, ſtarker Man,
Dir es lebhaft denken Lönnteft '.
Dder zum Bemwußfein bringen:
Wie ein Gang dir Gold erwärbe, . -: "
Silber dir ein Sprung vechäfe? 140
Hei, wie würdet du dich tummdn . :
Und im Flug nad Haufe eilm! / * . n wi
wu
314 Dreigepnier Gefeng.
Durch des Zaubrerd Wort gebunden,
Durch fein Schlaffrant eingelullt,
Durch den Thymian gefeflelt
Bliebſt du ungebührlich lange
In des Schlummerd Armen liegen, —
. Schliefft du ganzer fieben Wochen,
, he du vom Schlaf erwachteft.
150 Morgenftunde weht das Glüd,
Gold erwirbt die Mittageftunde,
Silber noch der jpäte Abend, —
Nur die Nacht ift unglädbringend.“ *
Alles, was die Eifer fagte,
Was der Buntrock offenbarte,
Spornte ihn zur Eile an.
Flugs belud er feine Schultern
Und begann in Meilenſchritten
Durch den dichten Wald zu brechen
160 Und die Flächen zu durchmeflen.
Als er fo in Sturmesfchritten
Weite Streden ſchon durchflogen,
Die kein Hindernib ihm boten,
Nirgend feine Schritte hemmten,
Kam er an den Wetterfee.
An dem Ufer Rebend. ſprach er:
„Sol ich wegen dieſer Pfüge
Etwa einen Umweg machen,
. Meine tbeure Zeit verweilen ?
170 Bin ich glüdlich Durch den Beipus,
Ya durch's Finnenmeer gelummen:
Ei was fol ich hier denn fürchten?
erde hoffentlich die Pfüge
Auch noch überwinden Tönnen !«
Ohne lang? fih zu bedenten
Trat er von dem .Uferrande
Mit dem Fuße in das Waſſer;
Doc ſchon bei dem dritten Schritte,
Den er watend vorwärts machte,
180 Stieg das Wafler bis zur Schulter
Derhzehuter Orfang.
Und verfprach dem riefgen Manne
Auch die Nafe noch zu negen.
Kalew's ſtarker Sohn verweilte
Einen kurzen Augenblick,
Boll Verwundrung ftehen bleibend.
Endlich rief er aͤrgerlich:
„Seht mir doch die Hezenpfüße,
. Diefes ſchwarze Strebsloh an!
Kaum bis an die Hüften reichemd
Drang im Bellenipiele nur | 190
Mir der Peipus bis zum Nabel; i
Und du unverfhämtes Ding
Reichſt mir fchon bis an die Schulter,
Drohſt den Hals mir naß zu machen !*
Alfo fprechend watete
Kalew’3 Sohn zurüd an’s Ufer
Und beftieg den trodnen Boden.
Hier ein wenig flehen bleibend
Scüttelte er Schlamm und WBafler
Bon den langen Beinen ab, 200
Eh’ er auf dem feften Lande 3
Weiter feinen Weg verfolgte.
Glühend Hrannte ihm die Sonte
Um die heiße Mittagszeit
Auf den Kopf und in den NRaden,
Daß er faft verfhmadhten wollte ;
Doch er hemmte feine Schritte
Deshalb Feinen Augenblick,
Eingedent der ernſten Mahnung,
Die der Buntrod ihm gegeben. 210
Als er ziemlich weit gegmgen:
Ward er da nicht aufgehalten?
Stieg ihm nichts Befondres auf?
Ja es war ein altes Weibchen,
. Mit dem Zanderer verwandt
Und in feiner Kunft erfahren.
Sigend fand er fie im Strauche
Als fie fingend Zanberwörter,
315
316
Dreisehnter Gefaug.
Die den Schmerz benehmen follten
Und den Biß der Schlange Heilen, ..
Schmetternd in Die Lüfte ſandte.
Mörter waren’, die ganz fiher . .
Sedesmal das Uebel bannten.
An demfelben Straudhe hemmte
Kalew's Sprößling feinen Schritt,
Um ein wenig auszuruhen a a
Und dem Weihe zuguhören.
Wörterfundig ließ die Here...
Aus dem Strauch fih fo vernehmen: -
„Welche Zarbe, liebes Lenchen ?
Höre, höre, liebes Lenchen,
Hohe Hetrfcherin des Sumpfes,
Stolze Frau des Flieſenbruches,
Dürren Rafend gone Herrin! . -
Sol ich nicht Herams Dich finden? - .
Hafelfarben, blawbeerfarben,
Eideraugenfchillerfarben,
Pfübenfarben, rafenfarben, .
Hügelfarben, fichteufarben, . “a
Wiefenfarben, baidefarben, os
Buntes Weibchen hinterm Steime,
Jungfrau aus dem Haſelbuſchee
Nimm die Schmerzen ab dem Rranln, .‘
Bringe fein Geſchwür zum Aufbruch! ;-
„Schwarze Schlange, moderfarben,
Leichenfarbne Mottenmade !
Giebt's nicht Holz genug zu beißen,
Weidenrinde anzımagen, .
Daß nad Menfchen dich verlange,
Sie dein gift’ger Zahn —
Ad wie gerne banme ich =
Did für immer in das. Didicht!
„Komm' durch's Bad den Biß zu. heilen,
- Komm’ die Wunden auszubrennen
Und der Zähne Spur zu tilgen! ---
Wirſt ja wohl die Stelle, fenpen,.....: :
Dreizehnier ‚Belang. 817
Wo dein Zahn in's Fleiſch gedrungen --.
Wo dein Geifer ſich ergoflen, Ya: Bas
Wo dein Zimglein. aungefpilt! — :.
„Glaube mir, ich femme dich, 20
Dich und deine ganze Sippſchaft:
Wo du her bift, wie entflanden,
Weldye Dinge ſich vereinten
. Heimlich dich, hervorzubringen.
Sieh’, ich kenne ganz gman ; —
Deine Herkunft und dein Weſen:
Aus dem Dünger ſtaͤmmſt du her,
Aus dem unnennbaren Saufen, SE
Bit mit Kröten nah verwandt Se .
Und verbrachteft unten. dien, -- ' 270
An verdumpfter, fenchter Zuft: Baba! —— ’
Und im Viehſtall deine Ingei. u
Zuft nur war es, was der Schöpfer
Dir ald Seele eingehaucht: er
Daber deine Meiſeuaugen. 17 3:
Deine Zunge fauftf ik in
Bon der Spige einer Lanze,, 1.
Deine Zähne von der Steeitart;
Striefenfarben ift dein: Rod En Ä
Und dein Köpfchen. weidenfarben. 02240
Du bift grants und zwgelfncben, . - 2:
Haidekrauts und. uienfuben:; : . .. ı
Aber wärft du farblos auch, rg Re
Himmels, wolfens, fternenfarben : - »
Dennoch würd ich Dich. eriennen, : '
Würdeſt du mir nicht entkommen!
Läg'ſt du platt auch unter'm Steine
Dder unter'm Stumpf geringelt, .
Ober wälztef: du: in Bögen ’
Spielend. dich auf grüner Watte, .220
Oder fänd' ih dich am Steine - . . . ::
Oder im Geftrüpp ind Dickicht: En ae
Immer wärft du mir verfallen!:.. "©... m,
Seift du nah? mir oder fan, ..: 5. 2
318 Dretzehuter Geſaug.
Nie entgehſt du meiner Mache,
Zollesbolle! polleswolle! -
Nimm Das bin, du haſt's verdient!
Glattes Zünglein, Kopf vn Wolle,
Beide Kieferpaare Wolle. Ä
300 Mögen alle deine Zaͤhne,
Alle fünf von Wolle. fein,
Wollen Zünglein, wollen Huͤtchen,
Wollen auch der gange Leib I« *
Als der : le Sohn det Kalew
Die geheime Zauberformel .
Gegen Schlangenbiß gelernt,
Ging er feines Weges weiter,
Auf das ernſtlichſte beſliſſen,
Bad in Wierland einzutreffen.
310 In dem Schetien eines Waldes.
Bolt’ er Mittagsenbe halten. .
Und bereitete ein Lager
Aus den Bäumen dieſes Waldes.
Unter. feinen ſtarken Häuden
Kielen Fichten, brachen Tannen,
Beugten fi die ſtaͤrkſten Eichen
Und die hoͤchſten Ebereſchen
Neben laubgekroͤnten Linden
Und gewährten Hug geſchichtet
320 Sp dem müden Wandersamanne
Ein bequemes Polfterlager,
Wo er mit Behaglichkeit
Nah genomm’ner Mahlgzeit ruhte.
Als er in der Mittagſhitze
Auf dem Lager außgerubt,
Lud er fi fein Beetierfuder
Wieder auf und ging von Pannen.
Bon der großen Straße bog er
Lints zum Endlafee Hinumter
330 Und verfolgte dann Den Weg
In gerader Richtung weiter. .
Schon begann die Kebe Sonne. er
Dreigehnter Gefang.
Unter langgedehnten Schatten
Feuerroth binabzufinfen
Und die frifhe Abendkühle
Kalew's Stirne zum umfähen,
Als der Wandersmann von weiten
Hinter einen Meinen Hügel
Rauch zum Himmel fleigen fah,
Der von einem Küttiöbrande
Dder Koblenmeiller ſtammend
Schwarz den Himmelsrand umfänmte.
Kalew's Sohn ereitte bald
Senen Hügel und gewahrte
Dicht dabei den däftern Eingang
Einer fchauerlichen Höhle,
Wo ein flarkes Feier brannte,
Dem der finftre Rauch eniftieg,
Und an ſchweren Eifenfetten
Ein gewaltiger Keſſel hing
Grade in des Eingangs Rite.
In dem Schein des Feuer boden
Bon dem Rauche ſtark gefhwärgt
Drei Geftalten um den Keſſel,
Die das Feuer emfig fehürten
Und den Schaum vom Steffel fchöpften.
Bon der Reife müde ftellte
Sich der ſtarke Maun an’s Feuer
Alfo bei fih felber ſprechend:
„Ei wie glücklich, daß ich heute
Ein fo gutes Unterfommen
Und ein warmes Eflen finde,
Das ich lang’ entbehren müflen !»
: Grinſend ziſchelten die Buben
Einer in des andern Ohren
Hin und her den Fremden muſternd,
Der ſo wunderlich erſchien,
Uebermenſchlich rieſengroß
Und mit Brettern ſchwer beladen.
Kalew's edler Riefen ſprßling
370
317
33
‚Deeizehnter. Gefong.
Warf die Bretter. von den Schultern, .
Trat den Burfchen etwas näher:
Und begann mit diefen Worten: ;.
* Welche Speife, lieben. Leute,
Wird denn hier gelocht im Keſſel?
Habt wohl große Zeitlichleiten,. :.. -
Eine Hochzeit wohl zu felem ?-
- Drauf erwiderten die Burſchen,
Die dort um das Feuer boden: . - .°;
„Diefer Keſſel ganz allein, > ee
Kocht die wunderbarke. Speiſe: :
Eſſen für den Vater Rückwärts, I
Speife für die Mutter Strotzig on
Und die Töchter Striellopf, : ..ı . >
Luſt'ge Suppe fin Berwandte. 17,0.
Wird bei uns ein Be gefeit : - .. ©.
Und ein Gaftmahl ausgerichhet. 4...
Schlachtet man den größten Ochſen, —
Der ſich in der Heerde findet. Pt
Hundert Schlaͤtchter tödten ihn, . TS 9.
Fünfmal hundert zapfen Bit, :..:..
1
a" win .
. Zaufend reinigen den Ochfen. , me
„Aber heute kocht dev Meflel :.. -.: ..%
Einfach für die armen Leute 9...
Nur ein halbes. Eimnthier, : ns; ".
Eines alten Ebers Rippen, . nn
Lung' und Leber eines Bären,
Nierenfett vom jungen Wolfe,
Eines alten Bären Schwarte ee
Und ein Ei vom Adlerneſte. 3 aml!
Hierven fpeift ber Höllenvaterrr
Mit der Höllemmutter etwad,: 27
Aus des Kefield Boden ſchöpft manı « : 17
Für den Hund umd für die Hapt,. . , -\
In die Ueberbleibfel: tbeilen .. : u. .: 1. -
Sich die Köche mit den Knechten. u !;
Für die blonden Plegetöchter..- :..:-" :.... z'‘
Wird befondersiabgelogt,:. ' , "m,
Drelpehnter Gefäng. 321
Backt die alte Pflegemutter u
Kuchen an dem Höllenfeuer. 40
"*
halew:
420
| v
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( J
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lei:
€
— D
i EIER BEL 40
—
Darum weiſet, lieben Freunde,
Mid zu eurem Wirthen hin, j
In das Haus des Bater Rüdmärts,
Bo die Mutter Strogig wohnt a:
Mit den Zöchtern Strudelfopf! - ©" -
Auch in rauher Schote ſtecken —
23
Orehehater Befangr
Süße Bohnen gar nicht felten
Und ich fand in harter Schale
Manchmal einen. weichen Kem.«
Spoͤttiſch ſprachen die Gejelem; :
Die den Keſſel hüteten:
„Willſt du unfern Wirthen ſuchen
In der eigenen Behauſung, I
Sieh' dich vor, mein lieber Freund!
Halte brav die Augen offen,
Daß du nicht den Weg verfehleſt,
Nicht die rechte Spur verlierſt.
Manche Maus fam in die Falle,
Aber nicht ſo leicht Herand,“ _
Kalew's Sohn entgegnete:
„Einen rechten Mann vermögen. .
Hinderniffe nicht zu [hreden! |
Und verliert er auch deu Weg,
Bahnt er flugd fich einen neuen,“
Darauf fprachen Die Gefellen
Ihm den Weg zur Höhle zeigend: -
„Sieh’, dort fteht der Eingang offen
Zu der Wohnung unſers Wirthen.
In dem Dunkeln Gang. der Höhle -
Mußt du dich ein wenig büden,
Bis du an den Punft gekommen,
Wo man jäh hinunterrutſcht.
Mit den Händen tappend finder
Du dann leicht die Stubenthür.“
Kalew's Sohn betrat die Höhle . |
Uud durchbrach den finftern Gang, - .
Ohne lang’ fih zu befinnen,
Theils gebüdt bis auf den Boden,
Theils auf allen Vieren kriechend.
Während Deffen fprachen arinfend
Unter fih die Kefielhüter:
„Diefer Bär füllt in die Grube,
Diefer Löwe in dad Netz, 5
u fein Fell umfonft zu Malie !n ’
Einfaı
Sipt
Dreigehnter Befang.
23"
810
354 Drelgehnter Veſang.
Emſig um die Sitderfpufen
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610
Dreigehnter Gefang.
Denn der Winter war entwichen
Und die Felder grünten wieder.
Band ich da nicht unerwartet
Etwas in dem Erlenwäldchen ?
Vier der ſchoͤnſten Jungfraun warene,
Die im Walde Blumen pflüdten,
Zweige von den Bäumen bradden
Und fih an den Raſen ſchmiegten,
Zarte, roſige Blondinen
Mit den feinſten ſchwarzen Brauen.
Schüchtern ſtand ic) in der Ferne,
Wagte ihnen nicht zu nahen.
Traurig Tehrt? ich aus dem Walde, |
Weinend heim vor unfre Thür.
Zragte mich beforgt der Vater,
Fragte Ängftlich mich die Mutter:
Barum weinft du, Tiebet Sohn?
Bi im Wonnemond fo traurig?
Muß wohl weinen, lieber Vater,
Muß wohl trauern, theure Mutter!
Bing in's Freie zu luftwandeln,
Mid im Walde unzufehen.
Fand ich da nicht unerwartet
Etwas in dem Erlenwäldchen ?
Dier der fchönften Jungfraun waren’s,
Die im Walde Blumen pflüdten,
Zweige von den Bäumen brachen
Und ſich an den Raſen ſchmiegten,
Zarte, rofige Blondinen
Mit den feinſten ſchwarzen Brauen!
ESchüchtern ſtand ich in der Ferne,
Wagte ihnen nicht a!
Traurig kehrt' ich em
„Sprach der ' ich zu teöften‘
„Fürchte nichts, ı er Sohn!
Soll mein Bogen fangen,
Schon mein fichrer e treffen! hi, —
Drauf erwiderte Di 5
Orchzehnter Befang.
„„Was iſt da, mein lieber Vater,
Mit dem Bogen audzmrichten!
Was fol da dein Pfeil wohl helfen!
Solche Böglein kann nur Gold,
Silber ſolches Wild nur fangen
Dder geldeswerther Schmuck.
Bill zur Stadt gehn Schmud zu faufen,
Bil mir Spigen aus dem Laden, u
Bänder mir und feidne Stoffe
Aus dem Ladenfchreine bringen:
So nur fann man Mägdlein fangen.““
„Darauf hol? ich mir das Roͤßlein
Bon der Beide auf den Stall
Und begann es anfzufürtern,
Zaͤumt' e8 dann mit — Zanme,
Legte ihm den Sattel auf
Mit der ſcharlachſammtnen Dede,
Ausgefhmüdt mit Sitberperlen,
Schwang mid auf und ritt Davon,
Meine Mägdlein aufzuſuchen:
So bin ich hieher gefommen
Und erbitte Einlaß mir!“*
Mägdlein hört! es in der Kauet
Und erwiderte ihm fingend:
„Lieber fremder Freiersmann,
Angereift aus weiter Ferne,
Biſt zu rechter Zeit gekommen,
Dir ein Mägdlein zu gewinnen :
Ausgegangen ift der Wirth,
Um Gefchäfte zu beforgen,
In der Küche fteht die Wirthin
Kuchen badend für die Kinder,
Eine Schwerter huͤtet fleibig
Ihre Bänfe anf den Anger
Und die andre if beihäftigt,
Gold und Silber aufzuputzen;
Ich mit meinen Sehnfuchtöfchmerze R
Bin allein zurüdgeblieben, ”
670
710
Diegehnier Gelong.
Um in ftiler Einfamtleit
Hinter meinem Roden figend
Silberfädchen auszufpinnen..
Zremdling, der du hergekommen
Mid zu fangen, lafj’ dir rathen:
*Tauche deine lieben Hände
In den Bottid neben dir,
Angefült mit dunkelfarb'gem,
Kräftigendem Zauberwafler,
Dann erlangt das fchwiächfte Gängen.
Kräfte einer Eifenfauft,
Die granitne Mauern bricht,
Eifenpforten fpielend öffnet
Und vor der die Thürme waufen, .
Soll die Kraft gemäßigt werben
Und gedämpft die Ueberfülle
Der zerflörenden Gewalt, -
Tauch' die Hand nur auf der Stelle
In den Bottich gleich daneben
Mit dem weißen Zauberwaſſer,
Das die Hand davor bewahrt,
Alles kurz und klein zu ſchlagen,
Was ihr in die Nähe kommt.“*
Kalew's ſtarker Sohn befolgte
Unbedenklich gleich den Rath,
Den das Mägdlein ihm gegeben
Und fo dringend ausgeſprochen.
Auch empfand die Hand fogleich
Die Verdopplung ihrer Kräfte,
Die mit jedem Pulsfchlag wuchſen.
Als er jetzt die Thür erfaßte,
Stürzte fie fammt ihren Pfeilern
Krachend auf den Boden nieder.
Nafch die Schwelle überfehreitend
Drang er in das Zimmer vor,
Um der Sungfrau fi zu nähern; = -
Diefe aber ſpraug erichroden
Hinter ihrem Roden auf.
Drelgehater. Gefgug,
Und entfloh in Sturmeseile . -
Durd |
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Spra
Das
„Ther
Freie
Halte
gern
Mit!
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750
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70
700
Dreizehnter Geſang.
Täglich meine Schläfen kraͤnzte, “
ALS den berrlichften der Männer, i
Der im Munde Aller lebte,
Kannte und im Herzen trug !“*
Was die Inngfrau zu ihm ſprach
Mit dem Ausdrud wahrer Neigung,
Fand nicht Raum im Kalew's Herzen,
Denn fein Sinnen und fein Denfen
‚ Ward auf einmal abgelenkt
Und durchkreifte andre Bahnen.
Als er nämlich fie verfolgend
Bis in's zweite Zimmer drang,
Kiel fein Auge unerwartet
An der Band ihm gegenüber -
Auf ein fehönes blankes Echwert.
Diefes hing am einem Nagel,
Dicht dabei an einen andern
Eine Meine Weidenruthe
Und an einem dritten endlich -
Ein zerfegter alter Hut? "
Kalew’s ſtarker Sohn bemertte |
Nicht des Mägdleins fühe Locung,
Sah nicht auf die Weidenrnthe,
Achtete des Hutes micht,
Sondern flierte mit Verlangen
Nur die Wunderwaffe an.
Diefe war in fliller Werkſtatt
Im verborg’rien Schooß der Erde
Bon bewährten Waffenmeiftern
Heimlich angefertigt worden.
Mit den Augen fie verſchlingend
Rief er hochbegeiſtert aus:
„Sieh', da iſt das theure Schwert,
Das der Traum mir vorgebildet,
1»
Das mein Geift tin Schlaf 'erblidte, |
Das in Ilmarinens Merkftatt '
Große Meifter für mich ſchufen,
Um mir jenes zn erſetzen,
’
Dreizehnter Befang. 331
Das im Käpabache ſchlummert!“ |
Aengftlich bittend fprach die Jungfrau: 700
„Hör mich an, o mein Beliebter!
Laff' fle unberührt die Waffe: -
Sie gehört dem böfen Geift:
Aber diefi
Und des
Jene fpre
Diefer giı
Schwerter
Darf mar
Leder Mi 800
Wird ein —
Aber ſolch
Solch ein J
Sind auf
Zehnerlei
Sieben A
Und noch
Im Befi
Kann maı
Kann maı 8110
Jeder Wi F
Jedes We “>
AKalen zZ.
Auf des j
Was ich :
Werd’ ich
Und mir
Ohne Hu
Alle jene zrgrmeunner,
Deren fi die Zauberer 20
Und der boͤſe Geiſt bedienen, DR —
Werden einen Mann von Kraft
Nicht beirren, noch beſchränken:
Der wird ſtets zu feinem Ziel
Selber fih die Wege bahnen.“
Hoffend, ihn noch umzuftimmen,
Dreigehnter Belang,
Nahm das zarte junge Mägdiein
Den zerfepten Hut vom Nagel
Und vehielt ihn in der Hand. .
Nicht wie andre Sommerhüte
Bar er aus geflliter Wolle
Dder andrem Haargemebe,
Sondern aus den Fleinen Schniheln
Von beſchnittnen Fingernaͤgeln
Künftlich angefertigt worden. _
Jetzt ergriff.die beide Jungfrau
Roh einmal das Wort und ſprach:
„Diefes Hutes hohen Werth — J
Kann kein Sterblicher bezahlen,
Bör er auch ein Koͤnigreich;
Denn es giebt auf dieſer Erbe,
Auf der ganzen weiten Welt
Keinen ‚zweiten, der ihm gliche.
Bas du je nur wänfchen koͤnnteſt,
Was dein Herz mit. heißer Sehnſucht
Sich zueigen machen moͤchte:
Im Beſitze dieſes Hutes
Wird dir jeder Wunſch gewährt,“
Scherzend fepte fie den Gut
Auf die fchönen blonden Locken x 2
Und begann dann feierlich:
„Wachſe, wachſa, ‚goldnes Magdlein, F
Dehn' dich, dehn' dich, blondes Kind!
Werde gleich dem Kalewsſohne,
Deinem Freund’ an Länge gleihlu
Sichtbar wuchs die ſchoͤne ae
Eine Elle und die zweite,
Einen Faden und den zweiten, , -
Wurde gleich dem Kalewsſohne, er
Ihrem Freund’ an Länge glei. -..
Als der edle Sohn bes Stalew .
So die Jungfrau fcherzen fah
Und im Nu fich fo verwandeln, _
Daß fie ihm an Länge glich, Em
%
| Drelzehnter Geſang. | 333
Rahm er ihr den Hut von Köpfe,
Seh
234
910
Dreigehnter Gefang.
Wie er einem Regenfchauer,
Einem Schloffenwetter gleich
Oft ganz unerwartet komme,
Diefer Hut durch ſchnelle Dienfe
In Verdoppelung der Kräfte
Sich fehr nüglich machen würde.
Sept als Meiner Bube führte
Er mit feinem lieben Maͤdchen
Manchen Scherz vergnüglich aus
. . *Eins dem andern lieb und theuer
Waͤlzten koſend fie und fpielend
‚Auf dem Aeſtrich
Sie bewegten fid
Ganz als feien f |
Und als hätten : e
Sie gezimmert u
Mit dem füßefter
Eins im andern
Miſchten heitre Lieder fidh,
Deren viele, und die fchönften,
Ach ſchon längft verklungen find !*
Das geliebte junge Mägdiein
Nief nun auch die zweite Schweſter, re
Die das Gold zu putzen hatte |
Und das Silber blanf zu machen
Und das Kupferzeug zu fchenern ;
Rief die dritte Schwefter auch,
Die die Gänfe jung und alt
Auf dem Anger hüten mußte,
Nief fie beide jegt herbei,
Sich des Gaftes wit zu freuen. |
Sprachen unter fih die Schweftern :
„Laßt die Küchenthür uns fchließen,
Sie von außen feft verriegein
Und ein Vorhangſchloß hinzuthun,
Daß die Alte aus der Küche |
Nicht in's Zimmer kommen könne !«
Man verſchloß die Küchenthür
2... Drelgelinter -Befang-
Und die Alte, Suchen badend,
Blieb wie eine Maus gefangen:
Und entlam der alle nicht, .
Sie in ihrer Luſt zu fören.
Kalew's ſtarker Sohn ergößte
Sich mit.allen dreien Schweitern,
Die ihm jede Gunſt gewährten,
Da er das Berfpredhen gab,
Aus der Hölle fie zu reiten.
- „An das Licht, des Tages,“ ſprach wm.
„Sollt ihr bald durch wich gelangen...
Und aus meinen Auverwandten,
Die id mir perpflitet habe, ,
Werd’ ich Freier euch yerſchaffen.
Sulew’d Sohn mag eine Schweſter, ver
Alew's Sohn die, zweite nehmen
Und der Hackenbub' die dritte.
IH, ein Knabe noch am Jahren, ;
Unerwachſen noch und Bein, -
Darf an feine Frau noch denfen, ,
Muß noch manden Faden länger,; -
Manche Spanne breites werden, .. ;
Muß an Weisheit und Berftand,
Lebensart und guter Sitte
Manches Tiebe Jahr noch wachlen,
Eh’ ich mid, vermählen darf.
Geht durchfliegt der junge Adler
Noch die Wälder gleich dem Kuduf,
Der in fremde Nefter legt
Und fein Junges felbft nicht füttert.“
Alle Arten muntrer Spiele
Nahm man vor zum Zeitvertreib:
Als die Falfenjagd zum Beifpiel,
Er der Falke, fle die Voͤglein;
Ningfpiel, Blindekuh und andre,
Wo er ſtets der Sieger war.
Endlich wurden alle Lichter
In’ der Stube ausgelöfcht
r
970
336
1000
Oretzehnter Gefang. &
Und man rafte fort im Dunkeln.
Wie? vermag ih nicht zu fingen. - © -
»Iſt Doch manches ſchoͤne Wied,
Mancher Hochzeitsſchwank der Alten
Mit der Zugend ‚hingefchwunden
Und erloſchen im Gedaͤchtniß.
Wenn die Heitern Tage enden
Mit den froh durchſchwaͤrmten Nächten,
Wenn die Yugendzeit verblüht —
Mit den Roſen auf den Wangen:
Iſt's auch mit den Liedern Aus,
Will der Kuckuk nicht mehr rufen, -
Nicht die Nachtigall mehr ſchlagen,
Hört der Lerche Trillern uf
Und der erften Liebe Jauchzen.
Benn dem Aubellied der Yugend,
Dem fih Spiel und Tanz gefellen,
Nicht des Kummers Thraͤne folgte,
Nicht der Neue gift’ger Zahn,
Noch der herbe Schmerz der Zänfäung:
Sänge von dem Heiz der Yugend
Noch der Greis in Silberlocen. --
dierzehnter Gefang.
L
— —
J r
14
Ware jung der Sänger noch,
Wär’ er, was er einft gemefer . u.
In dem Lenze feines Lebens...
Bis zum Saum der Blütbenmonde :
Gänge er den ganzen Tag : . ..
Und die lange Naht hindurch,
Auch wohl eine ganze Woche. '
Dder einen halben Monat .
Von dem Spiel des Kalewiden
Mit des Höllenhafed Maͤgdlein,
Sänge, daß die Felien tin .: °
Und die Wälder Beifall ranichten.
Sänger, ſchon am Lebensabend,
Längſt dem Blüthenmond enträdt, -. : u” |
Wendet fehnfuchtsvol die Augen
Dem entfchwundnen Lebensmorgen,
Jenen duft’gen Wiefen zu, - =
Deren bunten Raſenteppich — ir
Bierlihere Biumenfronen, . -... .
Glänzendere Farben ſchuuͤckten;
Bo dem leihtbewegten Bufen © .
Würmer manches Bruderherz — 1.
Gleichgeſtimmt entgegenſchlug; —
Wo auf frohbelebtem Anger
An des Dorfes Meiner. Schunkel.
Mancher Blick aus drammen Augen -
Zeuchtend auf dem Jüngling weitet. 7 ii =
338
Vierzehnter Befang.
Ad), wann wird der Lenz des, Sängers,
Wird er jemals wiederfehren?
Längft entichwundner Sängerfrühling,
Kehre, wenn auch nur im Geifte
In des Greifes Herz zurüd
Und entlock' den finftern Wolfen, .
Die die alte Zeit umhüllen,
.. Strahlen des verborgnen Lichts!
Liebe aus dem Fluß zu fifchen,
Luft vom Berge fih zu bolen
Hatte Kalew's Sohn nicht nöthig,
Denn die liebe lange Racht
Lag er in dem Schooß der Xiebe
Und genoß der. Liebe Luft
In fo füßer, reiher Fülle,
Daß kein Schlummerköruchen ſich
In den Wimpern bergen Tonnte.
„Ach, wenn doch die Soune nimmer
Eine füße Nacht verkürzte!"
Kiagten fie mit manchem Kinde,
Das die frühe Morgeuröthe
Noch im Arm der Liebe fand,
Statt am Webſtuhl oder Noden.
In der Küche eingefchloflen
Wie das Mäuschen in der Falle
Konnte auch die alte Wirthin _
Dem Gelag’ fein Ende machen.
Andern Tages führten fie
Ihren Saft umher im Haufe
Und erfchloffen alle Jimmer,
Alle Schäge feinen Bliden.
Wenn fein Blick fie felber traf, -
Sentten ſchamroth fie die Augen:
Jede dachte an die Nacht,
Jede glaubte fih begünftigt.
“Durch ein Thor von Stein geinngten
Sie in's fleinerne Gewölbe F
Und den Weg von Stein verfolgend
Bieryehater Gefang.
Eine ziemlich weite Strede
Trafen fie ein reiches Zimmer.
Ganz von Eifen alle Wände,
Ale Winkel ganz von Stahl.
Eifern waren Thür und Fenſter
Und die Dede. und der Boden.
Auch der Dfen war von Eifen,
So wie ein Kamin dabei
Und die Woͤlbung ded Kamins.
Eifern war das Bett im Zimmer
Und der Tiſch in defien Mitte
Und die Stühle um den Tiſch
Und die Bänke an, dem Dfen.
Eifern waren auch die Sparren
Und die Pfeiler, die fie ſtuͤtzten,
Und die Kaſten in den Winkeln,
Boll von eifernen Geräthen.
„Diefes Zimmer,“ ſprach erflärend
Jept die Ältefte der Schweftern,
„Iſt das Zimmer des Gehoͤrnten,
Wo die Knechte ſich zur Arbeit
Oder zur Erholung ſammeln,
Wo ſie auch beiſammen wohnen.
Hier auch werden fie geſtraft
Und auf alle Art gepeinigt.«“
Durch das Eifenthor gelangten
Sie in’8 eiferne Gewölbe
Und den Eifenweg verfolgend
Eine ziemlidy weite Strecke
Kamen fie in's zweite Zimmer.
Diefes Zimmer war von Kupfer.
Kupfern waren feine Wände
Und von Meffing feine Winkel,
Kupfern waren alle Ballen,
Kupfern waren Thür und Zenfter
Und die Dede und der Boden.
Auch der Ofen war von Kupfer,
Kupfern der Kamin dabei
24”
70
100
38%
340
110
120
130
140
Biergehnter Belang.
Und die Wölbung des Kamins.
KHupfern war das Bett im Zimmer
Und der Tiſch in deſſen Mitte
Und die Stühle um den Tiſch
Und die Bänfe an dem Dfen.
Kupfern waren auch die Sparren
Und die Pfeiler, die fle flügten,
Und die Kaften in den WBinteln,
Bol mit kupfernen Geräthen.
„Diefes Zimmer,“ fpracdh erklärend .
Wiederum die ältefle:
„Iſt das Zimmer des Gehöruten,
Wo die Mägde fih zur Arbeit
Dder zur Erholung fammeln,
Bo fie auch beifammen wohnen.
Hier auch werden fle geftraft
Und auf alle Art gepeinigt.“
Durch das Kupferthor gelangten
Sie in's fupferne Gewölbe
Und den Kupferweg verfolgend
Eine ziemlich weite Strede
Kamen fie in's dritte Zimmer.
Diefes Zimmer war von Silber.
Silbern waren feine Wände,
Silbern alle feine Winkel, .
Silben waren Thür und Kenfter
‚Und die Dede und der Boden.
Auch der Dfen war von Silber,
Silbern der Kamin dabei
Und die Wölbung des Kamine.
Silbern war das Bett im Zimmer
Und der Zifch in deflen Dritte
Und die Etühle um den Tiſch
Und die Bänke an dem Dfen.-
Eilbern waren auch die Sparten
Und die Pfeiler, die fie flüßten,
Und die Kaften in den Winfeln,
Angefüllt mit Silbermüngen,
Bierzehnter Befang.
„Diefes Zimmer,“ ſprach erflärend
Lebt die zweite von den Schweftern,
„Iſt das Zimmer des Gehoͤrnten,
Wo der Alte fi gewöhnlich
Alle Zage aufzuhalten
Und fi zu erquiden pflegt.
Hier beliebt er auch zu ſchlafen
Und ſich anderweit zu pflegen."
Durch das Silberthor gelangten
Sie in's filberne Gewölbe
Und den Silberweg verfolgend
Eine ziemlid weite. Steede
Kamen fie in's vierte Zimmer.
Diefes Zimmer war von Gold.
Golden waren feine Wände,
Golden alle feine Winkel,
Golden waren Thür und Fenfter
Und die Dede und der Boden.
Auch der Ofen war von Gold,
Golden der Kamin daneben
Und die Wölbung ded Kamine.
Golden war das Bett im Zimmer
Und der Tifch in deffen Mitte,
Und die Stühle um den Zifch,
Und die Bänke an dem Ofen.
Golden waren auch die Sparren,
Und die Pfeiler, die fle- flügten,
Golden alle Hausgerätbe
Und die Kaften in den Winfeln,
Angefüllt mit goldnen Münzen.
„Dieſes Zimmer,“ fprach exflärend |
Wiederum die zweite Schmefter,
„ft das Zimmer des Gehörnten,
Wo er feine Kefte feiert,.
Sft das Zimmer, wo er fafelt,
MWenn es gilt recht froh zu fein.
Auch die Nacht verbringt er dann
Hier in fleifchlichen Genüffen,
150
160
170
341
'342
180
1%
210
Wiergehnier Gefang.
Die er über. alles liebt.
Geſtern hab’ ich wiele Stunden
Hier gepupt Die goldnen Sachen
Und das Zimmer ausgefegt.“
Aus dem goldnen Zimmer tretend
Kamen fie an's goldne Thor
Und durch's hohe Goldgewölbe,
Das mit Gold gepflaſtert war
Und ſich ziemlich weit erſtreckte,
Alſobald in's fünfte Zimmer.
Dieſes war das Seidenzimmer,
Ganz aus Seidenſtoff beſtehend,
Der durch Schnüre aufgezogen
Auf verſteckten Pfeilern ruhte.
Seiden waren ſeine Wände
Und die ſchoͤn verfchlungnen Winkel,
Seiden waren Thür und Fenfter
Und die Dede und der Boden,
Geiden auch das Bett im Zimmer -
Und die Kiffen in dem Bette.
Auf dem Tiſch und anf den Stühlen
Prangten ſchwere feidne Deden.
Schöne Seidenkleider hingen
Rundherum an allen Bänden,
Die mit Schnüren und mit Quaften
Zierlich ausgeftattet waren.
In den Binfeln fanden Kaften,
Angefült mit Geidenzeugen.
„Diefes Zimmer,“ ſprach erflärend
Jetzt die dritte von den Schweſtern,
„Sit das Putzgemach der Mägdlein,
Iſt der Jungfraun Kämmerlein,
Bo die Lieblichen ſich ſchmücken,
Ihre Feſtgewaͤnder flechten
Und ſich in das blaue Leibchen
Und den rothen falt'gen Rod
Mit dem Perlbefage Heiden,
Wenn das Seidenfeft begangen,
Vierzehnter ‚Befang- 343
Mädchentag gefeiert wird.“
Aus dem Seidenzimmer treteud
Kamen fie durch's Seidenthor 20
In das feidene Gewölbe | i
Und verfolgten diefen Gang
Eine ziemlich weite Strecke
Bis zum fechöten Prunfgemad).
Diefes war dad Sammetzimwer,
Ganz aus Sammetfoff beftehend,
Der durch Schnüre aufgezogen:
Auf verftedten Pfeilern ruhte.
Sammten waren feine Wände
- Und die ſchoͤn verfchlungnen Winkel, 0
Sammten waren, Thür und Fenſter
Und die Dede und der Boden,
Sammten auch das Ruhbebett
Und die Kiffen in dem Bette.
Auf dem Tiſch und auf den Stühlen
Prangten fhwere funmtne Deden.
Breite Dielenftreifen liefen
Ueber's ganze Zimmer hin,
Das mit diden fammtnen Schnüren _ ’
Zierlich ausgeftattet war. - - 20
In den Winkeln ftanden Kaſten
Angefüllt mit Sammetboljen,
Andre Sammetbolzen Iggen
Aufgefchichtet nebenbei,
„Dieſes Zimmer,“ fprach erklärend
Wiederum die ‚dritte Schwefter,
„Iſt das Pupgemad der Mägdlein, .
Iſt der Jungfraun Känmerlein,
Wo die Lieblihen ſich ſchmücken,
Ihre Zeftgewänder flechten, | 250
Sich in’3 blaue Sammetleibchen
Und in’ rothe Röckchen leiden,
Wird das Sammetfeft begangen,
Sämmetmädcentag "gefeiert. ”
Aus dem Sammelzimmer tretend,
344 Merzehnter Belang.
Kamen fie durch's Sammetthor
In das hohe Sammtgewölbe
Und verfolgten diefen Gang
Eine ziemlich weite Strede
250 Bid in's fiebente Gemach.
Diefed war das Spigenzimmer,
Aufgeftedt aus zarten Spitzen,
Die auf's zierlichfte verflochten
Auf verftedten Pfeilern ruhten,
Reich garnirt mit Spigenbändern.
Ale Bünde waren Sritzen,
Eitel Spitzen alle Winkek,
Spitzen Thär und Spitzen Fenſter,
Spitzen Decke, Spitzen Boden,
270 Spigen auch das Ruhebett
Und die Kiffen in demfelben.
Auf den Tiſch und auf den Stühlen
Prangten reiche Spigendeden:'
Zarte Spigenfleider hingen
Rundherum an allen Wänden,
Diele Spigenfchnüre zogen
Sich in Bögen durch das ‚Simmer. -
In den Winkeln ftanden Kaſten
Angefüllt mit Spitzenbolzen
280 Und daneben aufgeſchichtet
Eine Lage Aermelſpitzen,
Eine andre Haubenſpitzen, |
Nocdbefäge eine britte. |
. „Diefes Zimmer," Iprach eitdrend
Wiederum die dritte Schweſter,
„Iſt der Jungfraun Putzgemach,
Iſt der jungen Mägdkein Zimmer,
Wo die allerliebften Seinen - RE
Ihren Kopf mit Spigen fchrrüden, ° —
20 Wenn das Spiztzenfeſt begangen,
Jungferntag gefeiert wird⸗· —
Aus dem Spitzenzimmer tretend
Kamen fie durch's Spigentyor :
Mergehnter Gefang.
An ein ftattliches Gewölbe, -
Wo fie eine weite Strede
Nur auf Spitzen wandelten,
Bis fie auf den Hof gelangten,
Der ftatt eines grünen Mafens
Eine Silberfliche bot,
Einen Pflafterweg von Thalern.
Sieben Kleeten, Wunderbauten,
Waren auf dem Hof, zu fehen.
Aus Granit beſtand die erſte,
Ganz aus einem Stuͤck gehauen,
Und aus breiten Fliefentafeln
War die zweite aufgebaut.
Die nun folgende, die dritte,
Hatte man aus Hühnereiern
Und die vierte, diefer ähnlich,
Wunderbar aus Bänfeeiern,
Aus polirten Quaderfteinen
Künftlih aufgeführt die fünfte.
Aus den fchönften Adlereiern '..
Par die fechöte diefer Kleeten
Und aus Greifeneiern endfich
War die fiebente erbaut.
Roggen ward in einer Kleete,
Gerſte in der anderen,
In der dritten wurde Hafer,
Weizen in der vierten..Kleete,
In der fünften Malz verwahrt
Und Gemäfe in der ſechsten,
In der fiebenten dagegen
Schweinefett und Talg in Bißden.
Ganz im Hintergrund des Hofes:
Standen Ställe für das Vieh,
Die aus Knöchen aller Art‘
Künftlich aufgezimmert waren.*
Kalew's Sohn verlangte nicht
Diefe näher zu betrachten
Sondern fing die Mädchen am.
310
345
346
340
Sergehuter Befung.
Auf's genau'ſte auszuforſchen
Ueber alles, was ſie nur
Vom Gehoͤrnten wiſſen konnten.
Schnell begriff die Aelteſte
Seine Abficht und erzählte:
»,Welcher Vater ihn gezengt,
Welche Mutter ihn geboren,
Ihn gewiegt auf ihren Armen,
Ihn auf ihrem Schooß gefüttert
Und am Munde eingelullt,
Iſt uns nicht bekannt geworden.
Ob ein Bär fein Vater war,
Eine Woͤlfin ihn geboren,
Eine Mähre ihn gegangelt,
Eine Ziege ihn gemtegt:
Alles Das bededit ein Schleier,
Den wir niemals lüften Tonnten.*
„Seiner großen Guͤter wegen,
Die ihn fehr in Anſpruch nehmen,
Macht er heimlich weite Reifen
In unglaublich) kurzer Zeitz
Aber nie noch fah Ein Auge
Dder hörte je ein Obr,
Welchen Weg ex eingeſchlagen,
Welche Orte er befucht.
Abzjehn mag ihn Jeder feben,
Ebenfo nah Haufe fommen,
Sonſt bieibt alles unbelannt.
Tief im Schooß der Erde, fagt man, .
Sei ein ausgedehnter Raum,
Wo ſich fieben Welten finden,
Sieben tiefoerborgne Inſeln,
Die fehr ſtark bevoͤllert feien
Bon den Seelen der Berftorbnen,
Die in großen Dörfern wohnen.
Alle diefe Seelen follen
Dem Gehörnten dienſtbar fein,
Wie jeit Urbeginn der Weit
Berzehnter Gefung.
Taara's Weisheit anguorduen
Selbft für recht und gut befunden.
„Mit gewalt’ger Kraft regiert
Der Gehörnte feine Bölter.
Jedes Zahr zur Seelenzeit
Iſt den Seelen es geftattet
Ihre Heimath zu bejuchen,
Um die Ihrigen zu ſehen
Und Belannte zu begrüßen.
An dem Feſte aller Seelen
Ziehen fie in großen Schanren —
Aus der Höllenqual befreit —
Durch des Schattenreiches Pforte
In der allergrößten Eile
Zu den fremd geworden Zriften,
Wo fie einft bei. Leibesleben
Sei ed nun in Luſt und Freude
Dder unter Thraͤnen weilten.
Doch ift dieſe Ferienzeit,
Diefe ſchoͤne Zeit zu Ende,
Müffen fie von ihren Reiſen
Sich fogleich zurückbegeben
In das Reich der Finfterniß,
Sedermann in feine Wohnung.“
Hierauf ließ die zweite Schweſter
Alfo fprechend fi vernehmen:
„Aus dem Schattenreich beſtellt
Der Gehörnte feine Fröhner,
Die zur Arbeit fommen müflen,
Se nad dem Bedarf erfcheinen
Bald die Knechte, bald die Mägde,
Ihre Frohne abzuleiften,
Und dann müflen dieſe Armen
Sei es in der Gifenfanmer,
Dder in Dem Kupferzimmer
Ihre Schwere Pflicht erfüllen.
Eifenftod uud Kupferrutht
Strafen jede Pflichwerſaͤumniß.
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37
410
420
440
„Hier ift des Gehörnten Bohrung,
Hier find Zimmer eingerichtet,
Bo er fich erfrifcht und ftärft
Und auf weichen PBolftern fehlummert,
Bo er auch mit feinem Weibe
Seine Mußeftunden zubringt
Und fih manchen Tag erholt,
Wenn er ſich nach weiten Reiſen
Und Strapazen müde fühlt.
Dann bereitet ihm die Alte
Dft ein Bad im Silberzimmer,
Wo fie mit dem Badebuͤſchel
Schultern ihm und Rüden quäftet.
„Wird ein größtes Feſt gefeiert
Und ein Gaſtmahl ausgerichtet
Für die Freunde und Verwandten,
Dann ergößt er ſich daran,
Mit den Gäften laut zu jnbeln
Und in Bier ſich zu beranfchen. -
Ihm verfhwägert if: der‘ Teufel,
Höllenhündin feine Bafe,
Großmama die weiße Maͤhre.
„Heute Abend ſchon erwartet
Den Gehörnten man zu Haufe
Aus der Obermelt zurüd,
Da er ungern dort verweilet,
*Wo den Tag die Eonne fheint,
Nachts der Mond am, Himmel leuchtet
Und die Sternenaugen blinken. *
Aber hat er unten dert —
In dem Schaͤttenreich der Seelen
Irgend etwas zu verrichten,
Bleibt er Tagelang von Hauſe,
Kommt in Wochen nicht zurück.“
Als das Mägdlein ausgeſprochen,
Fuhr die dritte Schweſter fort:
„Wenn dich, edler Sohn des Kalew,
Der Gehoͤrnte unvermuthet
Viergemter Befang.
Unter uns bier finden follte,
Würdeſt Du des Todes fein.
Denn wer jemals ‚unberufen
Diefe Schwelle überfchritten,
Je den Aeſtrich hier betreten:
War dem Tode fehnell verfallen,
Cab den holden Mond nicht wieder,
Nie die liebe Sonne: mehr.
„Wir unfeligen Gefchwifter,
Schon recht Hübfche, große Mädchen,
Wurden fchon im Sindesalter
Durch ein ſchreckliches ‚VBerhängniß,
Das im Sturm und Übereilte,
Dem Gehörnten unterthan.
*Ach, man trug vonweitem ber,
Ueber taufend Werfte weit,
Mitten aus der fchönen Welt.
Und durch alle ihre Reize
Uns in dieſes Janmerthal,
In die Wohnungen des Elends.
Kurz vorher noch febten wir
Froh und glüdlih und zufrieden
Und verhießen aufzublähen
Wie die Beilchen in der Koppel.
Lebt, da wir erwachſen find,
Müſſen wir im Sklavenjoche
, Unter harter LXeibesftrafe
Dem Befehl des Witths gehorchen,
Auf den Wink der Wirthin achten
Und die fchwerfte Arbeit thun,
Die fie nur erfinnen mögen.
Wenn's auch Funken ſchneien follte
Oder Eiſenſchlacken hageln
Oder ganze Stroͤme regnen:
Der gerufne Fröhner kommt
Und der fortgeſchickte geht,
Wie ihn grade trifft die Reihe,
Und Das immer auf der Stelle,
470
349
350
610
420
Merzehnter Belang,
Früh vor Tage wie die Schnepfe,
Oder wie der Rabe einſam,
Oder ſpät noch wie die Schwalbe.*
„Taara's Geift verhieß und gnädig,
Daß wir niemals altern follten,
Sondern ftetd im Lenz des Lebens
Unfern Jugendreiz behalten,
Wenn wir unfre Yungfraunehre
Rein und unbefledt bewahrten
Und der Liebe ganz entfagten. —
„Doch was Hilft die Jugend ung,“
Fuhr, die Schweiter unterbrechend,
Yet die erfte wieder fort,
„Was ein Lenz, der nie verblüht,
a8 der Burpur auf den Wangen,
»Was der Reiz der Füßen Unſchuld
Und die keuſch bewahrte Ehre:
Wenn das Herz nach Liebe dürftet
Und fein Trunk verftattet wird,
Niemand nach den Hühnchen freiet,
Niemand kommt, fie mit dem Schickſal
Freundlich wieder auszuſoöͤhnen,
Die Gefangnen zu befreien,
Ihnen Liebe zu gewähren?
Nicht ein Windhauch bringt uns Grüße,
Fächelt den Verſchmachtenden
Auch vonfern nur Kühlung zu!«*
Kalew's ſtarker Sohn verſuchte
Sie zu troͤſten und verſetzte:
*Liebe, füße junge Maͤdchen,
Allerſchoͤnſte Lockenkoͤpfchen,
Gebt euch nicht dem Kummer hin,
Weinet nicht, ihr lieben Kleinen!
Kummer bleicht die Roſenwangen,
Thränen waſchen weg den Purpur.
Sicher werd’ ich euch exlöfen,
Werde meine lieben Böglein
Aus der Schlinge ſchon befreien,
Biergehater Oeſang.
Werd’ euch beifen zu entkommen !
Aus den Zeffeln eurer Alten
Werd’ ic meine Mädchen reiten,
Aus den Banden des Gchörnten,
Aus dem Drud des Sklavenjoches
In die Welt der Freiheit führen,
Wo des Tags die goldne Sonne,
Nachts des Silbermondes Sichel
Und die Sternenaugen glänzen.
Weinet nicht, ihr lieben Steinen,
Trauert nicht, ihr goldnen Mädchen! *
Kalew's ftarfem Sohne ftrömen
Kräfte zu im Ueberflug !
In dem Wettkampf werd’ ich ficher
Den Gehörnten überwinden,
Dann die alte Hexe Enebeln
Und die Kinderchen befrein!«
Darauf nahm die erfte Schweſter
Wiederum das Wort und fagte:
„Willſt du, edler Sohn des Kalew,
Hoher Sprößling großer Helden,
Starker Männer würd’ger Erbe,
Willſt du ernſtlich uns erlöfen,
Deine Hühnchen aus der Haft,
Aus der Schlinge deine Böglein, —
Mußt du dich der Wünfchelruthe
Und des Schnigelhuts bedienen;
Sonft wirft du dich felber nicht,
Noch viel wen’ger uns befreien! _
Deine Kraft vermag hier nichts,
Nichts die Zapferfeit des Helden,
Der ein Sterbliher nur ift.
Der Gehörnte hat Gefellen,
Zaufend unerfannte Diener,
Ungezaͤhlte Helfersheifer,
Unfihtbare Bundsgenoflen,
Hat den Wind in feinem Solde
Und gebietet unumfchränft
540
351
868
670
Bierzehnter Befang.
Ueber alle Zaubermittel,
Die die Kraft in Feſſeln legen,
Die die Tapferkeit umgarnen
Und den Heldenmuth befiegen.” .
Kalew's ſtarker Sohn verlachte
Alles, was in ihrer Angft
Ihm die Mädchen vorgejammert,
Und erwiderte darauf
Mit den alten Liederworten:
* „Liebe Mädchen, junge Mädchen,
Schmude, hübſche Lodentöpfchen !
Hättet ihr zu guter Stunde
Mid und jene Waldgefellen,
Die gewalt’ge Reden find,
Um die Wette kämpfen fehen,
D dann würdet ihr ſchon wiflen,
Was der Sohn des flarfen Munnes
Wohl im Kampfe leiften mag!”
Weder fürcht' ich den Gehoͤrnten,
Noch die hundert Helferähelfer,
Noch die taufend Spufgeftatten!
Größre Kraft muß immer fliegen.
Hab’ den Zeufel felbft -beflent,
Einft ein ganzes Heer in Zinland,
Werd’ auch bier noch Steger bleiben!
Aengftlih für den Freund beforgt
Sprad die zweite-von den EST:
„Edler Kalewidenfprößling,
Königlicher ftarfer Mann!
Da du gegen unfre Bitte,
Unfre Warnung unempfindlich
Bloß auf deine Kraft vertrauend
In Gefahr dich ftürzen willſt:
D fo möge uns fein Vorwurf,
Keine Schuld und Arme treffen,
Wenn der Uingerechte dic
Seiner Bosheit opfern ſollte
Eins noch fei erlaubt zu Tagen, - :-
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Derzeheuer Geſang
Das dem Biere aͤhnlich ſah. Be Sa
Gleiches Weſens nah dem Heußern, —
Waren beide nach der Wirkung F
Doch wie Tag und Nacht verſchieden. —
Eins, Ze .
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So daß finten, - . .
„Schwach“ zur rechten Hand befand. .
Und im Zalle der Benupung
Der Gehörnte ſich betröge.
Währenddeſſen nahın Die ‚weite
Auch die Wuͤnſcheiruthe weg
Als die Schweſtern — ihr —
In der Eile ausgeführt,
Hoͤrte man von fern ein Trappeln, SR n “
Das im Sturm der Höhle nahte,
Zitternd amd erbleichend fahen
Sid die armen Schweftern an .
Und die jüngfte wandte fid. -
Alſo fprehend zu dem Heiden: , 4...
„Sept, o theurer Sohn des Kalew
Iſt der Loͤwe in der Falle, u
Hat der Bär fich felbft gefangen,
Ihn das Nep bereit umſchlungen!
Der Gehoͤrnte naht im Sturm,
Eilt mit Ungeduld nad Haufe!
Schon betritt fein Fuß den ‚Eingang, —
Halt fein Schritt im Thorweg wieder,
PL
Daß der ganze Bau erhebt. mini.
nd
Wierzehnter Sefng : ses
Kein Emtfommen tft zu hoffen, -
Kein Verſteck zw finden mehr!
Auf die eigne Kraft allein :
Sieh'ſt du jebt dich angewieſen!“
. Wie wenn hunderte von Neitern
Ueber eine Brüde fprengen -
Dder ſchwere Gifenfuhren’ J = 680
Ueber Kupferwege raffeln ii 7...
Dder Donnerſchlaͤge fhmettern, - . — Or
Daß die Erde fchwantt und tert:
Alfo bebte das Gewölbe J
Unter des Gehoͤrnten Schritten.
Kalew's edler Sprößling Rund
Ruhig auf den Ausgang wartend
*Wie die Eiche in dem Sturm, Fer
Wie der Glint beim. Bogendrange; ES
Wie der Feld im Hegelmeiter, ne 600
Wie der Eiſenthurm in Winde. . 7*
Kaum erft war der Boltergang :. '.. ' J—
Bis zur legten Thür gedrungen. 1
Als ein Fauſtſchlag an diefelbe, —
Der die Pfoſten zittern machte,
Sp gewichtig niederſiel, es
Daß fie einzuftürzgen drohte
Und der Herr der Hölle felber ..
Gleich darauf in's Zimmer trat. .
Ploͤtzlich hemmte ex die Schritte: .: - i - 700
Und fein Auge fragte wäthend: Fe
Bas will diefer Habiätt..bier, - - . 7 . er
Diefer Wolf in meiner Hgeerded . . :. ci
Die Gefchwifter wurden bleich —
Und verloren alle Faſſung; nn Bar
Doch der edſe Sohn des Kalew,
»In der Hand den Schnitzelhut, “
Etand den Kindern brav zur Seite -.:
Wie ein Hähnihen feinen Hühnen, -
Da er nach der Zanberwandfung - ' - "719
Größer nicht, ala fie, erfihien. -..zurn:. nt
P 95*
ur
Verzehuter Oeſaug
Der Gehoͤrnte brach das — RD
Mit der Frage an Den Helden: .
„Ber hat dich, mein. Freund, vs Bern). -
Did in's Neb gewußt zu REN. a
"Süße Scmeicheleien haben: . —
Freilich Manchen ſchau a en
Kühnern auch hat ſchon Die äpıpe, Ei
Kräftigern die eig’ne Kraft en A
Unverfehns den Hald gebrogen, .°.: :=°
In's Berderben fie gekürt... .
Und wer meinem Reich verfallen, .: .. ;
Sieht dad Sonnenlicht nie wieher }* -.: :\...
Kalew's ftarler Sohn verfehte..:, . .:.:’
Wohl bedacht and ſchlau beredinetr. : .. .
„Wind ift nur sin eiller Brahler, ! 1; -
Sturm ein unnemnänftger. Raul. ! »,ı
Worte drohend um fich merfen,..
Schimpfend feinem. Born genügen, ..; .:
Mit dem Mant fein. Müthchen fühlen: :.
"% *
int —
Iſt die Sache alter: Weiber.
Die ſich in den Gaaren liegen2.
Leere Worte machens nich —
Bringen nicht den Krieg zu Ende, 1 n.
Stillen nicht des Gegners Jorn "..
Sondern gießen Del ins Feuer .. 1., 7 H
Machen bdier nur dew Satrejt -° . chin
Lafl uns in Das: Freie geben, ... . a
Um im Wettkampf auszumachen, ..: :i!
Ber an Leibeskraft Dem. den :. . ..:2
Kämpfend überlegen fi! Pe
Sreiheit werde nr dem Sieger, - :.7
Recht dem Stärkern nur zu Thai! irn Zul
„Wie du wänfdyeit,. mag's geiihehn;" 7
Gab zur Antwort der. Gehörnte,, : :. ”.
„Ich verſuch“ wich gerw im Rampſe!“ ”:.:: =
Darauf kat er an. dus — De
Aus dem Glaſe ſich zu rien we
Seine Eyamalı zu ſteigern.. 000.0
% =
Viergehmer Veſaim.
Er vermuthete das @las " u" u ,
Am gewohnten Plat zu finden, ” . ...: 1. :%
Schtang ben JInhalt ref: hinunter,” >
Und ließ nichts im Boden nach. . 0.
Diefes ſehend ſteckte eh : mi
Kalew's Sohn. das. Bam —
Unbedenklich in den Baͤſien. :, 77
Denn er dachte bei fich alſö
„Wenn ich in's GedrängeTomme
Und die Kräfte nicht mehr reiche, --:;,
Darf mir nur das ISDN © 17
Meine vorige Geflalt, e
Meine Länge wiedergeben.“ . 2 r a
Ald man mit der Borbereitung ——
Beiderſeitig fertig war, ne zen
Sing man. anf den Hof hinaus, -
Um den Wettkampf zu beginnen.
Der Gehoͤrnte fpra im Beggehn „
Zu der älteften de Schweftem: :
„Laufe in die Eifenfammerr . = 2
Und entnimm dem. Kaften. dort‘
Hurtig eine Dpppellett, - ">
Die dem Sieger: dienen fell, "2.4:
Den Beflegten gleich zu feffen f* -:. «., ,
Auf der Stelle thad das ‚Weägdleim;:
Bie der Herz’ geheißem hatte. . 7..i
Als die Männer um dem Bag -
Ganz genau geimsfien hatten, . .. u
Stedten fie die Orämzen ab: :
Und verwerten fle mit Pfaäͤhlen,
Damit alles vechtäich zugehn, . = 1.
Kein Betrug gefchehen möge, : :' 3, il
Zum gewalt'gen — GE 2.
Ber den andern aiebeiwätfe, - .. . ; "I
Faßten fih die beiden Kämpfer: : : . 7
Mit den Armen wa die Hüften. 1,1 1.9
Sold ein Ringen; foßchiiehn Kämpfen —
Hatte wohl an dieſer Btelle,! :ı ..i st: ;,
KT
760
"ca
⸗ 1
810
MViergehnter Oetang.
So weit Menſchen ſich erinner
Sicher niemals ſtattgefunden —
Wie vom Sturm gepeitſcht die Bogen >
Himmelan fih bäumen wäfleen,. Er
Um im nädften Augenbiid J
In den Abgrend ſich zu fürzen,
Oder wie die Dächer fliegen,
Wenn die Windsbraut fe erfaßt:
Alfo ſchwankte Hier der Boden,
Zitterte das Hoͤllenreich un
Unter den gewalt’gen Kämpfern. : _
Des Palaftes Mauern krachten, Zr
Ihre Unterlagen wichen,
Die Gewölbe ſenkten ih ° :
Und das Dach begann zu ürgen.
Zange ſchwankte zwiſchen Beiden
Die Enticheidung bin und ber,
Daß auch ſelbſt dee Eingeweihte
Es nicht zu beſtimmen wagte:
Wer den Kampfpreis hier erriugen,
Wer den andern feſſeln wirde.
Als fie eine Pauſe machten,
Um ein wenig Luft au fhöpfen,
Zog der edle Sehn des Salem ...
Seinen Schnigeihut pm — ı:
Und empfahl ihm feinen Wanfche -
An Geftalt und Körperlänge: er
Sept Shon wieder Das zu werden, ;.
Was er fonft gewefen ar. . 5.7." nn
Da begann. der Sohn des: Krk. &
Auf der Stelle fi zu fireden —
Und an Umfang zuzunehmen ſ
Ward fo ſtark wie eine Eiche . ..:,
Und fo hoch wie eine Taune. ine!
Darauf fuhr er. dem Gchömin. “ .: 1:
Mit den Händen :im die — garen
Schüttete ihn ;erfliein wenig, ‘; ‚SE
Zerrte dann ihn hin mud ber,. :. ; = 2 tun.
Bierzehuter Befang.
Hob ihn wohl zehn: Faden bad. :: -
Bon dem Boden in Die: Hähe - —
Und dann flampfte: er ihn endtih —
Wie ein zugeſpitztes Pfloͤckche 1
An den Boden tief. hinein: ——
Erſt nur freilich dis zur Wade*
Aber dann bis übers Knie, — A Te
Endlich bis zur Säfte faſt, A
Daß er zwifchen Grant und: Saul
Eingefeilt und eingellemmt - —
Sich vom Platz nicht rühren komte.
Kalew's ſtarker Sohn ergriſßf—
Jetzt die Ketten nud verſichte
Wie fie anzulegen wͤren. Ti.
Daß er den beſiegten Gegner '
Mit denfelben feſſeln könne. Zn
Aber eh?’ der Sohn des Klemm ı .. >
Noch fo welt gediehen war, . „17. H
Am die Eiſen anzulegen : : ° "in,
Und gehörig zu befefl'gen, -
Schrumpfte der Gehörnte ſichtbar
Immer mehr und mehr zufunmer;
Eine Spame erſt und.wei, "0°
Gleich darauf noch viele Spannen, :ı .
le zu)
”
Ward dann ellenweife Fein " 1:
Und verſchwand zutept im Bodem. iur.
Wie etwa ein Stein in-Qumpfe, : >
So daß keine Spur von ihm
Und fein Merkmal übrigbtieb, . : :
Als ein naffer blauer Fleck, _
Der ein weniges noch Dämpfe. - +: i.. >
Kalews Sohn enthielt ſich aigt —
Spottend alſo auszurufen: |
"Ber hat dnf der Welt wohl Beat
Etwas Zolleres erlebt! : °
Höllenmeifter ift aus Feizgheit
Wie ein Haſe forigelaufen r HT gr
Hält verfiedt ſich wie ein Botglein, ° :°°
2 u
Mlatzehnisn Asfens-
Bie die Droſſel EG im Didicht, —
Sid die Eidechſ' bitgt im Meoſe,,
Wenn fie irgendu⸗ ein Polteirn
Unvermuthet aufgeſchreckt,“ a Fe
Werde ſchon ein andemmat noch
Des Gehörnten Schlupfloch finden.
Werd’ ihm dann die Beige Imebeig 5
Und mit Eifenbanden fchließen, - - -
Daß er wmir nicht mehr entwilhen,.
Richt ein Glied mehr xegen fell... u
”Hente loͤſ ich mein Berſprehen—
Und befreie meine Maͤdchen
Aus der Haft dea Schaitenreiches.
Künftig follen fie ihr Leben 2
Nur in fonnigen Gefiden
Froh und frei genichen dürfen, -
Sollen unterm Monde: wandeln
Und die Sterne flimmern fehen I- *
Kalew's Sohn ergriff das. Sclachtſchmert,
Das am Nagel hing, ud ‚fchnellie ,
Sich daffelbe um Die Häfte, -:
Nahm ein Fuder, alter Schätze, er
Manchen Sud voll gelduer Münzen, ne
Fuͤllte manches Faß voll Thalen : — ".- ..,
In verichied’ne lee Güde,
Nahm auch wohl din. Dupend Sinn.
Scheidemünze. nech Daruͤher, |
Warf fih alles auf Die Car... .. : =
Lud auch noch die drei: ze Zu:
Auf das übrige Gepi, .. Ne oo
Septe ih das Sihnipelbäthen - - 1.
Auf den Kopf und rief dann Iufig:.
„Heiße, Hütchen, mad’ geſchwinde! J—
Bring' uns an Die Ansgangſpfortee
Bo die Bretter liegen blichen!! 5
In demfelben Augenblile :; :- 4
Stand er an dem Hoͤhleneingang, , sit
Wo der Keſſel unlangſt kochte. ,, 24 15
Bierpenter. Orion
Aber dieſer ſammt Ben: Röhm .: .: : -
Bar verfhwunden aus dem Lingang. . x
Und nur einge Feuerbrändet
Glimmten jebt. noch auf dem Hate.
Als der theiwe Sahn des Aalem :... :
Sie ein wenig ;nngebläjen,
Daß fie wieder luſtig brannten,
Warf er das geraubte Hütchen
Mit Verachtung in die Flammen,
Die es alſobald verzehrten.
Ale drei Gefchwifter brachen.
Weinend aus in diefe Bottes- :
„Barum, ftarfer Sohn des Kalew,
Haft du dieſen Hut vernichtet ?
- Einen folder wird auf Erden,
In der Hölle Niemand flechten.
Mit ihm. Karben alle Wünsche,
Alles Hoffen ift jept eitel!-“ R
. Seine ®Borte Mn Derehnend
Sprad der ſtarke Sahn des Anlem: -.
*„Laßt das Weinen, liebe, Madden, : : .
Klaget nicht," ibeigoldnen Kinder! r
Sept ift feine Zeit zum. Frauern, i
D
-
ft
Schmerz; und Kummer find verſchwunden! a
An des Sommers feine Tempib .. . ....‘
Pranget weitund breit Die Erde, : -;:
Ruft der Kuckuk einen Burfhen, .—
Singt die Lerche einen Kreier, F
Wiehert einen Mann das Züllen
Jedem Mädchenherzen zu. er
Heitre Sonnenſtrahleu werden9
Sich in euren Augen ſpiegeln/
Auf dem Blatterſchmuck des Waldes;
Auf dem grünen: Bafen fchinimern. :-; - n
„Liebe: Mädchen, junge Mädchen,
Blondgelodte, zarte Böglain!: : "un .
Legt euch: am die befſen Meder, - _ 1:7:
—
Schmücket euch mit. vothen Bindenw: - - :::u."
ure
A
Btenehnter Gefang.
Und mit blauen Seidentuͤchern
Und mit goldhrefatuen Röden! .
Werde ſchon euch Freier ſchaffen,
Bald für IufPge Hochzeit ſorgen.
Brennen erft. der Burfchen Augen ..
Bei dem Anblid eures Shmudes .:
Und im Anfchaun eurer Schönheit,
Wird fi bald das Freier finden, -
Ein verführerifeher Burſche,
Den die feidnen Kleider Toden
Und der goldbrofame Rod
Und die Roſen anf den Bangen
Und der hochgewölbte Buſen;
Wird ein Freier aus ber Zume,. : .:
Wird der Sohn des Sulew —
Oder auch der Sohn des Atem‘. r
Und noch mancher. aus der Eippkaft.
Sicher werden unſre Sreunde, . 7
Werden unfre Anverwandten
Kommen, um. euch zu gewinnen, '
Um im Ernſt nah euch zu freien.
„Sept ift ans die Zeit der Trauer, "
Sept die Sorgenzeit voräber; . =
Lange heitwe Freudentage —
Treten jetzt em ihre Stelle : -_ .,-
Hierauf Ind ex fi die Breit .. :..
Zuftig wieder auf. die Schulter, . ,. : :1:
Warf die Beutel mit. dem Bewer: ° : 1.1.
Und die Golds und Thalerſaͤcke ——
Auf die Bretterladung bin +7; 7
Und befahl den jungen Mädihen. 5.
Auch Dort oben Plaß zu nehm; :
Wo auch buld Die jungen Hühnchen.
Heiter und gemäthlich ſchwagten. ri. ©
Au die Schweftern hatten Kich,
Eh’ fie auf den Weg fi. machten, -'
Aus den Samnıts uud er 34597
Manches reiche: Altiderpaͤckchen, —
|
**
Bierzehnter Belang.
Und die jüngfte noch daneben
Bon der Band die Bünfchelruthe
Für den Notbfall mitgenommen.
Ob fih auch der Sohn des Kalew
Start genug beladen hatte,
Ging er doch fo fchnellen Schrittes,
Als ob ihm die Ferfen braunmm.
Und die Böglein anf dem Fuder
Sangen alle drei mit Zauchzen :
* „Laßt uns fliegen in die Weite,
Laßt uns unfer Schickſal preifen!
Denn der Sommer ift gelommen,
Eine frohe Zeit erfchienen,
Sie ift da, die Zeit der Rice. -
Wendet fi zum Herbft der- Sommer,
Wellt fie hin, die Pracht der Fluren,
Werden aus den fernen Dörfern;
Aus der Fremde Buben kommen
Und aus gaftlichen Gefinden, -
Um mit den erlöften Sungfraun -:
Einen Liebesbund zu ſchließen.
Bo dad Glück ſich angefledett,
Berden aud die Schweftern wohnen.n* 7°
a Dee
vu)
Anuhzehuttt Gtfang u
— — j
Wi die. Dörfer mich nur hörte,
Mich die Höfe nur verflünden,
Die Gemeinden nur empfingen,
Pas ich laut und fröhlich finge, .
Ging wohl mancher Mutter Sohn
Zu den ernften, ſchwazen Männern,
Sie in Demuth anzuflehen: _
Daß fie doch in Gnaden ließen
Sangeövöglein frei gewähren,
Es nicht länger mehr verfolgten |
Sperber famen ed zu würgen,
Raben rupften’s, wo fie fonnten,
—— plagten’& taͤglich
Eh' das Kind noch war geboren,
Eh' es noch das Licht des Tages,
Noch des Angers Grün geſehen!
*Sind's ja doch nur Hirtenlieder,
Triller armer Fröhnerbuben ,
Hütermädchen Melodieen,
Spinnerliedchen alter Mütter,
Die die Klügeren verſchmähen,
Die die Hohen nicht geheißen ,
Nicht die Oberen befoblen !
Kindesfreuden find’ und Leiden,
Blümchen der verjüngten Fluren,
Frühlings Abendrothgeftalten ,
Plauderei’n der Dämmerflunde.*
Theurer Sohn des ſtarken Kalew,
"40. :
Bunfgehmter' Grſang. 905
* Hätte dil'es ahnen koͤnnen, zii!
Wie man deine Schritte Yenihen "©: - 30
Dir den Weg vetlegen wide: 7 ·· :
Traun, du hättft noch ungeboren, Be y
Hätt'ſt vor: Augſt im Mütterleibe -
Did in's Walter frürzen mögen !®
Benn im heitern Liederhatne
Sich der Sänger erſt' ergangen,
Iſt die Rüdkehr nicht mehr möglich,
Geht er keine andern Pfade.
Ihn vertreiben Zeine Hunde S
Seine Rüden in die Bit a. en Be A 40
Bellt der Hofhund aus dem Dürfe,
Aus der Heerde ißn-der Viehhund,- - -
Hinter'm Zaun ihn: an: das Moͤpochen, ne
Bird der Mann den Kläffern niemals, *
Niemals. ſeinen Neidern meiden. '
Laß't und gehe anf — a
Zu des Kalcwiden Hügeln, 3
Durch des Alewiden Fluren
Und des Sulewiden Moore,
Uns die Jungferntrift durchſttelfen, IT 50
Holde Blümchen aufzuleſen ' - Er J
Kaum erſt war der Sohn ber Ref *
Hundert Schritte weit: Kegangen,; "0 —
Höchftens tanfend: auf dem Wege, 2*
Der in feine Heimath- führte, Der
Als ein Trupp von Biderfahern ae
Eifrig feine Spur verfolgte, > ei
Seine Schritte aufzuhalten, je
Seinen raſchen Gang zu Beiimats- = - 5
Denn der Fuͤrſt des’ Sthattenreichez Pr
Kam mit fiehzig Welferspeffern - -: — F
Sich an Kalew's Sohn zu reiben,
Wollte des befiegten Schwagerdd 572
Des Gehoͤrntei Niederlage: - ° 3. ©.
Blutig an dem’ Sieger tan
Und ihm daufendfac dergelten. DE N
100
Sunfgehuler Befang.
Als die jüngfle. Maid, bie ze
Ihre Aeuglein aufgehoben, _
Sah fie die Verfolger, kommen
Und ergriff die. Wunſchelruthe
Ahr mit füßer Stimme ſchmeichelnd:
„Schwanke, ſchwanke, Zauberruthe,
Und erfülle unſte Wünſche!
Wandle flugs das Land in Waſſer,
Weit und breit in Meer Die Wieſen,
Jeden Strauch in eine Welle!
Bor uns lege Brüden nieder, u dei
Hinter uns lafj Waſſer walen ,
Brüden für den edlen: Helden, J . j
Für den Träger golduen Schaßes,
Waſſer für die Widerſache,
Des Gehoͤrnten Helfershelfer!“
Kaum nur haste fie geendet,
Als die Macht der Wunſchelruthe
Auch fogleih den Wunſch erfüllte,
- Meer durchfluthete die Ebn—
Und es wälzten breite Wogen :
Schaulelnd fih im Frifhen Winde, -
Eine Brüde feft und ficher ur
Ließ den Helden trocknes Sub , ,
Die Gewäfler überfchreiten. _
Bor den Füßen wuchs die Bräde, _
Hinter'm Rüden ſchwoll das Waſſer,
Und die ſchaumgelkroͤnten Wellen
Hemmten der Verfolger Schrifte,
Die wie Hühner von der Stange. ,.:
Don dem Meexesufer zufahn, . :
Wie der Habicht in den. Hängen
Das geraubte Bögleim forttrug, = —
Ohne daß fie ihn zu hindern
Oder feinen Flug zu ſtoren1
Rath gewußt, die dummen Teufel.
Die Gefellen des: Sehöraten: .
Sah'n verwundert. quf das Echaufpiel,
Bankier Geſang.
Denn fie konnten nicht begreifen, -
Wo das Walſſer hergelodımen,
Das die Fluren überfchmemntte.
Und der Fürft:deu-Beere fragte:
„Kalew's Sohn, mein goldney Bruder, .
Haft du unſers Haufed Hühnchen .
Unfre lieben Pflepetöchter .
Eigenmächtig mitgenemmen?* ..
Kalew's Sohn verftand- u Brage -
Und erwiderte ihm ſpoͤttiſch:
„Habe gethan, :fo ſcheints mie ſeiber,
Hab’ die. jungen Pflegetörkter
Eigenmäctig aus dem Haufe ——
In der Gile mitgenommen We
An das heile Nicht des Tages, .
Um den heizatheluf’gen Maͤnnern
Schmude Bränte zumfähren!» —
„Aber lieber Buuderr, fragke
Wiederum der Fürſt der Leere,
„Haft du meinen theuren Schwager
Auf dem Anger ſeines Hofes.
Erft im Wettkampf ‚Abermunden
Und ihn dannwie einen Zarmpfahl
In den Kiesgrund eingetrieben?“ —
„Moglich,“ gab-der Kalewide
Hoͤhniſch laͤchelnd ihm. zur Antwort,
„Daß ich deinen theuren Schwager
Erſt im Wettkampf üherwunden u $
und ihn dann wie eisen Baunpfahl-
In den Kiesgrundireingettiehen I... --.:
Daß die Busen. heil ihm blieben, -
Iſt gewiß nicht. meine. Schuldl ⸗
Immer mehr noch, wiſſen wellend .
Fragte jegt der Furſt der Leere:
„Ralew’s--Gohn,. mein goldaer Brad.
Haft du unfre- alte Mutter, .
An der Kühe Kuchen: backend,
Eingefperrt und ſitzen Infien.
Bailsan ”
110
120
180
140
150
ut
170
180
dunſzehnter Gefang:.
Bie ein Maͤuschen ir der. Zallet«
Hierauf gab der Sohn es Raten
Wiederum mit Hohn zur. Antwort: \ ;
„Ja ich habe, Lieber VBruder, 7. ...:
Eine Alte Kuchen badend. -: . .:
In der Küche eingefäyloffen
Wie ein Mäuschen in der Balke,
Bo fie wohl im Erbfenfafen
Heulend ſuh ihr Lager mirchte
Und vielleicht noch Heute ſchlaät,
—
2
Wenn ein. Fieh ſie nicht erweckte! :. : .
Hierauf drang der Zürft der. Berre.: '
Weiter in den Helden, fragend:
„Kalew's Sohn, mein geiiner Bruder) : -
Nahmſt du auch das Schwert vom: Raget,! . :-
Heimlih fort das gute Schlachtſchwert
Stahlſt das Eifen des Gehörnten ?«'
Kalew’d Sohn verfiand die Frage
Und entgegnete ihm fpottend :
„Werde wohl, mem lieben Bruder, . : '
Auch das Schwert genommen haben, ı. “
Don der Band Die gute Waffe, -
Deines theuren Schwagers Giſen.
Darf ein Schwert am Magel Hängen,
An der Band ein gutes Schlachtſichwerke
Wer darf Mann und Waffe treuen
Ohne Waffe gift der Mann,
Ohne Mann die Waffe nis du
Immer noch nicht muͤde fragte
J
1
El er
Des Gehörnten: Schwaget alfhı: 7 :..-
„Kalew's Sohn, mein gofdner Brader,
Nahmſt du meines Schwagers Hmchen, :
Des Gehoͤrnten Wunſchelhͤnchen
Bon der Wand an fſeinein Bette ®« -
Hierauf:'gab Der: Sohn Bes: Kalew —
Wiederum mit Hohn: zur Antworte
„Ja ich glaube, liebet Bruder,
Daß ich deines Schwaters Hätgen, -'
rer
5 |
ro.
L
179
*
*
et r F
m sd,
Sunfzehnter Befang.
Des Gehörnten Wunſchelhütchen,
Bon der Wand genommen habe.
Diefes Hütchen wird mohl niemals,
Niemals mehr fein Haupt bededen,
Denn es ging im Zeuer auf,
Ward zur Kohle in den Flammen,
Ging als Afche in die Winde.“ -
Weiter forfchend that der Alte
Jetzt die Frage an den Helden: A
„Kalew's Sohn, mein geldner Bruder, 190
Warſt du in dem goldnen Zimmer,
Meines Schwagers Schaß zu plündern,
Seine Thaler wegzunehmen, *
Scheidemuͤnze zu verfohleppen,
Altes Kupfergeld zu ftehlen %«
Epöttifh gab der Eohn des Kalew
Auf die Frage ihm zur Antwort:
„War gelegentlich), mein Lieber,
Auch wohl in dem goldnen Zimmer, .
Um den Schag mir zu befehen, 200
Ein’ge Thaler zu erwilchen,
Etwas Gold mir aufzulefen.
Scheidemünze, war’8 auch Silber,
Hab’ ich nicht berührt, mein Lieber,
Auch fein Kupfergeld geftohlen. ;
Füllte Gold nur in die Säde
Und die Thaler, ein paar Tonnen,
Was ein Heines Fuder machte.
Pferde fchleppen zehn ein foldyes,
Ochfen zwanzig ohne Mühe. 210
So viel nahm ich von dem Plunder,
Sechs Lof Gold mit eingerechnet.“ — Ä
„Kalew's Sohn, mein golduer Bruder,"
Fragte jebt der Fürſt der Leere,
Um die Sache zu erſchoͤpfen:
„Stahlft du feine Wünfchelruthe,
Nahmſt ihn weg den Brüdenbauer ?-
Hierauf gab der Sohn des Salem
: 26
370
240
Bunfzehnter Geſang.
Wiederum mit Hohn zur Antwort:
„Diefe Ruthe nahm vermuthlid)
Eine Maid mit braunen Augen,
Stahl gewiß den Brüdendaner. -
Eine Ruthe wird kein Starker,
Wird fein Kräft'ger jemals ſtehlen!“
Wieder fragte jept der Alte
Sich in's Einzelne vertiefend:
-„Kalew’8 Sohn, mein goldner Bruder,
Tratft du auch die jungen Hühnchen %
Haft die Kleinen du befchlafen,
Ahnen audgerenkt die Hüften,
Sie zerdrüdt, die armen Kinder ?«
Kalew's Sohn verftand die Ftage
Und erwiderte ihm fpikig:
„Sicher werd’ ich, lieber Bruder,
Dir ein andermal berichten ,
Was die Hühnden in dee Kammer,
Was im Schlaf Lie lieben Kleinen
In der Nacht zu ihrem Glücke
Heimlich fih von mir erworben!”
Endlich ſchloß der Fürſt der Leere
Das Verhoͤr mit diejer Frage:
„Kalew's Sohn, mein goldner Bruder,
Wirft du einmal wiederlehren, “ - -
Deine Schulden zu bezahlen 9“
Kalew's Sohn verftand die Frage
Und erwiderte ihm fpöttifch : 2.
„Wer kann wiffen, lieber Bruder,.
Wie einmal die Sachen gehen
Und die Winde wehen mögen! :-
Wenn’ mir an Kopelen mangelt,
Komm? ich wohl vieleicht noch einmal
Wieder in das goldne Zimmer,
God und Eilber mir zu holen
Und zugleich die alten Schulden
Mit der neuen Schuld zu tilgen.“
Hierauf 309 der Zürft der Leere
Bunfgepnter Gefang. 37
Mit den fiebzig Helferähelfern
In fo großer Haft von dannen,
Als ob ihm die Zafchen brannten
Dder Bremfen ihn verfolgten. 20
*»Wenn ich eigenſinn'ger Weiſe
Bon den Pfaden holder Juugfraun
Kalew's Schritte feitwärtö Ienfe
Auf die Triften fremder Dörfer,
Andrer Felder Aderraine
Und in unbekannte Fluren,
Muß ich, eb? ic) weiter ſpreche,
Eh’ ich den Berlauf berichte
Und mein Lied erichallen laſſe, oo
Bittend erft an euch mich wenden ! 2.20
Holde Kinder aus den Dörfern,
Liebe, traute Lockenkoͤpfchen,
Die ihr famt von Läne's Wiefen
Und von Harrien's weiten Zriften,
Auch von Wierland’3 Saatenfeldern
Und aus Jerwen's ſchatt'gen Hainen
Meinen Liedern froh zu lauſche:: —
Ich beſchwoͤr euch, holde Sungfraun,
Liebe, zarte junge Maͤgdlein, |
In den Espenhain zu treten, | 230
In den Birfenwald zu fpringen,
In den Erlenbufh zu flüchten, _
Wo das Haufen in den Blättern
Euch verhindert mich zu hören,
Bis ich meinen gröbern Werg
Don der Spindel abgejponnen !
Scheltet nicht darob den Sänger,
Gebt niht Schuld dem Wortefteler:
Schuld trifft nur den Worterfinder, : .
- Nur der alten Sage Wurzel, * 7.990
Noch im Scheiden ließ die Sonne |
Sid der Bäume Wipfel röthen
Und in goldnen Farben glänzen, - m
26”
379
310
Bunfgehnter Gefang.
Ehe fie ihr Licht: verlöfchte
An dem Schooß der Abendbämm’rung.
Kalew's flarfem Sehne waren
Heute mannigfache Sorgen
Und verfhiedne Aergerniffe
Dftmals in den Weg getreten ;
Deshalb hatte auch die Kadung
Mehr belaftet feinen Rüden, '
Mehr befchwert des Nadens Sehnen. -
Zeitig warf er feine Bretter
Auf den Boden bin und lehnte
Ceine Schäße an den Hügel,
Ließ fih nieder auf dem Raſen,
Um ein wenig auszurnhen,
Und erquidte, fih zu ſtaͤrken, ;
Seinen Leib mit Trank ımd Speife.
Auf Bereitung feines Lagers |
Diesmal keine Zeit verwendend
Blieb er auf dem Raſen fiegen
Einen Feldflein unter'm Kopfe.
Nur ein Beildyen wollt’ ex ruhen,
Seines Rüdens Sehnen ſtrecken
Und das Haupt, das ſorgenſchwere,
Sid im fühlen Than erleichtern.
Bas ihm heut berichtet worden,
Waren lauter Höfe Sachen.
Alew's Sohn bezeugte leider
Selbſt die Wahrheit des Gerüchtes,
Daß durch Hexenbam gefeffelt
Und durch Zauberfpruh gebunden
Er im unbewußten Schlafe
Gieben Wochen lang gelegen.
Schwerer Krieg war unterdefien —
Blutbegier’ger Feindeswagen,
Ueber Wierland Wehe bringend,
Unglüd ‘über Alentaden — |
Mordend durch das Land gezogen. ° °
Sechs entfeglihe Gerüchte,
Bunfgehnter Belang.
Sieben Unglückskunden waren's,
Die den Mann auf ſeinem Lager
Diesmal peinigten und quälten,
Daß der Schlummer lange fäumte
Seine müden Augenfterne
Mit dem Schleier zu bededen.
Endlich wiegte Doch des Abends
Feuchter Thau mit, feiner Kühlung
In den Schlaf des Mannes: Sorgen.
Nur erft wen’ge Augenblide
Bar der müde Sohn des Kalew
Auf dem Rafen eingeichlafen,
Al er's an den Seiten flrömen,
An den Hüften plätfchern fühlte.
Bald erhob der Hüften Näffe
Höher fih hinauf am Körper,
Drang allmählig bis zum Halfe
Und erreichte fihon den Naden.
Er vermochte nicht im Anfang,
In des Schlafes erſten Feſſeln
Die Gewißheit zu erlangen,
Ob die Näffe, die er fühlte,
Nur ein Traum fei, oder Wahrheit,
Das wird Jeder fid) erklären
Und als wahr beftät’gen können,
Der es felbft an fich erfahren:
Daß im Anbeginn des Edylummers
Die Empfindungen des Traumes
Aeußer'm Eindrud widerftehen.
Deshalb ift e8 auch viel leichter,
In der Nacht aus tiefftem Schlafe,
Als im Anfang zu erwachen.
In des Traumes heiter'm Spiele
Hatte Kalew's Eohn, der Starke,
Mit des Schattenreiches Mägdlein
Scherz und Zändelei getrieben ;
Deshalb blieb die Iaue Welle,
Die ibm feine Hüften nepte, -
373
374
370
400
Yunßehnter Gefang
Unerflärt dem Sinn des Mannes,
Den des Traumes Fefleln bunden.
Schon begann die "Flnthenmaffe
Ernftlihe Gefahr ihm drobend
Ganz den Schläfer zu bededen,
Da die Ströme warmen WBaffers
Höher noch und höher fliegen.
Da erwachte aus dem Schlafe
Noch zum Glück der Sohn bes Mannes,
Eh’ die wogenden Gewäfler
Gaͤnzlich ihn erſticken konnten.
Admovit manum mentulae,
Num forte parvula inopinato
Amnem efludisset.
Sed amica innoxia,
Nec quidquam mali ei acciderat.
Als er aus dem Schlaf erwachend
Sid) die Augen audgerieben,
Ueberflogen feine Blide
Die befremdende Erfcheinung,
Um die Quelle zu entdeden,
Der der laue Strom entfprungen.
Und im Augenbitd gewahrte
Auch der Freund die Schlenfenpforte
Und in ihr die Quelle felber,
Die die warme Fluth erzeugte.
Una de magicis virginibus,
Filia magi ventorum,
Conquiniscebat in montibus
Gignebatque ‘ex se undam calidam.
Altero pede in hoc jugo,
Altero virgo stabat in illo
Cruribusque varicalis confornicabat
Angustas fauces.
Amnis effundi ore crinito.
Aus der Mitte des Gewölbes
Stürzte fih in's Thal das Bächlein
Weit die Wieſe überſchwemmend
Funßzehnter Geſang 375
Und den Schläfer auf dem Raſen
Ungeftün ertränfen wollend..
Kalew's edler Sohn, der Starke, . ı 410
Aufrecht figend auf dem Lager
Sah mit Unmuth und Erftaunen
Auf die reihe Sprudelquelle, :
Die den warmen Strom erzeugte,
Quum puellae jocum adverlisset,
Vir fortis secum ila:
Si fontem cunearo
Rimamque obturaro,
Aquarum radios morabor |
Effusionemque retardabo. 420
Von dem Ungefaͤhr geleitet
Kiel der Stein ihm in die Hände,
Der ihm unter'm Kopf gelegen. »
Diefen. mit den Fingern fafjend
Bielte Kalew's Sohn ein Weilchen
In des Waſſerſtrahles Richtung
Und entfandte dann ihn faufend
Nach dem vorgehaltnen Ziele.
Und wo fiel der Wurfftein nieder ?
Grade an dem rechten Orte, | 130
In dem Mittelpunkt der Quelle.
In ipsum os crinitum fertur
Obseransque sic ostia
Tamquam obturamentum clausit canales,
Ne per aquarum porias
Jam eflunderetur amuis.
Filia magi tenera
Exclamavit delore | | :
Opemque quaerens hanc vocem mittit:
»Accelerate, sapientes, 440
Obturamentum mihi extrabite,
Accelerate, medici, servate me |«
Sed hie nec medicorum auxilium,
Nec magerum sapientia
Malo mederi potuit
470
Yunfgehnter Befang.
Aut cuneum cunno emovere,
Diuturnis cruciata miseriis
Puella obturamento interiit.
In flore aelalis marcescendum erat.
Virginis corpus morluum,
Quod nec lupo tangere dente,
Nec corvo libebat rostro tundere,
Sensim comedit pullilies muascae carnariae,
Donec in pulverem dilapsum est.
Sola pars media
Corporis amnem gignentis
Obturamento male mulcati
Exstat eliam hodie
Refertque rem.
E nigra saxi rima
Aquarum venae prodeunt,
Quae olim cunni virginei laticem
In campo diffuderunt
Rivumque efliciunt, cui a ferro nomen est.
lta, boni, ortus est
Prisco tempore cunni rivulus.,
Als der theure Sohn des Kalew
Abgeſperrt die Zluthenquelle
Und gehemmt den Lauf des Stromes,
Lehnte er den müden Nüden
An den trodnen Fuß des Hügel
Und entichlief fogleich von neuem.
Hier erfchien fein Ruheſtoͤrer,
Seinen Schlaf zu unterbrechen.
Ruhig fchlief er 6id zum Morgen
Ausgeſtreckt auf feinem Lager,
Da des Hahnes Morgenenf
Und der frühen Henne Gadern
Erſt den müden Mann erwedten.
Aus des Schlafes Banden fchlüpfend
Nahm das Brüderchen ein Frühſtück
Zur Erhaltung feiner Kräfte,
Yunfzehnter Befang.
Stapelte das Fuder ordnend
Seinen Brettervorrath auf,
Warf darüber feine Schaͤtze,
Seine Gold» und Thalerfäde,
Die er hergebracht von weiten,
Hob das Fuder auf den Raden,
Seine Beute auf die Schulter,
Und begann in langen Schritten
Seiner Heimath zuzuwandern.
“War ja doch fein Haus nicht weit mehr,
Hinter'm Wald nicht mehr fein Höfchen,
Nicht mehr fremd fein Neft dem Vogel!
Ihn begrüßten ſchon die Winde
Und umfächelten die Lüfte
Aus dem Waͤldchen des Gefindes,
Des fo lang’ ſchon herreniofen.
Möglich, daß vor feiner Pforte
Längst ſchon Jemand feiner harrte !*
Siebenmeilenfchritte fhwanden
Unter feiner flinfen Ferſe
Und entrollten feinen Zehen.
Es erwuchs fortan dem Manue
Nirgendwo ein Aufenthalt,
Eine Hemmniß feinen Schritten.
Als er fo Bis an die Hede,
An die Pforte des Geſindes,
Stüdlich bis zum Hof gefommen :
Wer verfuchte feine Schritte,
Seinen rafhen Gang zu hemmen,
Ihn, den Eil’gen, aufzuhalten ?
Angereift aus weiter Ferne
Trat ein Fremder ihm entgegen.
Kaum zum Gruß die Kappe lüftend
Nahm er gleich dad Wort und fragte,
Ohne lang? fih zu befinnen :
Bo, geehrter Sohn des Kalew,
Kaufteft du das Bretterfuder,
Nahmſt du Her die folgen Planken?
510
a7.
376
5%
Yunfehnter Gefang.
Wo doch wuchfen ihre Stämme,
Ihre umfangreichen Kronen ?
Thürme könnte man aus ihnen,
Könnt aus ihnen Schangen bauen,
Sie zu Feſtungen verwenden,
Wenn der Krieg das Land bedrohte.“
Kalew's Sohn verfland die Frage
Und erwiderte mit Mugheit:
„Wo die Bäume früher wuchfen,
Ihre Schößlinge fi) wiegten,
Früher ihre Keime ſchwollen,
Ihre Samenkoͤrner fielen,
Dort entſtanden große Wälder,
Sproßten Forſte Dicht empor,
Bo die ſchmuckſten Tannen wuchfen,
Kräft’ge Eichen ſich erhoben
Untermifcht mit folgen Fichten.
Hier gab's Arbeit für die Aexte,
Wurden Eichen abgehauen,
Fichten krachend umgebrochen,
Tannen ausgeführt in Menge.
Unterſtuͤtzt von Waſſerkraͤften
Schnitt die Säge ſie zu Brettern,
Machte kurz und klein die dickſten.
Dorther nahm ich meine Bretter,
Bring' ein Fuderchen nach Hauſe.
Daraus baut man keine Thürme:
Thüuͤrme find von Stahl und Eiſen;
Daraus maht man feine Schangen :
Schanzen baut man nur aus Steinen.“
Darauf fprach der Fremde weiter :
„Reihe mir, mein lieber Bruder,
Reihe mir von deinen Brettern,
Wenn du diefe feltne Waare
Nicht etwa verkaufen wollteft !
Ich, ein Städtebauer- Meifter,
Ich, ein Gründer feſter Orte
Und ein Schöpfer ſtarker Thürme,
Yımfschnter Befang.
Bin fhon weit herum geweien,
Hab’ die Welt mir angefehen,
War in dreien Königreidhen,
War auf vierer Jungfraun Zeldern
Und auf fünfer Fremder Aeckern.“
Komme grad’ vom Taaraberge,
Komm’ von großen Feftgelagen ;
Wo man auf den Sohn des Kalew
Mit der größten Sehnſucht harrte.“
Zange Zeit fich unterhaltend
Und mit Anftand Worte wechfelnd '
Wurden beide Huge Männer
Bald vertraut wie alte Freunde.
Kalew’8 Sohn vernahm mit Freuden,
Daß zum Glück des ganzen Landes
Durch der Götter weile Führung
Der berühmte Städtebauer,
Der fo manchen: feften Ort,
Manchen -ftarfen Thurm gegrändet,
Olew's Sohn, der Bauverftänd’ge,
Recht gefltfientlich gefommen,
Um den Bruder zu befuchen.
Als die Männer fich befreundet,
Ward ein Handel abgefchloffen
Und aufs bändigfte befefligt,
Daß nicht fpäter Weiterungen
Dder Streit und Zanf entflünden.
Olew's Sohn, der Bauverftänd’ge,
Hatte fich dazu. verpflichtet,
Eine fhmude Stadt zu bauen,
Sie gehörig zu befeft’gen
Und zur Schußwehr einzurichten.
*Ralem wollte Steine tragen
Und dazu die nöth’gen Bretter
Und erforderlichen Balken,
Wollte ftarfe Eichenftänme,
Gute, ausgefuchte Fichten
Und die höchften Tannenbäume
570
3
610
Yunfzehuter Befang.
Celber anf den Bauplap bringen,
Außerdem den Lohn bezahlen,
Namentlich in alten Thalern
Und in Gold dem Meifter felber
Und in Pfennigen und Groſchen
Hoͤchſtens nur den Tagelöhnern.*
Als nun Diem Glüdes halber
Ganzer Tage drei gefaftet
Ohne den geringften Imbiß,
An dem Ufkoftein geopfert
Und gebetet früh vor Zage,
Auch am Abend fpät die Geifter
Angefleht um Unterftühung,
Machte er aus Fleinen Späuen
An verfchiednen Orten Häufchen,
Brachte Gaben dar zur Weihe
Den um Hilfe angerufnen
Weiſen himmliſchen Befchügern,
Daß ſie durch's Geſchlecht der Ameiſen
Ihm ein Zeichen geben möchten :
Bo ein Wohnhaus für die Menſchen,
Bo ein Stall für Vieh und Fafel
Aufgebauet werden mäfle,
Um als gut fi) zu bewähren.
Olew's Sohn, der Bauverftänd’ge,
Streng der Späne Zeichen achtend,
Fing jet an die Stadt zu bauen,
Stedte ab der Feſtung Gränzen,
Rammte Balken in den Boden,
Häufte Steine anf zu Manern,
Maß die Winkel ab mit Schuüren,
Nichtete die Stuebepfeiler,
Dflanzte Säulen nad dem Lothe.
* Mertet, merket, junge Männer,
Zaffet, Fuge Frauenzimmer,
Und erwägt verftänd’ge Buben,
Bas an Mauern dort gezogen
Und an Wänden aufgeführet
Sunfgehuter Befang. 381
Unter Wierland’s fjatl’gen Tamten,
Zwiſchen Läne's Erienbüfchen
Und in Harrien's Espenwaͤldern!
Dort ward eine Stadt geſchaffen,
Ward ein feſter Ort gegründet,
Wurden Keller ausgegraben, 640
Bo fi Greiſe bergen konnten,
Baute man bequeme Häufer
Und geräum’ge Baarenlager,
Die man mit Gefhmad und Umflcht
Wohnlich machte und verzierte. j
Täglich waren Aexte fünf,
Sägen hundert bei der Arbeit,
Beile taufend in Bewegung.”
Kalew trug die nöth’gen Bretter
Zuderweife auf den Bauplatz 650
Bom entfernten Peipnsftrande,
Schieppte Nupholz unverdroffen
Selbft herbei in tanfend Kloͤtzen
Aus dem Eichenhaine Taara’d
Und verfahb den Bau mit Steinen,
Die er bier am MReeresftrande,
Dort auf Aeckern aufgelefen
Dder ausgegraben hatte. -
Laflen wir die Werkgefellen '
An dem ſtolzen Städtchen bauen 680
Und die Feſtungswerke gründen,
Mo der König feine Wohnung,
Schuß die alten Leute fänden
Und von wo mit Kraft und Einflcht
Kalew fein Gebiet verwalten
Und für defien Wohlfahrt forgen,
Den Zumult des Strieges hemmen
Und die Zwietracht ftillen könnte,
Daß fein Bolt ſich glücklich Fühlen
Und fein Wohlſtand wachſen möge.* | 670
700
Bunlehnier Befang.
Dreb’n wir unfre Eangesfpindel,
Die fo manchen goldnen Faden,
Manchen Silberdraht geiponnen,
Einmal auf die andre Seite !
Laßt Durch Feld und Wald uns fchweifen,
Po die Lockenkoͤpfchen weilen,
Laßt mal fchauen, was fie treiben,
Und ihr Thun einmal belaufchen !
Alle drei dem Schattenreiche
Jüngſt entführte holde Mädchen
Hatte Kalew’8 Sohn der Obhut
Und dem Schuß des Alewiden,
Seines Freundes, übergeben,
Da er jegt die Unglückskunde
Bon dem Jauberſchlaf erhalten,
Der ihm fo viel Zeit geloftet.
Alſo Hatte er geſprochen:
„Nimm fie zu dir lieber Bruder,
Nimm in deinen Schuß die Hühnchen |
*Setz die Enten auf bie Nefter,
Daß fie Menfchenföhne locken:
Werden ja doch wohl die Freier
Auch zu euch vor Zage kommen,
Wierland's Burfchen um fie werben,
. Sie umfhwärmen Harrien’s Anaben,
Läne’d Buben fie erlöfen |-*
Der geliebte Sohn des Alew,
Ale Tage Hahn im Sorbe,
Freite nach der dritten Schweſter,
Nahm die jüngfte Ach zum Weibe,
Züllig wie das Erbſenſchoͤtchen,
Duftend wie die Bohnenblüthe.
Sulew's Sohn, fein Anverwandter,
Nahm die älteſte der Schweitern
Sich zum ſchoͤnſten Abendglücke.
Nur die mittelſte derſelben,
Aus dem Schattenreich die ſchlankſte,
Sand noch) Feine Liebesarme,
Bunpehuter Belang.
Sondern mußte ledig: trauern.
* Wenn die Schweftern unter ſich,
Wunderkinder mit einander,
Ale drei in's Freie gingen,
Sei e8 nad dem Eichenhnine,
Dder nad dem Hafelmwäldcdhen,
Forſchten fie einander aus,
Eine junge Frau die andre; |
„Wie gefällt das Leben, Schweſter,
Dir in deines Liebſten Armen?“
Auf die Frage ward erwidert;
„Herrlich, Schweiter, ift mein Leben,
Schön in meined Liebften Armen !
Abends legt man krank fi nieder
Und verläßt das Bett genelen;
Unter’8 Bett verkroch die Krankheit,
In die Streu fih ſchnell das Uebel.
Herrlidy ift mein Reben, Schweſter!
Golden fchlaf ich ein im Bette,
Golden ruh' ich in den Kiffen |
Golden fcheint mir jede Speife,
Golden jeder Trank zu fein,
Golden jeder Schritt im Zimmer !*
Darauf that die andre Schwefter
Ihr Belenntnig mit den Worten:
„Herrlich, Schwefter, ift mein Xeben,
Schön in meines Kiebften Armen !
Seiden bringt man mid zu Bette,
Seiden fteh’ ich auf vom Lager.
Seiden wird das Bett bereitet,
Seiden aufgeflopft das Kiffen!-
Herrlich ift mein Leben, Schwefter,
Und ich fühle mich fo glüdlich :
Goldchen werde ih gerufen,
Werde Silberchen geheißen !
D ich fönnte viel noch fingen,
Doch fo manches Lied vergaß ich
Und verlor es von der Zunge.
710
720
790
384
760
770
Yunfehnter Gefang.
Mancher Ton ging aus dem Kopfe,
Mancher Griff mir aus den Fingern.“
Thränen in den Augen Eonnte
Nicht ein Wort die dritte fprechen.
Aus dem Eichenhaine ging fie
Meinend hinter ihren Schweftern.
Wer wird ihren Kummer ftiflen,
Sie mit ihrem Gram verföhnen?*
An dem nahen Altentaden
Lebte ein befannter Zaubrer,
Den die Leute fchaarenmweile
Seiner Weisheit wegen fuchten
Und in Noth um Hilfe baten.
Diefer war bereit die Thränen
Der Berlaffenen zu trodnen.
In der Mitte einer Ebne
Hatte er fein Hans gebauet,
Seine Bohnung anfgerichtet.
* Eichen war das Haus des Weiſen,
Ceine Eden NRordland’s Felſen
Nach dem Hexenloth gerichtet
Und mit Finland's Salz gefetet. -
Rußgeſchwaͤrzte Zauberſchnuͤre
Einten winkelrecht die Ecken,
Schufen ſchnurgerad die Seiten,
Machten, daß auch ktumme Balken
Zu den übrigen ſich fügten.
Foͤhren find die Unterflöge,
Zannen alle Strebebalten,
Thürenfchlängen Eberefchen,
Schwellenbretter Laͤne's Erlen,
Schwellenkloͤtze Kreuzdornpfoſten,
Schlanke Linden Lagebalken,
Darr⸗ und Badeſtufen Ahorn,
Faulbaum Zimmerlagebretter.
Alle Sparren gab der Nußbaum,
Der Wachholder alle Latten,
Ale Schindeln Birkenmaſer,
Sunfehnter Befang.
Apfelbaum die Raucfangsftengen,
Feines Holz Die Strebeſtengen,
Striefenftrauch die Hühnerftiege,
Nüfter alle Richtebalfen.
Urlehm, der mit Thymianftengeln
Wohlvermengt gelnetet worden
Und vom Binde gut gehärtet,
Bildete den Stubenaftrid.
Nordland fandte Murmelkund’ge, fi
Läne alte Zauberweiber,
Sufel Thule Segenfpender,
Zinland feine Salzbeſchwörer.“
Diefer Windezuubrer felber
Hatte einst auf feinen Reiſen,
Wo er alles ſah und hörte,
Auch die Kinderchen gefehen,
Die wie Hühner auf der Stange
Auf des Helden Bretterfuder
LZuftig ihre Lieder trallernd
Unter goldnen Schägen faßen.
Unbenerft fie ſtets belauernd
Hatte er ed wahrgenonmen, _
Wie fie fpäterhin der Obhut |
Und dem Schug de& Alewiden
Waren übergeben worden; a
Sah die lieblihen Geſchoͤpfe,
Wunderfinder mit einander , a
Scherzend oftmals auf den Zeldern
Unter munter'm Spiel fi fonnen _
Und ein heitres Xiedchen fingen ; -,
Sah die allesliebften Mädchen,
Wunderfinder. mit einander,
Spät am Abend. auf dem Auger
Ihre leichten Füßchen heben
Dder auf der Schaufel Freifchend —— —
Sid in Jugendluſt ergehez
Sah die netten Mädchen. oftmals
Ale drei im Mondenſcheige
27
435
7%
*
*
— *
mn
386
Sunfgehnter Geſang.
Sich dem ſüßen Schlaf ergeben
Und auf feidnem Bette Thlummern;
Sab die allerliebften Mädchen ,
PWunderfinder mit einander,
Morgens auf bethautem Rufen
Ihre rothen Wangen wachen
Dder ihre feidnen Locken
Fit dem goldnen Kamme glätten.
Ahnen nahen, fie umfaflen, — |
Nein, noch durft er Das nicht wagen!
Gr verfuchte nur allmählig
Die Geliebten zu umgarnen
Und verfolgte unermüdlich
Tag und Nacht die Spur der Midchen.
Als bei zweien von den Maͤgdlein
Züchrge Freier angefproden,
»Saß im Dämmerlicht des Abends
Die verſchmaͤhte Jungfrau einſtmals
Einfam auf des Haufes Schwelle
Und vor ihren trüben Bliden
Hülte fih das Ertenwäldchen
Und der Birkenhain in Trauer,
Schmüdten fih die welken Blätter
Zallend nody mit Gold und Purpur,
Den zum Sceidegruß der Sommer:
Bor des Herbſtes Füße ſtreute.
Als die Goldnen nun gu zweien -
Heim mit ihren Gatten’ gingen,
Jedes Bold im goldnen Arme,
Jedes Kieb mit feinem Liebſten,
Blieb dem mittelften der Mädchen
Keines Gatten Gold zum Schutze /
Kein Herzliebfter, der fie waͤrmte.
Ad, wo folte wohl das Hühnchen,
Wo die Ente ander Kähre : mins £
Abends wohl ihr Köpfchen bergen? "' en
An dem Stamme? an dem Baumſtrupff
In des Beljen? falten: Armen? - ii. -
Bunhehnter Belang. 387
An dem Steinbruch? an der Fähre?
Sn dem Schooß der fehlanfen Erledꝰ
Sn der holden Pirke Armen ?
Unterm Schuß der grauen Espe?
Unter des Wacholder Mantel?
Unterm Wedel eines Wolfes?
Wem ihr Herzeleid vertrauen?
Weſſen Troft im Echmerze ſuchen?
‚Wen mit ihren Unmuth quäten ,
Shren Kummer wen gefleben 9 * F 870
„Endlich,“ ſprach der Windezaubrer,
„Iſt das Glück mir hold geweſen, —
Führt mir zu die Heißgeliebte!“
Und fich aus dem Waldesdickicht
Wie der Habicht auf das Hühnchen
Auf das Mädchen ſtürzend padte
Er fie an mit feinen Krallen
Und verftopfte ihr den Mund,
Daß das arme Kind nicht fehreien,
Nicht um Hilfe rufen fonnte, EM 880
Eilig floh der Zaubrer heimwaͤtts
Seine Beute mit-fi führend, - - — un
Um das- Mädchen einzufchließen, -
Da er dann die holde Schöne F on .
Dur den Honig feiner Worte
Bald geneigt zu maden hoffte
Eeinen Bitten nachzugeben.
Als indeß die ſtarken Echwäger
Aus der jungen Fraͤuen Weinen, -
Aus der braunen Augen Thränen 20,8%
Das Gefchehene erriethen,
eEs errieiben, daß der Habicht —
Fortgebracht das theure Böglein, -
Gänschen an entfernte Quellen,
An die fremde Fähre Entlein,
Schwänlein nad entlegnen Meeren,"- --
Sandten fie ſogleich den Vetter,
Den gewandten Hadenbuben, ° -:- -. =
27°
910
Yunfgehnter -Befang-
Maͤgdleins Spuren aufzufuchen.
Nach der Bogelftimmen Weiſung
Bar er fhon am dritten Abend
Auf der fihern Spur des Mägdleins
Und begab ſich daun nad Haufe,
Es den Freunden anzufagen.
Sulew's Sohn zog aus zum Kawpfe,
Alew's Sohn auf Zeindespfade,
Beide kühn dem Tod’ entgegen,
Um das Mädchen zu befreien,
Cie dem Habicht zu entreißen,
Sie dem Diebe abzujagen.
Als Gefahr dem Zaubrer drohte,
Ließ der kund’ge Windeöweile.
Durch die Kraft von Zauberipsüchen
Einen mächt'gen See entfliehen,
Um die Zeinde fernzuhalten.
Die Erfheinung diefes Wunders
Kar den Nahenden verdrießlid ,
Denn es war fein. Boot zu finden,
Nicht einmal der Heine Nachen,
Der fie übers Wafer braͤchte.
Doch der theuse Cohn. des Alew,
Der zum Glüd für alle Zölle
Jene Meine Wünſchelruthe
Auf die Kriegsfahrt mitgenommen,
Ließ fie unverzüglich ſchwingen
Selber alſo dazu ſprechend:
„Kine Brücke vor die Füße,
Für die Wandrer eine Brückel!“
Und im Nu war fie gefchaffen,
Eine meilenlange Brüde.
Auf der Brüde vorwärts eilend
Ctürmten beide Rarfe Männer
In des Zauberers Gefinde,
Sie zerbrachen alle Schlöfter
Und zertrümmerten die Zhüren,
Tödteten den Windesweilen,
Sunfzehnter Befang.
Löſten aus der Haft das Mägdlein
Und verpflanzten zum Beſchluſſe
Noch den rotben Hahn aufs Dad.
Bon dem aufgebrannten Haufe
Blieben feine Spuren übrig,
Als die feuerfeften Mauern.
Wer an eimem Sommerabend
Diefen Ort betreten follte,
Würde fiher Klagelaute
Und ein leiſes Jammern hören,
Das der windefund’ge Zanbrer
Dem Berlufte feiner Habe
Und dem Untergang des Haufes
In dem Abendwinde nachhaucht.
Olew's Cohn, der Bauverftänd’ge,
Hatte fpäter fid) die dritte,
Die die ftarfen Schweſtermaͤnner
Einft den Dieb entriffen hatten,
Zur Geführtin auserforen. ne
Alfo waren denn die Maͤgdlein,
Aus der Unterwelt errettet, |
Durch des Schickſals günfl’ge Fügung
Und durch Sorgfalt der Berwandten
Starker Männer Fran geworden
Und aus ihrem Schooß entfprangen
Diele kräftige Geſchlechter, a
Ueber die ung alte Sagen
Hundert Heimtichfeiten fingen,
Zaufend Stüdchen laut verfünden.
— 35
389
10
Sechzchuter Gefang.
Der gewalt’ge Sohn des Kalew,
Lodernd in Gedanfenfülle
War zu dem Entſchluß gelommen —
Weiſe Pfade zu erforſchen,
Bis zum End' der Welt zu ſegeln,
Ferne an des Nordens Grenzen;
Wo zuvor man nie gewandelt,
Wo fein Pfad noch vorgeireten,
Aber wo des Himmels Wölbung
An die Erde ward gefeltigt. |
Und er ließ im freud’gem Liede
Schallend folhe Worte wallen:
* „Wenn ich auf mein Roß mich fange, .
Meinen Grauen aus dem Hofe » -
Zu geheimen. Wegen Iente,
Weile Pfade laß betreten, _
Durch die eb’nen Flächen dringe,
Durch die dichteften Gebüſche,
Durch die Berge daun mich bränge, -
Ueber tiefe Klüfte febe,
Mood’gen Moors ein Stüd befchreite
Und ein zweites dürrer Wiefen,
Drittes dann von Haidefläden,
Diertes unbewachſ'ner Wüften —
Dann gelangt’ ich bald zum Ziele;
See'en hemmten meinen Schritt nicht,
Nur die Meerfluth koönnt' mich hindern“.
„Hör mich Adler, fchöner Vogel,
Sechzehnter Befang. .
Foͤrdre mich auf deinen Zlügeln,
Daß ich über's Wafler walle,
Meeresflächen überfliege
Weiter ftets, bis ich den Weltrand
Mit den Händen kann erreichen,
Mit den Fingern kann betaſten;
Wo des hohen Himmelsdaches
Traufe bis zur Erde reichet,
Wo die blanen Seidenwände
Auf den Strebebalken ruhen,
Wo der Mond⸗ und Sonnenträger,
Wo der ftarfe) Wolfenhalter
Seine Ferſe angeflemmt bat,
Zehen eingedrüdt dem Boden“.
Als er fo zu fremden Pfaden
Unternommen fi) zu wenden,
Zollen Kopfes wollte wandeln,
Wo zuvor fein Zuß geſchritten
Und den Steg bezeichnet hatte,
Sprach zu ihm ein Euger Vogel,
Krächzte ſolches Wort der Rabe:
„Wo dan blaues Waſſer blickeſt,
MWeitgedehnte Wogenflaͤche,
Schau ob Binfen an den Ufer,
Woͤhhands Schwerdter an dem Baer;
Etampfe mit dem rechten Fuße,
Mit der Ferſe an den Zeifen,
Dann wird fih der Erde Mund dir,
Werden fireng bewarhte Thore
Alle weit fih dir eröffnen,
Und das End’ der Welt erreichft dus.
Doch des Kalew Sohn erwidert:
„Bin ich nicht im Glückeskaufe
Früher wol fchon bundert Male
Durch den Peipus merjehroden,
Durd den Wirzjärw obue Wanlen,
Dur den Kajn ohne Bangen,
Feſten Schrittes durch die Weftfee :
70
100
Sechzehnter Belang.
Mit der Bretterlaft gegangen ?
Kenn’ ich denn nicht ihre Furthen,
Nah dem Lüngenmaaß-die Grenzen,
Bon dem Wogenfall die Breiten,
Die geheimverborg'nen Tiefen,
Und von Achtis Sohn die Gruben? —
„Mir zur Hüfte reicht? der Peipus,
Wirzjärw wogte mir zum Gürtel,
Muftjärw reiht zum halben Leibe,
Kaju kam mir bis zum Halfe,
Dis zum Kinn fam mir die Weſtſee
Und das Weltmeer bis zum Munde,
Nur der Ilmjaͤrw ganz allein blieb
In der Mitte unbetreten,
Seine Gruben unberechnet,
Seine Tiefe ungemeflen,
Sein Geheimniß unbefehritten.+
Und fo (odernd in Gedanfen
Und geheimen Wunſch gebärend
Ließ der Sohn des Kulewiden
Diefe Sangesworte fliegen:
„Wenn ih Wanderwege wähle, =
Meine Schritte rüftig wallen
Und die Zehen -eiten hieße,
Müpt nach Finnland hin ich rudern,
Bootes Spitze hin nach Norden,
Nach des Wagens Weifung lenken.
Fände wohl im Kelfenlande,
Mir im Finnenland Berwandte, un
Und in Zurja mir Befaunte,
Auf den Anfeln alte: Freunde,
Die mir richt'ge Wege wiefen
Und die rechte Spur mir zeigten. *
Und zu Dtew ſprach er alfe:
„Nimm, 0 Olew, beiter Bruder,
Städr’erbauer, Sinnesweifer,
Ninm das Beil in beide Hände;
Faͤll' die Eiche an der Grenze, e
Sechzehnter Befang.
Wirf den ftarfen Stamm: zu Boden,
Bri die Wipfel aus den Welten,
Een? den Stamm von feinem Stumpfe,
Nimm zu Nupungsholz die Eiche,
Die dort nahe dem Geböfte
Auf dem hohen Hferhügel
Uns der Bater hat gepflanzet,
Uns die Mutter, groß gezogen,
Und die dort am Meeresufer,
Ueber weiten‘ Sandgeländen
Shre hoben Wipfel fchuufelt,
Alfo "breit die Zweige ſtreckend,
Daß nıht Sonn’ noch Mondesleuchten
Dort mehr Plag zum Durchgang findet,
Sterne nicht mehr flimmern können,
Wolken uns nicht Tropfen fpenden..
"Bring zu Fall fie, aoldner Bruder,
Brich die hohe Eiche nieder |
Laſſ' die Sonne wieder fcheinen,
Und den Mond uns wieder Teuchieh ;
La die Wolken Tropfen fpenden,
Raum dem Schnee gieb ſich zu fenfen. .
Baue- and dem Stamm —* Eiche
Allerſtaͤrſſte Segelſchiffe |
Zu geheimer Wegerforfhnung, -
Zum Befahren meiler Pfade;
Kriegesfchiffe aus dem Wipfel,
Handelsſchiffe ans dem Stamme,
Aus dem Wellholz Sklavenſchiffe,
Aus den Spänen Kinderfiffe, °
Aus den Kloben Jungfraunſchiffe.
„Bus da nachbleibt, laß nur bleiben,
Laß die Scheite unvergeudet;
Jerwens Butg bau'n dieſe Spaͤne,
Riga baut man aus den Reſten,
Lines Hauptſtadt ans den Schnuizeln,
Wierland ſchafft ſich einen Schatzort,
Eine Zufluchtsſtaͤtte Hafen, ©:
2 ‚N ”
110
120
130
140
ur,
394
150
160
170
180
Sechzehnter Gefang-
Bölfa eine Rettungsftätte.
„Was da nahhbleibt, laß nur bleiben;
Zap die Späne unvergendet,
Laß die Reſte unverdorben,
Laß die Splitter ımgefammelt :
Friedenshalle bau'n die Reſte,
Schirm⸗ und Schußdach Waiſenkindern,
Trauerkammern für die Wittwen,
Klagekammern für Betrübte;
Wierland baut ſich Wetterſchirmdach,
Windſchutz baut fih das Geſinde.
„Bas da nachbteibt, laß nur bleiben,
Laß die Späne ımvergeudet,
Laß den Abfall unverdorhen, -
Ueberbleifel ungefammedt :
Mögen Schug die Armen finden,
Wittwen eine Trauerſtaͤtte;
Wind bereitet ihre Stube,
Waſſer hat gerollt die Balken,
Hagel hat das Dach gededet,
Nebel baut die neue Thüre,
Schnee hat Bände weiß beworfen.
„a8 da nachbleibt, laß es bleiben,
Laß die Reiſer unvergendet,
Zarte Zweige unverdorben:
Zweige bauen Sklavenkammern,
Neifer Armer Areudenlamueru,
Für die Jungfrau'n Luſtgebände,
Kür die Kinder Inbelkammern!“
Olew der's verſtand, entgegnet,
Ließ im Lied es alſo ſchallen:
„Wüßte wohl ſchon mas ich thaͤte,
Wüßt und thär es Fieber Bıuder, -
Wenn in unferm Land cin Mann wär,
Nur ein wiffenstund’ger Starler,
Der die Eiche miederfaͤllte.“
Auf der Zarme hoͤrt's der Rabe
Und Erflärung gab der Kluge:
Sechzehnter Geſang.
„Gehet aus den Mann zu ſuchen,
Geht den Starken einzufangen,
Fern den Mächt’gen zu erfunden,
Der die Eiche flürgte nieder, \
Ließ den Stamm vom: Stumpfe fallen.”
Und man ging den Wann zu fuchen,
Eilt den Starken einzufangen,
Der die Eiche auf der Grenze,
Maͤcht'ge Eiche niederfälle,
Wipfel aus der Wolle braͤche. 190
Männer holte man aus Turja,
Bracht' aus Finnland Runenkund’ge,
Und die weiſen Männer fprachen, -
Runenkundige erklaͤrten:
„Theurer Sohn des Kalewiden,
Bon Gewaltgen anferzogen ! '
Wenn du Willens bift zu wandern |
Um das Beltend’ aufzuſuchen,
Dort wo einft die Hand Almaters
Angelnüpft den Rand des Himmels, 20
Ihn gefüget an die Erde, er
Bo die Wölbung breit fih fenfet: - .
Dann mußt da zum Nord did) wenden,
Steuern bin zu Rordens Nagel,
Alten Wagend Leuchte folgen. .
Aber draͤngſt anf ſalchem Pfad dur,
Walft du hin zum tiefen Norden,
Wird ein Boot von Holz nicht ‚halten,
Nicht ein Schiff vom Eicyenftamme : a,
Nordfcheingeifter, mäct’ge Herrſchaft, 210
Wenn im Kampf fie zückend blitzen
Würden fehnell das Boot verbrennen
Und das Schiff in Flammen fegen.
Eifen dauert dort allein urw,
Boot aus ſtarkem Blech gebogen
Und von Schmiedeſtahl gefertigt,
Und von Kupfererz grgaflen“
Und es ließ der Kalewide ; . 1: :n-,
396
220
240
Sechzehuter Gefang.
Nun ein köſtlich Schiff Sereiten,
Eine ſtolze Barfe hauen.
Nicht von Holz war fie gebogen,
Nicht von Knochenbein gezimmert,
Nicht von Kupfererz gegoffen,
Nicht ans. Schmiedeftaht gefertigt.
Kalew's Sohn, der Mimer Stärkfter,
Ließ bereiten eine Barte,
Ließ ein Schiff aus. Silber ſchaffen,
Ans dem beften Sitberbledye
Und ans feinen Gilberplatten ;
Schiffes Dede iſt von Silber,
Silber find des Schiffes Dielen,
Schiffes Maften find von Silber,
Schiffes Tane Silberfetten:
Lennof ward das Schiff geheißen,
Das die Fluthen fliegend theilte.
Und ein gold’nes Kleid gebot ex
Fuͤr fih felbft zur Leibbedeckung,
Und befahl dem Schiffesvolle
Danerfleider anzufert’gen,
Für die Höheren ans Silber,
Und aus. Eifen fir das Schiffsvolk,
Kür die Aelteften aus Kupfer
Und aus Schmiedeftahl den Weifen ;
Denn genaht dem Weltenrande
Und des Nordennagels Grenzen,
In der Nordſcheingeiſter Kampfe
Und der Feuergeiſter Wehen:
Würde GSifen nicht verderben,
Nicht der Hurniſch ab ſich nußen."
Als nun der Befehl gegeben:
Auszurüften jept das Prachtſchiff,
Speifevorrath für die Mannfchaft,
Reichlich Sold für's Volk zu bringen,
Da entſandt der Sohn des Kabew
Botſchaft allen ſeinen Freunden
Sechgehater Geſang
Und den. thenern Pflegebrüdern
Ließ es wiſſen allen Weiſen,
Die zur Meerfahrt mitbernfen,
Zu Gefährten auserlefen. 2
"Und es fangen Wetterfund’ge ‚20
Wetterkenner, Landesfpäher:
Sauchzend ihres Gluͤckes Saͤnge,
Weil fie mitberufen waren
Und zu Helfen auserlefen.
Aber die nicht miiberufen,
Sangen folhe Klagelieder:
„Bir die Goldnen fanden horchend,
Wir die Armen ſtanden ſchauend,
Ob man uns zum Mitgehn fordre?
Doch man hat und nicht gerufen, 2170
Nicht zum Mitgehn aufgefordert.
Nur zu Sulew brach“ Befehl man,
Trug den Kiebesruf zu Alew,
Hieß den Kerfenbuben kommen,
Mit den Wandergang zu gehen.”
Und der flarfe Sohn des Salem .
Ließ berufen Schiffesftund’ge,
Dann ein Kähnlehi Kriegesfund’ge
Und zum Dritten ‚freie Männer, —
Der Gehöfte ſchlanke Söhne. ri.
Auch nad Weifen man begehrte,
Fordert auf die Sprubverftind’ges,
Sorgte auch für Windeslund’ge,
Bat zu fommen Manas Weife:
Um auf. Ulfod. Stein ju. opfern
Und der Reife Glück zu fchaffen.” Ä
Als das Schiff nun vor der Dämsirung,.
Als das Boot vor Tagesaubruch, —
Lennok vor der Somenhelle ee
Sn die Bafferpfade:rollte, J 200
Auf der Wellenwiege wallte — er:
Schwenkte fröhlid man die Hüte,
Ließ man Lieder laut erſchallen;
310
320
Sechzehuter Gefang-
„Bon dem Haupt den Hut ich ſchwenke,
Unten laß das Schiff ih fchaufeln ;
Fahr’ auf ftreifgem Pfad dabinnen,
Rol’ auf fremden Baflerwogen ;
Nicht von Beerenfteng’tein find fle,
Nicht von Silbergarn gewunden,
Nicht gedreht von gold’nen Garne.»
Als das Schiff im Meer gerichtet,
Lenkt die Spige man nad Finnland,
Kebrt fie Hin nach Nordens Grenze
Zu des alten Wagens Gternen:
Und der ftarfe Sohn des Kalew
Setzte ſich als Heeresführer
Zu dem Steuermann, dem weiſen,
Hieß die Freunde rüſtig rudern,
Und die Züngern Segel richten,
Die Gefellen Zaue ordnen
Und die Kabelſtricke ſtellen.
Aber als das Schiff nun luſtig
Hinflog auf der Wellemviege,
Da begann der Kalewide
Zuftgefänge auszubreiten : j
„Bon dem Haupt. den Hut ich ſhwente
Sonnenherrſcher zu begruͤßen,
Der die Flitter auf die Wogen
Goldenfarb'ge Saaten ſtreute,
Daß, wenn Fluth das Schifflein Ppaltet,
Gleich ein gold'ner Rain ſich hebe,
Eine Silberfurche ſchaͤume. >
Bon dem Haupt au IÄfl’ den Hut ih,
Neigend mich zur Mondeshelle
Und die Sterne al’ Begrüßend,
Die und Stärke warfen laffen
Und den Reilepfad uns weifen.
” „Kaffet einen Gang md fingen,
Alte Worte und bereiten,
Laßt der Alüffe Kauf uns folgen,
Auf des Meeres Wellen ſpielen,
Sechtehnter Geſeng
Laſſet uns die Felſen pflägen,
Und die großen Inſeln furchen,
Laßt und Meeredufer eggen,
Laßt am Strand uns Aehren Iefen: -
Dort wo Gold man anögefäet ‚hat, .
Wo man Silber hat gepflanget,
Zaarad Weisheit hat verſenket.
„Einmal, einmal ward die Welt uns,
Ward fie ſchoͤn uns .offenbaxet !
Einmal, einmal ward der Himmel,
Ward er weislich aufgerichtet,
Und mit Sternen ausgefchmüdet
Und befäumt mit heilen Wolken.“*
Und er fang noch lange Lieder
Bon der Belt im Anbeginne:
Bie dem Mond man wob die Halle
Und ein Neft der Sonne machte.
Lennof auf der Wogenwiege
War fchon Tage lang geglitten,
Nah der Sonne Licht am Tage,
Nachts von Sternen uuterrichtet.
Und es rollt das Boot zum Norden - -
Immer näher hin zum Weltrand;
Und der fprachentund’ge Weife
DOrdnete die Fahrt am Steuer,
Denn er kannte alle Worte,
Zahllos viele Zungenlaute,
Er verftand die Bogeliprachen
Und er.wußt der Thiere Stimmen
Alle weislih zu erklären.
Auf Geheiß der Finnenzaubrer
Rafeten jest ſtarke Stürme;
Zornig hoch aufſchäumt die earth,
Wollenduntel Hält den Tag ein,
Dedt mit Nebel felbft Die Sonne,
Bidelt ein des Himmels Sterne
Und das AU in Dichten Rebel, :: :.: -
406 Scetheehnier Geſang
In thaufarbige Gewaͤnder,
370 So daß Steurer nicht neh Schiffsherr
Mehr den Lauf des Schiffes kannten.
Und e8 forſcht der Sprachenkund'ge
Von den Bögeln auf. den Fluthen,
Die er nah? dem Schiffe fchaute.
Als er Auskunft hatt’ in Händen,
Ließ fein Lied er. alfo fingen:
„Sunge Areunde, lieben Brüder,
<heure Söhne der Gewalt’gen !
Laßt uns gehn die Fremde fchauen,
380 Heimliches aus Finnland pflügen,
Laßt und von den Fluren pflüden,
Aus dem Haidektante rupfen,
Aus des Meeres Boden ehren, -
Aus der Fluthen, Tiefe taffen,
Aus zeripaltnen Eteinen hebein, -
Aus den Bergen felber brechen,
Was fie Heimliches befchatten,
Köſtlicheres offenbaren.
Weinend fteht der Schmud der Suren-
390 Und die Haidehalme Nagen,
Selfenriffe rufen Weblaut,
Selbft des Meeres. Höhlen fenfzen
Und die Wogenwirgen weinen,
Die nur Liebes früher hörten
Und der Vorzeit Laut’ verfianden;“
Wellenwiege hob die Barke,
Hob fie bald empor zur Höbe,
Dräut fie bald zum Grund zu fehleudern,
In die Fluthen zu verfenken;
400 Nicht der Stenermann noch Schifftherr
Wußten mehr den Lauf des Schifſes. F
Still fich bergend ſank die Sonne,
Ging zu Ruh' im Schooß des Abend
Und um's Schiff des Kalewiden 5.
Legte rings ſich naͤcht'ges Dunkel.
Sieben Nächte, ſteben Tage
Framabnier. efang.
Schwantt das Schiff ſchoun umermübet, .:. ı
In des Sturmes Indem Rafen, .
Eine Möwe auf den. Sluthen,
Als die Zinnenzanbver, müde -
Bon dem Wehr, ur .Ruh’ ſich wandten. ,
Wieder konnt? die Sonne. fcheinen. , -
Und die weite. Weit erhellen.
Endlih Hob aus Waßerwogen . r.
Fern ein Ufer anzuwachfen, ——
Immer höher anzuſchwellen; en
Und der Spradwerftänd’ge kündet;;
„Fremd iſt mir der, Stmud, ihr —A 1
Doch der arte Sohn des Kalem
Sprang, als ße dem Alfer nahten
Aus dem Schiffe in die Fluthen
Und, beganu nun ſchnell zu ſchwimmen
N ee
er‘ ro,»
ee
Eitend nach der Uſerſeit 14 —
Und er zog nun die Genpffen "5,
Und das Schiff am: zmı zum Bande. -- —
Nicht der Strand, vom Finnland war, es, -
Nicht bekannter Strand von -Zwia, 2,7
No ein Orxk-ber. fong.befahten, - - 7,,,:;=
Und 26; ſotſcht der Gprachenfund’ge :.. .
Wie geheißen ſei das Mies? : - — —,. .° sie
Voͤgelchen mit Zmiskentene, -
Schwalben huben mr zu Kunden, 4 2:52
Alte Kräbe kraͤchzte Antwndtr . uns.
„Das ift Zappinnds magres Ufer, ae
If der arme Straud der--Dürf’genm. . 4 '-;.;
In die Bucht eh lenlt nen. —E
Silberſchiffchen hin zur Aufahrt; Ka
Feſtigte es am. den Felſen, J—
Knüpfte es an. le. Stämme,
Daß es nicht vom Lande gleitend — N
In die Bogen fliegen konnte.. 0.
Und der Sahn der. Kalewiden.
Waͤhlt des Sprahwenßänd’gen ‚Leitung, RT
Hieß die Freunde diefem- folgen, - ;,; z 1 Ane
4201
410
440
408
470
Schzehnier Gefimg.
Um die Feemde zu: euforfhen. > =: * :ir: . Z
Alfo gingen fle felbwire : :. .:
Weite Wege, Landesftreden, :
Bald im Haidemoor verfintend,
Ueber Morafthügel frauhemd; :
Ueber endlos weite Flaͤchen
Schritten fie durch moos'ge Room,
Wanderten im Haidekraute — —*
Durch die ungebahnte WBäfte, :- —
Forſchend, ob nicht unverhofft wohl
Ein Gehöft dem Aug’ fi hebe.
Was entrollt ih da dem’ Blicke!
Was dem Auge bebt empor. fh!
Einfam hebt en Haus emwer- fi, -
Ein Gehöft ans dem Verſtecke. ui
Bor der Hausthär ſaß ein Brhnigen ?
Auf der Raſenbank ein Mägdlein;
Emflg ſchnurrte ihre Spindel,
Zleißig wirbelten Die Faͤdenz ..'
An-der Spindel dreht der Bürger,“
Doch das Mündchen ordnet Worte,
Stroͤmt in voller Luft ein Liedcheu:
„Bar: ein Mat ein junges Weibchen,
Melkt die Kühe vor: dem Ftührvth/
Mellte fie im Erlenhaine 1: 1:
Seih't die Mil dann in der Auuhıer, : .:. -
Ging darauf die Heerde litten, .: ;. . .
Bracht' fie in das Birkenwäldchen —.
Trieb die Kühe: in. Den Erkhain, 2. 1,
Kälber in Die Schattenbüſche.
Bas am Weg der Heerde fand Hef', .::,..
Fand ein Huhn am Weg der Heerde . 5,
Und ein Hähnchen auf demAngerzz
Und die Henne ſcharrte Gede :
Und das Hähnchen gold'ne Franzen, .: iv
Weibchen eilt das Huhn zu fangen: .i :.-
Und das- Hähnchen zu verfolgen. - 7 1...
Hahn war über Wald geflögen, u .: Auıc,
Sechzehnter Gefang.
Ueber weitgedehnte Flächen.
Hühnchen ward vom Weib gefangen.”
Und im Schooße heimgetragen.
Das im Hemdſchooß EEE
An der Bruft gehegte Kühlen - 3>°
Trug man zur ©etraidelanmer, - Ä
Bettel's auf dem Rand des —
Soll' zum Pflegehuhn erwachſen, u
Unterm Scheffel ftill gedeihen. sen
Wohlbedeckt gedieh die Hente,“ :- -
Dehnt das Küchlein fich verborgen.
Einen Monat, zwei noch wuchs eb, ——
Dritten Monats noch ein Viertel, ae
Eine Woche noch im vierten, ::.. 0 ®
Zwillingstage zwei dDumüberr 1. 1
Junges Weib ſchaut in den Speicher
Bas wohl aus dem Pflez'huhn wirde, 1. -
Wie verftedt dag Kühlen wihfet "© 7 +:
Aus dem Huhn ward eine Sungfec, Dr
Eine ftolze Königotochter. vun.
Sreier famen zu ber Jungfrau, a
Biel Verliebte zu Dem Mägdlein, > "il
Fünf und fehs Mat Wein in Krhgen, se
Siebenhundert wohl mit Botfchaft 4 - 1°-
Erft der Mond, der Sönnenfreier, 1... .5r
Drittens Fate — — ne
— — „der Malenlie) © ei nn
Sreier mit den langen Schenkeln Tu 2.
Alfo rief der Sohn des Halm, 3... 1. 3
Auf die Schwelle plötzlich tietend, 7 Tall
Doch das Mädchen floh im Schrecken ſd
Und voll Angſt rief fie um Olfe. 1 "us
Auf den SEchtei erſchien der Bater,46
Um zu ſchauen was gefdcehen?.: 1 - sn *
Was erzeuht' das Hitferufen 7 3°:
Doch der Sohn a Aatebiden, ii! en
AU,
ALS den Hausherrn enihegräßen, .. 7 -ı12P,
Ihn erkannt als Laßplauds Watfen; ' m; 5iT
28°
510
46
620
Sehahnten :Melang:
Sprach — um Ausfunft.ga erhalten... -.:.;
„Rufe doch, dar fremden Kullu
Singe, finge, ließen. Bogel, rn Gil
Gieb mir Antwort, golduer en; En:
Wo der Weg mich am gerad'ſten rn BEL
Scharf gezielt zum-.WWeltend’: —2
Daß nicht an'ren Wegebahnen 7
Silberfarbig [hin gewobeen "int.
Und gedrehet goldenfüdig, - . ©; td
Zu verwirren uns gelänge —
Und den Gang des Schritte. m hempten. : 2
Weiſe mich zu jenen Breiten.. 4
Bo des Himmels Hochgewölbee 7.
Auf dem untern Rande ruhet2
Und die blauen Seitenwände -. . 0
Auf die Flaͤche hin ſich ſenken; BER
Ro die Mondesleuchte austölsht. ı. In 2.‘
Und die Sonne hin ur Ruf? gebt, 1: 2°:
Wenn fie die geſetzte Runde; . 2. :..
Tags fowohl ale Nachts, vollendet... ; = .
Uns verfündgte-der, Habe: :: ; 2° men
Und ein Mugen Vogel Made ı.: 1:7. v.
vu 2B0 Dur blaue. Fluth erblickeſt, 21 — eo
Weitgedehnter Mogemäläher... ©... 14 „9
Shaw, ob Binſen ſtehn am. Stmmdez .,: 17,”
Woͤhands Schwerdt am WBaflerrande;, ; 2.17%
Mit dem rechten Fuß Dast.:Ranmpie,:. - -
An den Feld. wik,farler Berker 1. 1 u ar,
Dann wird fi — 17 tr 13?
Und die ſcharfbewachte Pforte . zu
Kühnen Meresfahrexn äüffnen, 7 2.3 1.» .
Und ihr ſchaut ‚den Rand —— Gi:
Fuͤhr' mich un, nach tener —A
Leit? mich hin zum Bingennifer. I a mi
Und der Weife :gab- ———— ET
„Hier beginnen’ keine. Biade,ın ! 4097
Keine folhe Banderilege,; ı:. au er E
Die zum Weltenende führten: © ze tnlas
—
Sechzehnter Geſang.
Denn das Meer hat keine Grenzen,
Ohne Ende find: die Wogen,
Dort wo der Altvater weife F
Hut geſenkt das Dach deo Himmels
Und die Traufe fügt' dem Boden >
Wo die blauen. Seidenwände I
Zu der Kläche hin fi neigen.
Die nady ſolchem Ziele jagen,
Treten mır in loere Winde: ZZ.
Sanden auf der. Funkeninſel
Tod für ihre große Kühnheit.
Deines Heimatheraben Weifung
Deutet auf den Bfad zur Hölle, -
Zu dem Thor des. „Altenjungen«.: -
Aber wenn zur Heimath wieder: u
Du zurückzuwallen wänfcheft,
Dann zu eigenem Vergnügen
Will ich ‚führend dich geleiten“. .
Doch des. Kalew Sohn erwidert:
„Heim gelang’ ich ohne Fuͤhrer >
Wohlbewußt » gefoemmne Wege,
Wolle doch nur, Ifeber Bruder, : - -
Führen mich ‚auf fremde’ Flächen! ":
Bor das Thor des Weltenentdes, '-
Bor des alten Baters Pforten: :ı >’.
Und der Lapplands⸗Weiſe frugte:--
„Welchen. Kohn wirft du mir geben
Wie des. Führers Muͤh' vergeltien 7
Und des Kalew Sohn erwidert:
„Was du fordern wirft, mein Lieber,
Welchen Preis dar nenneft, Theurer,
Wil zum Lohn ih bin die werfen, - 1"
Gern für Führermühe ſchloudern. N.
Nimm die Hälfte meines Schatzes,
Frag' zehn Säle goldgefilllet, = -
Eine Menge no an Silber, -:
Bring’ mid) aber, lieber Bruder, :
Bor des Belteuendes Pforet, —
610
Sechzehnter Aefang,
Bor das eig’ne Thor Alwatero.
Maaße von des Meeres Tiefen,
Und der Hölle Kängengrenzen,.
Diefe kenn? ih wie nad) Schhnüren,
Doch des Weitallö lebte Wände
Sind noch unbelannt bis Heute, .
Nicht von meiner Hand betaflel”.
Zapplands Weiler fang entgegen:
„Füg' dazu, mir zum Gefallen,
Sieb zum Lohn noch über'm Preiſe,
Was daheim ift augefettet -
An der Mauer fiehn geblieben".
Und der Sohn des Kalewiden
War bereit gleich zu bewill'gen
Fremdem Mann dad -Angebund’ne;
Was gelettet er vermeinie |
Zuzugeben zum Gefallen.
Lapplands Weiſer fang nun alfo, —
Warral gab zur Antwort ſolches:
„So geſcheh' Dir. denn nach Wunſche,
In Erfüllung geh' dein Wille;
Doch nicht Andern wachſe Schuld draus,
Nicht Verantwortung für Fremde:
Wenn du unverfehens Böſes,
So Gefahren ald Verluüſſt
Auf der. Fahrt beſtehen ſollteſt.
Schuld bleibt dem, der es gewollt. Hat, :
Laſt bleibt bem, der Rath ka:
Auf das Schiff nahm man den Bonn,
Warrak führte man zum Gtemer,
Um des Ediffes Lauf zu lernten. .
Auf der Wogenmiege fchaufelnd,
Auf des Windes Klägeln eilend
Schnitt das Schiff des. Kalewiden
Furchen in das Waſſer fchäumend,
Manche Nacht-und viele Tage '
Stets nad Nordens Grenzen fegelud.
Sechgehnler Brfaug.
Und das Schiff im Wogenfalbe
Traf auf einen Meeresfirudel.
Netten konnten nicht die Ruder,
Segel nicht heraus mehr helfen
Lennok aus dem: Waflerraben; .
Zu verfchluden droht. der Meerſchlund
Mit der Laft zugleich den Träger.
Warraf nahm ein Meines Tönnchen,
Rahm zur Hand fogleih ein Faͤßchen,
Hüllte rings mit rothem Tuche
Ganz des Faͤßchens Außenfeite;
Band darauf.,nech rothe Bänder
Reifenartig um die Zonne
Und befeſtigt' fie mit Strängen,
Ließ vom Schiffsbord dann fie fhwimmen,
Daß ein Fiſch den Köder ſchauend
Schnell dann käme ihn zu haſchen.
Aus den Fluthen wogt ein Wallfiſch
Rothen Köder ſich zu fangen, 2%
Mit dem Maut das Faß verichlang er
Und entfloh geichwind von dannen.
Zog das Schiff fo aus dem Strudel,
Rettet's ans dem Hoͤllenrachen, ER
Bon der Thür des. Schattenreidhed,
Bon der alten Zeindfchaft Thoren,
Wo fon Biele früher fanken, wi
Manche fihon in Noth geriethen. _ N:
Auf der ſchwauken Wogenmwiege,-
Auf des Windes Flügeln flürmend
Spaltete nun Kalew's Prachtſchiff
Schäumend Zurhen in. das Wafler,.
Manche Nacht und viele Zage | |
Nach des Nordens Grenzen. fegelnd:
Und der ftarfe Sohn des Halem -:
Lie die Worte alfo wallen, . E
Lieb Geſang weithin efhallen:
„Rath in Winkel wirft dev Maun nicht,
Nicht Gedanken auf die Datre;
640
670
“7
-|
408
700
Sechzehnker Geſang.
Naht das Unglück uis zu drohen, ° -
Müſſen Sangesweiſen fühnen |
Weife Worte es bezähmen.“ nt...
— —
[ u
Mit des Windes fehnellein Fluge
Bar das Schiff in Waflerfintfen.:
Lange Zeit ſchon hingeſegel,
Hingewandt zu Nordens Gienten
Als auf ferner Funkeninſe —
Feuerſaͤulen fih erhoben, ': - : ©.
Rauch in Wolken ſchwellend wogte.
Und es drängt den Kalewiden
Zu beſchaun die Funkeninſel;
Warrak aber widerſprach ihm,
Rieth ihn ab vom Schreckenspfade.
Drauf der Sohn des: Sulew fägte :
„Laſſet mich. allein ‘Dort hingehn, |
Mid, den Feuerpfad betreten, ı,
Mich des Rauches Weg beichreiten, , =
. wo die. frühern Vandrer,
Wo die Schwächen. Männer. fanfen . .
Und die Feiglinge verdarben.* ._ :.
Aus den Bogen lenft man Lenmok”
Hin zum Strand der. Funkeniuſel,
Bo ein Berg. mit Feuer fpielte, :
Und dem zweiten Rauch .entfirönite. ©:
Und dem dritten fledeud Waſſer,
Flüß'ge Steine aus der Tiefe. ::; °
Etrömten zu dem Thale. nieder. :.: -.
Sulew ſchritt — pom Rauch geleitet,
Folgte jenen Zeuerzgeihen,, * im.
Zrat hinan zum Höllenherdhe ne"
Schaut des Wunders A ie
Und belaufdhte das Geheimiiß. °
Scherben von den glühnden Steinen de
Negneten im Rauche nieder, : . ::
Rings herum nur :Afchenmwehen .
ir
v Tu,
vw 1 1 34
Auf dem Schnee der weiten Fläche,
Seqchtehnter Qefarn.
Hagel auf die wüſten Stege, m are 9a
Raflelnd an Den Eiſerharviſch : .Y-
Eilten Gluthenſteine Desbend..- "23... 5%
Sulew's Sohn den Tod zu hringen. . 7
Aber furchtlos in Dem Unbeit: ::. 1.3 50
Wandelt des Gewallgen: Erhe::, ae
Hin zum Schfund: des. Höllenberdes, . ; ::, 7.
Bis der Rod in Myand geratheni c ı' J—
Schon den Leib gu röſten dxahte.
Schon verſengt rollt ein "Die Bon - —
Schrumpft ihm Haar uud Angenbrauen.
Und der Sntewide fluchte:: : .. ui.
„Hol der T— diefen Gluthberg,
Welcher Riemen Vartheil hringet.! ı. '
Wär’ daheim ers Riegenheigerr‘ . ..- -.; .."
Hüttenmannes -Seltempärmer, 7 7, >"
Könnt?’ er mancher Stelle ühzen ı. .- :
Wo der Klafter aufs Gefinde une. om
Aus Erbarmen wird gegeben: : er,
Hier ift Feuer doch vichte nuße — Sn
Will die Pfeife, am. mir gändem le... v
Und es bankigt: fans, Schritte .:
Sulew und. heteat den -Müdwegs : 7°.
Mühfam Tangs..en: am beim Schiffe, 1-5 A,
Wunder Seiten Schmerz zu: ſtillen :: Aul!
Und zu heilen Brandea Schadens ..,.,' Bi
Und ed. fragt Dar-AnlemitesıZ 63
„Sahſt du nicht den Euren re —
Hinter dir iſt er geſchlichen,“ — ch
Dod den Satleid' ek —*
9 —
Und man riefaus einem: Munde. = ä —
Den verlornen Berkenbuben: :; .. 4 137 :72
Sieh, da fam ein. weißer Bagel,;-:.- 1::!7
Sept? fih aufuden Leunok nieder st. 2 rt
Und der Sprafhenkundge forſchte: :-;- 5“
Db den Jüngling, den ——æ ol
Der Gefiederte geſehen .- Ze a
Und es fprach der ;weiße u rg
App
720
U,
70
48
700
Sechzehnter Gefag.
„Hinter jenen Eisgebirgen
Auf den ſchneebedeckten Flaͤchen z
Iſt ein Frühlingsland- gelegen,’
Eine ew’ge Gommierflätie5
Eier kocht man in der Erbe,
Braten zeitigt man im Boden.
Dort veriert’ ſich bin der. Anabe,
Angelodt von Nixenjungfraun,
Dort verlebt er immerwährend
Sel’ged Dafeln, Freüdentage,
Segelt weiter, weiſe Männer,
Nimmer ehrt der’ Bm
"Nun gelangten in em dd fe, —
Bo die Hähne Gold nur fraßeny,
Gold die Hähne, Erz die Hühner, -
Gänſe blankes Silber Ichtürften,
Krähenvoͤgel altes Kupfer,
Brütevögel Pfennigftüde,
Kluge Vögel Thaterftüde,;
Wohl gediehen dort Die. Pflomgen .
Und der Kohl zu Tannenhöhe.*
Und der flarke Sohn des Kalem :
Gab den Kuechten kluge‘ Weifmg
Und gebot den Untergeb’nen, -
Zu beſchaun die fremden Länder;
Hieß den Sprachverfiänd’gen mtgehn, Es
Zauberworte Zu erflären,
Bogelweisheit aufzuldſen.
Selber ſtreckt er: auf das Sf 15
Hin mit Sulew um zu fhlummern, :
In dem Sonnenfhein zu ruhen,
Und befahl dem Atewiden
Nah der Reife Wacht zu haktanı
Rüſtig fehritt der Sprackenfund’ge
Wandert mit den Knechten' weiter
Ein Stüd Weges, Landesſtrecken/
Wo fein Voͤgelchen zu Hiren,.- ©:
Gehypinnber Befang. au
Nicht zu ſchauen wir Lebend'ges. —
Hin zum Schaͤpfer rolkt’: die: Se, R
Sant hinab.im. Merreswigen, : * . : .
Und die Wegesmüden Wand’ver . : . ....
Stredten hin fih anf den Rüden:
In den Schatten eines: Buſches. —
An des audern Tages Gaumeee
Weckte vor der Morgenroöͤlhhlhe 77090
Eines Rieſen junge Tochter ee
Aus dem Schlaf die Maͤnnerſoͤhme. 16 m
Aus dem kohlbepflanzten Garten
Wollt’ fie für. die Kühe Bldtee . . .„. *
Ab von einem Köhkkapf btechen..
Und die Riefin fah-die Männer, .
That die Knaben in die Sihüre, - ° 7
Zrug im Schovße fie nad) Hauſe.
Und der Bater fragt dabeim — A
Sage Töchterchen, was Bringft.du?.. . :. 800
Bas im Kohl Hafl du gefaminelt 9“ » :. =
Und die Maid die Schärze ſcütteiad, Gr”
Streut die Männer anf den Boden. —
„Väterchen, erklär' mir dieſes ; -
Habe mir zum Spiel und. Scheyge:
Diefe hier im Kyhl gefaumelt, . : °
Wo fie ale ſechs wie He - 1
In dem fühlen Than erſtarret DR
Unter einem Kohllopf ſchliefen“. a
Und der Bater,:der erforſchte 1": 810
Nun duch Räthſel dieſe Männden :: <: 13.
„Ber iſt's des üngs Haknen fhreitetyin : =" a
An den Raud der Yämme bintrikt, 7 :°
Kreifet um dea.Schälfrohte, Grenze =. : ... .E
Und der Sipradjverfiänd’ge ſagte:
„Bienchen iſt's, dad’jarte Vöglein,
Das dahin am Halme ſchreitet, Ei
An den Rand der Zäme binbeill, - : :
Kreifet um des Schitfrohrs Grenzen, 2
Weiter fotfihte:nun der Ridfe, : 820
yw
rn‘
Nr,
Beiigeguber.;Beferig.
Lich die Männer Räthfel Ibfen: - F
„Bas weht ſchlürſt dort. aus dem gluffe,
Trinket aus des Dorfes Brunnen,
Aus der Uferfirine Scherben Br:
Und der Gprichueditänd’ge: ſagte:
„Regenbogen ſchlürft im Fiufſe
Trinlet aus des Dorfes Bruunen,
Aus der Uferſteine Scherben . 200
Weiter forſchte Higlas Weiler: .: -..
„Rathet, rathet, Heine BRänner, —
Was kommt ſaufend von der Wleſe,
Brauſend aus dem’ blauen Walde tn
Und der Sprachverſtaͤud'ge ſagte:
„Regen faufet. won: Der Wieſe, —
Brauſet aus dem blauen Walde”. .
Nun erkannt’. der weite Rieſe
An der Klagheit Menſchenfoöͤhne.
„Thu, fie, Tochter, in die Shine, - .:
Sprach er, Bring’ fie ohut Sänmen.:... :
Dorthin,:wo du Me gefunden. 71 .. 1
Dbenlandes. Weibeafähne. . . .- i:....7
Sind’, fie gehn - auf Weisheitswegen er
Sid Belehrung aufzufuchen-.- na
Und die Maid that wie guheißen, :
Trug die Fremden de fehle. .. 7.
Dort zuräd, wo ſie gele gen. .. 17 .o
Doch der weile. Sprachenkennetr
Redet alfo zu der. Riefin: 1. »
„rag und, Jungfrau, wie im — ——
Trag und.zm das Meeres here. ARE
Und die Riefin that:e8 wilig, : ©
Trug die Männer: bin. zum Ufen. u...
Die ein Dunien Wolkenpftiler
Sing fie von der Himmeldwötbung } ..“.::
Mit des Donnergnit?d Trommeten —
Eine Wolle Fenerſäubend Er ).
Kam die Higlamaid ‚gefchwitten,. . ni: 1.1.1189,
Flügelichnell dem Schiffemahtnd. :.
= Sechzehnter Oeſantz.
Und mit Demmergang zur Ufer4 =
Und die Maͤnner aus der Schürze 11.
Schüttelt ſie aufs Deck: des ;Schiffes, ::; —
Und des ſtarken Athems Wehen.
Blies den Lennbdlein die Wellen5
Eine Meile in die: Meerfluth. :cı sin 2. 2
Solden Wunders Offenbaruug . 5:7, nn: al
Schreck erregt e&. ud Erflamin,:. 5. ar
Nur der ftarte Sohn. des. Akkem- . ...; .:.”.
Lachte über's Wollenmägdlen :. : . 11.
„Habe Dank, du Liebe Siheine, ü ..: -. :.
Für dein unerbetnes Wafhenh : - : ..: 3.8
Werde mic nun selber tresfuen, . :-. ann;
Tropfen von Ben Wangen wilden": :, te a.
Kalew's Sohn gab den: Beichl ame :i; £
Ale Segel auszubreiten, IE 2 2" am
Denn er wollte weiter dringend : ..Ü
Hin zu Nordend Grenzen merk. 137 u: 2
Ob auch bitter war. die: Kälte: ;- > ee
Und ſchon Eis die: Spuren deckte. : * 5;
Dur das hohe Wis, rin: Hügeln .- u u; ©;
Schnitt hindurch daß. Suba ſchichen Lea
Segelte die: Bade nordwärts :. hin
Sieh, da nahen Nordſcheingeiſter, 4 1.117)
Die in ft'gein Sampf_ begriffen, «.. ls
Blitzend Silberfpeere zudem; ! :; 35°. 31.5HP,
Gold'ne Schilde fhimmerwd Ihwingen, . 31:7
Daß der Schein Die Barke röthet:nm :..: 7
Schon enffant:der Muth den Männern, 7:..";
Furchwoll ſchlottern ſchun Die. Maben, ı :ı1::77,
Doch der, Sohn: bed. Sulewmiden.:ti ı 1 1,1%
Lachte: ob: Deß Kitintenfieleß. 14 un 1:1 9
„Laßt im Kampf die: Moxdfcheingeiften :.' :; Sul
Mit der Silberfpeere: Bliken,'.;\ "1: 3:° 17?
Und der gold nen“ Schilde Schimmein 1,5 Zur.
Feuerbogen .uhs bexeitin; » .:... - ; Sul
Daß wir bei dem hellen Rechten .3 . u :1,.:18,
Unfre Bege beſſer ind ; 139 hört Zul
483
870
we
44 Goäigiinter Gefeng. ⸗
Nicht begleiten weile Der Mond uns, .. :
2 Rängft verſteckt hat fich die Sonw, : . : 7:
Uffo, der und amädig, hieß Die‘ =>
900 Nordfcheingeifter Heil uns leuchten⸗.
Endlich ragt ein fremdes Uſer
Hebt ein unbekanntes Volkeſich .. .u
Unfrer Freunde ſpaͤh'udem Bildes -. 1... :.
Menfhen halb wit:Simdeleibern, 1. :. ... 7
Hinten lange Sumbefdwänze,.- * .
Am Gebahren Tonis Wenofin, -:... :: .*
Am Gefihte Menſchen Äbnih. .
> Und die Hundeffwomggeielln. . 1: -:
Rotteten fich ſchnell izufammen, . Ba
910 Zornerfült wis. Knüppeln — —
Daß nis: Ener an das Ufer
Von dem Schiffe konnte treten. a
Doch der Sehn des ee
Spranug vom Schiffe an das Uſer, ir
Hundefchwänzler zu zerſtreuen 1... rn... 7
Und die Feinde zu vernihden;i ; 1... u
Hin zu Hunderten fie würgend :.. .. : "...
ee Und zu Taufenden fe ddtnd. 1... ...:
Glüdbegünftigt fand :ein Roß ey; ie
920 Einen Hengft wur großer Stärle, 1.2 0...
Schwang fih auf’ des Braunen 2
Striegespfade zu beimeten, .-.' J
Hundeſchwaͤnzler zu bekaͤmpfen ⸗*
Doch ein fremdes Meines Wingiemn up
Band dad. Heetiturms Feindichuftfixide: : 1... =
Kreuzweis vor: des Gaules Schritte; — —
Hoch empor bäumt ſich das. Streitrß,
7 GScheut fi vor dem Strick der ‚Beindidafe: : —
Und zuſanmmen ſftuͤrzt es ſtrauchelnd2
0 Auf die weite Fläche nieder, — sur 2.20%
Band den Kod.im Mosd’ger Mosre. 1 "ii
Und des Kalew Sehe wall: Kranep: : -:2,,
Klagte um dası gate: Streled: .* . im ci
Und verfluhte den Umgarner, or... ri
Sechhnter Ostens:
Und verwuͤuſcht' den -Schlingenfteller.. :;: -
ab⸗
Und er zog nun geimmen Mucheß R
Mit der Wurzel aus dem Badan. : -.. :.. _
Eine von den: färffien Eichen,
Wühlte auf die. Sümpfe ale
Und durchpflügte alles Belland, . ;.. . -?
Daß auf Nordlands Ackerboden.
Nimmer Halme. follten wahfen, .- 1...‘
Nimmer;Achren Körner geben -: ::.. .
Dortlandg Weifer aber zu. Pos
Tadelte den zorn’gen -Pfülger : ——
»Barum, Brüderchen, im. Grimme — ü
Pflügft Du auf die Ende, fluchend
Bandelft um bier unfre Heer. : .-
Und verwünſcheſt fie zum Mentwaes, _..
Daß man gutes Weideland nit,..: :... 17.
Nod für Kinder Brodland imdetts. --; ©
Doc. des Kalew Sohn erwidert:
„Heerwurmſtrick bracht mich; um's EStreitroß/
Hat den Reitfuß mix getödtet,, .
Eh'r ich meine Ribiewege. 2 7: 5
Dis zum Ziel beenden kannte“. ...: u
Und der Weife drauf eitgegnet: —
„Wie willſt du die Wege finden, — — —
Wie wohl Rath. auf deinen Pfaden; 1
Wenn die Völker: du vermſteſſſ,,
Rathertheiler von den Blumen: -.i .. nit 7
Bor dir ber im Grimm vertilgeſt m: 4 7.
Rewe, fühlt der Sohn des Kalew
Ob der zornigen Bermänfchung,. -..i: 6,
Die vernichtet daB, Bedeihen 1:.1,>
Auf des Nordens Adermninems., _. . 1... :;.:
In der Noth rief er zu. Up: 3; ru ı wi.
„Gieb den Fiſchen Hier Gedeihen, 4 u 2
Wachsthum gieb Din ——————
Ueberfluß den Robheneheerden.:; ı: 1 wish S
Reihthum allem :Quhigefteder,:. sw... ..: x: 5%“
Laß hier Holz auf Waffexfluüthen unniei :;
KA,
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Inn?
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1010
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. Und dem Zukumnſtevolke⸗ follew; ı::. Pa N
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Seagate: @efang,
An des Merres Mſer talden; i 1.11...
tr
de
Segen die Gekhänts briügen⸗.
Und der Weile drauf. gem SEEN
„Beil du alfo Segen: winfheR,. : ': : 2 m
Bil ih die num: Rede ficken . 1.3 2
Und dir Rath und nn re
Wie du weite Wege:wandelll”.. :.. sic. .
Drauf der Sohn des Raten ſahter en
„Mir zu Hauſeſprach der Babe, “..::,. 2
Krächzte einft ein: Buger:Bugelz - :.: 9..." 2
„vWo du ſchauneſt Hawe Jiuthhen
Beitgebehnte Wogenflaͤchen, 21 —
Binſen an dem Uſercande— —
Woͤhands Schwerdter an Dem Ball; er
Dort wird die geheiwe Pforte son.n ın.. . .
Dir das Weltinende zeigen⸗v. EST.
Doch der Weiſe gab zur Antwort : %
RUE alst einlen Trug VRBÄRDEN 11:9.
Hat zu Hauſe dir˖ det Aabez van
Bo du blaues Waſſet Hude, ,
Beitgedehnte Bonenflähhen,: "1 =,
Binfen an: Yen feerände, : '- 7%.
Woͤhands Schwerbdtet m dem. Waſſer⸗ eich
Siehſt du die zeheime Mündung iu 301 398
Und die fireng bewachte Pfotte 2:7 578
Die dich in die HöMe:Ahraf, 7 1... :::3:21.2
In des Ne. Are U
Nun bdegaun der Sohn dest’ Kulm“
Zu der Heimathhinzudvängeh, 5": 199 42
Seinen Freunden es vetidendi iin: 31%
Ließ ein Lied er: Tut ertunen 213% 2.2 1nl%
„Laßt uns gehen, Nähen Brüder, 103% * L
Laßt uns wallen, zolb'ne Freande, mi cu.
Wenden arzt Mittag wieder, 1. 1icchr.üß
Schneller hin zus: Geiniarhfeide,si. 1.5 Ailııadall
Bo uns kennen Hanſes Hande,II in hist
Wo Belannte uns: bearäpeh": ıc 5% sd AnY
Sechzehnler Befang. 417
„We
Ausl
Wen '
„At
Der
Bie
Du
Selb 10%
Sege
Auf
Spal
Schaͤ
Hin
Und
Setz! 1030
„Hoͤl
Meh
Als
Unfe:
Uner
Unfen
Ri
Dort
Wo 109040
„Bei
Noch
Um I
Muß
Alle
Gabe
uffo,
418
1050
1060
1070
1080
Sechzehnter Befang.
Srifhes bringen für die Wächter,.
Opfergaben für die Hüter, _
Müßt’ den Vögeln fid verföhnen,- . |
Und des Salem Sohn erwidert, J
Ließ Dagegen dies erſchallen
„Mit der Rüuͤckkehr waͤchſt die Weishein |
Höher als fie war beim Hindand.
Wüfte Wege ging verwirrt ich,
Hab’ den Windesweg |
Ging zur Luft auf wei
Um den Wafferpfad zu
Wollt’ die Hinterwand 8.
Mit den Händen gleid |
Und das Weltenende fı
Mit den Fingern zu bi
„Mögen nimmer andre Minner
Andre Weiberföhne wollen,
Was ich unnüg unternommen,
Bas mir theure Zeit verwellte.
Hoff? dag Bortheil mir exwüchſe,
Mußte Schaden nur beffagen.
Richt war fegiiend da der Vater,
Nicht die Mutter, mi zu lieben,
Keiner Schwefter warmes Wünſchen. —
Aus dem Falten Grabeshügel,
Aus des Kiefelgrundes Schooße
Konnt’ der Vater nicht erſtehen,
Nicht die Mutter Liebe ſpenden.
„Reue kann uns, goldne Brüder,
Aus der Irrfahrt nicht erwachſen;
Höher wohl als Silberſchätze,
Theurer noch als Goldestlaften
If die Weisheit zu erkennen.
Fanden wir nicht auf der Irrfahrt,
Auf des Zuges Angerfiegen
Sichre Zeichen, Wahrheltszeugniß: on
DaB das Weltall ohne Ende,
Taaras Weisheit ohne Grenzen,
Denn gefeftigt find fie nirgends,
ir
Sechzehnter Befang.
Keine Wehren find geftedet.
„Was wir aber in der Fremde
Bortheilbringendes entpflügten
Und Geheimes ausgeadert,
Daran bis an's Lebensende
Hat des Mannes Sinn zu denfen.
„Wen zu Glück der Schöpfer wählte,
Wem er’3 in den Bufen legte,
Wen er ftärker ſchuf an Geifte,
Schärfern Sinnes und Berftandes,
Ueberlegener an Kräften
Sich hervorzuthun vor andern; . ... ...
Diefer mög’ zur Fremde wallen, .,
Um die große Welt zu fohauen, -
Zaaras Weisheit zu erfennen, . 1 ...
Um Die Wunder Bottos alle.
Dann mit offnem Aug’ zu fehauen.
Aber andre Nachgeborne,
Schwädhlihere Weiberſoͤhne
Mögen wachfen auf zu Haufe,
Auf der Heimathswieſe blühen. —
Nun nach Lalli lenkt man Lennof
In die Bucht von Lindaniffe,
Dort wo Olew Häufer baute,
Wo er hohe Thürme pflanzte;
Und man trieb das Boot zur Anfahrt,
Trieb das Silberfhiff an’ Ufer.
Und e8 landeten die Männer,
Wallten weiter in die Heimath,
Traten ein in die Gehöfte;
Und im Erlhain fang ein Vogel,
Goldner Kukkuk aus den Tannen:
„Glück das blüht im eignen Lande,
Beß'rer Vortheil wählt zu Haufe,
Seder Hofhund kennt daheim ung,
Grüßend nahen uns Belannte
Und Berwandte wünfhen Gluͤck ung,
Sreundlicher feheint uns die Sonne,
Sceinen uns der Heimath Sterne !-
1090
1110
1120
419
Der Drud wird unter der Bedingung geflattet, daß nach Been⸗
digung deffeiben der Abgetheilten Senfur in Dorpat bie vorihriftmäßige
Anzahl Exemplare zugeſtellt werde.
Dorpat, d. 9. Sept. 18600.
(Nr. 132.) Abyethellter Genfor de Ta Grois,
Siebzehnter Geſang.
E.. reiche Zeit des -Glüdes
Blühte auf der Eften Grenzen,
Und des Friedens Wiege ſchaukelt
Freundlich ihre Kinder alle
Zart im mütterlichen Arme
Sieben Sommer ungetrübet,
Sieben Winter ungefährdet.
Dlew hatt’, der Städtemeifter,.
Stärfe Schanzen wachſen lafien, .
Rings mit Gräben fle umgrenzend,
Manchen Eckthurm aufgerichtet,
Stattlich eine Stadt erbanet.
An dem Grabeshügel: Kalews,
Zür des Vaters Bett zur Zierde,
Holder Mutter zum Gedächtniß.
Zahllos ſah man Leute eilen
Und Familien Schaarenweife
Zu der feflen Stätte wallen;
So wie Hennen vor dem Habicht
Sich verfriechen im Verftede
Bor dem Aug’ des biut’gen. Todes .
Und der Furcht nor Noth und Drangjak: |
Und der theure Sohn des Kalew
Rief, die Menge überblidend :-
„Lindanifa nenn’ die Stadt ich
Zur Erinn’rung an die Mutter,
Nährt die Stadt nicht ihre Kinder
Reichlich wie die Bruft der Mutter? -
30
10
421
Stebzehnter Befang.
Und der wadre Alewide
Gründete ein zweites Städtchen
Noch, in Harrien gelegen;
Baut es in des Morafts Mitte
Auf des Urwalds off’ne Fläche.
Sulews Sohn, der Blutsverwandte,
Ließ in Allentaden gründen
Eine dritte fefte Stätte,
Einen Schugort gegen Zeinde.
Doch die langen Friedenstage
Und die Blüthenzeit des Gluͤckes
Droht der Krieg jetzt zu vernichten,
Mit den Rädern zu zermalmen.
An das Ufer Wierlauds ftürmten
Hunderte von fremden Kriegen,
Tauſende von Mordbegiergen, .
Peiniger wie Wollkenzüge,
Die von ferk. gebracht bie Winde,
Waſſerfluthen bingewälzet. :
Eil’ger Votſchaft Träger kamen
Flieh'nden Schritts nach Lindanifa,
Zu verkünden es dem Koͤnig',
Daß der Krieg ſchon dräuend nahe
Und des Streites Wagen rolle:
„Komm, Gewaltiger,. zum. Kampfe,
Mächtiger, verjag? Die Feinde .
Und es fprang der Kalewide
In den Sattel auf das Streitroß,
Stürmte mit des Windes Braufen ..
Eilig nach der Grenze .Wierlands, -
Um den Kriegslärm zu verloſchen.
Um des Kaupfes Zorn zu band’gen,.
»Mit fich führt er Stetegeähelden,
Serfenbuben von den Starten; .
Fünfzig wählte. er: aid Wierlaud,
Sechzig von dem. Kranichbeiland,
Siebzig weitere aus Finnland; "
Hundert and’re von den Inſeln.
Giehzehnter Grfarig.
Und des Kalewiden ‚Etreiteoß 1 :.
Raffelte in blanken Münzen, i
Zönte heil von laut'rem Golde. .
Silbern glänzt am Hanpt die Halfter, .
Gold’ne Stangen am Gebiſſe,
Thalergürtel an dem Echweife,
Um den Körper Perlenketten.
Und das Schwert. verräth den Krieger rn
Und der Ferie Stahl: den Starten. :
Und der gold'ne Schild den König:
Wer den Sprößling des Gewalt’gen
Auf des Krieges Pfad erbiicte,
Wie er Kampfes Wege wallte, -
Mupt in Wahrheit dieß befennen:
‚ t
4 '€
Pr
„Wahrlich, glänzend ſtrahlt der. Juͤngling,
Hoch an Werth iſt dieſer Krieger!
Unter ihm ein Roß von Silber,
Gold'ner König in dem Sattel.
Feuer blält ins Meer der Starke, :'.
Fächelt Funken in die Bogen,
In die Scyneetrift heile Flammen.
Windesflügel ſeine Halle,
Regenbogen ſeine Kammer,
Wolkenmaſſen feine Sparten,
Hagelfchloffen :feine Betten ! N
Auf der Soune figt er felber, Er
Lehnt fi) an des Mondes. Wölbung,
Lagert feinen Verb auf Sterne;
Aus dem Wind’ haucht er. eim Streitroß,
Haut aus Thaugras ihn die Hufen, -
Maienblumen find die Augen, 2
Schlankes Schilftohr find die Ohren.
Wo er mit dem Roß fih reget, ..
Dort find Städte gleich erfianden ;
Wo er in die Runde reitet,
Dort erheben fh die Hügel; - E
Wo er mit dem Noffe tanzet, ’
Heben tanzend fi) Gebirge - 1:
äsR
70
423
110
120
130
140
Siebrehnter Gefang.
Und empor währt eine Höhe.
Fahrend auf der Finnenbrüäde
Raſſelt hin er Thalerwege.
Harriens Fliefendiele ſchüttert
Und der Grund von Wierland zittert.
Unten flanımt fein Roß ein Dfen
Und der Hengft gleicht einem, Sterne,
Selbſt gleicht oben er der Sonne,
Chön geſchmückt im Zwielichtsfleide,.
Auf dem Haupt ein bunter Goldhelm,
Drüber fonneubunte Bänder,
Silberglängend iſt fein Gürtel,
Gold’ne Sporen trägt die Ferſe.
Wo er acht, ba glänzt der Himmel.
Wo er wallt, da wanft der Himmel.
Ale Sümpfe fhmüden blau fich
Und die Wiefen fteh’n in Blüthen.
Nachtigall ſchlägt aus dem Flieder,
Kukkuk halt im Zannenwalde, _
Droffel aus des Waldes Dunkel,
Singevögel von den Erlen,
Wierlands Bräute fanden fchauend,
Serwend Bräute augenblinzelnd,
Läfänes Bräutchen Thränen floffen,
Aber Harriens Liebchen feufzten :
„Wäre diefer Mann doch unfer |
Würd’ der Theure und zum Gatten,
Wär’ der Freier und doch eigen !:
Zaften wohten wir den Sommer,
Ein Jahr ohne Biſſen bleiben,
Einen Winter ohne Körnchen ;
Wollten ihn mit fettem Zleifche,
Ihn mit Eierfpeife pflegen —
Und ihm Butterbrötchen bieten.
gießen ihn auf Kiffen fchlafen-
Und in feid’nen Betten ſchlummern,
Und auf weichem Sanmet ruhen«.
Doch der theure Sohn des Kalew
Siebzehnter GBefang.
Fuhr dahin auf Kriegespfaden,
Ließ im Boden feine Spuren,
Auf den Felſen Hnfeszeichen.
Wenn Vernunft der Boden hätte
Und die Steine eine Zunge, .
Wenn der Fliesbruch reden fännte,
Kelfenwände Worte finden —
Würde manches Derterzebent,
Zaufend Zungen Zeugniß geben,
Wimmelhaft und Kunde ftreuen,
Sagen zabllos zu und wehen —
Bon des Kalemiden Fahrten,
Seinem Gang auf Kriegespfaden.*
Auf den weiten Flnren Wieland °
Standen ſchon geſchaart Die Strieger,
Bluibegierige Gefellen,
Einem Bienenſchwarm vergleichbar,
Einem Ameishaufen ähnlich‘
Bei der Sonne hellem Scheine.
Dod der Feind auf andern Wegen
War gegangen um zu fengen,
Und die Dörfer auszuplündern
Und zu pein’gen die Gefinde,
Hab’ und Gut dem VolP zu rauben
Und die Männer zn ermorden.
“Doc der Sulewide eilte
Und der Alewide nabte,
Biel dem Feinde in die Klanfe
Und die Spiße bot ihm Olew.
Und der ftarfe Kalewide —
Auf dem Roffe hoch im Sattel —
Sprengte in des Kampfes Mitte
An das dichtefte Getümmel.
Ließ fein Kampfroß mächtig fpringen,
Ließ den Braunen weitansgreifen,
Stürzen anf der Feinde Naden.
Und fein Schwert in dem Gemetzel
Spielte moͤrderiſche Weiſen,
160
160
170
180
424
425
1%
210
Siebzehnter Befang.
Und das Eifen Flammen ſpruͤhend
Schyleudert Tod rings und Derdesben, ..,
Mitten in dem Kawpfplaß Freiland
Schlug er Mannteshäupter wieder
Wie im Erlhain fal’nde Blätter. :
Und verwelftes Laub im Birkhain.
Abgehau'ne Glieder flogen,
Scenfelbeine hundertweife, ,
Armgebeine fuderweife,
Wirbelbeine taufendweife,
Rippenknochen zeben taufewd ! ., .
Reihenweiſe Ingen Leichen,
Haufenweife die Erichlag’nen,
Und zu Bergeshoͤhe wuchſen —
Auf dem Moor die Leichenmaſſen;
Zehen tanfend von den Feinden
Lagen Falt in Aſſamalla.
Und des SKalewiden Etreitroß.
Schwamm in einem Bad) von Blute,
Bis zum Bauch' in den Geheinen.
Abgehau'ne Arme, lagen
Rings am Boden wie Die Meifer,
Finger lagen von den Feinden Ä
So wie Schilfrohr in dem Sumpfe,
So wie Halme auf den Felde.*
Bon den Feinden wäre, nimmer,
Rebend einer je entfommen, , ,
Nicht entfloben and dem Drangfal, -
Wenn nicht ſchwere Ungluͤcksbande
Seflelten den Kalewiden,
Auf dem Tod'sweg Wehren ftellten.
Denn ald vorwärts Bin es fprengie
Zeurig ungeftümen Laufes
Und die Zliehenden verfolgend,
Die zu Rettungsftätten eilten, ,
Holt’ mit ftarker Hand zermalmen —
Und das Roß mir. Fühnem Sprunger
Ueber Berg und Hügel feßte —
| Siebzehnter Brfang.
Immer läng’ve Saͤtze geeifend — .
Stürzt’ e8 in der Berge Mitte. ...
Und in eiuen- flüf’gen. Synpfmeor : -:::
Fiel das Roß des Kalewiden;
Und der Leib zerſchellt am Hügel,
Huf und Beine tief im Sumpfe
Santen in den Schlamm verloren. .
Und der. figrfe Kalewide |
Seined Rofles Sturz verwinfchend, -
Hub im Mißmuth an zu fprechen: - —
"„Mögeft, mögef,.alio fluch' ih —
Mögeft du zu Moor vermodern
Und zu Koth und Sumpf verweien
Und zu feuchter Pfüge faulen, .
Did in Gallen-Sumpf verwandeln, ı
Werde Waſſer für die Krdten,
Werde Giftfraß für die Matten la* _
Und der flarfe Sohn des Kalew,
Als er nicht vermocht zu fangen
Der entfloh’nen Feinde Scyaaren,
Nief vom Kampfplag fort die Brüder,
Don dem Todespjad die Freunde:
„Laßt das Mordgefchäft, ihre Freunde, _
Laßt das Blutfeld, liebeu Brüder,
Legt die Glieder. nun zur Ruhe,
Stärfet eure müden Leiber«.
Naben hatten heerdenweiſe,
Waldes Wölfe baufenweife
Weit des Kampfes. Blut gerechen,
Und fie famen Theil zu nehmen ’
An des Zodes großer Beute,
"Und es theilten nun die Männer
Krieges Beute, Feindes Schätze,
Unter fid) den Ansbeil ordnend:
Größern Lohn gah man den Obern
Und das Kofbarfte den Aeliſten;
Gold das brachte man dem König,
Theilt das Eilber aus dem Höhen, . : ..
240
427
Siebzehnter Geſang.
Kupfergeld gab man den Knechten,
Pfennige den Ferſenbuben.
Und der ſtarke Sohn: des Kalew
Setzte feine Worte alſo,
Wie der Rabe hatt’ verfündet,
Kundgethan der kluge Vogel:
„Nehmet, Freunde, werthe Brüder,
Bon des heurgen Zages Kämpfen, :
Bon der Schwerter blungem Streite,
Nehmt ein Borbild für die- Zukunft.
Männer follen fo wie Mauern, -
Wie die Eifenwände ftehen,
Wie aus Stafl gemachte Thürme
Zupfer in dem Giegeslampfe ;
Eichenfeſt fei ihre Stärke,
Felſenfeſt fei ihre Haltung,
Eine Veſte gegen Keinde.
Wenn die Art dann drobend nahet
Und der Zeind zu fangen ausgeht,
Dann ift nichts von Krieg zu fürchten,
Nicht vos Fremder Sieg zu bangen,
Bon Berfolgungen der Schlimmften. -
Eine Brant fei unfer Heimland, |
Eine Erbin ew’ger Freiheit !
Koͤnig werde ſtets der Staͤrkſte
Und der Tapferſte ſei Herrſcher.
Höchſte Macht, ſie bleibe Einem,
Sei das Reich in Eines Händen;
Denn wo viele Sinne ſorgen
Wächſt der Hader aus dem Winden, *
Sept befahl er Kriegeömännern
Auserlesnen aus den Heere,
Nach der Heimath bin zu eilen,
Siegesbotfchaft hin zu bringen
Und den Dörfern es zu fünden. — '::
Selber fchritt ee mit den Freunden,
Mit den theuren Bundesbrüdern
Ueber weitgedehnte Flaͤchen,
Stiebzehnter Geſang.
Ueber große Möosmoräfte. — -
Bei der Sonne :Niedergange
Kamen die gewaltgen Männer
An des weiten Urwalds Grenzen,
Bo vorher man nie gewandelt,
Bo fein Steg nöd) vorgezeiänet.: 300
Und der flarfe Kalewide “
Drängt voran den Weg zu bahnen
Und den andern Gang zn geben.
Wo zu vieren fle gefchritten
Durch des tiefen Urwalds Didicht,
Dort entftand die breitfte Straße
Und ein Hohlweg ward gefchaffen.
Als fle weiter nun gedrungen, -
Hub ſich eine Raudresfänle,
Die wie Rödungsdampf der Dörfer, 310
Weilerrauch im fernen Walde
Hod zum Himmel fih emporhob.
Als fie fchreitend näher famen, -
Quollen Zeuerfunfen aufwärts
Flammenwiederſchein in Wipfeln,
Zannenfronen fehienen golden
Und geröthet alle Foͤhren.
Und die flarfen Männer wandten
Ihren Schritt vom Rauch geleitet,
Ihren Gang durch Fenerzeichen, 320
Bis in einer Grubenhoͤhle
Eines Wolfes Neft He fanden.
Nicht darinnen Tagen unge,
Nidyt der grauen Mutter Welpen. -
Doch wer ſaß am Höhleneingang,
Hütete das Haus des Grauen? Ä
Eine Alte, runzelwangig,
Saß als Hüterin der Höhle,
Feuer unterm Seflel ſchürend
Und den Schaum von oben fchlemmend, 330
Mit dem Schlef mitunter koſtend, fd
Ob auch ſchmackhaft fei die Suppei
370
Slebzehnter Oeſang
Und des Alewiden Liebling
Sucht gleich Auskunft zu erhalten
Und befragt die greiſe Köchin:
„Bold’ne ! fag’, was kocht im Keſſel?
Sag’ was brodelt in dem Hafen? -
Hebt fo koͤſtlich fig im Topfe ?"
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or.
⸗2*
Und die Alte gab zur Antwort, u
Sang ihm freundlich ſolcherweiſe:
„Für bedürftige Magen koch' ich
Nur ein mag’res Guppenträukhen,
Koche Kohl nnd fiede Köpfe .
Und erweich’ fie für die Söhne,
Baͤhe fie zur eignen Speife."
Und der Sohn des Sulew fügte:
„Wirf dazu des Gaſtes Antheil,
Füge unfern Theil Dazu noch,
Zufhuß in den Suppenkeſſel.
Wir find weit durch's Land gegangen, |
Thaten heute fchmere Arbeit,
Fühlen in dem leeren Magen
Hungerzahnes böfes Nagen.
Leg’ dich, Mütterhen, zur Ruhe,
Sclafe dort in dem Gebüſche,
Und wir werden nach der Reihe
Deinen Keſſel Schon. behüten
Und die Flamme forgfam ſchuͤren,
Daß fie unterm Kefjel lohe;
Wollen trod’ne Reiſer fefen .
Und Dir Zannenzweige holen.“ |
Gleich verftand die alte Sreifin .
Schlau erwieberud gab fie Antwort ;
„Wenn ich Euren Wunfch gewähre
Und den Willen Euch, erfüle,
Möge mir nicht Schuld ermwachfen,
Keine fpätere Verleumdung ;
Schuld ‚allein trägt nur der Biufher,
Unglimpf der Erlaubnißfrager.
Hört mi, meine gold'nen Säfte,
.
'
—
Siebzehnier Belang
Seid recht wachſam, mad're Mänwer k .'
Kim ein Fremdliag ungerufen, -
Ungebeten ber eiu nähen,
Unverhofft des Weges. gebend
Und er wollt die Suppe koſten,
Naſſes aus dam. Keffel naſchen: ,-
Wachen Auges, lieben Männer, -
Seht euch vor, daß nicht der. Fremde
Euch den ganzen Keſſel Ieeret ,-
Und des Hafens Boden trocknet.
Denn ihr müßtet, ‚Heben. Kinder, -
Dann ſchon Hungers Bein ‚ertragen !“
Drei von den Gewallgen waren
Gleich bereit zu dem Geſchäfte,
Nach der Reih’ den. Topf zu hüten,
Wachen Auges zu bewahren.
Doch der theure Sohn des Salem,
Schlauer als die Bundesbrüder —
Gab dazı nicht Wortgelöbniß,
Band fich nicht Durch ein Verſprechen.
Und die Alte, runzelwangig,
Kroch nun ſchnell in das Gebüſche
In das Neft des Wolfe zum Schlummer.
Und der ftarfe Sohn des Kalew
Zegte hin fih an das Feuer,
Müde Glieder auszuftreden,
Rückenſehnen auszudehnen.
Sulews Sohn, der Blutsverwandte,
Legt? ſich nieder auf die Seite, _
Um in Bufches Schuß zu fehlafen..
Diemd Sohn, der Häͤuſerbauer,
Hoher Thürme Wudöhefördrer, :
Streckt' gerad fid) auf: den Boden,:
Um fein Hüftgebein zu biegen.
Doc des Alewiden Liebling, -
Der die Wache übernommen, - :
Sept” ſich munter um das Fensr,
Hielt die Augenlider offen,
43t Siebzehnier Gefang.
Facht bald am die helle Flamme,
410 Schürt die Brander bald zuſammen,
Sammelt reichlich trockne Reiſer
Zufhuß für die Feuerflammen.
Und nach einer furzen Belle
Ward dreidräthig ſchoͤn gefponnen
Schlummergarn im Erlenbaine,
Und die Alte, runzelwangig,
Spann dazu den vierten Faden,
Gab dem Garne Die Ergänzung.
Ganz allein der Alewide \
40 Saß am Fenerherde munter
Wachen Auges da ale Wächter,
Fachte an die Zenerflamme,
Blies fie, daß fie heller brenne.
Da, aus tiefen Rafengrunde
Stieg hervor, von Furcht befangen,
Mit geheimnißvollen Schritten
Einer aus dem Zwerggefchlechte ;
Mochte drei der Spannen meffen,
Trug am Hals ein gold’nes Glöckchen,
430 Kleine Hörner Binter'm Ohre,
Unterm Kinn ein Ziegenbaͤrichen.
Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes
Trippelt in des Feuers Nähe,
Drdnet feine Worte zierlich,
Redete mit glatter Zunge:
„Willſt du, Lieber, mir erlanben
Bon dem SuppensRaß zu ſchmecken,
Vom gekochten Kohl zu Koften ?*
Alews Sohn verftand die Frage
440 Und entgegnet fpöttifch alſo:
„Hüte dich nur, Sammerfliege,
Hier im Löffel zu ertrinfen !
Deinen Wunſch will ich gewährten
Bon der Suppe mapft du often.” : .
Und der Sohn: des Zwerggeſchlechtes;
Der’s verfianden, gab zur Antwort: - 2
Giebeänier Gefang.
„Möcht am Hafennand nur fhlinfen .
Dhne Löffel. Hnhnedanthel,
Wenn ich die Erlaubniß hätte.“ .
Und nun hüpft er leichten Schwunges
Bligfchnell auf den Rand. des Keſſels
Um zu leden:von ber Suppe. .
Doch wie redte fich Der. Unhold,
Zing das Zwerglein an zu jchwellen !
Hob fi. bis zur Zannenhöhe,
Schwoll bis in der Wolfen Nähe,
Stredt fi) bis zu ſiebzig Klafter,
Ein’ge Spannen noch darüber, :.
Dann verfchwand..er wie der Nebel,
Wenn die. Sonne heil füch hebet,
Ward zum biauen Rauch verwandelt...
Und ded Newiden Liebling
Schaut hinein in feinen Keflel:
Aber der war: audgefeget ..
Nein geleert wie mit dem Befen.
Und des Mewiden Riebling
Trug nun Waſſer in den Keſſel,
Füllt' mit friſchem Kohl den Hafen, '
Bönnt die Fopperei den Audern,.
Und er wedt den Olewiden
Um den Keſſel zu bewaden, .
Ging dann felber unter'm Strauche
Seine Glieder auszuftreden.
Da nach einer Heinen. Weile
Ward dreidräthig ſchoͤn geſpounen
Schlummergarn im Erlenhaine,
Und die Alte, runzgelwangig, - ;
Spann dazu den vierten Faden,
Gab dem Garne die Ergänzung. -
Ganz allein der. Diewide:
Saß am Feuerherde munter,
Wachen Auges da als Wächter,
Fachte an Die Zeuerflamme, -:
Blies fie, daß fie heller brenme .
470
510
520
Da aus Hefem Nafengeunde: . -
Stieg hervor, von Furcht befangen,
Mit geheimnißvollen Schritten ' ° |
Einer aus dem Bwerggeichiechte, J
Mochte drei der Spaunen meſſen,
Trug am Hals ein gold'nes Giockchen,
Kleine Hörner. hinter'm Ohre |
Unterm Kian. ein Ziegenbärtchen. |
Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes
Zrippelt in des Feuers Nähe,
Drdnet feine, Worte zierlich,
Redete mit glatter: Junge:
„Willſt du, Lieber, mie erlauben
Don dem Suppen-Nag zu ſchmecken,
Dom gekochten Kohl zu. toften ?«
Olew's Sohn .verftand die. Bitte
Und entgegnete ihm ſpöttiſch:
„Baugt dir nicht den Hals zu brechen
Ueber'm LXöffelrand, du Mide,
In den Abgrund zu verfinfen!. .:
Dann fei die der Wunſtch gewähret, -
Magft du von dem. Säppihen Loften.”.
Und der. Sohn des Zwenggelchlechtes,
Der’s verftanden, gab. zur Antwort: ı
„Möcht' am Hafenrand nar fehlürfen
Dhne Löffel Haͤhnchens Antheil,;- °
Wenn ich die Erlaubniß hätte,“ 2
Und nun. bäpft. er leichten Schwunges
Blipfchnell auf den Rand des Kefiels J
Um zu lecken von der Suppe.
Doch wie reckte ſich der Unhold, —
Fing das Zwergtein an zu ſchwellen
Hob ſich bis zur Tannenhoͤhe
Schwoll bis in der Wollen Näbe, :
Stredt fi bie zu ſtebzig Kinfter,
Ein’ge Spanner. .noch-daräber,
Danı verfehwand er wie dev Mebel, -
Wenn die Sonne Keil ih hehe, .-
‚tbzehnter -Befang.
Bard zu blauem: Rau verwandelt,
Olews Sohn, der —
Schaut hinein in: feinen Keffet,
Doc) der war wie audgefeget,
Rein geleeret wie mit Befen.
Diem Sohn der Banverftänd’ge
Trug nun Wafler in den Keflel, -
Füllt mit friſchem Kohl den Hafen,
Goͤnnt die Fopperei den Andern ;
Weckte dann den Sulewiden
Um den Keffel zu beichägen,
Ging drauf: felber ins Gebuͤſche
Hin die müden Glieder ſtreckend.
Da nad einer Heinen Weile
Ward dreidräthig fchön gefponnen
Schlummergarn im Erlenhaine,
Und die Alte, runzelmangig,
Spann dazu den vierten Baden,
Gab dem Garne die Ergänzung.
Ganz allein der Sulewide
Saß am Feuerherde mnnier, :
Wachen Auges da als Wächter,
Fachte an die Keuerflamme
Blies fie, daß fie heller brenne.
Da aus tiefem Rafengrunde
Stieg hervor, von Furcht befangen,
Mit geheimnigvollen Schritten ' |
Einer von dem Zwerggeſchlechte;
Mochte drei der Spannen meflen,
Trug am Hals ein goldnes Gloͤckchen,
Kleine Hörner hinterm Ohre ie
Unterm Kinn ein Ziegenbärthen. : °-
Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes
Trippelt in des Feuers Raͤhe,
Ordnet feine Worte zierlih, Da
Nedete mit glatter Zunge:
„Willſt du, Lieber, mir erlauben
Bon dem Suppen⸗Naß zn fchmeden, -
540
435
570
Eithaheler Gelene.
Dom gekochten Kohl zu Then?“
Sulews Sohn verfiaud die Bitte,
Und entgegnete Ibm fpöttifch :
„Wenn du, Knirps, nur nicht im Löffel,
Nicht im Suppenmeer ertrinfeft!
Deinen Wunſch wil ih gewähren, . _
Don dem Süppehen wagft du foften.“
Und der Sohn des Amwerggeichledhtes,
Der’s verfianden, geb zur Antwort:
„Nur vom Keſſelrande ſchlürfen,
Ohne Löffel Katzenantheil, Ä
Moͤcht' ich, wenn: es mir erlaubt wär! ta
Und nnn. häpft er leichten Schwunges
Blitzſchnell au den Rand des Keſſels
Um zu lecken von der Suppe.
Doch wie reckte ſich der Unhold,
Fing das Zwerglein an zu ſchwellen!
Hob ſich bis zur Tannenhoͤhe,
Schwoll bis in der Wolfen Naͤhe,
Streckt ſich bis zum fiebzig Klafter
Ein'ge Spannen noch darüber.
Dann verſchwand er wie der Nebel,
Wenn die Sonne hell fich hebet .
Ward zu blauem Rauch verwandelt,
Und der wack're Sulewide
Schaut verwundert in den Hafen,
Doch der Hafen war gefeeret,
Ausgefegt wie mit dem Beſen.
Sulews Sohn, der Bundesbruder,
Trug nun Wafler in den Keſſel,
Füllt mit friſchem Kohl den Hafen,
Goͤnnt die Fopperei den Anderen,
Weckte dann den. Kalewiden,
Um den Keſſel zu ‚befehügen,
Ging dann felber im Gebüfche
Seine Glieder auszudehnen.
Und nad eineg Heinen Weile
Bard dreidräthig. abgefpennen..
Sieb gehnter Gefnugz.
Schlummergarn im Erlenhaine,,
Und die Alte, rungelwangig,., . .. : )
Spann dazu den vierten Faden, .
Gab dem Game bie Ergänzung. u
Einſam faß der, Aafewide . -» . , .
Munter an ‚dent Benerherde, . . a ge
Offen Auges hielt er :Wade;... ı =...
Und er brach :die Fichten. nieder, ——
Wurzelte die Eichen nieder
Riß die Tannenbaͤume nieder,
Steckt' fie alle dann ins Feuer, *
Blies es dann zu heilſter Lohe.
Da, aus tiefem Raſengrunde
Stieg hervor, von Furcht befangen,
Mit geheimnißvollen Schritten
Einer von dem: Zwerggeſchlechte,
Mochte drei der Spannen. meffen,
Trug am Hals ein geldnes Gloͤcchen,
Kleine Hörner hinterm Ohre,
Unterm Kinn ein Ziegenbärtken. .
Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes
Trippelt in des Feuers Nähe,
Ordnet ſeine Worte zierlich,
Redete mit glatter Junge:
„Willſt Du, Lieber, mir erlauben,
Don dem Suppen⸗Naß zu fchmeden, '
Dom gefockten Kohl zu often 9«
Doch der ſtarke Eohn des Kalew
Bahr’ es gleich, und gab zur Antwort:
„Sprid, was kannſt du erft, mein Männlein ,
Niederlegen mir zum Pfande,
Als Geſchenk mir angeloben,
Wenn ich di nach deinem Wunſche
Bon dem Säppdhen’ toten laffe?
Gieb als Pfand das Kinderfpielzeng.
Goldnes Giockchen von dem Halſe;
Sonſt erwachen unfie Maͤner
Aus dem Schlafe fährt die Alte,
31
670
Slebzehnter Befong.
Ehr die Suppe auf deu. Tiſch Tommi,
Ehr der Kohl fommt in die Schüflel.”
Doc) es ſprach der Sohn des’ Ziwerges
Honigzungig alfo ſchmeichelnd:
„Theurer Sohn des fiarken Mannes,
Zordre doch nicht von dem Schwachen
Goldnes Gloͤckchen ifm von Halfe!
Bor dem Frühroth kam von Haus ich,
Heimlich band mir meine Mutter, .
Ohm’ daß es der Vater mußte
Der es die Brüder faben,
Goldnes Glödchen um den Hals mir.
Wenn auf fremder Flur der Kleine,
Sid das Kind inı Buſch verirrte:
Würd' das Gloͤckchen ed verfünden -
Und dem Sucher Auskunft geben, °
Und den Forſchenden ein Zeichen.“
Doch der theure Kalewide
Gab zur Antwort ſchlau dagegen:
„Nur fo lange «18 du koſteſt, ke
TRänntein, von der Suppenbrihe —
Sieb zum Pfande wir das Glöckchen,
Daß, wenn du den Leib gefüllet,
Ohne Dank den Weg nicht gingeft;
Wieder geb’ ih dir die Glocke,
Bind fie felber um den Hals dir,
Wie die Mutter did beim Scheiden
Mit der Glocke zärttih fhmüdte“ : '.
Und der Sohn des Zwerggeſchlechtes
Band vom Halfe fich. das Gloͤckchen, :
Gab dahin das felme Aleinod
Als ein Pfand dem Kalewiden. |
Als der Harfe Sohn des Kalew
Kaum das Glötckchen hat befommuen,
Reckt er etwas feinen Finger:
Schnipfend an des Kleinen Köpfchen, :
Klipp und Mapy ihm an die ‚Stiche, . F
Da mit krachendem Gepolter, ve.
Slrbgehntert Geſang.
Gleich als käͤm der Donneralte,
Als ob Akde ſelber draͤute, —
Sank hinab dus AZuwerggebide -
Donnernd in der Erden Tiefe,
So daß weder Pfad noch Zeichen
Seine Spuren deuten konnten.
Blauer Rauch nur hob empor ih,
Wo der Kleine war verfchmuntden.
Und die ftarfen Männer alle
Fuhren auf am Keuerrande,
Aus den Schlaf erwacht die Alte,
Um den Vorfall zu belugen ;
Und fie famen zu erfunden,
Was hier Eeltfames gefchehen?
Und die Alte näher jchauend,
Hat vorftanden gleich das Mätbfel
Und was Seltiames geſchehen.
Wohl erfannte fie das Gloͤckchen,
Des Gehörnten Zauberwerkzeug,
Das die Mannestraft vermehret,
Wachſen macht die Mannesitärte.
Und die Alte, runzelwangig,
Ließ im Liede alſo tönend
Ihre Worte luſtig wallen:
Bar ich früher nicht die junge?
Hob ich ſchwingend nicht die Ferſe,
Meine Ferſe in die Höhe?
Hundertmal fuhr ich zur Hochzeit,
Zanfendmal ging ich zum Tanze!
Stark zum Springen war mein Fuß wohl, |
Drehte mic, amf leichter Sohle,
Ale Jünglingsaugen brannten
Auf die Rothe meiner Wangen,
Schouten auf die fohwarzen Augen,
Auf die blanen Seidenſchleifen
Und auf meine rothen Bänder.
Kalews Sohn bot feine Hand mir,
Sulew wollt’ den Mund mir küſſen; H
31*
4238
700
710
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Siebgehmer Oeſang.
Zluchtig ſchlug des Kaens Sohn ich,
Tüchtig ſchlug des Sulews Sohn ich!
Brach ich Damals meinen Hals nicht, u
Reckte mir nicht aus die Arme
Und verenft mir uicht das Häftbein,
Und verftaudt mir nicht die Ferſe:
Dann zerbriht wohl nit das Eichen,
Nicht verdreht den Hals das Hühnchen,
Scwingt es heute fih im Sprnnge,-?
Alfo heile Lieder Elingend
Sprang die Alte, rımzelmangig,
Bon der Höh zur Schlucht bimunter,
Dorthin wo im blauen Rauche
Bar der Däumliug erſt verfhwunden,
Bo der Zwerg hinab gefunfen.
Und der ſtarken Mäuner Söhne
Lachten alle vier, buwundernd
Solchen Zanz der alten Mutter.
Und beim Mahle ward erzählet,
Wie es allen war exgangen,
Als fie nach der Reihe wachten;
Wie das kleine Zwerggeſchoͤpfe
Ausgeleert Ben großen Keſſel;
Wie fich der Gefelle redte,
Pie das Stnäblein dann gefchwollen,
Spottend bis zur Wollen Nähe.
Und es fprady der Sohn des Kalew:
„Legt euch, Brüder, vor dem Morgen
Eine Weile noch zur Ruhe,
Um den Körper euch: zu ſtärken.
Wenn den Rüden ic) geredt mir,
Sculterfnochen mir gedehnet,
Waͤhl' vielleicht xb andre Pfade
Und befchließe weifre Wege,
Slüdesbahnen für den Morgen, .
„Gehet ihr auf eurem Wege, . : ::
Wallet, Brüder,. nach der. vn.
Eure Frauen liebzukoſen
Siebzehnter Befang.
Und zu fiherzen mit: den Kindern.“ “
Darauf firedten fi die Männer .'
An dem Feuerfchein zur Nube, BE
Brodesfegen den Gebeinen. Az
* Sieh da famen — —
Kamen Fremde, fie zu ſchauen,
Murueides junge Töchter, |
Springend auf dem leichten Thaue,.. . . -:
Kamen in das Gras zu fpielen. —
„Schweſtern, hoͤret mich, ihr Holden, 700
Laßt uns luſtig gehn zur Schaufel - z
Auf der Gräfer zarten Palmen,
Auf der Stauden fhwanfen Stengel, :,
In der Slodenblumen Kelchen! -
Denn ſchon fangen Abendhähne
Und ſchon fönten Zwielichts Heunen
Bon Altvaterd Blumenwiefen,. |
Bon dem Zweig von Taaras Eiche,
„Sieh, was fchlummert hier im Rofeu!-
Auf dem Raſen ruhn' vier Männer. 770
„Schmückt, o Holden, diefe Brüder,
Mit der Sonne Roth die Knaben,
Macht den Männern Nebelmügen,
Nödlein aus des Thanes Fäden.
„Schwefterleun, o Hört, ihr Holden,
Laßt und gebn den Schlummer mweben, -
Zraumgefichte ihnen zeigen,
Bilder weben vor dem Frühroth.
Laßt mit Freudenſchleiern ſchmücken
Uns das Haupt des Kalewiden! 780
Webt ein Stüdchen von der Wahrheit,
Zwifchen Diefe Luͤgenzeichen,
Zrugeszeicden in die. Maſchen;
Laßt dem Mamn in feinem Schlummer
Nun des Glückes Zeit exblühen,
Goldnen Kuffufs Ruf ihn hören
Und des Silbervogeld Stimmen:
441
7%
810
Stebgehnter Veſeang.
„Ruft ver: Kukkuk Tranerkunde,
Singt das Vögelchen Betrübniß;
Bleib im Tannenhain Betrübniß,
Trauer all im Erlenbeine. .
Theurer Sohn des ftarfen Mannes!
Wenn du wirft anf deinem Gange
Fahren hin auf Zodeöpfaben,
Schmüde dann dein Roß mit Perlen, -
Deinen Reitergaul mit Münzen,
Zäum das Roß mit goldner Halfter,
Schmüde «d mit Silberfohnallen,
Putze ed mit ſeidnen Bändern,
Geidenband um Roſſes Augen,
Silber an des Roſſes Hufen;
Bind’ die Mähne reich mit Bandern,
Flechte Thaler im die Zöpfe,
Bind den Schweif mit Sammnietbändern.
„Stalewide, wackrer Knabe!
Willſt du gehen Himmelpfade,
Bleib nicht bei den Sternen fteden,
Straudle auch nicht an dem Monde,
Und berühre nicht die Sonne.
Laß die Eonne doch nur feinen,
Rab den Moud doch immer leuchten,
Sterne laß deu Weg une weilen.
„Kalewide, theurer Knabe!
Willſt du gehen Hoͤllenpfade,
Nicht vernicht der Hoͤlle Thore,
Nicht erſchüttre Höllenthüren.
Laſſe ſtehn der Hölle Winde,
Laß die Thürme imvernihtet,
Und die Pforten unzertrümmert,
Lab die Wände nur am Pliatze.
„Gehſt du hin zu Striegesfährten,
Willſt zu Rampfen hin du wallen,
Laß die Schwachen unerſchlagen,
Lafle unberührt die Knaben, .:
Ungefüllt der Kinder Väter,
Siebzehnter Befang.
Fülle Wittwen nicht mit Trauer,
Mägdlein Augen nicht mit Thränen,
Waifenfinder nicht mit Schmerzen.“
Aus dem Erihain fang der Vogel,
Aus dem Zannhain rief der Kukkuk,
Haljas Tochter aus den Espen
Und es girrt des Frũhroths He |,
Murueides junge Töchter
Endeten ihr Zuftgelage,
Sprangen nieder von den Halmen,
Bon des Ziegenbartes Stengeln,.
Bon des Kranichskeſſels Kelchen,
Eilten bange bin zur Heimath.
Murueides Stimme tönte .
Und die Böoſe hört man rufen: :
„Kommt ihr Mägdelein, ihr Schlasden,
Komnit, die Arbeit zu verrichten,
Schöne blaue Seide binden
Und die rothen. Bander fledbten; .
Denn ſchon fangen Schöpfers Hähne,
Sangen vor der Thür von Üfle,
Bor dem Thore von ‚Altyater.«
Scwefterlein, ihr zarten Holden,
Laßt uns eilig gebn nah Haufe!
Unfer Glücksjahr it zu Ende : -:
Und das Luftgelag gefchloffen.“ *
442
10
Adtzehuter Geſeng.
N. dens Adler, grimmer Vogel,
Leih’ dem Sänger deinen Fittich!
Schwingen gieb dem: Wortefüger
Um tie Harfe zu beflügeln!
Daß ich mit des Windes Wehen,
Wie mit wilden Sturmes Raſen
Kalews Fahrt zum Schattenreiche,
Sein Befchreiten öder Pfade
„Nah der Wahrheit kann berichten,
Ehe meines Sinnes Bilder
Und die nadhgebornen Sagen
Sich in Nebelwolten löfen,
An des Schattens Schooß zerfallen!
Wanemuine, Sangesweiſer,
Spende mir von deinem Goldgarn,
Deinen Silberdraͤht'gen Fäden
Für die Knäule des Berfünders,
Auf die Spuhle des Erzählers,
Daß ich fpielend meine Worte
Dann zu glatter Seide fchürze
Und zu buntem Goldftoff webe!
Endlas Tochter, fchlaufgebaute,
Leibe heut? dein Ne dem Schwane,
Das Bergangne heil zu fchauen !
Gieb mir deinen Zanberfchleier ,
Daß der Schattenwelt Erinn’rung -
Schöner ftetö ſich offenbare
Und lebendiger erwache!
Achtzehnter Grſang.
Dunkles Nachtgewöll unſaͤumet
Lichte Flur mit Nebelſchleiern,
Wenn den Fuß zur Unterwelt Du.
Auf der Höfe Grenzen ſetzeſt.
Dort am Tag” ſcheint feine Sonne,
Nicht erhellt der Mond die Naͤchte,
Grüßend fommen nicht die Sterne,
Leuchtend feine Nordfcheingeifter. '
"An des Morgenrothes Grenzen -
Säumte firablend fchon Die Sonne
Wolkenwangen, hoch fie röthend.
Voͤgelzungen aus dem Haine
Eilten ſchon mit ihren Zrifern
Zuftigen Gefang zu zwitfchern.
Kukkuk rief tm Tannenhatne,
Brütevögel aus Gebuͤſchen:
„Brüderchen, erwach', erwache!«
Und der theure Sohn des Stufen -
Hob fein Haupt beim Sonnenaufgang,
Nichtete den Leib dann aufrecht
Und dann ſprang er auf Die Ferfen,
Kämmt dad Haar fih mit den Fingern,
Schleuderte den Schlaf zum Walde,
Und dann fchöpft er volle Kellen
Bogeltäufhung aus dem Keffel
Für den flarfen Leib zur Stählung.
Doch die drei Gefährten fihliefen
Alle noch den Morgenſchlummer,
Und fie dehnten noch die Glieder
Nach der ſchweren Abendwarhe.
Und der Stalewide ſchaute
Und betrachtet? das Geſcheh'ne,
Da der fleine Glockentraͤger
Nachts zur Tiefe war gefunfen:
Dort wo geftern blanem Ranch gleich
Wolfen von dem ‘Zwerg fih hoben
Und hinauf zum Hinmel fliegen,
Dort erblidt er blaues Waſſer,
445
70
100
Achtzehnter Neſang
Weitgedehme Wogenflaͤche
Auf der Ebne ausgebreitet,
Sah dort Binſen an dem Ufer, -
Woͤhands Schwert am Waflerrande.
Kalews Sohn hub an zu fprechen:-
„Unverhofft And? ich die Stelle, _
Treffe auf der. Hölle Grenzen,
Wo den Pfad gefauns der Weiſe
Und zur Unterwelt. gewiefen.“
Mit dem rechten Zuße ftampft ex
Mit der ſchweren Zerfe drößnend;
Und nun fand der Tiefe Thüre,
Die geheim bewachte Pforte V
Weit aufklaffend vor ihm offen.
Und der ſtarke Sohn des Kalew
Spähte von dem Rand der Spalte
In die tiefe Kluft der Höhle:
Dbwohl irgendwo ihm Drinnen
Gangbar ſich ein Fußſteg zeigte.
Schwarze Wolken aber hüllten
Dicht mit Rauch des Spähers Blicke
Und der Schlund erſchien entjeglidh.
Heißer Danıpf entiteigt dem Boden,
Rauch und Ruß dem Mann ind Ange, -
Der gebüdten Rüdens fchreitet,
AltensZungens Kampfpfad wandelt.
Und der ftarfe Sohn des Kalew,
Rauch ven feinen Augen blaſend
Hub in Mißmuth an zu fprechen:
„Pfui doch, pfui Doch, Rußgeborner,
Willſt Du denn, Du Wegelag’rer,
Mir mit Rauch die Augen blenden ?“
Da, herab vom Tannenwipfel,
Gab ihm Eugen Rath der Rabe:
„Rab das Glockchen gleich erklingen,
Laß’ Die goldne Zunge tönen.”
Und der ftarfe Sohn des Kalew . .
Achter? auf des Raben Worte,
antzebater Otſeng⸗
That des klugen Vogels Willen.
Nahm zur Hand das kleine Glöckchen
Und begann damit zu klingeln. —
Nun begab ſich Wunderliche,,
War Erſtaunliches zu ſchauen: N
Bon des goldnen Glöckleins Toͤnen ..:: 110
Fortgetrieben eilten Nüchtend - .
Alle dicken Rauches Wolfen; —
Schneller als wie dichter Nebel, er =
Wenn die Sonne. hell hervortritt,
Auf die Flut herab ſich fenket
Schmolz der Rauch des grimmen Sarwil.
Und der. ftnrke Sohn des Aalew -
Schickt ſich an nun vorzufchreiten
Und den fchweren Pfad zu wandeln.
Und der Raum war fchuell verſchwunden 120
Bor des großen Mannes Schritten,
Eine. Zeitlang ſchimmert belle
Dämmernd Licht vom Sonuenfdheine
An den tiefen Schlund der Höhle,
Weiter hüllte Sades Dunkel
Und umgarnten Finſterniſſe
Ganz den Gung des Salewiden,
Daß er mit den Händen taflend
Nun der Zinger Leitung folgte!
Ob der Morgenrötbe Schimmer _ 130
Hier am Mittag erft beginne, = |
Dder ew’ger Nächte Dunfel
Zange Tage bier beharte:
Unbelannt blieb es den Geber,
Nirgends fand das Auge Zeugniß.
Da ertönte eine Stimme
Und im Dunkel ſprach ein Mäushen:- .
„Rap dein Gloͤckchen gleish erklingen, ER
Laß die goldne Zunge ſchallen.“ gs
Und der ftarfe Sohn Des ae © ... 140
Achter auf das Work des Mirshens, .
Nahm zur: Hand Das galdue Olddean .: -
MT.
160
170
Wätzehmter. Sifeng.-
Und begann damit zu Mingeln.
Nun begab fi Wunderliches
Bar Erftaunlihes zu ſchauen:
Denn dem Ton des goldnen Glöckcheus
Wichen alle FZinfterniffe i
Und des Dunkels nächt'ge Hüflen,
Wie der Schatten weite Dede
Bor des jungen Tages Leuten
Eiligſt in ein Nichts -verfchwinden ;
Alfo ſanken hier die Schatten.
Und der ſtarke Sohn des Kalew
Schickt fih an um vorzuſchreiten
Und den fhweren Pfad zu wandeln;
Und der Raum war ſchneil verſchmunden
Bor des großen Mannes: Schritten.
Aber anders war das Keuchten,
Nicht dem Sormenfheine glich es,
Noch des Mond's erſchaff'nem Lichte,
Das voll Trauer anf dem Erlhain,
Bleichgefärbt auf Birkenhaine
Sich in Fühler Nacht ergießet.
Aber hau die Wundemepe !
Diefe Fädchen einer Spinne,
Die geftellt hier auf dem Pfade -
Aus dem feinften Drath von-Goldbort
Und aus zarten Silberfaͤdchen
Hundertfältig fett geflochten,
Zaufendfältig find gewoben.: an
Und der flarfe Sohn dee Kalew
Riß die Straͤnge gleich in Stüde,
Schüttelt nieder ale, Netze,
Doch je kräftiger der Mann nun
Hat? zertiffen alle Stride, : - .-
Defto reichlichet erfchienen ,
Defto ftärfer wuchfen wieder
Zaufend andre Fadenwehre
Und zehntaufend neue Hammer;
Daß der Starke feinen Schütt mehr: :
Ungehindert fchreitem. lͤnnte.
Seine Kraft droht’ zu ermuden,
Schon erlahmte feine Staͤrke.
Und der theure Sohn des Kal.
Sprach bedenklich alfe bet ſich:“
„Mannhaft brach. ich monde Manern,
Hob empor wohl. Felſenhůüge
Und zerriß fonſt Eifenfelten,, : .;: _
Nun vermag ich Scherzes Bande, .. —
Nichtiges nicht zu vernichten.“
Sieh, da. quackte eine Krote
Gab ihm weisliche Erklärung: ° \ .
„Laß das Glöckchen glei erklingen,
Laß die goldne Zunge tönen !».
Und der flarfe Sohn des Kalew
4
Achter auf das Wort dee. Kroͤte
Nahın zur Hand das Fleine Glöckchen
Und begaan damit zu ſchellen.
Da geſchah wohl. Wunderliches
Bar Erftaunfiches zu fchnuen!- .. -
Bor des goldnen. Giͤdchens Klingen - -
Flohen alle Zaubetnee, .. :.;
Niffen alle Hexenſchnürchen
Waren Augeublicks verſchwunden. —
Und der ſtarke Sohn des Kalten " .
Schickt' fih an um vorzufchreiten
Und den ſchweren Pfad zu wandeln;
Und der Raum war. jchnell’verfihwunten .
Bor des großen Mannes Schritten. ı. °
Und der ſtarke Sohn de&.Kalem:. .
Kam zu eines Bades Ur. .:
Nicht war breit das Meine gictßchen,
War auch angenfcheinfich tief nicht, :
Breit vielleicht zwei Spanmen war e&ı 1. .
Und dazu noch einen Schritt.wohl. " ı.:7 ° ":
Furchtlos trat der Kalewide::.; :.
Bon dem Ufer grad himäber, : ::; .
en |
Fi
2
-
*
sl
Dachte mit gewaltigen Schritte :.:: .
180
210
Wertgehnter‘;Befang.
Wohl das Ufer zu etreichen. —
Doch um einen Schritt nur fehl’ er, -
Trat ind Bafler mir den Zehen -
Und die Ferſe ſteckt im Schlamme.
Und der flarfe Bohn des Kalen
That den Schritt wohl hundertmale,
Hob den Zuß wohl taufendmale ;
Dod der Schritt miklang dem Manne
Und das Ufer floh die Ferſe;
Mit der Hand war’ zu erreichen,
Doc der Fuß Tome nicht den Hügel,
Nicht den Raſengrund betreten.
Anne hielt Der Katewide
Um Gedanken anszaflunen:
„Durch den Beipus kam ich leichter —
Penn auch ſchwer mit Laſt beladen,
Als hier über dieſe Pfüge."
Hoch, da rief ein Krebslein Warte,
Sprach verſtaͤndig aus dem Schlamme:
„Laß das Glöckchen gleich erklingen
Laß die goldue Zunge gellen.=
Und der ftarte Sohn des Kalew
That, was ihn der Krebs geheißen,
Nahm zur Hand das kleine Glädchen
Und begamı damit zu klingeln.
Da gefhah wohl Wunderliches,
Bar Erfiaunliches zu ſchauen:
Gold'nen Gloͤckeleins Geklingel
Trug den Fuß aufs andre Ufer
Und den Schritt auf trock'nen Nafen.
Augenblicks verichwand das Flüßchen,
Schwand dad Wafler an das Ufer.
Und der flarfe Sohn des Kalew
Shit ih an um. vornefchreiten
Und den ſchweren Pfad zu wandeln,
Und der Raum mar ſchuell verfchwunden
Bor des großen Mannes Schritten.
Zängs dem Höllenpfade fchritt ex . .
Achtzchuter Geſang
Und betrat die Welt der Schatten.
Keine Schäpung hat das Zeitmaaß
Und der Tag bier keine Grenzen,
Denn bis in. den Schooß der Tiefe
Kann die Sonne nimmer dringen,
Kann des Mondes Licht nicht leuchten,
Nicht der Stern die Zeit bezeichnen,
Ob das Morgenroth im Wachſen
Oder Abendzwielicht dammıert.
Ein betrügerifches Scheinen,
Eine lügnerifhe Helle
Dauert fort in gleicher Weife.
Webte bier fein Kleid der Nebel?
Schwellte hier der Than die Wollen?
Zeugte Regenſchauer Schatten
Auf den Gang des Kalewiden ?
Nicht wob hier fein Kleid der Nebel,
Schwellte nit der Thau die Wolfen,
Zeugte nicht der Regen Schatten
Auf dem Pfad des ſtarken Mannes,
Schaaren find's von Eintagsfliegen
Schwärme winzig kleiner Mücken,
Die den Weg bedecken drohend
Und des Maımed Auge trüben.
Und der Harfe Sohn des Kalew
Scheucht' dahin die Eintagsfliegen,
Tödtet Taufende von Müden;
Durch die Schwärme drängt es, boffend:
„Einmal wird ein Ende fommen !’
Schneller eilt dee Mann nun weiter
Und befchleunigt feine Schritte !
Doch je ſchneller bin er fchreitet
Defto Dichter ſchwellen Schaaxen,
Und je fihleuniger die Schritte,
Defto zäher das Gefchmeiße.
Und es flrömen dichte Schwärme
In das Ohr des Kalewiden,
Hundert drängen in die Augen
270
441
310
Achtzehater Oefcg
Tauſend ſtühmen in den: Mund ihm,
Stürzea in die Rafennäftern.
- Und der tbeure Sohn des Kalew
Fühlt bereits die Kraft exfehlaffen,
Leerer Arbeit. ũberdrüffig
Ruht er eine Meine. Weile, .
Ueberlegend fpricht er alfo: .
„‚geinde Tonnt ich einft befiegen,
Höllengeifterbrut zerſtreuen
Und dies Neft von Eintagsfliegen
Droht mein Leben zu vernichten
Und dem Mann die Kraft zu rauben.“
Plögli rief im Gras die Brille
Kluge Worte, Rath ertheilend:
„Laß das Gloͤckchen gleich erktingen,,
Laß die goldne Zunge tönen.”
Und der ſtarke Sohn des Kalew
Achter? auf. dad Wort der Grille,
Rahm zur Hand dad Fleine Glökchen
Und begann fofort zu Mingeln:
Da geſchah wohl Wunderliched
Bar Erftaunlices zu fihauen.
Auf des goldnen Gloͤckleins Klingeln
Floh'n der Eintagsftiegen Schaaren
Und die Müdentänze fchwanden
Bie vom Binde fortgeblafen.
Und der theure Sohn des Kalew
Sehr ſich auf den Nafen nieder
Eine Weile audzuruhen,
- Die erfchöpfte Kraft zu ſtaͤrken.
Ueberlegend fich die Sache,
Ueberdenkend ſie im Sinne
Fand er, feinen Kopf zerbrechend,
Endlih glüdliche Entfcheidung:
„Möge was da wolle kommen
Und das Schlimmſte mir begegnen,
Diefes theure Zaubergiödiein
Bil mit fefter Hand ich Kalten.
Ichtzehnter Befang.
ge dann des Unheils Netze,
Der Verſuchung Strick und Bande.
Auf Das Haupt mir unvermuthet,
Dann’ift Hilfe ‚gleich mir nahe
Und zu jeder Stunde Beikand.» F
Und. aun:band ex feſt das Glädchen, "
Knotet's an.den kleinen Zinger; . —
Nahm auch Speiſe ſich zur Labung, 340
Dem erſchöpften Leib zur Stärklung,
Etwas Brod für die Gebeine . . wu
Und er ſchlummert wohl ein Stuͤndchen.
Und der ſtarke Sohn des. Salem —
Schickt ſich an um vorzuſchreiten
Und den ſchweren Pfad zu wandeln;
Und der Raum war fchnell verfpmunden. |
Bor des großen Mannes ‚Schritten,
Längs dem Hölenpfade ſchtit @. ... ;
‚Und betrat die Welt der Schatten. .. 350
ALS des. Hoͤllenherrſchers Schauen -
Und des alten Sarwik Suche . ,,
Kalews mähr’gen Gang vernehmen, - . ,.
Das Geräufh von Mannes Schritten, .. .
Singen heimlich fie zu fraben, es
Das Befreimdende zu fshauen: .
Was den Arieden. bier zu flören
Und zu fchädigen bedrohte. —
Als den Sohn des Kalewiden ——
Sie von ferne kaum exblicet,, 360
Eilten fie auf Windes Alägeln,. .. - : -,.
Als ob Zeuer jun. den Zajchen,. . , . _- vu
Als ob Bremfen in. dem — Raden —..
Böfe Botſchaft, zu verkünden: . —
„Kalews Sohn, der Maͤnner Stichfer, ——
Eilt den Frieden zu zerſtoͤren
Und erreget Kriegsgetoͤſe⸗
Da befahl deu. alte Sarmil! ,
„Schickt yon unſern: tapfern Mämerm ,. |
Schleunig in ben, Beg;die Gtärkiten,, .; ..... 370
32
453
achtzehntet Gefang.
Um den Feind zur Flucht zu treiben
Und des Kalews Sohn zu zuͤcht'gen.
Und der ftarfe Sohn des Kalen
Schickt fih an um vorzufäreiten
Und den ſchweren Pfad zu wandeln.
Und der Raum war ſchnell verfhmnnden
Bor des großen Mannes Sitten.
Aus der Ferne fang ein Haushahn
Und Gebe von Hunden tönte
In das Ohr des KHalewiden,
Als er trat des Schattenreidhe®
Dede, unbelannte Pfade.
Und bevor die Hoͤllenſchaaren
Noch dem Rahenden fich zeigten,
Kam ein breiter Fluß entgegen
Hochgeſchwellt mit breiten Wogen,
Denen weder Quellenbrüfte,
Noch die Wolken Wachsthum gaben ;
Harz, geſchmolzen, floß im Strome
Und es wallte Theer im Bache.
Bon des Flufſes Flammenwellen
Weh'ten heiße Feuergluthen
In die Augen blanen Rauchſtrom.
Eine Brücke war zu ſchanen
Und ein Bang von Stahl geichmiedet,
Gifern war der Grund begrenget
Und die Pfoften waren ehe.
Auf den ſchweren Steg von -Eifen,
Anf den Pfad von Stahl geſchmiedet
Stellte man die beften Männer,
Um den Feind Hier zu empfangen,
De voll Grimm, Berderben dräanend,
Gilt die Höfle zu zerirümmern.
Und des Höllenherefhers Bub
Sammelten fi) Heerdenweile
Hier auf das Geheiß des Herren,
Um zu fämpfen auf dem Schlachtfeld/
Ein Theil auf der Brüde Mitte,
Uchtzehntet Belang.
Andre Schaaren in der Tiefe,
Eine dritte Schaar am Ufer,
Weiter noch zurü die vierte.
Und der flarfe Sohn des Kalew,
AS Die Krieger er erblidte,
Hemmt er feine eil’gen Schritte
Und begann zu fpotten alſo:
„Seht doch diefenr Schwurm von Froſchen!
Der ſich auf der Brücke brüſtet!
Und er ſchritt ſogleich zum Angriff,
Zog das Schwerdt aus ſeinet Scheide,
Machte einen Schritt und zweie,
Nähert' ruhig ſich der Bruüͤcke,
Und mit lauter Stimme rief er:
„Eilt nach Haufe, ihr Befpenfter,
Wählt die Flucht, ihr Hoͤllenhunde!
Eher als ich euch erreiche,
Nieder auf den Raſen würge;
Rabenfchnäbeln hin zum Futter,
Fettes Treffen für die Wölfe.“
Doch die Höflenbuben riefen :
„Preife nur nicht übermüthig
Tages Glück noch vor dem Abend!
Mancher Hahn, der früh fein Lob ſang,
Hat beim Zwielicht ſchon gefeufzet.“ -
Doch der flarfe Svhn des Kalew,
Unberührt von ſolchem Spotte,
Trat noch ein'ge weitre Schritte
Naͤher zu der Brückenfeite,
Sich die Feinde zu beſchauen.
Und die Armbruftſchuͤtzen fpannten
Nun am Ufer ihre Bogen,
Und die Bolzenpfeile flogen
Sauſend wie die Hagelſchlofſen,
Und die Schleuderer nifenden
Steine in gewalt’gem Schwunge,
Daß fie hundertweife fliegen '
Alle gegen Einen Fremdling;
— — 32
470
Achtzehnter Geſang.
Und fo trachten fie zu treiben
In die Flucht den Kalewiden.
Borne dDräu’n die Ranzenträger,
An den Eden. Keulenſchwinger,
And’re drängen zu mit Aexten,
Alles drängt zu grimmem Streite,
Alle wollten ihn vernichten. J
Doch der ſtarke Sohn des Kalew
Nahte furchtlos dieſen Kriegern,
Diefer Höllemfühne Drängen ;
Eine Band von Eifen fland er,
Einer Eiche gleih im Winde, - . .
Wie ein Feld bei Sturmes Wüthen.
Und er ließ jetzt mit der Schärfe.
Seine Eifenflings tanzen,
Ließ fein Schwerdt gar froͤhlich ſpielen
Und zerſchmetterte die Feinde,
Und zermalmte ſeine Gegner,
Warf die Zornigen darnieder
Und zerſtreut' der Hölle Schaaren.
Wo er einmal nur im Kreiſe
Ceine zorn’ge Waffe fchwenfte,.
Da hat er Den. Zod .gebaxen, — —
Wo er.einen Schlag ließ fallen,
Stürzten dutzendweis die Männer
sAuf den Nofen bin zum Sclummet ;
Wo des Schwerdies. Biffe parte, . - »
Sanken hundert Den Geſellen F i — u
In des Todes Schooß banieder, .
Neue Kriegerſchaaren trateır..
*
An die Stelle der Gefallnen, er |
güllten wieder aus die Lücke
Und die Reihen, die gelichtet,
Aufs Geheiſche des Gehörnten - .. .-,
Mußten ſchon Die Buben gehen. . -
2 Be
—E
Doch nit Schaden bracht's dein. Siegen,
Nicht Gefahr dem Kalepiden, Bee
Sup Band von Eifen fond er,..
—
—
.
w.
—
I-
Aqtzehnter Befang. 456
Eine Ei? im Windeswüthen, - 7
Wie ein Feld im Sturmesbraufen
Widerftand er feinen Beinden.-
Und er bob die flarfe Rechte
Wiederum zum Schwerbdterfpiele, :
Und die Eifenklinge tanzte. 490
Keinen Schlummer Hatt? der Tod da, 1
Zeit das Blut nicht Talt zn werden.
Wo tie Stirne nit von Eifen, -
Köpfe nicht von Stahl gefthmiedet,
Dder ehern Halfes Sehnen :
Da ward Männern feine Gnade
Und den Buben nicht Befinnung;
Und der Hölle Schaaren fanfen
Fallend auf der Eiſenbrücke. i
Sarwik, der Gehörnte, trieb jetzt 500
Neue Schaaren Todeswege,
Heißt die Allerſtärkſten fämpfen
Mit dem Sohn des Kalemiden
. Und den Gegner zu erfchlagen,
Bietet reichen Lohn den Buben,
Hohen Blutpreis für den Sieger,
Der den Sohn des Malewiden —
Ob lebendig, ob gefunfen 24
In des Todes fchweren Schlummer —
Nur in feine Hände brachte. e 510
Ausgefuchte Arndruftfehärken
Und erlefne Lanzenwetfer
Wurden in den Kampf befohten,
Wurden in den Streit ‚befördert,
Um des Kalews Sohn zu drängen.
Unterm Heerzug wanft die Brüde
Schaukelnd unter ſchweren Laften;
Hunderte mit fchnellen Säritten,
Zaufend mit des Fußes Sohlen
raten laftend auf Die-Brüäde, 30
Daß ſich alle Balken bogen. SE —
Doch der ſtarke Sohn des Kaley,
467 Adtzehnter Geſang.
In dem Schuß des gold'nen Glddchens,
Unermüdet, fraftgewaltig
Steht mit einer Ferfe furchtlos
Harrend an der Brüde Eingang,
Mit dem andern Fuß am Ufer;
Steht wie eine Band von Eifen,
Eine Eich' im Windesmwüthen,
30 ° Wie der Fels im Sturmes Braufen
Gegen wilder Wogen Schäumen.
Und die flarfe Hand des Helden
Läßt fein köſtlich Schwerdt nun. vafen,
Mäht Nihtswürdiges Dort nieder,
Haut fie ab wie fchwanle Graͤſer,
Wie das Rohr in öden Steppen,
Binfen an des Fluſſes Ufer,
Schmwadenweife wellen bin fie,
Wüthend bricht das Schwerdt die Reiben,
540 ZTödtet Krieger hunderweiſe;
: Und des gold’nen Gloͤckchens Klingen
Wirft fie nieder tauſendweiſe
In des Todes Schooß zum Schlummer.
So wie gelbgewordne Blätter
Sortgeweht im Herbfl vom Sturme
Bon den Wipfeln niederfallen,-
Bon den Zweigen nisderriefeln :
So verwellten diefe Echaaren,
Des Gehörnten Kriegsgeſellen
650 Auf der Lagerftatt des Todes.
Aber die noch aufrecht flanden
Prüften ihrer Ferſen Schnelle
Und entfloh’n zu Retiungsftätten.
Sarwik fand auf glühn’den ‚Kohlen
Und er fühlt Berzweillungsdräugen,-
Und die Beine: fehlottern bebend.
Noch verfuht er neue Krieger
Und die fortgefloh’neu Buben
Bieder in den Kampf zu führen,
500 Suchte Hilfe bei den Adltften, 2:
Achtzehoter Belang,
Schugwehr bei den Alterfühnften,
Um fein Heimatbshaus zu halten;
Stellte Wehren auf Die Wege,
Hinderniffe auf die Stege,
Wälzte vor die Angerpforte
Allerſchwerſte Steingerölle,
Baut’ aud großen Felfenblöden
Eine zweite Gegeumauer,
Bälzte andre bin zur Stüpe:
Um dem Sohn des Halewiden
Zu verbau’n den Weg der Hölle,
Als den Weg er fo verrammet
Und den Eingang batt? befekiat,
Wahlte er von feinen Zapfern
Hundert auserlefne Srieger,
Welche Träftiger wie Bären
Sich in Hegenbädern ftählten,
Sid) in Zauberbädern feiten.
Doc der ſtarke Sohn des Kalew,
Unbeflegt und unermfidet, - .
Steht wie eine Wand von Eifen,
Eine Eiche in dem Binde,
Wie ein Feld in Sturmes Schüttern
Gegen wilden Wogen. Schäunten.
Und er zauste nun die Buben
Und zermalmt’ die Hößenfchaaren,
Fegt' fie ſort wie Mintagsfliegen, -
Und er ſchonn nicht eines Kiw’gen,
Der die Botfchaft bracht nach Hanſe
Und das Unglück meiden könnte.
An dem Schattenarm des. Todes
Schlummerten die Kriegsgenoflen,
Schliefen nun die Höllerſchaaren;
Und der ftarfe Sohn des Kalew
Sept? fi auf den Rand der Brücke,
Eine Beile anszuruben
Und den Kampfichweiß abzutendnen..
Ab8
570
459
610
620
Uhlgeinier Orfang.
Und der ftarle Sohn deo Salem,
Als er nach dem Kampf gerubet,
Räumt die Zodten von der Brücke,
Die er alle im Gemetzel
In den Staub getreten hatte;
Wirft fie von der Hoͤllenbrücke
Beithinein in Flammenwogen,
Wirft fie baufenweif auf Wieſen,
Häufet Hügel an dem Zluſſe,
Häufet Berge an der Mündung,
Baut ein Denkmal. der Derweiung.
Wieder dann die Schritte förbernd
Drang er weiter leichten Fußes.
Unter feinen fihweren Zritten
Dröhnte laut die Gifendräde,
Donnerten die Strebebalfen
Und die Seitenpfoſtru wanften.
Kalew überfchritt die Brücke,
Spannenhoch im Blute :fchreitend,
Und gelangt an's andre Ufer.
Ballte dann vom Fluſſe weiter,
Eilte vorwärts auf dem Stege,
Schritt gerade hin zur Pforte
Dort wo Sarwit Wehren baute,
Bo den Wall er aufgeworfen,
Bo er vorgewätzt die Felſen.
Und der flarke Sohn des Kalım
Führt erſchütternd einen Yanftichlag
Auf das. Thor der Höflenpforte.
Und der erfte und der zweite
Und der Drifte Fauſtſchlag dröhnet
An das Thor der Höhenpforte.
Spiitternd flogen hin die Pfoſten
Und die Stüßen in die Winde
Und die Trümmer in die Kerne.
Mit der ſtarken Zerfe rdumt er
Aus dem Wege alle Wehren, il
Sedes Hinderniß vom Pfade;
mynehuter Beten. 400
Und nun deingt er durch den Hohlweg
In den Hof mit fämellen Schritten,
Graden Weges zu dem Hausthor, - ”
Donnert einmal: mit der Fauf dran,
Sieht der Zhüre einen Fuüßtritt: 640
Und das Thor, zuſammt den Bfeiten, -
Und mit Angeln und mit Hängen, j
Stürzt zertrümmert vor ihn nieder,’
Und der flarfe Sohn des Kalew
Ueberfchreitet nun die Schwelle,
Und fein Fuß betritt Die Zenne.
Da erzittert’ jeder Edftein
Und des Haufes Bände wanften,
Es erbebten Kammermauern 2*
Und des Daches Sparren ſchwankten 660
Und die Dede droht zu reißen. u
In der Hafle faß:der Schatten ' “.
Eines laͤngſt verblich'nen Weibes,
Linda ähnlich in der Trauer;
Der entſchwund'nen Mutter Bildniß
War dem Ang’. des Sohn's erſchienen.
An dem Spinnrad ſaß die Mutter,
Trat das Mad mit Windeseile,
Daß die Spindel raſch ſich drehte. «.
Füden floffen aus dem Wode » 660
Eilig in den Schlund der Spuhle, 2;
Und fo glättete fie Garne “ ’
Goldnen Flachs und Silberwolle,
Nept?. die Finger in der Gchkale
An dem rechten Spinnzadpfoften,
Angefüllt mit Lebensfeuchte,
Mit dem Zanbertranf der Stärke.
Doch am linfen Spinnradpfoften
Hing noch eine andre Schaale
Mit dem Waſſer der Verwelkung, 0
Das die Manneöftärfe bändigt.
Ber mit Dem die Zunge negte,
Wellte hin in Todesſchwaͤche
“il
700
710
Ahrebater Oelang
Milde beit der Mutter Schatten,
Deutete dem Sohn die Pfade
Zu der Schaale, die zur Rechten.
Und der thenre Sohn des Kalew
Achter auf der Mutter Lehre
Ohne Worie und Erklärung,
Nimmt zur Hand die goldne Schaale,
Schlürfte von der Lebensfeuchte,
Um den ſtarken Leib zu flählen;
Dann ergreift er Zelfenfteine,
Wirft fie mit gewalt'gem Saufen
An die tiefgeheime Halle.
Und es dröhnt’ der Grund der. Erde,
Hoch auffhäumte weiß das Wafler
Und der Tief entfiegen Funken
In das Aug’ des Kalewiden ;
Und der Halle Wände berfteub
Stürzten um zu Trhmmerhanfen.
Des Gebörnten. alte Wutter
Sag geihäftig in der Halle, u
Trat den Webſtuhl mit den Ferſen,
Ordnet emfig au den Schlichtern ;
Schlag um Schlag wob fih die Leinwand,
Zug um Zug der Höllendrilih.
Und der Alten Spähernuge
Hat erkannt das goldne Glädyen
An der Hand des Kalewiden,
Und fie fprach jeßt zungenfertig: °
„Sich? doch, wel ein hübſches Splelgeng
An des Freundes Finger glänzet !
Gieb mir doch das feltne Kleinod,
Schenfe mir das goldne Gloͤckchen;
Um den Hals der Hape band ich's,
Um die Mäufe zu erfihteden —
Um die Wiefel zu ergößen.“-
Kalews Sohn, die Lift durchſchauend,
Gab mit Schlauheit ſolche Antwort
„Zeit noch hat der Slockenhandel,
Schtzeinier Brfang. 403
Länger wol’n wir. ihn beiprechen ;
Sept erzähle, golbne Mutter,
Gackle mir, du Hauſeshenne,
Ob daheim der Herr des. Haufes,
Ob das Hähnchen in der Kammer?
Hab’ ihm mancherlei zu fagen,
Groß’ und Kleines zu befprechen,
Was das Mütterchen nicht angeht
Und die Mägdlein nicht berühret.“ 720
Und die Alte gab zur Antwort :
„Fort vom Hofe flog der Haushahn,
Ehegeftern ging der Bater.
Früher wird er heim nicht kehren,
Nach der Heimath Seite wallen,
Als mit nächften Tages Abend
Dder früh am dritten Zage. F
Wenn bis dahin du hier weileſt
Als ein Freund mir und Gefährte,
Daun getob' ich-dir ein Gaſtmahl, 7330
Will dir Allerbeſtes kochen;
Doch zuvor als Zungenfeuchtung
Prüfe unſers Methes Süße
An dem Webſtuhl aus der Schaale
Koͤſtliches Getränk zur Linken.
Doch der ſtarke Sohn des Kalew
Wußte wohl, daß jene Shale - u.
In fi hielt Verwelkungsfeuchte,
Und die Bändigung der Stärle;
Darum gab er folche Antwort: 740
„Habe Dank, verehrte Mutter,
Keinen Durft zum Trinken fühP ich.“
Und nun warf er Späherblide
Und befhaut die fremde Stätte,
Ob vielleicht ein heimlich Pförtchen,
Irgend ein verftedted Thürchen
Ihm ins Auge fallen follte,
Da erblidt er an der Tiefwand
Eine Heine Thuͤr verborgen,
750
760
770
780
Wlizeheter Orlang.
Eilte einen Schritt ihr näher,
That die Flachhand an den Stender,
That die Finger an die Angeln,
Wollte faffen an die Klinke.
Doch noch eh? der. Kalewide
Zaften Fonnte an der Klinke
Deffnete fih mit Gepolter,
Dröhnend ſchon das Thor von felber.
Und hervor aus tiefer Höhle
Kamen mit des Windes Saufen
Kriegesfhaaren des Gehoͤrnten,
Seine TZapferften zum Streite,
Die der -Böfe fih gefammelt,
Zu Beihügern hatt! erforen.
Ber dem Waidwerk obgelegen,
Der vielleicht hat es geſcharet,
Wie der Hunde wilde Audefln
Einen Honigpföter drängen
Und den griamen Bären zaufen,
Ihm den zorn’gen Sim zerrütieln;
Wie der Hnnde ſcharfe Fahne
Einen Waldesſohn zerfleifgen.
Braun der Bar anf einem Ziede
Sitzt gehodt auf einem Hügel
Und behätet: feine Gloͤcklein;
Hin und wieder fhlägt er. einmal
Taͤppiſch mit der breiten Zape .
AN den KHläffern um die Ohren ;
Und wo niederfällt die Pfote,
Wo der kleinſte Hieb "getroffen :
Da verfchwindet fohnell ein Hündtein,..
Sinfet lautlos bin der Schwächling
In des Todes Arm zum Schlummer.
Ber ein ſolches Spiel geſchaut bat,
Solche Kurzweil Hat gelehen,
Weiß das Schaufpiel fi) zu denken
Kann es vor fi felber ſtellen:
Wie der flarle Sohn des Kalew
Aqtxehnter Orfung.
Höllenbunde in die Flucht bieb.
Ro der Hieb des Kalewiden
Mit gewalt’gem Schwunge hinfiel,
Bo ein leichter Schlag getroffen —
War tin zweiter: nicht mehr wöthig: .;
Seine Hiebe graben Gräber,
Seder Schlag macht' Todesfchaiten
Und aus Sriegern flile Männer. ı
Und nady einem khurzen Spiele
Dampften alle auf der Datre,
Und wie Garben tigen. dreibig.
Auf der Tenne hin zerfireuet.
Und es rief voll Aengſten Samit, |
Hinter Mauern Hug fi 'haftend
„Halte ein, du kecher Bude] ° . ::
Denn du, Thor, nicht Echerg veriichefi,
Machen wir den Streit zur Wuhrheit!
Ich trag’ feine Schufd am Gtreite,
Hafte nicht für .‚Biwetvnergießen. - '-
Du, mein Befter, bit: der Dieb hier,
Biſt der Plünderer und Mänber ;
Legft die Hand an fremd. Vermögen,
Willſt entleeren andre Xafhn! . -
Biſt ein Dieb, wirft Dieb: auch Bleiben :- -
Und ein Räuber ab ein Pländ’reri
Oder willft mid Lügen: ſtrafen
Und den Diebſtahl gar vertäugun®®. .: ::
Haft du neulich nicht genommen,
Diebeskrallig fortgetragen,.. . 2 .":.
Mir mein Eigenthum geſtohlen --
Mir mein theures :Bünfheläppigen ti
Stahlſt du nicht. die Jauberruthe?
I _ =
Nicht die Hemmer aus der Kammerß
Nicht die Liebchen aus der ‚Studer:
Haft du nicht mit langen Aral: 15.
Meine Truhen ufgriften® °— . -.
Gold und Silber mir entwendet
Iſt mein koſnichſtes der — —
an
8i0.
820
Aba
830
Bigjuirr Seſg.
Nicht in deiner Hand zu Schauen?
Weſſen ift das geltme Glockchen,
Das dir jegt am Finger blinfet?
BiR du, Hund, etwa fein Räuber.
Kaunſt du wohl den Diebflahl Täuguen 9-
Wohl verftand’s der Kalewide
Und er fprag mit Schlauheit alis :
„Bozu bringt due Borigjähr'ges,
BDorvorjähr’ges in's Gedaͤchmiß ?.
Eines großen Maules Kriege,
Breiter Kiefer Klappermuͤhlen
Galten fonft ald Weibermeife,
Sühnen ſind's im Kinderſtreite.
Bar ein Männerfirdit im Spiele,
Bar ein Unrecht anszugleichen,
Da veriämäbl man Wortgezänfe.
Und der Kieferknochen Alapperm.
Stärte wur’ in Kraftwerfuchen
Jedes Bortgefecht zu ſchlichten.
Barum floh da, Jaͤmmerlicher,
Bargft dich in der Erde Ziefen
Früher als: der Steeit entfchieden ?
Rachtbeſchattet Tau Du, Hohler,
Männer in dem Bald zu foppen,
Wie ein Döfer Zwerg geſtaltet
Unfern Keſſel zu: bedrängen.
Tritt hervor dort hinterm Dfen,
Komm, verlafle gteich die Kammer, .
Laß uns draußen auf der Fläche
Unfern angefangnen Bettlanpf
Ehrlich nun gu Enbe führen.
Darum wandte ich meine Schritte .
Auf den Pfad des Schattenreiches,
HWandert wallend ans der Heimath..
Und daß gleiches Recht uns bleibe,
Stärke gleich und zugewogen:
Sted’ das Schwerdt ich in die See / |
Zöfe von der Hand. das Gloͤkchen.“
-
achtzehnter Befang.
Alfo feine Worte fepend,
Loͤſte er des Gloͤckchens Bande,
Legt zur Ruh’ es in die Zafche,
Stieß das Schwerdt dann in die Scheide.
Sarwil aber bangen Schrittes
Kam hervor mit bleichem Antlitz,
Schneeweiß trat er auf die Schwelle
Und in Schreden eingewindelt
War der Sohn des Höllenalten,
So daß er nicht fand die Pfade
Und nicht wußte was zu thun mar.
Bon des Lebens⸗Fenchte Foften
Wollt das Maͤnnchen, fi zu ſtaͤrken
Und die Körperkraft zu fählen ;
Doch die Hand traf unverfehens
Durch die Angft auf irren Pfaden
Auf die zweite Zauberfchante,
Drinn der Sträftebänd’ger wohnte
Und die Feuchte der Berwelfung,
Die die Meberlegung mindert
Und das Haupt des Mann’s vermirret.
Doc der flarle Sohn des Kalew,
Das Gefcheh’ne ſchnell erwägend,
Griff fogleih zur andern Schaale,
Nebte feine trod'ne Kehle.
Und der mädhtge Stirfungsbalfam, »
Mannesftärke Krafterzgenger
Fachte — eine Feuerflamme, -
Gluthen in die Lebensſswogen.
Doc des Wettlampfs Kunde bleibe
Einem neuen Sang behalten,
Mög’ auf neuen Spindeln rollen.
Hat der Kampf doch auf der Bruͤcke
Und der Unterwelt Befchreibung
Schon Gefpinnft genug vergeudet
Und die Epindel ſchon ermüdet.
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870
10
—4
I a „os
F7 * ”
i .
o NUennzehnter Geſang.
* Fr
e — — u
*
A, der alten Zeiten Grenze
Sind vom Kampf und von Gefechten
Nachgeblieben dichte Spuren |
Reicher wie in unfern Tagen;
Aber von den Katewfahrten -
Leuchtet wie,die beilke Some _
Am berühmteften der Wettkampf
Und am mächtigen das Ringen .
In des Höllenberren Haufe--
Wald und Berg vernahm das Kämpfen.
Und die Zellenziffe hörten’s,
Moor und Sumpf erhielten Nachricht, J
Waſſerwogen ward die Kunde; J
Denn der Erde Rinde Droͤhnen
Und des’ Meeres weiße Schaumfluth .. .
Hatten mährge That nerlündet:
Auf dem Anger, auf dem: Hofe , al
Ward ein eb’ner Plap. bereit - _ .-:.
Zur Erprobung ihrer Kraͤfte. ::.
Und nad alter Weile faßten. -
Sie einander bei den Weichen,
Tasten fi beim Hofenbunde _
Mit der Kraft von zehen Nägeln,
Zeibesftärke zu erproben. — ,..
Blut rann unter ihren Nägeln
Und es ſchwollen ‚blau. die Finger.
Zwar das Wafler, das entkräftet,
Trank aus dem Verwellkungsbecher,
en
Neungehuſer efang.
Hatte ausgeſeiht dem Böfen
Alle Körperkraft und Stärke,
Und dem flarlen Sohn des Kalew
Hatte Trank, der zwiefach ftärket,
Seine Koͤrperktaft geftäbfet :
Dennoch dauerte das Ringen
Und der flarten Männer Wettlampf
Sieben Tage unanfbörtic,
Eieben lange Naͤchte endlos,
Ehr die klareſte Entſcheidung
Und des Sieg's Gewißheit wurde.
Zwar der Höllenatte heimlich
Suche feinem ſtarken Gegner
Züdevoll ein Bein zu ftellen ;
Doc der ftarfe Sohn des KRalem
Glich dem feſten Eichenſtamme,
Glich dem ſchwerſten Eiſenſteine,
Und er ſchwankt' nicht von der Stelle.
Wechſelsweiſe hoben ſte ſich,
Schwenkten ſich empor vom Grunde,
Stampften ſich ſodann mit Krachen
Auf und ab zur Erde wieder;
Und wie Koͤus Donnerrollen
Schütterten die weiten Felder,
Bebten alle Felſenriffe,
Schäumten auf die Meeresfluthen. .
Doch der liſt'ge Sohn des Aalen
Wußte wohl fih zu bewähren ;
Bie die Schlange oben gleitend,
Bie ein Aal von unten ſchluͤpfend
Wich er,aus den Höllenfäuften.
Buß und Ferſen ſtark gebogen '
Stemmt er an mit allen Kräften;
Aber alle feine Stärke
Drohr’ zulegt fhon zu ermüden. -
Doch der Mutter Schatten: [hante
Baden Blick's des Sohns Ermatten,
Nahm den Wockenſtock zu Handen,
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469
410
100
Seunghaler Geleng.
Schwenkl' ihn zehnmal woht im Kreife
Ueber’ Haupt im Wirbeldechen,
Und warf krachend ihn zu Boden ;
Borbild war’s dem Kalewiden.
Und der Harfe Sohn tes Aalen
Wußte glei der Mutter Meinung
Sich verfländig ansındeuten,
Fuß’ den Feind am Weadenbande,
Hörmeralten an dem Kriequirl,
Hob ihn danı mit Windeseile
Bie den Wocfſtock in die Höhe,
Drehr‘ ihn zehnmal wohl im Kreiſe
Bie ein Bündel Werg den Alten,
Worf ihn mit gemalt'gem Schwunge
Klatſchend nieder an den Boden.
Stemmt’ die Knie ihm auf die Bruft dann, °
Faß Die Gurgel mit den Käuflen,
Sucht' den Alten zu erwürgen ;
Griff nach feinem Gurt am Leibe,
Um den Böfen feſt zu fchnüren.
Und er fchleppte den Beflogtem
An dem Strang’ zur Eiſenlammer,
Schlug die Züße ihm in Zeflel,
Legte ihn in Keitenbaude
So an Füßen wie an Händen,
Band fodann die dritte Feflel
Reifenartig um den Hals ihm,
Vierte Zeffel um deu Leib ihm.
Und ex fefligte die Enden
In die ſtarke Felſennauer,
Roll!’ herbei dann einen Feldftein
Wie ein Häuschen groß als Thüre,
Und er band.ded Halſes Feſſel
An den Stein mit ftarlen Knoten,
Zeftigt’ fie mit Eifenklammern,
So daß nicht aus Sub’ und Kanmer
Schreiten fonnt der Höllenalte:
Und der. Banle. Sohn des Kalew
Reumgehnier Geſang.
Wiſcht den Schweiß ſich von den Bangen
Und hub fpottend. an zu fprechen :
„Laß dir, armer‘ Tranerpogel, Ä
Hähnchen — das am Kup gefeſſett —¶
Laß die Zeit dir lang nicht werden,
Als Gefang'ner nun zu wachen!
Klag' dein veid den Felſenriffen
Und den Wäldern deinen Summer,
Was dich drückt, den- harten Steinen -
Und dein Unglück Stapelreihen;
Schick dem Moosmeor deine Münfehe, ns |
Deine Eeufjer fend’ den Dornen, . - -
Deine Klagen dem Wachholder.
“Unfre Schuld ift nun getilget
Und das Krumme ift geebnet,
Recht geſprochen hat das Schichſal,
Hat der Kraft den Sieg verliehen.“
Und e8 ſprach der Hörneralte :
„Wenn gewußt ich das doch hätte,
Wenn voraus ich es geiehen,
Wenn geahnt ich den Erfolg nur
Und im Traumgeficht erblidet,
Welch ein Schickſal auferlegt mir,
Daß in Unglück ich geriethe, — —
Nicht wär ich aus meiner Kammer
Hinter'm Ofen nicht gewichen,
Wär’ nicht deinen Spuren folgend
Auf die Ebenen gegangen, .
Auf die Felder zur Erforſchung.
Zheurer Sohn des Kalewiden,
Du Gewaltiger iur Siege!
Jauchze doch wicht vor dem Abend, - '
Rühm' das Tageswerk micht früher
Eh? die Sonm’ zu Rüfte gehend
In der Dämm'rung niederrollte.
Gluͤckesei hat zarte. Schaale,
Zähe ift das Herz des Unglücks.
Bor dem Abend Inn das Unheil
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Krungehnter Belang.
Schufa noch: Gefahren drohen.
Hab’ Erbarmen, lieber. Bruder,
Laß die Schuld mitt Gold mich tilgen
Und mit Siblderſchatten decken.“
Als der Starke dies. vermehrte,
Sing der Alte au zu fluchen,
Dife Worte rief er fehmähend.
Doc der wad'te Sohn des Kalew
Wand die Schritte. nun vergnüglic
Zu des Alten Thalerfinbe,
Zu der goldnen Schäßelammer,
Wo das Gold in. weiten Truhen,
Silberhaufen aufgeſpeichert
In Gewahrſam heimlich lagen;
Dort begann er Geld an ſcheffeln
Und die Silberfchäge plimdernd
In die Säde aufzufanımeln,
Füllt' den Sack und füllte zweie
Füllte auch den dritten Sack noch,
Und zum Scherze auch den vierten.
Als er nun den fünften füllte,
Rief ein Mäuschen aus dem Loche:
„Raffe doch nicht lieber Bruder,
Tollen Sinn's im Uebermaaße!
Lange Wege hat der Wanderer,
Schwer find Laſten für den Träger.“
Wohl verftand’s der Sohn des Kalew,
Nicht den fünften Sad: mehr füllt er,
Barf ihn auf den Rand der Tonne. .
Baud die andern Dun zu Paaren
Mit der Deffnung an einander,
Um bequem fie auf der Schulter,
Auf dem Naden fortutragen.
Groß nicht waren dieſe Säcke,
Aber Tlein auch. nicht zu nennen;
Wohl der Tonnen dreie mochte,
Sehfe Rig’iher Scheffelmaaße |
Leder von den Säden halten, — ee
Neunzehnter Gefang:
Und der Kalewide Ind mwun '
Bon den vollgefühten Saͤcken
Ein Paar auf die verhte Schulter ::.'
Und das zweite.auf ‚die Linde,
Laſten für die Sehuiterblätter,
Und begann nun heimwaͤrts wandernd
Seine Schritte fchnell zu. fördern...
Donnernd Fracht’ die Eifenbrüde
Und die Strebebalken dröhnten,
Und der Ede Steine wichen
Bon des Kalewiden. Goldlaſt.
Nun begann die Höflenalte . -
Hinter'm Ofen an zu: belfern,
Hinter'm Keſſel an zu kläffen
Und aus weitem Maul zu fluchrn:
„Mög’it du — mög’ du ! — dich verwünſch' ich!
Mög du auf!dem Wege fterben !
Auf der Fläche gleich erftiden,
In dem Erlenhain verenden,
In dem Birkenhain zerfallen,
Hinter'm Jamne gleich erfalten ;
An des Weges. Nand gerinuen,
Hinter'm Buſche mögR du modern,
In dem Waldesfampf verfaulen,
Auf dem Wiefenmaß verfäuern;
In dem Didichte vernafen,
In dem Moso des Moore TESTER |
Mög’ dein Leib zu Köder werden
Und zu gutem Fraß Für Wölfe, -
Schnabelfpeife für die Raben,
Sreflen für des Waldes Welpen !«
Doch der flarfe Sohn des Kalew,
Ungefällt von ſolchem Fluche,
Wandert hin die ſchweren Wege
Mit den Schritten emſig rudernd,
Ob die Goldesiaft den Naden,
Silber gleich die Schulter dDrüdte,
Als er fo ein Städ geſchritten,
190
210
47%
Wenmgehnter Ocſand.
Unterweltenpfad geeilet, a a
Nach dem Rand der Lichtwelt⸗Seite,
Gab er Zeit fih auszuruhen
Und den müden Leib zu flärken.
Ob er Stunden lang gefhtummert...
Dder einen Tag geichlafen, |
Wut’ er felber kaum zu ſagen,
Konnt es nicht Durch Zeichen wiſſen.
Hemmniß hatte..nicht, noch Unheil,
Keine Fefieln der Verfuchung . .
Starker Sohn des Kalewiden
Auf dem Hoͤllenweg erfahren.
Mittlerweile drang ein Leuchten
Aus der Oberwelt hernieder,
Sept’ der dunklen Racht ein Ende
Und zerfiseut die Finfternifle.
Und der flarfe Sohn des Kalen
Acchzte unter goldnen Laften, .
Hitze röthete die Wangen,
Lieb den Schweiß nom Kopfhaar fließen,
Bracht den ganzen Leib zum dampfen '
Und mit trod’ner Zunge lechzend
Blies hervor ex heißen Athem.
Doch der theure Sohn des Ale
Liebevoll des Freundes harrend
Saß allein am Rand der Tiefe,
An dem Schlund des Höllenrachens,
Dort wo Kalew dreiften Schrittes
In die Unterwelt gefliegen.
Alew harrt mit Xiebesforgen, .
Harrt am Abend und um Morgen,
Dffnen Aug’s bei nächt’ger Kühle.
Wie ein Jahr erfchien die Zeit ihm,
Da er in Gedanken weilte;
Denn es konnt der Freund ein Unheil
Schon den Zod gefunden haben.
Einft, als ſpaͤt der Tag ſich meigte
Schallte gleich ald wie von weiten
Rennzehnter Brfany 415
Des Gewalt’gen Gang erdeöhnend
In das Ohr des. Aewiden ;
Aus der Tiefe kam ein Raſſeln,
Aus dem Grunde klaugen Schritte. : .. - 280
Alew überlegt die Sache,
Lauſchend dem gehörten Lauten Ze.
Schaut er fpäßend in die .Ziefe, -
Ob des Stalewiden. Aufgang,
Sein Erftehn wär. zu erfunden. .
Bon der Dämm'rung war die wacht fon
An den Arm des Thau's ‚geleitet,
Da erft tritt der Kalewide
Auf den Rand der Lichtwelt nieder : -
Wirft zu Boden Säcke Goldes 2700
Silberfäde von den Schultern,
Stredt ſich felber anf die Flaͤche
Rüdenjehnen auszuruhen,
Müden Körper auszudehnen.
Alews lieber Sohn begann num |
Waſſer fchnell herbei zu tragen —
Zur Erfriſchung, Zungenneßze
Für des Schatzes theuren Träger.
Und der Sohn des Kalews fragte:
„Offenbar' mir, theurer Bruder, 20
Ob ich lange fort gemefen,
Lang’ verweilt im Neid der Schatten? .. .
Und der teure Sohn des Alew
Kündet ihm den Bang der Dinge,
Daß die Wand’rung zu vollenden.
Wohl drei Wochen hingegangen.
Und des Kalew Sohn. begaun nun :
„Nicht vermochte das zu wiſſen
Eine Seele der Kebend’gen, ze
Noch ein Sinn es auszudenken, j 290
Nicht der Klügfte zu berechnen.
Dort find feine Zahlenpfoiten,
Keine Kunde flieht am Himmel, ur
Um zu meflen Tageslänge,
4278
300
310
320
330
VNermehuter: Geſang.
Nächte Dauer zu berechnen.
Sonne fehlt dem Tag der Hoͤlle
Und der Nacht fehlt Mondestenchten,
Sternenlos if} dort der Dimme,
In dem Erlhain ift kein Bogel,
Nirgends hört man Kukkuls Kunde ;
Rod des Nebels fehlt dem Mafen
Und des Thaues [höre Feuchte,‘
Die ald Nachts und Tagesgrenzen
Dem Erfnäher Kunde gaͤben.“
Und er findet nun -ausfühtlih:
Wie es unten ihm ergangen,
Bie er fuͤnffach Hinderniſſe,
Sechefach Feſſeln hatt? gefunden,
Die den Gang ihm aufgehalten;
Wie zuletzt im Siegeskampfe
Er den Böfen hatt? gebunden
Und mit Kettenlaft gefeffelt. -.
Alew fhlacdhter einen Ochſen,
Tödtete den Waldesbollen, a
Der nody nie im Joch gewefen,
Sieben Sommer nit den Pflug ſah,
Nicht in zehn die Exde fürchte,
Früher wollte man den Bollen
Jaͤhrlich zu den Feſten fangen,
Zrieb ihn anf den Hof alljährlic
Wollte ihn (zum Feſte) ſchlachten
Und den großen Bollen tödten,
Und dem Stier das Keben nehmen.
Zaufend hielten ihn am Nacken,
Hundert Männer an den Hörnern,
Zehne an des Stieres Glocken,
‚Siebzig an dem Schweif des Bollen.
Keinen Mann in unfern Landen,
Keinen Starten im der Fremde
Hand man ihn vor's Hanpt zu ſchlagen
Und den Ochfen zu.detäuben, -
Und den großen Stier zu tödten«
r
+
Doch des Alewiden Liebling
- Tödtete den großen Ochſen,
Schwang fi auf des Stieres Raden,
Packte feſt ihn an-den Hörnern;
Und nun ſchlug das Beil gewaltig,
Hieb die Ayt aufs Haupt hernmieder,
Kigelt ihm am Hals das Meſſe.
Hundert Zonnen fammeln Blut fi,
Zaufend Faß ergab. au Fleiſch fih. ":
Und die beiden flarfen Maͤnner
Schickten fih zur Abendmahlzeit,
Ihre Leibeskraft zn Märkten.
Und der ſtarke Sohn des Kalew
züllte feinen Bau zum Berften,
Und der Leib ſchwol mie ein Haufen;
Legt' ſich nieder auf den Rafen,
Daß das Brod die Knochen -fülle,
Doch der junge Sohn des Alan
Sept fi) auf des Goldes Säde,
Auf der Silberfäde Bipfel,
Um die Schäße zu bewachen,
Daß kein Räuber kim fie plündern'
Und kein Dieb um fie zu fehlen, ...
Dieb mit langen Fingern nahte.
Und der ſtarke Sohn des Kalten _
Ruhte aus vom Höllenärger,
Bon der großen Kampfermüdung,
Bon dem Drud des ſchweten Schaßes,
Ruht die Nacht und einen. Tag no,
Zweiten Tag im Schooß des Schlummers,
Dritten bis zum hohen Morgen.
Meilenweit erſchallt fein Schnarchen,
Schallt das Rauſchen feines Mhmens,
Wie wenn Pferdes⸗Huf Gepolter,
Wie ein Heeresdzug auf Brücken;
Und die Raſendecke zittert,
Und fo Baum als Buſch bewegt fich.
Am des dritten Tages Mitte
47
Temyiekr: Ofen
Eilien anf den Bes die Mümmer,
Und der theure Sohn 6 Au
Rahm cin Gädtpen auf den Waden,
Drei behielt der Aalenide.
Bieles ſchuf der Sehn des Aalen
Jeht na feinem GHöllengange,
Manches Gute unferm Lande,
Grändel er zu Aber Rupen;
Selber ſaß in Lindanifa
Er mit feinen Gtreitgensfien.
Diew hatf‘, der Gtädteweifer,
Drei der Städte noch erbanet,
Eine nach des Nitlags Seite,
Und die andre gegen Abend,
Und die dritte unter'm Frühroth;
Bo die Alten Schut erhielten
Und die Breife Ruhefkätten.
Und der Sohn des Kalewiden
Hatte einen Sad mit Golde
Zu drei Städten ausgebraudst ſchon;
Drei noch lagen in der Kammer,
Die beſtimmt für andre Werke.
Ale Freunde wuu zufammen
Daten jept den Sohn des Kalew:
„Nimm den Berbefeng, o Bruder,
Steck Gefhhenke in die Gäde, _
Liebesgaben in die Kober,
Geh’ nad Kungla um zu freien,
Um ein Beib dir ausjuwäblen.
Kungla heget Hanfeshühner,
Hat der ſchoͤnen Jungfraun viere,
Laßt und gehn die Bögel fangen
Und fie fammen von der Wieſe,
Schlingen ftellen in den Exihain.
Kunglas Zungfrau’n weben ——
Birken goldenes Gewebe,
Schaffen Zeug and Silberfaͤden,
Glaͤtten es mit Beidenglange, ... ..1 1.
Flechten rothe Schmuckgewiade.⸗
Kalews Sohn verfiaud die Rede —
Und hub ſpottend an zu ſprechen:
„Laßt und eine Stadt erbauen, -
Rings herum die Wähle ‚gießen, .
Sreierfammern laßt ums ſchmücken,
Seidenbetten laßt mm&-ordue, - -
Bau’n die Stadt wir Doch aus Blumchen
Und aus Faulhaum hohe Thürme,
Und aus Ahorn, rings die Wähle;
Stuben dein ans Kichelnäflen,
Kammern dann aus: Hühnereiern,
Daß wenn fie von weitem kaͤmen
Fremde flaunend ftehen bleiben, .
Die Verſtändgen überlegen
Und die Weiſen es begreifen:
Weshalb Kalew ſolche Stadt baut,
Solche Waͤlle er gegoſſen?
Kalew baut ein Freudenſtaͤdtchen
Und errichtet Freierkammern.
Hat ein Bett aus Gold gegoſſen,
Hat ein ſeidnes Bett gebunden.
Koͤnntet ihr hinein doch ſchluͤpfen
Und die Luſt von innen ſchauen!
Drin aus Seiden iſt's geflochten,
Silberborten ſind getrieben,
Sammet find die Ränder alle,
Dreifah rings mit Gold gewirlet
Und mit Nüffen rings befhlagen, ..
Aepfelförmig ausgefchmüdet ;
Zwiſchen bligen Kirſchbaumzweige,
In der Mitte Edelſteine! —
„Laßt ein Roß uns jept beſorgen
Und ein Reitpferd koͤſtlich pflegen,
Einen Sattelträger füttern,
Braunen Wallach ſorgſam hüten.
Vor den andern führt's zum Grafen,
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410
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mennzehnter Veſangz.
Bor dem Fruͤhroth anf die Wiſe,
Ganz zuerſt zum Quell zur Tednte,
Bor dem Tage auf den: Feldtain.
Füttert heimlich auf das Neitroß, -
Scheffel gebt ihm vor der Helle,
Maaße um die Morgenröthe,
Doppelmaage ihm am Morgen,
Reichlich Scheffel dann zu Mittag.
Pflegt es einen Mond und zweie,
Pflegt es noch den dritten Monat,
Eine Woche dann vom vierten; :
Dann ifl’8 Zeit das Pferd zu zäumen
Und den Schimmel einzufpannen :-
Dann befahr ich Yreierpfade,
Eile auf die Jungfernſtege,
Zu der Perlenhälschen Kammern,
Zu der Haubenköpfhen Stuben.
Morgenthau legt an den Pelz ſich,
Auf den neuen Rod der Nebel,
Negentropfen auf den Leibrock,
Hagelkoͤrner auf Den Kttel.
. Dann geht Kalew auf die Freie‘
Sich ein junges Weib zu bolen.“
Kalews Sohn, der’ vielgefchägte,
Saß gefellt bei feinen Freunden,
Jubelklang erfchallt vom Zöfche,
Lautes Scherzen amd der Kammer;
Rings im Kreife gingen Kannen,
Methgeſchirr in Männer Händen.
Jubelnd jauchzten die Gefellen,
Warfen weihend auf den Eftrich
Weißen Schaum, die Becher fentend,
DOpfergabe Hanfes Beiftern,
Für die mächtigen Beichtemer,
Friſche Brühe ward getragen
Auf des Ukko Stein zum Opfer. -
Hintertm Tiſche ſaß ein Sänger,
8
Neungehater Seſeng.
Harfenfpieler in der Mitte, -
Ließ ein Lied. bes Borzeit: fliegen:
„Fünf im Feld aus alter Borzeit,
Sechs in Gold im. TZannenhaine,
Sieben Heimliches im Mosſe,
Aber acht find’8 in der Haide:
Worte wand ich mir aus allen,
Sammelte mir. alte Gage ;
So vernahm ich die Berfündung,
Holt mir SitberrDffenbarung.
„Vogel Siuro, Taares Toter,
Vogel Siuro, blaugeflügeit,
Seidenſchillernden Gefieders,
Ward nicht durch des Vaters Bülen,
Ohne Mutterbrüten wuchs es,
Wider feiner Schweitern Bänfee,
Wider feiner Brüder Willen.
Ohne Neftchen war der Bagel,;
Schwalbe ohne Brüteftätte,
Bo den Flaum ed wechſeln konnte,
Slüggefedern bluwoll bilden.
Ulfo aber forgte weiße
Und der alte Bater ſchenlte
Seiner Tochter Windesflͤgel,
Windesſchwinger, Wolkentiuger,
Für die Tochter hinzugleiten,
In die Weite hinzufchweben.
Vogel Siuro, Taaras Tochter,
Vogel Siuro, blaugeſtedert,
Schwebte lange glitt zur Ferne,
Schwebte fliegend gegen WMittag,
Kehrte ſeitab dann jum Rorden,
Schwebte über drei der Welten:
Eine Welt war die der Iungfraun,
Dann die Welt der Lockenkoͤpfchen,
Endlih lall'uder Kinder Heimath
Kleiner Kinder Pflegefkätte.
Vogel Siwrn ſtreckt die Flͤgel
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488
auagehutes Getang:
Dehnte aus den Seibenfittig,
Schwebte gleitend mmierm Himmel
Nahe ſchon zur Burg der Sonne,
Zu des Mondes. fidhter Halle,
Zu der Heinen Kupferpforte.
Bogel Siuro ſtreckt die Zlägel
Dehnte aus den ‚Seidenfittig,
Schwebte lang und glitt zur Ferne,
Kehrt' am Abend dann zur Helmath;
Und der Vater fragt die Tochter:
„Bo bift gleitend du geflogen,
Bo bift ferne du gemeien,
Was erblidt dein Marderange ?-
Siure, die's verftand, entgegnet,
Gab zur Antwort unerſchrocken:
„Bo ich gleitend hingeflogen,
Ließ ich Flitter niederfallen;
Wo ich ſchwebend mid gewendet,
Ließ ich feidne Federn fliegen;
Wo die Flügel ich gefchüttelt,.
Streut ih aus dem Schweife Spubien.
Was mein Marderaug geſehen, |
Gaͤbe ficbenfache Sagen, 1
Acht verſchiednes zu erzaͤhlen,
Zange ging ich Donnerwege,
Regenbogens Kieſelbahnen,
Zängs des Hagels ſchweren Pfaden,
Lange ging.ich leishten Sinnes,
Schwebte forglos in die Weite
Bis ih auffand Drei der Welten;
Eine Welt war. die: der Jungfraun,
Dann die Welt der Lodenföpfe,
Endlich Talln’der Finder Heimath,
Kleiner Kinder Pflegeftätte.
Dort erblüheten die Schönen,
Wuchſen ſchlank Die. Seidentöpfhen.“ -
„Bas du hörte, das verfünde, .
Was du fpähteR, laß uns ſchanen 9“
Nemgchnier Mehesg.
„Bas. ich börte, goldner Ahne,
Bas ich ſah, o Heber Bater?,. -
Zungfrau'n Scherze hab gehört ich,
Scherze hört ih md Betrübniß,
Nederein der Lokenköpfchen
Und der Windelfinder Winuern.
Barum wohl die Jungfrann (bean, PR
Lockenkoͤpf'ge Pflegekinder.
Ganz allein und einfam wohnten, -
Ohne Brüteringen wuchfen ?
Fragte man an allen Orten.
Hat der Ahn nicht Sternenfnaben, -
Sternenfnaben oder andre, _ .
Um die Jungfraun zu erlöfen,
Lockenköpfchen zu erfunden 7”
Zaara merkt e8 und erwidert:
„liege Tochter, gleite Tochter,
Schwebe Tochter hin zum Mit,
Gleite ſchlüpfend gegen Abend,
Seitab fchwebe daun zum Norden,
Schlüpfe dort vor Uftes Thäre,
Bor der Abendmutier Schwelle,
"Zu dem Rain von Rordensmutter; ;
Forſche dort nach Freierknaben,
Nah Erloͤſern für die Mägdlein.-
Kalews Sohn, der vielberühmte,
Saß gefellt: bei feinen Freunden,
Jubelklang erſchallt vom Tiſche,
Lautes Scherzen aus der Kammer;
Rings im Kreiſe gingen Kannen,
Metbgefhirr’ in Männer. Händen.
Jubelnd jauchztem. die Geſellen.
Und der junge Sohn des Alew
Ließ ein Lied der Luft erſchalen:
„Netzt die Gurgel euch, ihr Goldwen,
Weiht den Schaum den Hauäbefchirmern ;
Trinket Meth, ihr jungen Doänner,
Zeeret aus die vollen Kannen, :
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Reunsehuker Befang.
Daß fein Tropfen bleib am Boden,
Nicht des Thaues Nah im Beer!
Auf Das Feld bin mit den Meifen !
- Kannenbretter in den: Etlwald,
Handgriff? zu den Eberefhen! —
Bo die Reifen ich geworfen,
Da entſtanden große Eichen;
Wo die Bretter ic) zerftrente,
Dort erwuchfen welie Gichen;
Wo der Handgriff hingeworfen,
Dort am Plap entfkanden Wellen ;'
Bo ein Tropfen hingefallen,
Laſſe ich die Meerflush .fwiehen
Und die weiten Wegen glänzen.
Was wohl wählt dort ans dem Meere?
Meer entwadyien And zwei Bäume,
Apfelbaum des Glücks der Kine,
Und der Weisheit Eich‘ der Andre;
Und auf jedem AR ein Eichhorn,
Auf den Blättern Bingevögel,
Sn der Mitte Adlerhorſte,
An der Wurzel floſſen Quellen,
An dem Ufer fpichten Fiſche,
Großer Dorfche ſchwarzer Rüden,
Breite Brachſe, ſtirngeftreiſet;
Weiber kommen zum Vergnügen,
Stehn im Meer bis zu den Waden,
Halb in Wellen blonde Koͤpfe
Und im Fiſchlaich Lockeuldpfe,
Was nun fiſchen jene Maͤdchen ?
Pas erangeln dort die Theuren?
Fiſch, der fing die Fiſcherinnen
Und der Lachs. Die Lockenköpichen,
Waſſer nahm den jungen. Bruder,
Wellen braten Tod dem Kinde.
„Suchen ging ich meinen Bruder,
Um den Jungen meint die Mutter.
In die Wellen ging:ich offen,
Meunzehnier Geſaug.
In den Fiſchlaich bis zum Halſe,
An die tiefen Gruben trat ich.
Mas entdeckt ich in den Wellen?
Fand em Schwerdt dort in den Wellen,
Blankes Eifen in den Wogen. |
Als das Schwerdt ich fallen wollte,
Rief die Schwefter von dem Ufer :
„Komm nad) Haufe, lieber Bruder,
Komm nad Haufe, eile, eile! -
Auf dem Zodtbett liegt deu. Bater
Und die Mutter iſt im Sterben,
Und der Bruder im Berfcheiden,
Auf das Stroh Hob man die Schmweſter,
Legt’ das Mädchen auf die Diele.“
Weinend wandte? ich mich nach Haufe,
Klagend eilte ih zur Heimatb.
„Ah du Lägnerinn, Du Leichtſtun,
Trägerinn der Doppelzunge!
In der Embe ſitßzt der Vater,
Mit dem Bierkrug in den Händen;
Seidenfchäfchen fiheert die. Mutter,
Goldne Scheere in den Händen;
Schweſter knetet Hefenbroͤdtchen,
Mit dem Silberreif am Finger;
Auf dem Brachfeld pflügt der Bruber,
Kiuda zieht mit krummem Rücken,
Kiuda pflügt gebognen Rückens,
Walli zieht, der Kopf ihm zittert.
Kinda holte Schillingsſtücke,
Altes Gold und alte Thaler
Bälzte Walli aus den Schollen,
Eine Mebe voller Schilling’
Und ein Sceffel after BRünzen,
Eine Tonne voll mit Thalern.“
Kalens Sohn, der vielberühmte,.
Saß gefellt bei feinen Freunden,
Jubelklang erfchallt vom Tiſche,
Lautes Scherzen ans der Kammer,
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Nenngchnier Gelaus.
Rings im Kreiſe gingen Kamwen,
Methgefhirr in Männer Händen,
Jubelnd jauchzten. die Geſellen.
Saulews Sohn, der hübſche Knabe,
Kieß ein jubelnd Lied erfhallen:
„Hopfen, ftoger Zweig des Strauchts,
Mit den Trauben hübſch gewunden,
Wenn er ringelt in die Höhe,
Zieht er dehnend feine Ranken,
Um die Stange ‚feine Schlingen.
Seid behende, junge Männer,
Ihn zu fammeln an den Stangen
Und zu.pflüden feine Trauben ;
Laßt ihn trocknen auf der Darre,
Stapelt an Die Riegenwand ihn;
Dorther jhwilt er bis zum Steflel,
Drängt fich grade in die. Toumg,
Kriecht ins Bier im halben. Zafle ;
Stiehlt Verſtand aus Männerfönfen,
Halb den. Sinn ans Weiherkoͤpfen,
Und betrügt feibſt junge Mädchen.
„Als mein Liebling war gegangen,
Bruder auf die. Fre? gefahren,
Ging er über meite Ebnen,
Wanderte durch Haideflaͤcher.
Ihm begegneten vier, Bräutchen,
Vier geſchmückte Lockenkopichen;
Und der Freier that. die Frage:
„Barum auf fo ferne Fluren
Seid ihr, Mägdlein, hergefommen Tu
Und die Maͤgdlein, die's verſtanden,
Gaben ſolches gleich. zur Antwert:
„Sn die Stadt hin gehn wir Vögien,
In die VBorftadt geha wir Liehen,
Hin zum Marlkte gehn wir Daudchen,
Auf die Gaſſe wir Verwegunon.
Auf dem Feſte ſchmͤhten einmal :
Knaben uns die belden Bräutchen,
Weungehnier. Befang,
Böfe Zungen gehn im Dorfe,
Diele Lügner im Gebiete;
Diefe find’, die und beſchimpfen
Und die arnıen Täybchen: iüemäßen. R 4
„Und die Mägdlein woht ih fmgm. «-.:
Und den Kindern Schlingen fielen:
„Zeige den Geficht, o Jungfrau,
Und den Saum der Wangentöthe!“
Eitigft flogen fort die Mädchen,
Flogen über weite Flächen
Schnellen Schrittes fie zum: Dorfe.
Ich beſchleunigr meine Schritie,
Lief mit angeſtrengter Ferſe;
An der Pforte blicht hinein ich
Lauert durch der: Wände Mitzen! >
Sah die Kurzgefüßten ſchlummernd, — — —
Doch bei ſolchem Anblick fühlte ER:
Ich mein Herz gefihwind erfalten, . .
Und im Binterfroft. erftarzen, + -
„Hopfen, ftolzes Zweig des Strauches,
Der in Trauben hübſch geonnden, -
Hüpfe nicht in Mädgentöpfe ! . 2
Biſt gefaͤhelich Für die Jangfraun,
Und dem Jubel folgt die Thräne.“
Kalews Sohn, der: vielberähmte, .
Saß gefellt bei ſeinen Sreunden, 2
Jubelklang eridmilt-vom Tifiche,. . ..: : =
Lautes Schurzen aus der Sammer, |
Rings im Kreife gingen Kannen, N
Methgeſchirr' in Männer Händen, Ä
Jubelnd jauchzten die Gefellen ! . Se
Nicht voraus zu fehen war e#, Ra
Nicht durch Scharffinn zu esrnthen, er
Und fein Aluger fount bexechnen, u:
Was auf ihrer Scherge Fexſen J
Für ein Unglück ſchon am⸗Mortgen
Bor dem Frühroth ſoln erwächten.
Unterwegd war eil ge Botſchaft,
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Kriegesfunde nahte keuchend,
Gtreitroff waren ſchon gefchirret,
Braune ſchon in Baͤrenfellen,
Sliegen bin nach Lindaniſa,
Um dem Könige zn künden
Bon dem Striege ſchwere Botkhaft.
Diesfaus Grenzen ſandten Boten,
Lettenland entfandt den zweiten
Jenſeits Taaras Cichenhainen,
Böfe Botſchaft zu verbreiten
Und das Striegsgefchrei zu künden.
Schiffe landeten in Lettland
Bie der Hagel Eifenmänmer,
Ueber'n Peipus andre Gchaaren
Bon der Wenden weiten Fluren, - .
Bon der Grenze der Poladen,
Die das Gut zu rauben nahten
Und den Frieden zu zerſtoͤren,
Lebensfreude zu vernichten.
@itet, eilet, Botenfüße, |
Mit der böfen Mähr im Ranzen,
Aeltften Botichaft in dem Koller:
Kalews Sohn, der vielberühmte,
Saß gefellt bei den Genoſſen,
Lärm erfüllte alle Hallen,
Und er ließ wit feohem Jauchzen
Sol ein Iuftig Lied erſchallen:
„Laßt uns trinfen, Brüder, trinken
Und des Methes ESuße koften,
Uns beraufchen in dem Hopfen,
Laßt und jauchzen bei der Kanne,
Bei des langen Feſtes Bechern!
Leeren wir die Kannen alle, Ä
Schuͤtteln wir den Schaum zu Baden,
Schätten wir ihm auf die Diele; -
Dann wird uns das Glück erblühen,
Eine lieb’re ‚Zeit beginnen !
„In die Kirſchen mit dem Reifen !
NRennzehnter Geſang.
Kannendeckel in den Birkwald,
Brettchen in den weiten Erlwald,
Kannenboden auf das Feld hin!
Morgen geb ih auf fie ſuchen,
Bor dem Frühroth nach zu ſchauen:
Was aus Reifen in dem Kirſchen,
Aus dem Dedel in dem Birkwald,
Breithen in dem weiten Erlwald,
SKannenboden auf dem Felde
Bor der Dämmerung gewachſen,
Bas erblüht im Fühlen Dunket?
Reifen ward zur Kinderwiege,
Dedel ward zur Dorfesfhaufel,
Brettchen wurden Sängertifche,
Boden ward zu. Seherbänten.
Und die goldnen Dorfesdirnen,
Perlenhaͤlschen gingen fchanfeln,
Bingen Freudentieder fingen:
So daß Bogen an zu wallen,
Schiffe an zu ſchaukeln fingen.
Stießen in die Fluth im Schiffchen,
Um zu fingen auf den Wellen:
Rofenkränze an die Weiden,
Perlen bängten He an Schwaden,
Ketten auf den langen Steinblock,
Bänder legten auf den Sand fie,
Zingerringe auf den Kiesgrund.
Hechte famen aus den Fluthen,
Schwalben famen über’ Waſſer,
Schwarze Rüden aus dem Echlamme;
Erbten Kränze von den Weiden,
Erbten Perlen von den Schwaden,
Ketten von dem langen Steinblod,
Erbten Binder von dem Sande,
Singerringe von dem Stiesarund.
„Und die Mädchen riefen aͤngſtlich
Blehendzüngig um nad Hülfe:
„Komm zu Hülfe, Harrjens Bube,
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Aeumehnter Gehen.
Komm errett’ uns, Bernaus Anabe!*...
Weder hört fie Harriend Bube,
Noch vernahm ed Pernaus Knabe... :
Hülfe bracht' der Felſenknabe,
Spieler auf der Schwedenharfe:
„Barum weint ihr, armen Mädchen?
Warum llagt ihr fo, ihr Holden?
„Stiegen in die Fluth im Schiffchen
Um zu fingen auf den Wellen,
Um zu fpielen im den Wogen;
Perlen hängen wir auf Schwaden,
Nofenfränze an die Weiden, .:
Ketten auf den langen Steinblock,
Bänder thaten auf den Sand wir,
Fingerringe auf den Kiedgund.
Hechte kamen au& den’ Fluthen,
Schwalben kamen übers Waſſer,
Schwarze Rücken aus dem Schlamme;
Erbten Kränze von den Weiden
Bänder von dem weiten Saude,
Fingerringe von dem Stieögrund.«
*» Und der Felſenknab' entgeguet,
Spieler auf der Schwerenbarfe :
„Weinet nicht, ihr boden Mädchen,
Nicht betrübet euch, ihre Goldnen!
Fangen wird man ſchon die Diebe,
Räuber in die Feſſel ſchlagen.“
Und er ließ die Harfe tönen, -
Ließ erklingen Harfenſaiten,
Sang dazu die Liederſage:
Wie erſchrocken horcht die Meerfiuth, -
Zange fhauten Wolken nieder. |
Hechte tauchten and den Fluthen,
Schwalben famen übers Waffer, |
Schwarzer Fiſch entkiieg dem Schlamme; -
Alle brachten jene Zierden,
Gaben fie den Mädchen wieder. un
„Seine. Hand bot nun der Sänger
Beunyegnter Grfang,
Und er bat ein junges Mäddien::
„Komme, Taͤubchen, mir zu eigen,
Jeder Tag ift und ein Feſttag,
Jahrelange Feiertage.
„Kann nicht kommen, Zeiſentnabe,
Kann nicht kommen, lieber Bruder!
Freier haben wir zu Hauſe.
Lafl’ zum Herbit den Sommer werden,
Dann wohl beilen Dorfeß Hunde,
Und die Gifenhände nahen,
Führen mit fih) Wein in Kobern.
Bielen Dank für deine Hülfe, |
Nimm den Dank für deine Wohltäat,
Weiter kann ich dir nichts geben.“ *
Als der Sohn des Kalewlden
Jauchzend fo beim Luftgelage
Seine Freude ließ erfchnilen,
rat zur Halle Lapplands Weiler ;
Und des Kalems Knie umfaſſend
Sprach er folhe Schmeichelworte.:
„Möge Ukko Olück Dir geben
Und der Himmel Weisheit ſchenken —-
Dir und deinen Bundeshrüdern !
Freude wallet in der Halle, .
Beithin wogt das Lufigelage,
Drum geftatte, daß beim Scheiden
Ich auch freudig weiter wandıe . .
Und den Heimathspfad betrete. —
Sn der Rumpellammer räusıend
Und durchfpähend alle Winkel.
Nupte ab ich lange Zeiten,
Bis ich mwerhofft gefunden
Ehegeftern in dem Thurme, .
Unterm Steingewälb der Halle
Angelettet jene Gabe,
Das Geſchenk, das angefihmiedet.
Nun erlaub’ es mir gm eigen,
Daß ich morgen Heanwärts elle».
401
910
Neunzehnter Belang.
Und des Kalewhs Sehn erwidert:
„Weiß ich doch von keinem Stiere
Hinter Roß und hinter Riegel!
Angefeſſelt auch kein Hündlein!
Keine Schaͤtze eingekerkert,
Keinen Sklaven angeleitet.
Drum erkläre, was im Thurme
Unter'm Steingewoͤlb der Halle
Du Befonderes gefunden ?«
Warral, der’s verfiand, entgegnet :
„Hab Gefchriebenes gefunden
Und ein Buch im Kifendedel
An der Kette feſtgeſchloſſen.
Run geftatte mir das Kleinod,
Mir die feltne Schrift zu eigen.“
Doch der ſtarke Sohn des Kabew
Kannte nicht die Schrift. im Eifen,
Wußt fi) auch. nicht gu entfinuen,
Konnt die Sache ſich nicht deuten,
Wie der alte weile Klemm - -
Seines langen Lebens Tebſqaft,
Allerweiſeſte Erfahrung
Hatte aufbewahren laffen,
Und Gefepe aufgezeichnet,
Und das Recht genaw gelehret,
So dem Könige verkündet,
Als den Schwachen offendaret. —
Koftbarer als Gold und Sitber
Bar der Inhalt dDiefes Buches :
Freier Stund der alten Zeiten
Und der Landesſoͤhne Rechte,
Und der ſchoͤnſte Schaß der Schwachen.
Warrak forderte dies Kleinod
Seiner Heimath zur Beglückung.
Und im Rauſch des Freudenfeſtes
Sprach der Sohn des Kalewiden?
„Nimm die Schriften, alter Warrak,
Zeitvertreib den Winternächten,
Nennyehnter Belang.
Lied darin beim. Rauepenfcheine;
Kannft vielleicht: manch Wunderliches,
Manches Stüdflein alter Mährchen
In den alten Blättern finden.“
Sulemd Sohn ſetzt fish dawider, -
Olews Sohn begann zu bitten:
„Laſſ' ed doch vorher beprüfen,.
Eh du fortgiebte, was dein Eigen!
Kann im Ead den Ehweinebandel
Jemand blindlings fchließen wollen ?
Hütte wohl dein weiter Bater .
Angetettet diefe Schriften
Und geheimnißvoll behütet,
Wenn nicht Vortheil draud erwüchſe
Und nicht Nutzen ſich ergaͤbe?⸗
Doch der thenre Sohn des Kalew
Achtet nicht der Freunde Warnung,
Sondern luſtig ſang er alſo:
»Wenn darin ˖auch Theures ſtuͤnde,
Mancher unbelannte Rutzen,
Müßt ich mein Verſprechen halten.
„„Fafſſ' den Ochs an feinem Horne
Und den Mann am Worte," heißt es !«
Und er gab Befehl, das Büchlein -
Gleich an Warrak auszuliefern,
An drei Kerken angeſchloſſen
‚ Und befeftigt mit drei Schlöffern
Standen die geheimen Schriften.
Doc fein Schlüffel war zu finden,
Um die alten roft’gen Ringe
Bon den Edhlöfiern abzutrennen.
Warrak wußt ed, mo die Schlüffel,
Doch der Kluge kündet's Seinem.
Und es ſprach der Sohn des Kalew:
„Brecht die Mauerwaͤnde nieder,
Reißt herans die Felienfteine
Insgeſammt mit Ring. und Miegel,
"Die fie hallen an dee Mauer.“
494
1000
1010
Neunzehnter Befang.
Und der ſchwere Stein, gebrochen
Mit dem Buche aus der Mauer —
Ward gewälzt auf einen Wagen,
Und ein Ochfenpaar im Soße
Mußt die Laft des Schatzes ſchteppen.
Alſo ſandt man ihn zum Hafen,
Ließ ihn bringen auf die Boote, —
Bo ſchon fruͤher Goldes Säde Da a
Warral hatte tragen Taffen.
® Iinterdefien ellten Boten,
Nahten über Brüden reitend,
Kamen zu den Thoren fliegend,
Und der Brüde: Balfen dröhnten
Und e6 zitierte das Stadtthor.
Und der Sohn des Halew ftagte: .
„Ber ift kommen angeritten,
Daß der Brüde Balken dröhnten
Und gezittert hat das Stadtthor?
Und man rief der Botfchaft Träger
In des Kalewiden Kammer, - —
Wo ſie gleich die Kımde gaben:
„Rudernd iſt der Krieg genahet
Und es rollt der Feindſchaft Wagen,
Fahnenſänge kommen gleitend
Und der Speere Spigen glänzen,
Scharfer Beile Schneiden drohen.‘
Eifenmänner fand das Meer aus
Und in Schaaren Höllenföhne
Unfern Frieden zu zerflören,
Unfer Land zu unterjochen,
gitternd flehen unfre Greiſe,
Weiber weinen in dem Winkel
Und in Thränen ſtehn die Maͤdchen,
Boller Trauer find die Mütter.“ · 2
Und e8 fragt der Sohn ded Kalew:
„Und was thun die jungen Minnee?
Sind denn Starte nit im Wachſen
Neunzehnter Geſang. 495
Und Gewaltge im Entſtehen
Als Beſchuͤtzer für die Alten,
Friedenbringer für Die Greiſe?“
Und die Boten gaben Kunde:
„Muthlos ftehn die jungen Männer,
Sorge drängt die Männerföhne; — -
Mit dem Schwerdt bricht man nicht. Eifen, 1020
Spaltet Stahl nicht mit dem Beile.« -
Und der Sohn des Kalew fagte:
„Nehmet Speife, lieben Brüder,
Nept die Zungen au, ihr Tbeuien,
Um den müden Leib zu flirten.
Und die Männer hieß man ſchlafen
Sännt anf Kiffen ihnen Ruhe, a
Ließ auf feidnem Bett fie ſchlummern
Und im Nebelbette ruhen. . . 2%
Doch des theuren Kuleniden.. | 21030
Auge nabte nicht der Schlummer, ar
Keine Dede von den Brauen,
Auf den Anger ging hinaus er
Mißmuth an die Luft zu fragen, —
Unbehagen auszuloöſchen.
Zu dem Grab des Vaters ſchritt er,
Gept fih) auf den Rand des Hügels.
Doc das Grab giebt, feine Lante, -
Kalmas Hügel giebt nicht Kunde.
Klagend rollten Meereswellen, _ 4090
Seufzend flieg des Windes Sanfen,
Zrübe war das Kleid des Thanes,
Thränen an deut Wollenauge. en en
Geiſterſchatten traten warfen»,
Hoben fi) in Windes Wehen,
Und der ftarte Sohn des Kalew
Wandelt wehmuthsvoll zur Wohnung.“
10
Zwanzigſter Geſang.
no
| PORN Dunkel hält die Haine;
Rings umdedt ein Nebelfähleier
Mit des: Schreckens bleicher Karbe
Bilder von den goldnen Hügeln.
Meereswellen find gebrochen
In betrübnißvolle Falten,
» : Und das holde Gonnettantiig
Iſt verhüllt von Nebelwolken:
Raufcht vielleicht ein Regenſchauer,
Sind es Scloffen, -die da Mitren
Nieder auf die ditren Fluren?
Hat vielleicht das Schild des Kalen
An die Felſen angefchlagen?
Dder hat biutfchmeres Kämpfen
Grimmen Mord bereits geboren?
Singe, finge, Vogelzunge,
Töne, töne, Silberfähnabel,
Goldner Kuckuk, komm und künde:
Bas dort Trübes ward gefäet,
Was Todtbringendes geboren?
Tiefes, Miles Thal des Todes,
Blutbegier’ge Flur des Kampfes:
Sammelft Taufende von Leibern
An des Staubes Schooß zur Ruhe —
Und zum Schlaf im Arm des Raſens!
Theurer Sohn des Kalewiden!
Biſt du von des Abends Flügeln
Heut’ gekommen zu bekennen
Zwamugſer Befang.
Deines legten. Unglüds Nurben? - h
Bift du bergeeilt zu bringen a 0
Kunde aus der Zeitenmiege,
. Deines Leidens Schinßgefänge?
Nicht befiegt' dich Feindes Heerkraft
Und nicht fonn® der Krieg dich: tödten,
Doch des Kummers Kettenbande z
Brachen vor der Zeit die Kraft dir. -
Alter Fluch des Schmidts von Finuland
Und die eignen Unglücksworte .
Unbedacht dem Schwerdt geſprochen —
Haben dir den Tod bereitet. Be a 40
Als der fine Kalewide
Kriegestunde hatt! vernommen, £
Konnt er weiter nicht mehr weilen, -.
Nicht dus Feſtgelag' verlängern; .
Neiten ließ er Sendebbten—
Um den Kriegern zu bhefehlen—
Die Gewalgen aufzufoxdern,
Sih zum Kampfe zu beyeiten.
Und bevor er felber aufbrach a
Sprad er fo zum Alewiden,. ee 50
Nedet’ er zum Sulewiden: x
„Nicht ift Gold in feften Kammern, . y
Silber unter'm Truhendeckel
Bor dem Raub im Kriege ficher,
Noch der Diebeshband unnahbar. —
Bringt den Schap in fihre Hoͤhlen,
Berget: ihn in Stanbeöbufen,
Wo der Dieb ihn nicht betaften,
Richt der Räuber kann ihn raffen.
Wird die Sonne ſchoͤner fcheinen, , 60
Blüht die Zeit des Gluͤcks uns wieder:
Dann den Schatz aus feinem Kerfer, .
Aus dem Hügel holt das Gold man.
In dem Kies ward eme Grube. : 7.
Am geheimen Drt gelegen ee
Bon den Dreien ausgegraben; — - :..
70
Boangigſter ‚Defang.
Dort verfentte tief das Geld: man
Und verbarg die Sulbrtſchaͤtze.
In der Nacht: geheimen Schatten
Sprad der Sohn des Kalewiden:
„In des Kuſens tiefen Buſen,
In den Grund:von dichtem Kiesſand
SenP ich unter tiefſte Lehmſchicht
Süßes, bitter mir erworben,
Berge ich den Hut, den goldnen,
Und verſteck' die Kriegesbeute,
Die im Kampf ertungnen Gpangen
Und im Streit erlangten Preiſe;
Silberperl im Schmuck der Mutter
Und die ſchweren Haksogeſchmeide,
Alte Kreuzer, Kubelſtücke,
Henfelmünzen,: Ränderthäler,
Scherbengold und Scheidemäinze,
Meines Baterd Batererbe,
Fern geſammeltes Gepraͤge. |
„Drei mit ſchwarzem Blute Wähler.
Ohne jedes weiße Häärchen !
Drei Lebend'ge fol) du würgen:
Schwarzen Hahn mit feaufem Kamme,
Schwarze Kuße, oder Hundchen,
Und der dritte fei der Schwarze
Unterirdfhe blinde Raumwurf.
Wenn Johannie⸗Fener ſteigen,
Leuchte Hott des Kalewiden
Kommt ein Mann dann mit den Schwarzen
Um die Blutkvaft zu vergießen, |
Hebe fih zwet Buß der Keſſel
Eine Fauſtgroß noch darüber,
Höre auf das Wortgemurmel
Hinter Taaras Schloß verborgen.
Denn des Mannes Mutter fehlte
Ob mit Fremden oder Eignen,
Dann foll nicht, was bier gafeit iſt,
Ihm in feine Hände fommen! : 1"
Awavagſter -Gefang. AM
Nur für veiner-Mütmer Kinder,
Schlichtem Sinne hebt der Schaß fh. — .
Jetzt den Mund dem Stiesgrund —
Murmelt' ar geheime Worte,
Fluͤſterte er Zauberſpruͤche,
Unverſtaͤndlich andern Menſchen, 110
Unerforſchlich jedem andern u |
Als des Städes: Pilegelinde,
Dem als Gunft es ward gemäbret
Und ald Vorzug zugewiefen,
Goldnen Keſſel auszugraben
Und verborgnen Schatz zu heben. |
Doch der Mann ift nicht geboren,
Noch der Glücksſohn unerſchaffen,
Der das Gold des Kalewiden, i
Silberblante Glückeöhente 1420
Aus dem Hügel konnte heben, —
Aus geheimer Hoͤhle erben.
Als das Fruͤhroth, kaum entglommen, .
Nöthete des Himmels Bangen, ..
Griff zum Kriegesfhmerdie Kalew,
Nahm den Spieß, den farfgesähnten,
Holt den Schild. daun aus der. Kammer,
Führte aus dem Sta das Reitroß
Und den: Streithengſt von der Kripfe.
Und er hieß den Sohn des Men -» 130
Hinter ihm den Schild zu tungen; u
Septe an die Kriegsdrommete ne f
Und begann in's Horn gu blafen, “
Um von weiten Ball zu ſammeln
Und den Kriegern zu befehlen,
Sich zur Heeresfahrt zu rüflen, ..
„Zuftgstnitu, Tuͤttu⸗Luttu!“
Aljo rief das Harn des. Kalew.
Wald erwmedt’ es, Berg erſchredt «8 3
Windeshauch begann zu ſchlummem, 140
Meeresraufchen nad zu: finnen #;
Auf den Ruf des Kalewiden.
500
150
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170
180
Bfoanzlgftet Sefanz.
Antwort gaben fle vor. Schrecken,
Den Befehl noch weiter tragemd.
Und der Straud von Wierland hört' os,
Serwens Grenzen, Harrjens RR
‚ Laͤaͤnes breite Waflerwiefen, - - %:-.
Dernau weit im Zindenlande ; '
Allentaden hört’ die Stimme
Und den Ruf hört Dorpatä Brenge.
„Zuttus®nttu, Tuttu⸗Lnttul⸗
Alfo rief das Horn des Kalew,
Wald ermedt’ ed, Berg erſchreckt' es
Windeshaucd begann zu ſchlummern,
Meeresraufchen nachzufinnen
Auf den Auf des Katewiden;
Antwort gaben fie vor Schreden,
Den gehörten Ruf verkärfend-
Halfen fie ihm weiter tragen. -
Und das Bolt entfandte Krieger,
Sie zum Todespfad geleitend, -
Auf den Kampfpfad vorbereitend.
Bruder badet auf dem Ofen,
Mutter rollt ein weißes Hemde,
Dater ruͤſtet aus: das Roͤßlein,
Oheim ordnet an dem Sattel
Und die Sporen putzt der Hausfeemd;, : :
Und die Klinge fchleift ein zweiter,
Schaͤrft fie wegend an dem Schleifſtein.
Auf dem Hofe weint die Schweſter,
Auf der Diele weint die Zweite,
Die Geliebte in der Kammer.
„Tuttu⸗Luttu, Zuttusßnttit le :
Alfo rief das Hosm des Kalerw
Wald erwed es, Berg erſchreckt es,
Windeshauch begann zu fchlumimern,
Meeresrauſchen nad) zu finnen,
Bellen ſchreckend aufzuhorchen
Auf den Ruf des Kalewiden.
Antwort gaben fie vor‘ Schrecken,
Zwanzigſter Geſang.
Des Befehles Ruf vergroͤßernd
Ward er weiterhin getragen.
Und des Kalews Stimme ſchallte
Bis auf Wierlands ferne Grenzen,
Schallt nach Jerwen und nach Harrjen
Und auf Läänes weite Wieſen,
Bis zu Pernau’s Lindenbäumen,
Allentaden hört die Stimme,
Die zum Hain von Zaara hindrang,
Längs den Grenzen Pleskaus tönte.
Eilig famen nun die Krieger,
Schnell herbei die Fahnenträger,
Um den Pfad des Krieg's zu fhreiten
Und den Weg des Bluts zu wandeln.
Boten eilten bin und wieder
Ringsherum im ganzen Lande,
Um die Säum’gen anzutreiben.
Und die Schwefter lehrt den Bruder:
„Meinen theuren Bruder ſchmück ich,
Schmücke ihn und rüfte aus ihn.
D mein vielgeliebter Bruder !
Wenn du Todespfade reiteft
Und dem Schlachtgefilde naheſt,
Reite nicht voraus den Andern,
Bleibe nicht zurüc als letzter,
Denn die Erften ſchlägt man nieder
Und die Lepten wärgt man wieder.
Halt’ zur Mitte did des Haufens
Nahe zu dem Fahnenträger,
Denn die Mitte kommt nach Haufe.“
In ‚dem Winkel weint das Weibchen
Und die Gattin in der Kammer:
"Ber wird mid) mit Liebe brüten
Mich, umarmend, Goldne nennen?
Erlenbaum wird mid nicht tröften,
Ahorn nicht die Schmerzen ftillen,
Birkbaum mit der Goldnen Fofen“.
„Tuttu⸗Luttu! ZuttnsLuthı 1“
35
210
59
Zwanzigſter Belang.
Alfo rief das Horn des Kalew,
Wald erwedt es, Berg erichredt es,
Windeshauch begann zu Ihlummern,
Meeresraufchen nachzuſinnen
Und die Kelfen hörten ſchreckend
Auf den Ruf des Kalewiden.
Antwort gaben fie vor Schreden,
Des Befehles Ruf vergrößernd
Ward er weiter bingetragen.
Und es eilten nun die Strieger
Raſtlos über weite Flächen
Kalews Rufes Ferien folgend,
Um dem Todesgang zu wallen.
Und der ſtarke Sohn des Kalew
Ritt dahin auf feinem Steeitroß,
Sprengte hin zu Taaras Eichwald,
Wo das Heer ſich fammeln follte ;
Ließ fein Tuttu⸗Luttu ſchallen,
Aus dem Horne laut erklingen:
Daß die Schaaren nicht vom Wege,
Männer in den Wald geriethen.
Kluger Vogel aus dem Eihwald
Kündete dem Kalewiden :
„Schleife deines Schwerdtes Schärfe,
Wetze zeitig deine Waffe, Ä
Hänmre deines Speeres Spike,
Wenn du gehft die Männer morden,
Die Gewaltigen erwärgen
In dem offnen Schlachtgetümmel".
Und der ſtarke Sohn des Kalew
Merkte, was der Vogel meinte: .
Eilt zu fuchen einen Schleifftein,
Zordert Hämmer von dem Schmibte:
Und er fchärfte nun fein Schlachtſchwerdt,
Weste feine gute Waffe,
Hämmerte des Speeres Spipe.
An des Mutterbaches Ufer
Trafen fi) die Kriegerſchaaten
Bmongigfier Belang.
Auf Geheiß des Kalewiden.
Und der Sohn des Sulew nabte
In Geſellſchaft wieler Freunde,
Diews Sohn wit all den Seinen.
Dort erfchienen ſtarke Männer,
Sammelten fih die Sewalt’gen ;
Wierland fandt’ ein halbes Tauſend
Und ſechshundert ſandte Oeſel,
Siebenhundert ſchickte Finnland.
Und der Sohn des Kalew zaͤhlte
Und berechnet auf der Flaͤche
Seiner Krieger Einzelihaaren,
Streiterzahl in Schwarzen Röden.
Als des fünften Abends Kühle
Hatt? den Rand des Tag's geſäumet,
Da erfhienen noch die LXehten,
Trafen ein die NRachgeblieh’nen.
Und der ſtarke Sohn des Kalew
Ließ ein Lager auf der Fläche
Bon dem Kriegeßvoll errichten,
Ließ es einen NRafttag halten,
Ließ es rüßen fih am zweiten;
Doch am dritten vor dem Srühroth,
Zeitig noch vor Tageshelle
Eilt das Heer fih aufzumachen
And den Ariegtpfad zu beihreiten ;
Und vom Berge Taaras rüdend
Schritt dad Heer nun gegen Morgen.
Schon bei zweiten Tages Sceiden
Loderte des Krieges Flamme
Und es vafte das Getümmel
Mit der Rittern, flahlgepanzert,
Die auf Schiffen aus der Ferne,
Bellen uns zum Unglück brachten,
Spielend an das Ufer trugen.
Und der flarle Sohn des Kalew
Hüthet einen halben Tag lang
Unermüdet, unnerdrofien
36*
m
310
Zwanjigſter Geſang.
Sn den Reih'n der Eifenmänner.
Schon am Morgen flel fein Streitroß
Und es ftürzt das theure nieder
Bon der Eifenmänner Streichen. -
Bon den Schwähhern fielen Fenftlos
Hunderte ins Bett des Todes,
Und der Ritter ſchwere Streiche
Braten ihnen graufes Sterben,
Wo fie auf den Raden fielen, -
Dder auf das Haupt ſich fentten..
Und die Streitart, blut'ges Berkzeug,
Tödtlich treffend, niederfihmettend,
Zraf des Sulewiden Hüfte,
Schnitt das Fleiſch bis an den Knochen.
Und der Bruder fanf zu Boden
Und der Mann flürzt? auf den Rafen,
Und das Blut, das romgleid, finthet,
Droht fein Leben zu vernichten. |
Eilig fam der Runenkund’ge, -
Um dem But Die Kraft zu nehmen
Und die Schmerzen zu befpredden : Ä
* „Blutfirom, Blutſtrom! biſt nicht Waſſer,
Blutſtrom, Blutſtrom, Lebenshonig! |
Wohin geht du von der Quelle
Und verrinnft vom Brunuenraude ?
Schließ dich, Ader, feft zum Steine,
» Blut gerinne du zur Ciche
In des Steine enger Adern,
Zaara I laß das Blut erflarren“.
Dem Befehl gebert das Blut nicht,
Hüfteßader nicht der Bitte!
Und der Runeuſprecher lieg num
Höh’re Zauberworte rubern,
Ließ ertönen Eifenworte,
Drüdt zu kräftiger Begegnung
Dann die Ader mit dem Finger, -
Wand um’d Glied dann rothe Käden,
Hauchte blafend auf die. Wunde; —
Zwanzigſter Gefang.
Und er ftillte fo die. Blutung, -
Salbe kocht der Runenfpredher
Auserlef’ne für die Wunde
Aus neun Kräuserart bereitet,
Die er felber im Geheimen am
Nachts im Kühlen, Mond befchienen
Auf der Haide hatt! gefammelt, |
Don der Fläche hatt? gepflüdet 30
Und im Zannwald aufgeleien.
That die Salbe auf die Wunde,
Schmerzenftiller: auf den - Schaden,
Band die Wunde dann mit Knoten
Und umwidelt fie mit Binden.
Und der ftarle Sohn des Kalew
Brad) die Reih’n der Ritter nieder
Und zerſtreut' fie anf der Flaͤche,
Bracht des Feindes Macht zum Banken, -
Schlug fie in die Zucht behende.
Zodtenhaufen anf dam Schlachtfeld
Lagen wie das Heu in Schwaden,
Hagel gleih auf wüften Stegen,
Lachen Blutes auf den Flächen
Glichen Regenwafferpfuͤtzen,
Die auf trock'nem Acker ſtehen.
Hundertweiſ' erſchlag'ne Männer,
Tauſend abgehau'ne Glieder. —
Doch das biut’ge Mordgetuͤmmel
Und der Sonne Sengefirahlen 360
Peinigten den Kalewiden, =
Und ermüdet war. der Sieger,
Steif geworden war die Zunge
Und fie trodnet an dem Gaumen
Bon der Qual des langen Durſtes.
Und er ging vom Schlqchgefilde
An den See die Zunge neben.
Als er nun fi zur Erfriſchung
Und zur Stillung heft'gen Durftes
Aus den Wellen Zungennegung - - | 370
50
Roenzigſter Gefang.
Gurgelnd in den Leib gegoflen :
Blieb im See Tein einz’ger Tropfen,
Blieb im Grund nur ſchwarzer Moder.
Unter'm Rafen num begrub man
Um den See in langen Reiben
Der erfchlag’nen Männer Leiber,
Die im Kampf geblieb'nen Krieger ;
Daß, wenn finde Regenſchauer
Und geheimer Quellen Zufluß
Wieder breiteten die Wogen
In der leer geword’nen Stätte :
Stimmen von verwandten Geiſtern
In der Waflerwogen Rauſchen
. In der Mittmadht flüſternd ſpraͤchen.
Ein'ge Tage goͤnnten Ruhe
Sich die Krieger nach der Arbeit,
Heilten die empfang'nen Wunden,
Sprachen Zauber über Schäden;
Die. Gefunden ſchliffen Schwerbter,
Wetzten wieder ihre Aezte,
Hämmerten der Speere Gpigen,
Schnitzelten fih neue Pfeile.
Bei des dritten Tages Daͤmm'rung
Lud man wieder auf die Ranzen, |
Kriegsgeräth auf Männerrüden ;
Dann begann man neues Wandern,
Ging auf biufgem Pfade-weiter —
Kalew auf den Ferſen folgend,
Der mit feinem Waffenträger
Ging voran als Heeresfühter.
Zu des heifgen Fluſſes Grenzen
Kam nad Wöhanda die Kriegsmacht;
Kalew trug herbei jebt Steine,
Brach im Walde Bäunte nieder,
Allerftärkite Eichenbäume
Und die allerbeften FZöhren.
Diew ordnete die Brücke,
Feftigt fie wie eine Fähre. '
Zwanzigſter Befang.
Und hinüber ging die Kriegsmacht,
Und die Strebebalfen droͤhnten
Und die Edenfteine wichen.
Polenſchaaren mnabfehbar
Und Zartaren, Mordgefellen,
Und ein Lithauifhes Faͤhnlein
Hatten Kundfchafter geſehen
An den Grenzen Plesfaud harten.
Und die Schlacht begann von nen,
Und. des Krieges Wagen rollte ;
Und der ftarle Sohn des Kalew
Hieb hinein nun in die Feinde,
Trieb zur Flucht raſch die Poladen,
Mepelt nieder die Tartaren. Ä
Und es fraß das Schwerdt die Männer,
Maͤht' fie nieder auf die Haide,
Schlug herab der Polen Köpfe
Beeren gleich auf weiter Haide,
Schättelt fie herab wie Rüffe,
Hagel auf die wüften Stege.
Eine Klafter hoch bedeckten
Todte Körper rings die Erde,
Und fünf Spannen hoch entriefelt
Rothes Bult dem Leichenhaufen.
Tag's darauf zum Zodentanze
Ging's dann hin mit den Tartaren,
Und der ſtarke Sohn des Kalew
Beihte von dem Heer der Feinde
Hunderte dem Zodesfchlummer,
Und es würgte wie ein Mörder
Kalews Schwerdt die Feinde nieder.
Sieben Tage eilt das Kämpfen
Wechſelweiſ von Ort zu Drte,
Und e8 mindert fi) die Die Heerfchanr ;
Biele Häuptlinge des Kalew
Lagen todt ſchon unter'm Hügel,
Sulews Sohn fand feinen Tod Bier,
Welkte früh in dem Gefilde.
40
607
470
Zwanzigſter Geſang.
Kalews Sohn der ſtarke ange r
Sammelte die Veberrefte,
Führt den Wenden fie entgegen
Um den Todtentang zu ſtampfen,
Und befahl dem Alewiden
Feindes Vorhut zu vernichten
Und die Mitte zu zerfprengen.
Und der Alewiden Xiebling
Stürmte mit des Windes Saufen
Dem Befehl des Freund's zu folgen,
Um die Zeinde zu vernichten.
Würgend mit dem Todesſchwerdte
Stechend mit dem langen GSpeere,
Mähend mit der böſen Senſe
Tanzend mit dem Todesbeile.
Diele ftürzten auf die Fläche
Und verwelften auf den Fluren.
Blutgeröthet war. Die Heide
Und es färbten fih die Straͤucher.
Und der ftarfe Sohn des Kalew
That dem Würgen jetzo Einhalt,
Ließ das Blutbad jet beenden,
Bis er feine todten Freunde
Unterm Rafen hatt? gebettet.
Zu des Sulewiden Denkmal
Häuft' man einen hohen Hügel,
Stellte eine Todtenurne
Steinumringt an’d End’ des Hügel; .
Drin des Todten Staub und Aſche
Zum Gedähtnig ward beftattet,
An dem zweiten Tage würgte
Zwar der Kulewide zahllos
Don den Wenden und Zartaren,
Aber dennoch fielen Freunde,
Manche tapfre Eitenföhne.
Die noch blieben, die entflohen
Und die Furcht trieb fie von dannen.
Olew mit dem Alewiden .
Zeanzigfier Gefang.
Und dem Kalew, diefe Drei nur
Standen, eine Eifenmauer
Feſt wie Zelfen unerfchüttert, _
Kräftig wie die Eihenlimme 7
Feindesfchaaren gegenüber, .
An des Unglüdstages Abend ;
Und der Sonne ſcheidend Antik
In der Abenddämm’rung Kühle
Sandte nun den Krieg zum SORMERL)
Endete die bkuf’ge' Arbeit. |
Und die drei gewalt'gen Männer
Bingen auf die flahe Eb'ne,
Um ein Waſſer anfzufwhen,.
Wo zu ihrer Zunge Netzung
Aus der Fluth fie ſchoͤpfen komten.
Und im Thale fand ein See. ſich
Rings mit Hügelhohen Ufern, “
Weithin Teuchteten die Wellen
Himmeldglanz dem Männerwege:
Und zum Stand gehn die Gewaltgen,
Um den Duft im. See zu fühlen:
Und der Alewiden Erbe
Beugte fih vom Ufer nieder,
Aber glitt mit müdem Zuße -
Und er flürzte in- die Fluthen
Und verſank fogleich zur Tiefe.
Helfend nahten gleich die andern,
Doc fie lonnten ihren Freund nicht
Aus des Zoded Rachen reiten ;
Nur den flarren Körper trugen
Sie an's Ufer auf das Trod’ne,
Wo fie einen Hügel hänften ;
Für den Freund zum. Schlummerbette.
In dem hellen Sonnenfcheine
Nur dem Aug’ des Glückes ſichtbar
Blänzet durch die weite Woge
Des Gewaltg'en Eiſenhaube
Und fein Schwerdt mit dreien Schneiden,
610
810
630
540
550
Ywanzigfier Geſang.
Die dem See zum Angedenten
. Blieben von dem Alewiden.
Tiefe Trauer fühlte Kalew
Ob der lebten Unglüdsfälle
Und des Tod's der Anverwandten.
Keine Ruh’ am Tage fand er
Und des Nadıts nicht Glüdesfrieden ;
Srühroth Idfchte nicht die Klage
Damm’rung nahm ihm nicht den Summer,
Und der Drud der böfen Laune
Laſtel' auf dem Kalewiden.
Und er ließ nun Worte wallen
Alfo zu dem Diewiden: Ä
„Blüthen von der Zeit des Glückes,
Blumen von dem Tag der Freude
Sind verfehwunden von den Wieſen,
Sind verwelfet auf den Fluren,
Sind verloren von den Zriften,
Miefelten dahin vom Anger,
Stühmten von dem Faulbanm nieder,
Wehten von dem Kirſchenbaume,
Fielen von dem Erlenwäldchen
Mitten in der Frühlingäwende,
Mitten in des Brachfelds Pflugzeit,
Eh' der Sommer noch geboren
Und der längfte Tag erfchienen !
Darum hallt der Kulkkul Zrauer,
Bogelwittwe fingt vol Kummer,
Nachtigall verfhwund'ne Wonne.
„Welle Eich’ auf jungen Fluren
‚Und im Lenz vergilbte Birke,
Zaublos im belaubten Walde —
Steh? vermaift ich ohne Freunde,
Arm geworden ganz an Brüdern —
In des Kummers harten Banden. .
Freudentage find gefchieden
Und dem Gluck ift Abend worden.
Zwangigſter Gefang.
Zafle, Olew, lieber Bruder,
Faffe du die Macht der Herrfchaft
Und die königliche Höhe,
Sei Beſchützer du von Wierland
Und behüte Harrjens Fluren
Sorgjam mit Beſchutzerhänden.
Fliege ſchnell nach Lindaniſa
Zu der Kalewiden Heimath,
Sud’ der Feſtung hohe Walle
Gleich in beſten Stand zu ſetzen;
Baue ringsum tiefe Gräben,
Widerſtand den tapfern Feinden,
Schutzesſtaͤtte für die Alten,
Eifenmauer für die Greiſe,
Zrauerballe für die Wittwen,
Thränenwinfel für die Jungfrau'n
Zährenkanmer für die Mägdlein ;
Welche jept in Kummerbanden
Wittwen um die Freunde trauern,
Um die Gatten weinend Hagen, -
Die geblieben in dem Kampfe :
Daß der Quell der Brauen nimmer,
Thräne von den Wangen ſchwindet.
„Aber ich muß fürder ziehen,
Wie der Tranervogel fcheiden,
Gleich dem Schwan zu andern Wellen,
Wie zu fremdem Fels der Adler,
Wie im Schilf fi) birgt die Ente:
Möcht' ich in das Didicht flüchten,
Stilles Schattenthal zu fuchen,
In dem Raub der Zrauerbirke
‚ Um Bergangenes zu lagen
Und die Schmerzen zu berub’gen
Und mein Unglüd zu vergeflen.
„Sei Beherrſcher du von Wierland,
Frieden bringe den Bewohnern,
Snädig fei die Hand den Niedern;
Set beglüdet als Beherrſcher,
570
&11
Ziomtztefter Grfang.
Glücklicher als. ich geweſen“. —
Und der theu're Sohn des Kalew
Wandte alſo fih voll Trauer
Nah ihm weinten alle Fluren
Und die weiten Wieſen Hagten.
Eine Höhle fih zur Zuflucht
Sucht' ex, eine Siedlerfkätte
In des tiefen Waldes Mitte,
Wo ihm nicht der Wand’rer Züge .
-Und der Kommenden Gedränge
Seinen Frieden flören mochten,
Ihn von feinem: Kummer abzieb’n.
Ats der theure Sohn des Kalew
Sp in Kummerbanden liegend
Manchen Tag im Wald gefchritten.
Und das Hügelland befreien‘
Und durch Moosmonr war gegangen,
Und auf Wüften war gedrungen :
Kam er duch des Glückes Führung
Und geheimer Wüuͤnſche Leitung
An des Koima Stromes Ufer
Wo er ein Berfte gefunden ;
Wo er in der Tannen Schatten
Und verhüllt von Fichtenbaͤumen
Eine Hütte ſich erbaute,
Drinnen, bei des Regens Rieſeln
Und bei ſchwuͤler Tageshitze
Und des Sturmwinds wildem Toben,
Die zerſchlag'nen Glieder mochten
-
Eine Beile Ruhe finden.
Dort, von Bliden unbeläfigt,
Haufete der Kalewide
Armem Manne gleich. zu achten,
Lebt in Qual er feine Tage n
Und die Unglüds ſchweren Nähte —
Unbefchattet blieb das Auge
‚ Und die Lider fenften we fh; °.n. :
Zwanzigſter Befang.
Zange Zeiten, viele -TZage -
Nahm er Feine Speife an ſich,
Lebt' allein vom Wind erhalten,
Wuchs vom Than allein geſtaͤrlet;
Nur vom Sonnenfchein gedich’ ex,
Ward vom Regen mild: gebadet.: |
Wenn des Hungerd Pein Ihn nabte
Griff er nad) der Angelenthe,
Krebste mit der Köderflange,
Seflelte des Stromes Fiſche,
Nahm gefangen junge Krebſe.
Eifenminner famen einftmals
Bon dem Stsaude drei gegangen,
Kamen von dem Glück geleitet
In des Koiwa Stromes Ufer, :
Wo der Sohn des’ Kalewiden
Einen Zufluchtsort ſich baute;
Und es fchmeichelten die Fremden
Ziftig fo dem Kalewiden:
„Theurer Sohn des Kalewiden,
BWierlands früherer Beherrſcher!
Komm ale Freund zu uns herüber,
Denn in deiner Hand liegt Stärke,
Iſt Gewalt in deiner Macht Doch;
Weisheit ruht in unfrer Zafhe
Und Berftand ift umfer Reichthum.
Wenn zufammen wir nun hielten
Und im Bruderjoche pflügten ;
Könnte uns fein Feind befiegen,
Könnt der Krieg und nimmer tödten.
Gieb du nun die Macht der Herrſchaft
Dem, der Alugheit hat zu ſchützen“.
Und der flarfe Sohn des Kalew
Wandte auf die fhöne Rede
Seine Augen bin zum Fluffe,
Seine Lider Fin zur Belle, :
Bande den Rüden den Betrügern,
Ohne felbft ein Wort zu fprechen.- -
64
700
Deanugſter Gefang.
Sieh’, da zeigt der Waſſerſpiegel
Klar dem Aug? des KHalewiden
An dem Strand das Bild der Sprechen,
Wie fie ihre Moͤrderſchwerdter
Nach gepflogener Berathung
Aus den Scheiden plöglich zogen,
Mörderifcher Weile Willens
Hinterruͤcks ihn zu erſtechen.
Und es fprach der Kalewide
Diefe Hinterlift gewahrend :
„Unverfauft ift ja das Schwerdi noch,
Scharfes Eifen ungefchmiebet,
Und die Hand ift nicht erwachlen,
Zingerglieder ungeberen:
Die den Mächt'gen meinsagleichen
Auf fein Blut beihäd’gen .Tänaten,;
Ahr verdammten Hoͤllenfoͤhne,
Hinterä’ge Mordgefellen !"
Und fo ſprechend faßt ſogleich er
Einen lügnerifhen Fremden
Mit den Händen an dem Helme,
Drehte mit des Windes Saufen
Rings herum den Stahlbededten
Bie von Werg ein Flockenbündel;
Saufen hob fih in den Rüften,
Als ob Nordens Adler gornig
Hinter wuͤſtem Rachtgefieder
Auf des Windes Flgeln ſchritte.
Mit der Hand nun fhättelnd warf er
So den Hoͤllenſohn zur Erde,
Daß er halb im Boden ſteckte.
Drauf erfaßt? den andern Freund er
Mit den Händen an dem Kragen
Drebte mit des Windes Saufen
Ringsherum den Stahlbedeckten
Wie von Berg ein Zlodenbündd ;
710
Saufen bob ſich in den Lüften
Und im weiten Walde rauſcht es,
Imemigker Befang.
Al ob Stürme braufend wehten
Und die Wind’sbraut ſich erhübe,
Hoher Tannen Gipfel ſchaukelnd
Und die ſchlanken Föhren beugend,
Mit den flarken Eichen tangend.
Mit der Hand un fchleulernd warf er
Diefen Zweiten an der Grde
Dis zur Wange in den Boden.
Und nun faßt? den deitten Hund er
Mit den Händen an dem Rüden,
Drehte mit des Windes Saufen
Ringsherum den Stablbedeckten
Wie von Berg ein Flodenbündel ;
Saufen bob fih in den Lüften
Und im weiten Walde raufcht e8
Und die weiten Bogen brauften
Und es knattert läͤngs den Wollen,
Als ob auf der Eifenbrüde
Mit dem fupferrädertn Wagen
Pilker felbft der Alte rollte,
Als ob Aike zornig drohte.
Mit den Händen ſchlenkernd warf er
Nun den Dritten an den Boden
Und begrub ihn ganz in Erde.
Eine Deffnung nur im Rafen
Dlieb und gab vom dritten Kunde.
Abermals erſchien ein Tluger,
Keder, lügneriſcher Bube,
Und verſucht' den Kalewiden.
Ausgefandt vom Stande war er
Bon den Rittern Handels halber.
Als er nun auf liſt'ge Weiſe
Zängre Zeit geredet hatte,
Honigzungig hatt? gefchmeichelt,
Gab der Kalewide Antwort:
„Barum, Männchen, ſoll'n die Zeit wir
So mit Plauderei’dn verlieren !
516
740
Ss gwamgigſter Giſang.
Knurrend fängt der Magen an mir
Seine Leere zu verfünden. &
750 Gebe hin zum Fluſſesufer,
Zieh’ heraus Die Kodrrſtange,
Schaue nad, ob rrichlich Krebſe
Mit den: Scheeren an ſich bangen ?
Wenn ich erft den Magen fühte, --
Wil ich dir auf deine Fragen
Beſſeren Beſcheid ertheilen.
Und zum Fluſſes Ufer ging nun
Schweren Schritt's der Eifenrittet
| Nach dem Krebsgang auszufchanen
760 Und den Spieß heraus zu nehmen.
Närrifcheres hörte. Niemand,
Droligeres fah man wiemals
Als fih hier dem Ange zeigte. :
Salem mit gemalt’gen Händen
Hatt? die allerlängfte Fähre
Sammt der Wurzel ausgerifien,
Brauchte fie ala Koͤderſtange,
Steckt' das Stödchen in das Waſſet.
Und dem ſchwachen Elfenmanne
770 Sehlte Kraft die lange Foͤhre
Aus dem Wellen. zu bewegen:
Dder gar heraus zum ziehen. -
Und der Kalewide felber
Ging zu ſchau'n nach der Verzög’rung,.
Bas den Schritt des fremden Mannes -
Unverfehns gefeflelt Bielte. \
Als zum Ufer er getreten,
Hob empor mit einer Hand er
Aus dem Fluß die Köderftange,
790 Bob den Wipfel aus den Wellen
Dreimal höher als ein Zuder.
Sieh! was hängt dort an dem Spieße ?
An dem Spieß hängt eine Mähre,
“ Eines RKeitpferds todter Köryer,
Rur die Haut war abgezogen.
Zwanzigſter Belang.
Und der ftarfe Sohn des Kalew
Hub nun fpottend an zu fprechen :
„Beh? nad) Haufe, gutes Männchen,
Eile ſchnell es zu verkünden,
Was du von dem Mann gefchauet
Und von feiner Kraft erkannt haſt.
MWeit’res Merkmal fchau im Raſen:
And’re deutlichere Zeugen
Bon des Kalewiden Stärke,
Seiner neu'ſten Händearbeit.
Bis zur Bruft erfäuft iſt Eimer,
Bis zur Wange hier der. Aud’re,
Stirnbegraben liegt der Dritte,
Hat die Grube bier gegraben
Als ein Denkmal der Beftattung. —
Mächtiger bin ich an Kräften,
Meberlegen Euch an Stärke,
Ueberragend Eud an Länge;
Sole That taugt nicht zum Dienen,
Solide Größe nicht zum Knechte,
Solche Länge nicht zum Sklaven,
Solche Kraft will keinen Herren,
Lieber will allein ich leben
Nach der Weife eines Armen, -
Als mich dem Befehle beugen
Unter eines Andern Herrſchaft;
Denn des Kalew's ftarten Hals wird
Nie ein Strang darnieder halten,
Wund des SHaven Koch nicht drücken
Ale diefe Späherfahrten,
Diefer Fremden laͤſt'ges Kommen,
Dieß Befchreiten leerer Bfade
Regte Zorn dem Kalewiden. _
Bon der Sorgenlaft gedrüdet
Sing er fohlendern in dem Walde,
Seinen Mißmuth auszumettern,
Wo nicht Ferſen je gewandelt,
36
517
810
820
518
Siwanpigfter Belang.
Zehen nie gerollt zuvor noch.
Als er feinen Mißmuth Fühlend
Einen Zag und zwei gewandelt,
Und dazu den dritten Tag noch
Durch den Urwald war gegangen,
Da gelangt er weiter ſchweifend
Zu des Peipus Seegeftaden
Die er anf dem Pfad des Glüdes
Früher oftmals hat betreten ;
Doch dem Auge feines Kummers
Schienen unbelaunt die Ufer.
Und nun immer weiter dringend
Zrat der Sohn des SKalewiden
An des Käpajögi Ufer,
Bo er auf der Fahrt nah Pleskau
In der Zeit des Blüthenglüdes
Den geraubten Biutgefellen,
In den Schlaf das Schwerdt gefungen,
Zum Beftrafen für den Zräger
Und zum Unheil für den Bringer.
Theurer Sohn des Stalewiden,
Wiſſen konnteſt du's voraus nicht,
Ueberlegend es nicht deuten,
Nicht im Traumgeſicht erkennen,
Und es nicht im Schlafe ahnen:
Wie dem Schwerdte ward geheißen
Durch den Fluch vom Schmidt von Finnland,
Des Verfertigers Verwünſchung,
Dir den ſchnellen Tod zu geben,
Blut'gen Lohn dir zu bereiten!
Riefſt du nicht beim Frendengange,
Sangft fo fröhlich in die Wellen
Und befhworft das Wogenbette,
Riefft zur Tiefe Bannesworte :
„Wenn dereinft auf Zufalldwegen :
Der die Zerfe in die Zluth fenkt,
Der vorher Dich ſelbſt getragen,
Dann, mein Schwerdt, Du mir befreundet,
Ziwanzigiier Befang.
Brich ihm beide Beine nieder.“
Was dem Schwerdte war geheißen,
Das war zugedacht dem Zaub’rer,
Sollt’ das Schwerdt dem biutig lohnen,
Der e8 felber mit der Diebshand
Hatt? in's Waſſer hingetragen.
Doch des Schwerdted Weberlegung
Hatt' der Fluch des Schmidts vemwirret.
Als der Sohn des Kalewiden
An den Fluß die Ferſe fentte,
Ueberlegt das Schwerdt Gedanken,
Legt die Meinung ſo zurecht ſich:
„Trug der Mann nicht ſelbſt mich früher?
Ging ich ihm doch an der Seite).
Kam nicht jept die Zeit Der Rache?“
Und vom Fluche angetrieben
Brad das mörderiihe Schwerdt nun
Kalew's beide Unterfchentel,
Schnitt herab ihn beide Füße,
Riß fie fort bis zu den Knien.
Und der ftarfe Sohn des Kalew,
Don dem Todesſchmerz getrieben,
Schrie laut auf in Todesnöthen,
Rief nah Hülfe, und zum Ufer
Kroch er auf den Händen mühfam,
GStürzte nieder auf die Fläche
Und aufs Feld ergoß das Blut fid.
Ob die Füße gleih im Fluffe
Bis zum Knie hin abgerifien,
Dedt der Leib doch des Gewalt'gen
Einen ganzen Morgen Laudes.
Das Gefchrei des Salewiden,
Cein gewalt’ged Hülferufen,
Seined Todes Schmerzendlante
Schwollen an bis in die Wolfen,
Hoben ſich von dort noch höher,
Stiegen bis zur Himmelswölbung
An des hoben Vaters Halle.
36 *
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530
910
gwanzigſter Geſang.
Das Geſchrei des Kalewiden,
Seiner Qual erpreßte Laute
Schallen ſtets noch unauslöſchlich,
Dauern fort noch unaufhoͤrlich
In dem Ohr der Eſtenſoͤhne
Und der Eftentöchter Herzen!
Und noch hunderte von Jahren
Werden ſie die Sage fünden,
Bis des Raſens grüne Dede
Letztem Sproß der Runenfänger,
Voͤgelchen mit gold’nem Schnabel
Einft im Tod den Mund wird ſchließen.
Himmlifche Genoflen Tamen,
Um den Bruder zu befuchen,
Kamen feinen Schmerz zu flillen
Und die bitt're Noth zu löfchen,
Legten Balfam auf die Wunden,
Schmerzenslind’rung auf den Schaden.
Doch der Tod trat aus. den Wunden
Und das Blut befiegt den Starken,
Macht verweilen Jugendfriſche.
Kalew kämpft' in Todesbanden,
Kenchte athmeud noch gewaltig,
Und vom Blute, das geronnen,
Möthet fich die weite Fläche.
Starr und kalt ift ſchon der Koͤrper
Und es fohweigt-des Blutes Fliegen,
Und des Herzens Schläge floden,
Doch das Aug’ des Kalewiden
Slänzet noch umd leuchtet helle
Hingewandt zu Zaaras Halle,
Zu des hohen Ahnen Kammer.
Seine Staub entrüdte Seele
Hob fi) freudig wie ein Vogel
Weiten Fluges in die Wolfen,
Schwang empor fih in den Himmel. _
Und ein Leib, der ganz volllonmen,
Hüllt' des Kalewiden Seele,
Zwanzigſter Befang.
Und beim Spiel der tapfern Sieger,
Bei der Ew'gen Feftgelage
Jauchzte er nun Glüdestage,
Koftete ein führes Dafein,
Ruhte aus von Staubes Kummer.
Und am Fenerfcheine faß er
Mitten unter Taaras Starken.
Auf die Hand geftüßt die Wange
Horcht den LKiedern er der Sänger,
Die von feinen tapfern Thaten
Und Begebenheiten feltfam,
Wundern in der Welt verrichtet
Bei dem Feuerfcheine fangen,
Kündeten mit gold’ner Zunge.
Und Nltvater, Selberweifer,
Zühlte wohl des Kummerd Schwere.
Und fein Haupt zur Ruh’ zu legen
Diele Nächte nicht vermocht er;
In Gedanken lange weilt er:
Was er dem gewalt’gen Manne
Für ein Amt im Himmel gäbe,
Welche Arbeit ihm vertraue.
Taaras Sproß im Staubesftande
Als er noch auf Erden weilte,
Hatte Thaten viel verrichtet
Und Gewaltiges vollendet,
In der Schlacht befiegt die Feinde
Und den Höllenheren gefefjelt.
Solch ein Starker durft nicht feiern,
Konnt’ nicht ohne Arbeit bleiben
Und im Himmel müffig weilen.
Und Altvater, Selberweifer,
Nief herbei des Haufes Söhne
Um geheimen Rath zu pflegen,
Weile Pläne auszufiunen,
Zaaras bimmlifche Genoffen -
Sagen alle nın beifamwen
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1000
1010
Awansigfter Befang.
In der tiefgeheinten Halle,
In der Ede der Berathung,
Und fie uͤberſannen ruhlos
Diele Tage, viele Nüchte
Im Geheimen, unermüdet:
Welche Arbeit nun im Himmel
Man dem Katewiden gäbe.
Taaras himmliſche Genoſſen
Dachten alle eines Sinnes
Und fie wurden endlich einig:
Daß der ftarfe Sohn des Kalew
Waͤchter fei im Schattenreiche
Und die Unterwelt behüten
Und das Thor bewachen fellte.
Den Gehörnten auch bedräuen,
Duß aus Banden und aus Feffeln
Der Gefell nicht weichen möge.
Himmelwärts aus flarrem Leibe
Flog die Seele wie die Taube,
Aber dort ward ihr geboten
In den falten Leib zu fehren
Neue Wohnftatt zu bereiten.
Und der Leib des Kalewiden
Nichtete empor fih mähfam
Bon dem Haupt bis zu den Knien ;
Doch die Füße in dem Flufſe
Und die abgehau'nen Schenfel
Kounte nicht die Macht der Götter,
Nicht die hohe Weisheit Taaras -
An den Körper wieder fügen.
Und man fest’ den SKalewiden
Mittlingd auf ein weißes Reitroß,
Sandt' ihn auf geheimen Wegen
Zu des Höllenreiches Grenzen,
Um die Thore zu bewachen,
Den Gehörnten zu bedräuen,
Daß aus Banden und aus Feſſeln
Der Geſell nicht weichen möge,
Zwanzigſter Geſang.
Als der ſtarke Sohn des Kalew
Zu dem Felſenthor gelangt war
Bor die Thür des Schattenreiches,
Rief von oben eine Stimme:
„Sthlage mit der Fauſt den Felfen !«
Und die ſchwere Hand erbebend
Schlug er mit der Kauft den Zelfen,
Daß fie fvaltend tief hineindrang :
Und die Rechte blieb gefüngen.
Dort auf feinem Roſſe reitet
Heute noch der Kalewide
Handgefeffelt an dem Zellen,
Und bewacht am Höllenthore,
And’rer Fefleln, felbft gefeflelt.
Höllengeifter ſuchen emfiq
Doppelt angebranntes Kienholz,
Um die Ketten zu zerbrödeln,
Um die Feſſeln zu zerreißen,
Deren Ringe um die Yul’eit
Schrumpfen ein zu Häärchendide.
Aber ruft der Hahn im Zrühroth
Bon des alten Vaters Thoren
Um das Jul'feſt anzufünden :
Werden jener Kette Glieder
Ale plößlich wieder dicker.
Kalew's Sohn verſucht die Rechte
Mit Gewalt von Zeit zu Zeiten
Aus der FZelfenwand zu reißen,
Und mit Schütteln und mit Rütteln
Macht den Boden er erbeben
Und die Hügel zitternd ſchwanken,
Und das Meer fängt an zu ſchäumen;
Dod ihn Hält die Hand von Mana:
Daß der Wächter nicht vom Thore,
Der Beſchützer nicht entweiche.
Einmal wird die Zeit beginnen,
Wo die Spühne von zwei Ceiten
In gewaltigen Flammen brennen,
Und die offnen Gluthen fchmelzen
Daun die Hand auch von dem Zelfen.
Dann fehrt Kalem auf die Erde,
Geinen Volle Glück zu bringen,
Eine neue Zeit der Eften.
1020
1040
1006
623
Anmerkungen.
Anruf.
1) Ranemuinens, des Geſangesvaters, Pflegetochter Jutta fand,
über ihres Geliebten Endel Hinfcheiden trauernd, in Tem nah ihm
benannten Gndla = See ihren Tod. Ihr Geift birigirt die Reife ter
anfommenden und abziehenden Bugvögel und wird bidmweilen in der
Johannisnacht geweihten Augen in den aufiteigenden Nebeln des
See's fidtbar.
2) Der Kucuk fpielt die Role eines Leichen and Trauervogels.
Sein ominöfes Rufen im Frühling, zum erſtenmal gehört, beſtimmt
die Bahl der nod übrigen Lebensjahre, während feine Annäherung an
die Wohnſtätten als fichere Todesbotſchaft gilt. Selbſt fein Erſchei⸗
nen im Traum fol benorfiehenden Schmerz und Kummer andeuten, .
Wenn er im Früblingsconcert und anderweitig futdne kaͤgu (goldner
Kuckuk) genannt oder angerebet wird, fo will man damit nicht ſowohl
feine Verehtung für ihn ausdrücken, als vielmehr an ſchmeicheln und
ſeine Gunſt zu gewinnen ſuchen.
Zum Verſtaͤndniß.
9
geweſe
haua
thum,
haua!
niſche
wana iſa, abs rinen die Ernten und die Fruchtbarkeit befhügenden
Bott verehrt zu haben. uch beichügte Ufo mit feinem Fittig oder
ta feinem Schooße (Weines - mit. ülm bezeichnet) die in Den a
ten Schlummernden., —
_
b26
I}
2.69. Aaw, die @spe, Heißt auch warga puu, Diebs⸗
baum. Es ſoll der Sage nach einſt ein arger Dieb, als er in der
Klemme war und zu Kreuz kroch, von ſchützenden Göttern in die
Espe verwautelt worden fein. Das hörbare Bittern der Blätter such
beim geringften Lufthauche giebt ein Bild Davon, wie der Arme bei
der Enttedung feiner Uebelthat gezittert und gebebt Hat.
V. 102. Kile mar eine Gewittergottheit, denn Aikeſe wihm
und Hilefe pilwed werden noch heutiges Tages Gewitterregen und
Gemitterwolfen genaunt. Dem Donnergotte, Kön, Pilne, Pils
fer, wird eine Armbruft zur Waffe gegeben, vermitielft deren er feine
Pfeile abſchießt. Bisweilen fchlägt er aber auch raud nuiaga (mit
eiferner Keule) auf die böfen Geiſter los. Nach Eaftren bieß Ukko
bei den Lappen Aija, Aije, Xijele Eetzteres Diminitivum von
Aife), verwandt mit dem Finniſchen Aija, Großvater. Vergl.
über die Fimiſche Mythologie p. 47 seqq.
fi p. 12 segq.
E us iſt eine Geiſterſtimme im Walde, die der -
ner am fliflen Abenden beflagt. Vergl. Boec⸗
ter gegenwärtig vorkommenden Benennung
)e, möchte ih m dem Zauts, mie er fi in
Volksliedern erhalten Hat, einen Beherrfcher der Eeuchen erfennen.
V. 218. Hallifad in Verbindung mit mets find Waldnixen,
mi weſi Waſſernixen. Die: jungen Züchter ‚der exfteren fommen ge
wöhnlih in Schaaren vor, mährend die eigentliche Waflerjungfras,
nat, nar einzeln erfcheint. Die Embachſsnixe war früher baufig
fichtbar. Diekteicht Haben die Mufenföhne Dorpat's fie eingejchlichtert,
daß fie jept zurüchaltender geworden iſt.
B. 263. Jaani-lin iſt eine alte Eſteuburg tief im Walde
und von Moräften umgeben iunerhalb des Gränzen bes Gutes Poll
im Rijfifhen Kirchipiel. Ich habe fie im Jahre 1819 beſucht.
Geſang 1.
D. 15. Wiker, nah Gfögren mit Piker, dem Dounerer,
identiih. Wilerlane und Wikerlaſe poeg wird nicht jelten als
ehreuder Beiname von Helden gebraucht.
Zuule ema, Windesmutter, Beherrfcherin der Winde.
Tuule ema uutab, vergl. Voecler p. 147. Die wintefundigen
Bauberer, die Wintfahrer, die mit Stürmen und Wirbelwinden reilen,
heißen tuule ema poead, Eöhne der Windesmutter, fonft au
tünlestargad, die Windwelfen, die Windekundigen.
6. Kalewallas, von Kalewald, das Heimathelond
der Riefen.
V. 90. Bone kothas, des Rotdens Kar, haͤufig in Sagen und
Liedern vorfommend, wird als eine unheilbringende. böſe Macht. gedacht
687
B. 126. Die Wiekſchen Een ruͤhmen fi Heutiged Tages noch:
meie oleme ema poolt Kalemwi poea fugnlafed, wie find
von mütterliher Eeite ber mit dem Kalewsſohn verwandt. Darand.
fießt man, wie beitimmt die Meinung im Volke wiirzelt, daß die
Mutter unferes Helden in der Wiek ihre Heimath hatte.
V. 170. Sula neitfi, mwörtlid die flüffige Iungftan, mis
Libe meitfi, die glatte Jungfrau, können im weit bervorgeluchten
mythologiſchen Sinne als Beherſcherinnen oder Pertonificntionen des
Wafſfers und des Gifed, des Plüffigen und des Etarsen, aufgefoßt
werden.
2. 341. Muru eit, die Rofenmutter, eine Schuggöttin des.
Saufes, deren Obhut befonters der Hofraum und Garten anvertraut
war. Ihre Töchter, muru eide tütred, Dürfen nicht mit metia
piigad, Waldfungfrauen, verwechſelt werden, melde. Leßtere Ten
Mets⸗hallijas, ven Waſſernix, zum Vater hatten.
2. 499. Kungla funingas, der König von Kungla, von
deſſen Reichthum und Edägen in Sagen und Liedern viel Aufhebens
gemacht wird, ſcheint ein Mächtiger Ted Rordens gewelen zu fein;
ob in der Wirklichkeit, oder bloß in einem fabelhaften Eldorado, das
läßt fih nicht mit Sicherheit beitimmen. Ju einem Liete wird er
fpecied als Infelfönig angeführt. Vergl. Mythiſche und magijche
Lieder p. 30.
DB. 843. Daß die nach kurz vorher ald Freier aufgeführten
Sonne und Mond jest als Oheim und Bater der. Linda
auftreten, gehört wieder einmal zu den räthſelhaften Wunderlichkeiten
und Inconfeguenzen, zu denen der Eſtniſche Sunger fi Hinreißen läßt.
Vielleicht fol Dadurd die höhere Abitammung der dem Birfhuhngei
Gntfproifenen angedeutet werden, mobei man freilich wieder nicht bes
greift, in welchem Sinne die Birken Brüder und Bettern der Linda
genannt worden.
Geſang U.
V. 26. Der an eines ſtarken Mannes Bruft gelegte Säug-
ling fol bejonders ftarf werden. Vergl. Boecler p. 54.
V. 66. Diefer-Rame (Sohni) unferes Helden findet fi in
den von Dr. Fählmann aufgezeichneten Eagenbrugftüden ; im Munde
des Volkes if er mir nie vorgefommen,
V. 136. Tühi und wana Tühi, wörtlih: der Leere, dev
alte Leere, Nichtsbedentende, ift eine Bezeichnung Ted Böfen, nämlich
bed perfonificirten Böen, des chriſtlichen Tenfels. Vergl. Mythiſche
and magiſche Lieder der Eſten, p. 88. Das Wechſeln der Schuhe
Schwangerer findet fi in Boecler p. 46.
V. 218. Eit panz fdle fündemaie, die Mutter ließ die
Spange rudern, war eine dem Arpu⸗löma verwandte Wahrſagerei. Ging
Bruffpange wird .an einem Zwirnfaden enfgehangt und in freifende
628
Bewegung gefegt. Während ber langſamer werdenden Bewegung
jtellt man Die Frage, deren Beantwortung man wünſcht und die ents
weder bejahend oder verneineud verlangt wird. Hoͤrt nad) der geſtell⸗
ten Frage die Bewegung auf, fo ift die Antwort eine verneimende,
Dauert fie noch fort, eine bejahende. Des Erlenkäfers Flug prädicirt
einen günftigen @rfolg, fobald er nad Süden gerichtet ift, nach Nor:
den gerichtet einen ungünftigen.
V. 295. Targad, Heilkünſtler, Bauberer und Weile, werben
je nad ihrer Macht in verſchiedene Klaſſen getheilt. Ihre Reihen⸗
folge iſt hier im Original unrichtig zuſammengeſtellt. Auf der un⸗
5 Stufe ſtehen nämlih die Söna⸗, Soola⸗ und Tühja—
Targad, die vermittelſt ihrer Bauberfprüche Krankheiten hindern,
aber auch Menfhen und Vieh böjen Echabernad fpielen Fönnen.
Ihnen folgen in der Rangordnung die Tuule⸗-Targad, die Winds
weifen, deren oben in der Anmerkung zu V. 30 des erſten Gefanges
bereit8 Erwaͤhnung geihehen. Eie find in Allem mächtiger, als die
Söna⸗Targad und können mit der Schnellpoſt des Windes Lans
ter und Meere durdfliegen. Die dritte Klafie, Mana⸗Targad,
bilden Die Häupter der ganzen Bunft. Ihnen ift gegeben alle Macht,
fie können jeglichen Bauber binden und löfen. Rah Caftren ift ihre
Benennung verwandte mit der der Finnifhen Gottheit Mana. Bergl.
27 seqg.
u tupa, Windeägott, tritt im
it der bei den Eften berrfchenden
Krankheiten und Echmerjen Hei⸗
jl. Boecler p. 105—109. Der
an verfchiedenen anderen Stellen
m und Neugeborenen ſchützende
2, 43, 53 und 104.
V. 539. Der Bang durch die verfhiedenen Haine fteht im
Bufammenbange mit der Vorftellung der Eſten, daß man gewöhnliche
Schmerzen, Zahnweh und dergl., Durch Anwendung von Bauberfprüden
in die Bäume ableiten und bannen könne. Die Schmerzen der
freißenden Linda waren aber ganz anderer Art, fie waren natürliche
eben, und darum balf die Hier angewandte Procedur nichts.
V. 656. Nutumdtiad, auch lapfe raugnutajad, von
rauguma, befänftigen, ſtillen, beſchwichtigen, wurden Weiber ges
nennt, die ed verftanden, fchreiende Kinder mit sanmung von Zauber⸗
fprüchen zu beruhigen.
V. 659. Kiſa⸗-kun, Gcreimonat, und — —
Thraͤnenwochen, nennt man des Kindes erſtes Säuglingsalter, wo
das Kind gewöhnlich am Tage ſchläft und in der Racht ſchreit.
V. 727. Tamme kaswatama, die Eiche. wachſen laſſen,
ein bekunntes Bubenſpiel, bei dem man ſich mit Kopf und Händen
auf den Boden ſtatzt und die Beine nach oben kehrt.
-
629
V. 734. Sakſa faanid, zierliche Meine Schlittchen, und
kasſi märsſikeſed, Katzenkörbchen, ſind aus Grashalmen und
Weidenrinde geflochtene Kinderſpielſachen. Der Kalewi⸗Knabe bedient
ſich dazu ganzer Bänme ſammt den Wurzeln.
Geſang VIII.
Vers 228 ff. Am Saadjerwichen Eee, unweit Dorpat, hatten
die Brüder wegen der Laudesherrſchaft gelooft; der vom füngften
Bruder geworfene Stein, an dem man nod jegt die Kingereindrüde
erfennen will, liegt unfern des Ufers. Dieſem Denkſtein wurden
vormals häufig Opfergaben gebracht, und es war Sitte, wenn man
über den See fuhr, einen Silberweißen (höbe walget) für den Waſſer⸗
geift in die Wellen fallen zu laſſen, wie unfer Held V. 620 thut.
Bers 650. Die Furchen von dem Pfluge Kalew's treten in
der Nähe des Saadjermihen Sees, wo ziemlich gleihmäßig fortlaus
fende Hügelfetten enge Thäler einfchließen, befonders deutlich in's Ange.
Ders 726. Der von unferm Helden während der Mittagsruhe
zum Kopfkiſſen benugte Hügel iſt ein fogenannter Zinne-mäggi, etwa
1" Werft von der Et. Katharinens Kirche bei Wejenberg entfernt.
Die vom Haupt eingedrüdte Vertiefung ift deutlich erkennbar; aus
dem Hügel entipringt eine vortrefflihe Quelle mit kryſtallklarem
Waſſer, die des Helden Schweiß erzeugte. Ein @efinde am Fuße
des Hügeld, „Mäce-otſa pere⸗, war vor vierjig Jahren weit und breit
durch feinen ergiebigen Kirfchengarten bekannt. Dem Duell wurden
Damals noch Opfer gebradt.
Wenn man von diefem Gefinde nah dem Jömperſchen Dorfe
Aruküla den Weg einfhlägt, kommt man auf die Huflpuren des in
Spannkette gelegten Roſſes, die mit geringen Unterbrechungen mehrere
Werſt weit auf Borfholmfhen Gebiet im Simonisſchen Kirchſpiel
fortlaufen. Es find Gruben in faft gleihmäßig abgemefjenen Ent»
fernungen, die in einer Reihe neben einander liegen. Dem Anjcheine
na find e8 Ausgrabungen, von MenjchensHänden bewerfftelligt, doch
wird es immer räthſelhaft bleiben, zu welchem Broek diefe ungehente
Arbeit ausgeführt wurde.
Ders 852. Laiwere heißt der Drt, wo das Pferd, von feinen
Verfolgern eingeholt, verblutete.
Ders 808. Makſa⸗mägi, Leberhügel, wird eine Anhöhe genannt,
die aus des Roſſes Leber gebildet wurde.
Vers 860 ff. Gin Meiner Moosmoraſt, unmeit. des oben ges
nannten Dorfes Arufüla, wird als der Drt bezeichnet, wo des Roſſes
@ingeweide verfaulten.
Hie und da zerfireute Kleine Huͤgel heißen Kalewi poea hobuſe
*
kontide afemed, Spuren von den Knochen des Kalew's⸗Roſſes.
530
Geſang IX.
Vers 9. Lehe wöimus wilistelema Heißt pfeifen mittelft eines
Laubblättchens zwiſchen den Lippen.
Vers 136. Zwiſchen dem Gefinde Mäerotia und tem Dorfe
Aruküla liegt eine ziemliche Fläche, melde den Namen Kalewi poea
bobufe naha afe — die Stelle, wo die Haut vom Kalew's⸗Roſſe
gelegen — führt.
Ders 347. Der räthielhufte Gaſt wird in einem Bruchftüde
Ukko genannt, überhaupt die ganze Begebenheit mannigfaltig erzählt;
bier tritt fie vor uns, wie Pleskauſche Lieder fie aufbewahrt haben.
Gefang XI.
Ders 14. Liunupete, liſtige Verwahrung gegen die von gewiſſen
Bögeln zu füschtenden Nachtheile. Der unter freiem Himmeb Echlas
fende muß unmittelbar nah tem Erwachen einen Billen Brot zu fi
nehmen, Tamit er nicht von einem nedifchen Singvogel betrogen werde,
Der aber nur dem noch Rüchternen etwas anhaben kann. Selbſt wer
im Haufe die Nacht zugebradht Hat, muß, um ganz ficher zu fein,
diefe Vorfihtsmaßregel beobachten, vorzugsweiſe im Frühling, fo lange
der Kuckuk ruft, Dec dem Menichen am verderblidhiten if. Die Nach⸗
theile, die dem nicht gehörig Befiherten vom dem Kuckuk zugefügt
werden, find mannigfaltig und uuzäplig und erſtrecken ſich über Die
ganze Beit des Eommerd und, wenn der Betroffene fi nicht vor
—
dem St. Georgentage des folgenden Jahres durch gewiſſe Ceremonien
Dagegen geſchützt hat, aud anf mehrere Jahre. Vergleiche auch Dr.
Kreugmald, „der Eſten abergläubijhe Gebräuche u. f. w. von Boee⸗
ler“ pag. 85.
Ders 96, Ueber das Anloden des Windes vergl. Dr, Kreutz⸗
- wald, „der Ebften ꝛe. von Boecler« pag. 105—109.
Ders 113. Köhumwoolmed, Darmframpfe, die durch geſchicktes
Kneten und Kueifen des Bauches bejeitigt werden.
Ders 120. Köheru oder kidur laps, ein verfümmertes (ges
wöhnlid ffrophulöied oder chachitiiches) Kind, Tem nur durch Bauber>
mittel geholfen werden kaun. Vergl. Dr, Kreugwald, „Boecler“ p. 69.
Ders 134. Nurjawötja, ein Baubrer, ter die junge Frau
von Leiden des Heimwehes, der Giferjucht u. f. w. befreit und bie
Schwer muth während ber Schmwangerfhaft verſcheucht.
Vers 18. Tuuſelduſi tembutoma, nichtiges Herenmwerk treiben,
leeren- Wind machen.
Ders 349. Kaetisrohi, wilder Thymian.
Vers 350. Nöiakollad, Bärlapp (Lycopodium clavatum.)
Bers 361. Sooramarjad, Binbeere (Paris quadrifolie).
Ders 362. Ednajalg, Farrenkraut.
Vers 356. Nimetis ſörm, eigentlich nimeta ſorm, der nament⸗
loſe Finger, an welchem der Ring getragen wird. Die audern Finger
631
beißen pdial (Daumen), efimene (Beigefinger), keſtmine (Dittelfinger)
und weile fürm Cder kleine Finger).
Bers 572. Kolladilmed, Hahnenfuß (Anemone ranunculoides).
Ders 577. Metshumur, milder Pfeffer (Asarum europaeum).
Ders 663. Kard, eigentlih @ilenbled, dann aber auch, beious
ders in Bolköliedern, ECiſen überhaupt. Kardue fuub, kardne wam⸗
mus, eiferne Rüftung, eijerner Beuſtharniſch.
Geſang XU.
Vers 65-180. Der Schauplatz des Kampfes, den der Sohn
des Kalew bier zu beitehen Bat, ift in den Gränzen des Gutes Tar⸗
raftfer belegen, wo ſich unter dem noch gangbaren Namen Kalewipoea
fang in einem Moraft auch der Hügel befindet, deu er fih V. 284
u. ff. zufammenträgt.
Ders 688—702. Der vom Helden nah dem Wolfe gewors
fene Etein, unter dem Namen Persjesfiwi befannt, it in der Nähe
des Dorfes ;u fehen, das man nach demielben benannt bat. Die
Bindrüde von ten fünf Fingern an dem Steine find fo groß, daß
in jeder Vertiefung ein Menſch fi verbergen Tann.
Ders 710 ff. Das zum Brüdenbau erforderlihe Holz wurde
aus dem Zellerhofihen Walde geholt. Gin Eteinhaufen am Peipus
kennzeichnet die Stelle, an der die Brüde geftanden Bat.
Gefang XI. .
Ders Ab u. ff. Bei der hier angedeuteten Kur wird der Ders
leste in der Schwitzbadſtube mit einem gefeiten Badequaft unter lautem
Abfingen von Bauberfprüchen gequäſtet.
Ders 72 u. ff. Diefes Bett liegt in einem Moraft in ber
Nähe von Ludendof. Der Hügel ift nicht fo wegelmäßig geformt
wie die andern Edlafitellen des Helden, fondern bat an der einen
Eeite einen Ausjchnitt, als fehle ein Stück daran. Gin anderer,
fleinerer Hügel in geringer Entfernung davon fol aud dem verlor;
nen Eante gebildet fein, welcher durch die Lüde im Pelz riefelte,
die Der zur Bekleidung des Igels ausgeriſſene Zappen zurückgelaſſen hatte.
Ders 165 u. ff. Ilmajärw, Wetterſee, it ein Pleiner von
Hügeln umfcloffener Eee, etwa 28 Werft von Dorpat, dicht an der
Landſtraße. Nach dem Volfsglauben übertrifft er an Tiefe alle übri⸗
gen Gewäſſer des Landes.
Vers 214 u. ff. Der Schauplag, den die alte Bauberfchweiter
bier unter einem Weidenſtrauche einnimmt, iſt in der Schlucht von
Cardis zu ſuchen.
Ders 310 u. ff. Beim Wäggewaſchen Kruge theilt ſich bie
Landſtraße in zwei Wege. Der eine führt nad Marien-Magdalenen,
dee andere nad Weſenberg. Zwiſchen beiden Wegen iſt die von Wald
umgebene Fläche belegen, wo unjer Held feine Mittageruhe hielt.
632 :
Vers 346 m. ff. Der Gingang in die Hoͤlle foll im Gränzs
gebiete des Gutes Cabbal im Pilliſtferſchen Kirchipiet befindlich ge⸗
weſen fein. Ob dort noch jetzt Spuren davon übrig geblieben find,
ift mir nie befannt und ſcheint auch Fähtmaun unbekannt gewefen
zu fein, da er Deſſen nirgend Erwähnung thut. -
Ders 950. Die Begebenheiten mit den Pflegetöchtern der Höfe
werden verichieten erzählt. Im der hier mit Auswahl aufgenommenen
Schilderung it Tuch Weglaſſung aller Anftöffigkeiten, an denen bie
nachgebliebenen bezüglihen Fragmente jo überaus reih find, das De:
corum möglichft gewohrt worden.
Gefang XIV
B. 30-50 hat ber Ueberfeger den Sinn mißverftanden, der
im Deutſchen alfo lauten dürfte:
& did, Sangedmorgenrdthe, .
eb’ dich, tote der Strahl der Sonne
An die Augen meines Geiſted,
Und beieuht die alten Tage,
Daß aus Dunflem fie erwaden
Und aus diden Wolfen foheinen!
Nicht enteilt dem theuren Kalew
Freude, auf dem Strome gleitend,
uſt, auf goldnen Bergen wallend;
rende weilt die lange Nacht durch,
uſtgelage dauert endlod.
Unter Luft und frohen Spielen
Ward die Zeit nicht lang em Zängting,
Und es zog ber Scherz den Mägpdiein
Scylummerdede don den Augen
„ad, wenn doch die ı = fehreden
Nicht die Sonne wieder fäme!“
Alfo weint: ſchon manches Mädchen,
Die entſchwund'ne Lieb bereuenb:
Als der Kaden, fein gefponnen,
Auf dem Webſtuhl fam zum Wirken.
Ebenſo müßten meines Erachtens V. 174—180 getreu im
Deutſcheu alfo wieder gegeben werden:
Diefeb iſt ded Sartwil Alten
Stättelein für gefedtage,
Stube für die Zuftgelagen,
zu Kämmerlein der Freude i
u ruht er an der
genieht das führe Defeln,
Seine ® ot lichſte der Zeiten.
V. 374. — (nicht warjuliſed) ſi ud Bewohner des
Schattenreichs.
V. 375. Hingede aeg, die Beit der Gerlen, wurde bei den
a Eiten vom Winter » Solftitium beginnend 9 Tage lang
gefeiert.
633
V. 379. Zöusöhtude pidud — die Feier der Jul: Abendes
— war darım etwas anderes, ald unſer Ueberfeger duch feine van
dem Seite aller Seelen» wieder gegeben hat.
V. 427. Tühi, in wörtliher Bedeutung der Leere, wird bier
und auch auderweitig ald Schwager des Earmwif angeführt, man
ſollte dieſem nad denken, daß die infernaliihe Welt mehr wie einen
Herrſcher gehabt haben müſſe.
V. 487 —493. Heißt wörtlich; „Taara's Güte fehenfte uns
unverwelfte Jugendtage, Frühlingsalter des Glüdes und dauerhafte
Röthe auf den Wangen, fo lang als der Köcher rein,- die Echote
unzerbrochen und des Keimes Kern noch leblos iſt.“ — Dieje bitdliche
Daritellung von der jungfräulichen Unfchuld ift vom Ueberjeger total
verwifcht worten. Warum?
Was die andere Schweſter B. 496-510 fagt: „non nie ver:
blübtem Lenze, Purpur der Wangen, Reiz der füßen Unſchuld, keuſch
bemahrter Ehre, wenn das Herz nad Liebe dürſtet und kein Zrunf
verftattet wird 2.0 — ach die Armen! . von allen diefen bübjchen
Saden fommt im Eſtniſchen Driginal nichts vor.
Die Beichreibung der Unterwelt, wie fie im diefem Geſange nad
Liedern und Eagen zufammengeftellt ift, entfpricht den Morftellungen
der Eſten; e3 werden dafelbft, wie im Himmel, fieben Abtheilungen,
befondere Welten — angenommen, die nad einer gewiſſen Rang-
ordnung fämmtlic bewohnt find. Eben fo werden die dortigen Vers -
hältniſſe ten irdifchen ahnlich gedacht, indem ed Diftricte, Dörfer,
Höfe ꝛc., ja ſelbſt Frohnleiſtungen der Seelen Ddajelbft giebt. Ob
aber die heidnifchen Eiten einen doppelten Wohnfig der Berftorbenen
fannten, das iſt zweifelhaft, Hier ſcheint der fpatere Einfluß Des
Chriſtenthums eingemwirkt zu haben. - Rad den, einem Beritorbenen
mitgegebenen Lieblingdgegenitänden zu urtheilen, wurde das jenfeitige
Leben als eine Fortſetzung der irdiſchen gedacht.
V. 73 u. weiter. Keris durch Kamin überfegt, giebt eine
‚falsche Vorſtellung. Der Eite hat und kennt keinen Kamin in feiner
- Bohnung, der Kerid bildet einen Theil des roh conjtruirten Zimmer:
ofend, wo man die fehlenden Luftzüge dadurch erfegt, Daß eine Menge
runder Eteine über das Gewölbe placirt wird, die, wein fie echigt
werden, fpäter Wärme ausftrömen. Auc werden dieſe Steine häufig
als Rofte zum Braten benugt, desgleihen zum Dampfbate, wenn
Waſſer Drauf gegojien wirt. Gluthſteine oder Higheerd wäre
für Keris entiprechender gemefen.
B. 610. Küünelaastuft über, ein Hut aus Fingernägelfpigeln.
Letztere fol der Teufel ſammeln, fie in ki, verwandeln, um draus
den Wünſchelhut zu formen. Manche abergläubifche Eiten ſuchen noch
gegenwärtig ihre abgeichnittenen Nägel forgfältig zu verbergen, Damit
der böfe Feind fie nicht auffinde und zu feinen Zwecken verwende.
37
634
Gefang XV.
Kalewi Sohns Abenteuer mit der wallerreichen Riefentochter Ders
396 u. folgd. fand dort Statt, wo gegenwärtig der Raudoja- Krug
an der Piepfchen Straße ſteht. Der in die Duelleumündung gewors
fene Stein iſt heutiges Tages in dem Hügel noch fitbar, Hinter dem
Etein quilt Wafler hervor.
2. 603. Die üblihen Gebräuche des Faſtens, Riederfegens der
Spähne sc. beim Beginn eines Reubaus find ansführlicher befchrieben
in Boecler pag. 138.
Gefang XVI”).
n V. 53. Wöhands Schwerdter für Kalmus, nach dem Eſtniſchen
amen.
- 8. 72. Achtis Sohn, kommt auch in Eſtniſchen Volksmärchen
vor, ift offenbar die Finniihe Waflergottheit Achti.
8. 79. Der Ilmjärw, deilen Ziefe dem Kalews⸗Sohn ver»
borgen blieb, ift ein ganz Bleiner, zwiſchen Sügeln gelegener Se, circa
30 Werk von Dorpat, an der Revalfchen Straße.
2. 191. Turfa wolle manche für Norwegen halten.
V. 203 und folgd. Daß man das Weltende am nächten in
nördlicher Richtung finde, glauben noch heutiges Tages viele Eſten.
B. 210. Rordfheingeifter, d. h. Rordliht, wird ale
Wiederfhein von kämpfenden feurigen Geiftern von den Giten gedacht;
ihr Kampf gilt als Vorbote eines Krieges.
V. 576. Alterjunge, bildlicher Name des Böſen.
V. 578. Funkeninſel, ohne Zweifel Island. Die heidni⸗
ſchen, ſeefahrenden Eſten waren ſo weit wohl nicht vorgedrungen,
doch konnten ſie durch Normannen und andere Seefahrer Kunde
erhalten haben.
V. 904. Menſchen halb mit ihn: find nach dem Volks⸗
glauben die legten Wächter, die den Reifenden nicht geſtatten bis an's
Eude der Welt zu gelangen.
V. 925. Der Heerwurm, im Eſtniſchen waenu köis — Feind⸗
ſchaftsſtrick — von einem Zauberer in den Weg geſtellt, bringt
alle Mat große Gefahr, der Kalewide verliert fein eroberted Roß,
fommt aber noch mit dem Leben Davon, wie's einem minder kräftigen
Helden gewiß nicht gelungen wäre.
*) Die Ueberfezung der erften 15 Befänge IR tom Hm, 6, Rein-
thal, die der 5 Ieten bom Hrn. Dr. Bertram.
6365
Geſang XVII.
V. 30—35. Unter den beiten — bier als von Alew und
Eulew gegründeten — Schupörtern find Jaanislin in Harrien (ſ. Die
Anmerkung zur Einleitung) und Xloslin, im Luggenhuſenſchen Kirch—
fpiel, in Allentacken, gemeint. Vergl. über legteren meine Mittheis
lung im Inland 1838 Ep. 583.
B. 61 u. folgd. Diefe auserlefene Schaar von Ferſenbuben
fcheint des Königs Leibwache gebildet zu haben.
2.64. RKranidseiland — Eftuifher Name für die
Inſel Deiel.
B. 196. Affamalla, ein zum Gute Borfholm geböriges
Dorf, wird übereinftimmend in allen Sagen für den Schauplag einer
großen Schlacht bezeichnet, wo der Kalewi poeg mit feinen Genofien
ein feindliches Heer vernichtet. Man foll auf den Dorfsfeltern häufig
Stüde von fleinernen Waffen beim Pflügen gefunden haben.
8. 220 0. flgd. Nah Dr. Fählmanu's Mittheilungen follen
in dem angeführten Meinen Moraft, in ziemlid regelmäßiger Ent-
fernung von einander, vier Wailergruben vorkommen, welde die Eage
als Etellen bezeichnet, wo des Roſſes Beine eingebroden find.
V. 757. Morvdeides Toöchter. Vergl. die Anmerkung zum
1. Sefange V. 341. Der Ueberfeger hat den @fnifchen Namen beis
behalten, weil er dem Ohr gefälliger klingt, als die wörtlicht Ueber⸗
fegung im Deutihen: Raſenmutter.
Gefang xvm.
V. 1. Rordens Adler, auf deſſen Flügeln ter alte Kalew
in unſer Land gelanget, ſpielt in Eſtniſchen Sagen und Märchen eine
bedeutende Rolle. Jedenfalls ein mythiſches Geſchöpf, das in der
Naturgeſchichte nicht exiſtirt.
V. 22. Endlas Tochter iſt eine häufig vorkommende Be⸗
zeichnung für Wanemuines Pftegetochter Jutta. Vergl. Anmerkung
1 im 1. Heft. Sie war im Beſitz eines von Ilmarinen verfertigten
Zauberſchleiers, der die Eigenſchaft beſaß, die Ereigniſſe der Vergangen⸗
heit in lebhaften Bildern als Wirklichkeit dem Auge vorzuführen.
. BS. 418 — 660. Die Schlacht auf der Höllenbrücke iſt bruch⸗
ſtücklich weit verbreitet unter dem Volke; fie heißt ſilla ſöda —
» Brüdenfhlaht”. In meinen Kuabenjahren hörte ih Epifoden
darans fingen.
V. 652 u. folgd. Linda's, der veritorbenen Mutter, Schatten
in der Höllen Vorhalle fcheint die Rolle eines Ecjuggeiftes zu fpielen,
denn unfer Held erhält von ihm durch ſtumme Beichen guten Rath,
wie er fih im Kampfe mit dem Serwik zu verhalten babe.
636
Geſang IR.
B. 477 — 481. Bei Feftgelagen mußte für die Schutzgöttin
des Haufes von Epeife und Geträuk immer etwas geopfert werden,
um die Beichirmer in guter Laune zu erhalten. Beim Zrinfen wurde
aus den Kannen etwas auf den Fußboden gefchüttet und von der
aus friihem Fleiich gefochten Euppe auf den Ukko⸗Stein eine Schaale
zum Opfer gebradt.
B. 493. Vogel Siuro. Ueber die Bedeutang biefes ufythis
hen Vogels ift nichts Genaueres bekannt.
Geſang XX.
B. 71-106. Kalew's Schaß liegt wie ter berühmte Niebe⸗
lungen Hort noch unendeckt, aber einmal wird das Gluͤckekind geboren
werden, der ihn Holen fann.
V. 240 u. folgd. Unfer Held bleibt feinem Charakter getreu,
au Hier muß er wieder von einem Mugen Vogel daran erinnert wer:
ten, daß es nothwendig fei, vor der Schlacht die Waffen zu fchärfen.
Im Rappelihen Kicchipiel fol ein großer Etein unter dem Namen
Kalewi poea luiſukiwi — „Kalewi Sohnes Echleifitein” vorkommen.
V. 367. Der Durſtſee — fäuun färw — liegt im Grenz
gebiet des Butes Alt» KRölig, im Kannapäh'ſchen Kirchipiel, mo der
Held feinen Dur ſtillte. Wie er fpäter das Waſſer wieder von fid)
gegeben Hat, iſt auf ten Rath eines Recenfenten des Manuſcripts
ausgelaſſen.
Kreutzwald.
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